Freies Feedback

Was können wir auf unserer Webseite noch verbessern?

Beiträge zum Kalifat Kalifat oder säkulares Leben?

Die koloniale Ordnung im Nahen Osten durch das Kalifat zu ersetzen – für einige Muslime noch immer ein frommer Wunsch. Zu sehr bestimmten die westlichen Ideen das Denken der Muslime. Doch die islamische Welt hat sich gewandelt.

Die jüngsten Kontroversen um das Thema Kalifat in der deutschen Öffentlichkeit haben auch im innerislamischen Diskurs erneut eine Debatte darüber in Gang gesetzt. Dabei sehen sich Muslime in den eigenen Reihen oft mit Einwänden konfrontiert, die den Eindruck erwecken, dass das politische Projekt des Kalifats nach wie vor unrealistisch sei.

Neben der Frage, ob seine Wiedererrichtung unter den bestehenden politischen Rahmenbedingungen umsetzbar erscheint oder inwieweit dieses ordnungspolitische System tatsächlich in der Lage wäre, die heutigen Probleme der islamischen Welt umfassend zu lösen, führen die Skeptiker ein weiteres Gegenargument ins Feld. Wollen Muslime überhaupt in einem Staat leben, in dem die Scharia vollumfänglich umgesetzt wird? Oder bevorzugen sie nicht lieber das Leben in einer säkularen Gesellschaft, in der sie selbst entscheiden könnten, welche Relevanz der Islam für sie hat? Als Begründung wird gerne darauf hingewiesen, dass die meisten Muslime in ihrem Alltag bei der Einhaltung der islamischen Gebote eher nachlässig seien und sich ihre Prioritäten sowie Zielsetzungen im Leben in den meisten Fällen ohnehin nicht mit dem Islam decken würden. Oftmals sei zu beobachten, dass Muslime trotz ihrer in Teilen antiwestlichen Haltung dennoch liberale Werte wie Religions- und Meinungsfreiheit schätzen. Dies spiegele sich auch in ihren politischen Einstellungen wider. So seien viele der Ansicht, dass ein Staat, der die Muslime vereinen würde und in dem ausschließlich die Scharia zur Anwendung kommt, einer Utopie gleichkäme. Zudem müssten sich die Muslime damit abfinden, dass man für den Aufbau eines stabilen politischen Gemeinwesens und einem friedlichen Zusammenleben nicht an westlichen Ideen wie Toleranz und Religionsfreiheit vorbeikäme. Wiederholt wird hier auch das Beispiel des IS oder der Taliban-Regierung herangezogen, um zu belegen, dass die meisten Muslime ein Leben in westlichen Gesellschaften derartigen Regimen vorziehen. Auch die ernüchternde Bilanz aus dem sogenannten Arabischen Frühling habe dieser Sichtweise zufolge dazu geführt, dass ein beträchtlicher Teil der Muslime ihr Vertrauen insbesondere in die politischen Konzepte ihres Din weitgehend verloren hätten. Mit anderen Worten: Die liberal-säkularen Ideen bestimmen nach wie vor das Leben der meisten Muslime in der islamischen Welt. Doch wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Behauptungen und ist der Islam als ordnungspolitisches System in Form des Kalifats in der Umma tatsächlich nicht anschlussfähig?

Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass jene Muslime, die derartige Positionen vertreten, dem säkularen Zeitgeist anheimgefallen sind und folglich aus dieser Perspektive auch den Zustand der islamischen Welt bewerten. Gerade in diesem Kontext übernehmen sie bewusst oder unbewusst fremde Denkfiguren, wie den westlichen Fortschrittsgedanken, der von einer umfassenden Säkularisierung ausgeht. Als historischer Prozess verstanden, soll dieser These zufolge die Säkularisierung dazu führen, dass religiöse Glaubensüberzeugungen zusammen mit ihren symbolischen Repräsentationen und sozialen Praktiken zunehmend aus dem öffentlich wahrnehmbaren Leben verschwinden. Im Zentrum steht dabei die Emanzipation der weltlichen Bereiche von religiöser Vorherrschaft. Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft und Bildung sollten sich idealerweise immer mehr den Vorgaben und der Kontrolle der Religion entziehen. So wird die Religion schrittweise aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit abgedrängt in den Bereich des Privaten. Dies gehe damit einher, dass religiöse Überzeugungen zu erodieren beginnen und ihre Tradierung immer seltener gelingt. Dieser Prozess – so die Annahme – finde zwangsläufig statt und sei nicht mehr rückgängig zu machen. Mit Blick auf die islamische Welt ist in der oben beschriebenen Rhetorik genau dieser Gedanke herauszuhören. Die Säkularisierung findet bereits statt; wenn auch nicht in dem Ausmaß, dass die Mehrheit der Muslime ihren Din verlassen würde. Dennoch sei die Wiedererrichtung des Kalifats unter solchen Voraussetzungen geradezu realitätsfremd. Im besten Falle könnte man sich ein politisches Amalgam für die Staaten in der islamischen Welt vorstellen, das sich aus islamischen als auch liberal-säkularen Elementen zusammensetzt.

Obgleich in den Reihen der Muslime derartige Auffassungen kursieren, äußern mittlerweile zahlreiche westliche Denker große Zweifel an der Säkularisierungsthese und ihrer vermeintlich linearen Entwicklung. Bereits 2001 sprach Jürgen Habermas von der postsäkularen Gesellschaft und warf damit einen Begriff in den Diskurs, der bis heute ein Streitthema unter westlichen Intellektuellen ist. Der Theologe Markus Knapp beschreibt diese von Habermas bezeichnete gesellschaftliche Trendwende im Westen wie folgt: Religion besteht vielmehr auch in säkularisierten Lebenszusammenhängen fort. Heute muss sogar eine neue Aufmerksamkeit für Religion konstatiert werden: nicht nur im privaten Lebensbereich, sondern gerade auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. In diesen Zusammenhang gehört es dann auch, wenn Habermas von einer postsäkularen Gesellschaft spricht. Zugrunde liegt dem die Beobachtung, dass sich das Verhältnis von säkularisierter Gesellschaft und Religion wandelt, und die Spannung zwischen beiden in neuer, veränderter Gestalt zutage tritt. Doch auch auf weltpolitischer Ebene kann von einem unaufhaltsamen Siegeszug des liberal-säkularen Systems keine Rede mehr sein. So sprechen Politologen wie Herfried Münkler vom Übergang zu einer multipolaren Weltordnung, in der ein neuer Kampf der Denksysteme drohe. Staaten wie Russland beispielsweise haben dem Liberalismus längst den Kampf angesagt und sehen sich in der Rolle des Hüters traditioneller Werte, wobei sie in diesem Narrativ bewusst auch Muslime miteinbeziehen. Dass für den Westen daraus dennoch kein weltanschaulicher Kontrahent erwachsen ist, hat unter anderem der Philosoph und Autor Richard David Precht jüngst formuliert. Aus seiner Sicht sind weder Russland noch China systemische Rivalen, die den Westen ideologisch herausfordern könnten. Einzig im radikalen Islam sieht Precht für die westliche Welt einen ernstzunehmenden ideologischen Gegner.

Vor diesem Hintergrund erscheint es mehr als fragwürdig, dass sich das liberal-säkulare Denken trotz weltweiter Widerstände gerade in der islamischen Welt verfestigt haben soll. Denn ein einfacher Blick zeigt, dass die Muslime in der breiten Masse ungeachtet aller Turbulenzen des letzten Jahrzehnts an ihrem Din festhalten und sehr wohl offen sind für die islamischen Problemlösungen – was die letzten Monate angesichts des Gaza-Kriegs deutlich gemacht haben. Gleichzeitig ist eine zunehmende Entfremdung von den säkularen Staatsgebilden zu beobachten und damit auch gegenüber den westlichen Werten. Zwar bedeutet dies nicht, dass die Umma sich in einem optimalen Zustand befindet und in ihrer Gesamtheit den Islam konsequent umsetzt. Dennoch haben wir es nicht mit einer Säkularisierung zu tun, die zur Folge hätte, dass die Muslime sich massenhaft vom Islam entfernen, um im Gegenzug ein säkulares Leben zu führen. Diesen Prozess hatte die Umma bereits hinter sich, als sie nach dem Untergang des Kalifats vom Säkularismus erfasst wurde und sich dieser Prozess auch in den Gesellschaften widerspiegelte: nahezu leere Moscheen, eine liberale Lebensweise und die Begeisterung für politische Konzepte aus dem Westen prägten den Alltag der Menschen zu jener Zeit. Doch die gegenwärtige Realität in vielen Ländern der islamischen Welt zeichnet ein entgegengesetztes Bild; ganz gleich ob es die vollen Moscheen sind, die Pflicht des Hidschab, der immer mehr Frauen nachkommen oder das allgemeine Bewusstsein darüber, die Lösungen für die zahlreichen politischen Probleme im Islam zu suchen. Selbst in einem Land wie Bosnien-Herzegowina, das viele im Westen bisher als Paradebeispiel gelungener Säkularisierung betrachtet haben, gibt es in jüngster Zeit erneut eine Trendwende hin zum Islam.

Ungeachtet dessen müssen sich gerade muslimische Denker und Akteure bewusst machen, dass der Islam einen gesellschaftspolitischen Gestaltungsanspruch formuliert. So zielt der Islam doch darauf ab, das Denken der Menschen und damit die Ideen innerhalb einer Gesellschaft zu verändern. Gesetzt dem Fall, der Säkularismus bestimme tatsächlich das Denken und Handeln der meisten Muslime, so liegt die islamische Lösung nicht darin, von der Wiedererrichtung des Kalifats abzurücken und diese als Utopie hinzustellen. Vielmehr müssen die falschen Verständnisse, die in der Umma existieren, korrigiert werden; indem die politischen Akteure unter den Muslimen die unislamische Natur der vorherrschenden Ideen und Strukturen entlarven, um diesen den gesellschaftlichen Rückhalt vollständig zu entziehen. Gleichzeitig muss den Menschen der umfassende Charakter des Islam veranschaulicht werden, sodass sich in der Gesellschaft ein Bewusstsein und infolgedessen ein Begehren nach der vollständigen Implementierung der Scharia bildet.

In diesem Sinne ist der oben erwähnte Einwand einiger Muslime nicht nur unbegründet. Er ist vielmehr von der Realität längst eingeholt worden. Denn es sind weder die liberal-säkularen Ideen noch irgendwelche überholten Nationalismen, die in der Umma noch für Begeisterung sorgen könnten. Im Gegenteil! Es ist ausschließlich der Islam, der die Umma zu mobilisieren im Stande ist und jene Anziehungskraft besitzt, die das politische Projekt des Kalifats umsetzbar macht.