Die Geburtsstunde des Kalifats ist der Beginn der islamischen Zeitrechnung, weil dieses Ereignis so überaus wichtig für die Muslime ist, und zwar nicht nur rückblickend. Schon den ersten Muslimen war die Bedeutung dessen bewusst, so dass ihre Entscheidung für das Jahr null nicht zufällig auf das Jahr der Hiğra und der Kalifatsgründung fiel.
Das Kalifat ist eine Staatsform, die es weltweit nirgends gab, bis der Prophet (s.) den Staat im Jahr 622 in Medina gründete. Seine Motivation war kein persönliches Streben nach Macht und Herrschaft, sondern die Umsetzung eines islamischen Gebots. Macht und Herrschaft hätte er auch in Mekka haben können, wo man ihm diese unter der Bedingung anbot, den Aufruf zum Islam zu unterlassen. Der Prophet (s.) hätte es also viel leichter haben können, an Macht zu gelangen, als in Medina das Kalifat zu gründen und die Mehrheit der Araber auf der Arabischen Halbinsel gegen sich aufzubringen. Diese Staatsform ist einzigartig und untrennbar an den Islam geknüpft. Sie kann nicht von anderen kopiert oder imitiert werden, die nicht an die islamische Ideologie glauben. Es ist und bleibt die Staatsform der Muslime und wurde bis zur Zerstörung des Kalifats nie von ihnen in Zweifel gezogen.
Die Zerstörung des Kalifats war ein Gemeinschaftsprojekt von mehreren Kolonialmächten und Mustafa Kemal Atatürk, der ihren Plan ausführte. Sie wählten ihn speziell dazu aus, das Kalifat zu zerstören, und ehrten ihn sogar noch anlässlich seines Todes für seinen großen Verrat an den Muslimen. Winston Churchill sagte über ihn: „Der Tod Atatürks, jenes Mannes, der im Krieg die Türkei rettete und danach die türkische Nation zum Leben erweckte, ist nicht nur für sein Land, sondern auch für Europa einer der größten Verluste.“ Atatürk ließ den Jahrhunderte alten europäischen Traum in Erfüllung gehen und räumte den Kolonialmächten das Kalifat aus dem Weg. Das war seine einzige Aufgabe, die er mit absoluter Hingabe erfüllte, weil er auch persönlich hinter der Vernichtung des Kalifates stand. Das unterscheidet ihn von anderen Akteuren, die ohne wirkliche Absicht – was ihr Handeln keinesfalls rechtfertigt – an der Zerstörung des Kalifats beteiligt waren, wie z. B. Šarīf Ḥusain von Mekka und seine Söhne, die von Großbritannien angestachelt wurden, einen Aufstand gegen die Osmanen anzuführen, und darin eine Rettung des Kalifats sahen. Es lag ihnen fern, das Kalifat abzuschaffen. Selbst die nationalistischen Jungtürken hielten am Kalifat als Staatsform fest, als sie 1908 eine Militärrevolte anführten. Sie ersetzten 1909 den Kalifen ʿAbdulḥamīd II. „lediglich“ durch einen anderen Kalifen. Ihr Vorgehen war dennoch islamisch inakzeptabel und ebnete Mustafa Kemal den Weg zur Vernichtung des Kalifats, was sie selbst, als es soweit war, entsetzte.
Am 3. März 1924 schaffte Mustafa Kemal offiziell das Kalifat ab und versetzte die gesamte islamische Welt in einen Schockzustand. Doch der 3. März 1924 – dieser schicksalhafte Tag – kam nicht aus heiterem Himmel, sondern hatte eine Vorgeschichte. Ihm ging das Sykes-Picot-Abkommen aus dem Jahr 1916 voraus, das aus der islamischen Welt einen Scherbenhaufen machte, an dem sich die Muslime bis heute blutig schneiden. Jeder Konflikt, jede Krise und jeder Krieg in der Region ist ein kalkuliertes Resultat dieses Abkommens, in welchem sich die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich das Osmanische Reich für die Zeit nach dessen Zerstörung in Interessen- und Einflussgebiete aufgeteilt hatten. Jeder einzelne Nationalstaat auf islamischem Boden lässt sich seitdem durch Einmischung und Manipulation in ein Krisenland verwandeln.
Auch das Sykes-Picot-Abkommen hat eine Vorgeschichte. Denn ein solches Abkommen war nur möglich, nachdem sich im 19. Jahrhundert der Kolonialismus Zutritt in die muslimischen Länder verschafft und die Bedingungen für ein solches Abkommen geschaffen hatte. Es war das entscheidende Jahrhundert, das für die Muslime alles verändern sollte. In genau diesem Jahrhundert drang die europäische Geistesbildung in das Kalifat ein und überflutete es mit falschen Ideen und Konzepten. Bis dahin bestand die Auseinandersetzung der Umma mit Europa auf militärischer Ebene. Nun aber wurden die Muslime mit Ideen konfrontiert, die sie bis dahin nicht kannten, weil sie dem Islam fremd sind, wie die Idee des Nationalismus. Heute ist die islamische Welt in Nationalstaaten unterteilt und der Nationalismus ein weit verbreitetes Phänomen. Bei vielen Muslimen nimmt die Nationalität einen Teil ihrer Identität ein und unterdrückt ihr islamisches Selbstverständnis. Dies war aber nicht immer so. Vor dem 19. Jahrhundert gab es das Konzept des Nationalismus nicht bei den Muslimen. Es ist ein europäisches Konzept – eine importierte Idee –, die die Muslime nicht kannten, weil der Islam jede Form von Tribalismus und Stammesdenken von Anfang an erfolgreich bekämpft hatte. Die Muslime kannten nur die Einheit in einem Staat. Selbst die Nichtmuslime hatten keine nationale Identität. Die Bürger des Kalifats verstanden sich entweder als Muslime oder Nichtmuslime. Doch dann kam der Kolonialismus mit seinem Nationalismus und mischte die verschiedenen Völker auf, die bis dahin alle über Jahrhunderte friedlich unter islamischer Herrschaft lebten. Die Kolonialmächte nahmen sich zuerst den Balkan vor und stachelten dort Unabhängigkeitskriege an, um den Balkan vom Kalifat abzuspalten. Dann gingen sie dazu über, Arabern und Türken das Konzept des Nationalismus einzuimpfen. Wie erfolgreich die Kolonialmächte waren, sehen wir heute.
Insgesamt drückte Europa den Muslimen seinen Maßstab und seine Geschichte auf, sodass die Muslime begannen, ihren Zustand und ihre eigene Geschichte aus dem Blickwinkel der europäischen Geschichte zu betrachten. Statt ihre Geschichte als rein islamische Geschichte zu definieren, fingen sie an, ihre Geschichte an der europäischen Geschichte zu messen. Ihr Maßstab war plötzlich die europäische Geschichte und Kultur. Die Muslime realisierten im 19. Jahrhundert bei sich im Kalifat einen Niedergang, während Europa nach der Französischen Revolution technologisch und wirtschaftlich aufgestiegen war. Nachdem das Kalifat mehr als ein Jahrtausend weit überlegen war, wurde es von Europa nicht nur eingeholt, sondern überholt. Die Muslime eiferten nun Europa nach und entfernten sich immer mehr vom Islam, weil sie fälschlicherweise dachten, dass das Festhalten am Islam die Ursache des Problems sei, dem sie mit Reformen und Modernisierung beikommen wollten. Diese Einstellung spiegelt sich in den sogenannten Tanzimat wider. So nennt man die Periode der Reformen im osmanischen Staat. Europa und die europäische Geschichte als Maßstab ließen die Muslime ihre eigene großartige islamische Geschichte vergessen – bis heute. Wenn wir beispielsweise den Begriff Mittelalter hören, denken wir zwangsläufig an das dunkle Mittelalter. Aber das dunkle Mittelalter ist Teil der europäischen, nicht der islamischen Geschichte. Während das europäische Mittelalter für Dunkelheit und Rückständigkeit steht, ist das islamische Mittelalter die Blütezeit des Islam. Es ist die Zeit des Gelehrtentums, der Wissenschaften und der Eröffnungen. Die europäische Geistesbildung hat die Muslime jedoch dazu gebracht, durch die europäische Brille zu blicken und ihren Islam nach europäischem Maßstab zu beurteilen. Die europäische Geistesbildung verdarb die Muslime, ohne dass sie es merkten.
Auch der Einzug der fremden Geistesbildung in die islamische Welt hat eine Vorgeschichte. Der Kolonialismus nutzte das geschwächte Immunsystem des Kalifats und der Umma aus und konnte nur deshalb Fuß in der islamischen Welt fassen. Erst die Schwäche der Muslime verschaffte ihm den Zutritt. Als Napoleon 1798 mit seinen Truppen in Ägypten landete, wurde den Muslimen ihre militärische Unterlegenheit bewusst, nachdem sie all die Jahrhunderte militärisch überlegen waren und ein Gebiet nach dem anderen eröffnet hatten. Das war ein Schock für die Umma. Die Muslime wollten daraufhin ihr Militär nach europäischem Vorbild modernisieren und griffen hierbei auf die Unterstützung der Kolonialmächte zurück, für die sich dadurch eine Tür öffnete. Der Wunsch nach Reformen bezog sich zunächst also auf das Militär. Die Kolonialmächte beschränkten sich natürlich nicht nur auf die militärische Beratung, sondern nutzten die Gelegenheit, die islamischen Ideen durch die europäische Geistesbildung zu ersetzen. Da das Islamverständnis zu diesem Zeitpunkt bei den Muslimen bereits degeneriert war, fielen diese Ideen auf fruchtbaren Boden. Das schwache Immunsystem des Kalifats bestand nämlich im degenerierten Islamverständnis der Muslime, das die Folge einer Nachlässigkeit des islamischen Staates war.
Es ist eine Entwicklung von Jahrhunderten, an deren Ende ein degeneriertes Islamverständnis und die Zerstörung des Kalifats stehen. Ein anschauliches Beispiel für die Vernachlässigung ist die arabische Sprache. Der Islam und die arabische Sprache dürfen nie voneinander getrennt werden. Wenn man jedoch auf die islamische Geschichte blickt, stellt man fest, dass der Staat irgendwann nicht mehr darauf geachtet hat, die arabische Sprache bei den Eröffnungen zusammen mit dem Islam zu verbreiten. Das Arabische wurde irgendwann sogar von den Muslimen selbst als Amtssprache abgeschafft – ein, wie wir heute wissen, folgenreicher Fehler. Die Osmanen, die über sechs Jahrhunderte im Kalifat regierten, konnten kein Arabisch und sorgten auch nicht dafür, dass die arabische Sprache überall im Kalifat gesprochen wurde. Genau genommen schaffte Atatürk die arabische Sprache also gar nicht ab, sondern ersetzte die arabischen durch die lateinischen Buchstaben und entfernte die arabischen Begriffe aus einer nichtarabischen Sprache. Wären die Osmanen des Arabischen mächtig gewesen, hätte Atatürk das Arabische nicht innerhalb weniger Wochen abschaffen können. Das wäre so, als wollte man in Deutschland das Deutsche abschaffen. Dennoch war Atatürks Eingriff in die Sprache ein ungeheuerlicher Gewaltakt, der darauf abzielte, den Muslimen den Zugang zum Islam für immer zu verwehren. Seine Absichten waren eindeutig islamfeindlich. Wer die arabischen Schriftzeichen nicht kann, wird den Koran niemals lesen können, geschweige denn verstehen.
Die Fehler der Vergangenheit können wir nicht mehr rückgängig machen, wir müssen sie korrigieren. Wir sind auch nicht in der Position, mit dem Finger auf die Muslime vergangener Zeiten zu zeigen. Der Zustand, in dem wir uns heute befinden, gibt vielmehr Anlass dazu, mit dem Finger auf uns selbst zu zeigen. Die Muslime der Vergangenheit können nicht aus ihren Gräbern steigen, den Zustand verändern und ihre Fehler korrigieren. Die Umma von heute hat diese Aufgabe, weil Allah (t.) ihr die Verantwortung übertragen hat. Die Tatsache, dass der Kolonialismus das Kalifat zerstört hat und die Kolonialmächte mit allen Mitteln versuchen, eine Rückkehr zu verhindern, entbindet uns nicht von der Verantwortung. Denn wenn Allah (t.) Rechenschaft für diesen Zustand fordert, wird Er nicht nur fragen, wer diesen Zustand herbeigeführt und aufrechterhalten hat, sondern auch, wer nichts zu seiner Veränderung beigetragen hat. Wir sehen heute mehr denn je, was 100 Jahre bedeuten, in denen das Kalifat und die islamische Herrschaft fehlen. Wollen wir uns wirklich vorstellen, was der Umma vor allem angesichts der Bilder, die wir aus dem Gazakrieg kennen, blüht, wenn wir weitere 100 Jahre warten? Wie soll die islamische Welt am 3. März 2124 aussehen? Wie werden die Muslime in 100 Jahren auf uns zurückblicken? Sollen sie nicht mit Stolz auf uns zurückblicken, so, wie wir mit Stolz und Bewunderung auf die ṣaḥāba zurückschauen? Wollen wir nicht, dass in 100 Jahren in den islamischen Geschichtsbüchern steht, dass eine Gruppe von Muslimen beharrlich und unerschütterlich an der Wiedererrichtung des Kalifats gearbeitet und es am Ende geschafft hat?