Der Gazakrieg hat uns in Abgründe blicken lassen und mit den schlimmsten Gräueltaten konfrontiert, verübt von einem Staat, der nach internationalem Verständnis demokratisch ist. Fast ein Jahr später, am 8. Dezember 2024, mussten wir dann feststellen, dass das Grauen viele Gesichter hat, nachdem die Tore von Bashar al-Assads zahlreichen Foltergefängnissen in Syrien nach dessen Sturz geöffnet wurden. In diesem Fall haben wir es nicht mit einer Demokratie, sondern einer Diktatur zu tun. Es scheint also unerheblich zu sein, ob ein Mensch in einer Demokratie oder einer Diktatur lebt, wenn es um seine Bereitschaft geht, andere Menschen auf das Grausamste zu foltern, lebendig zu verbrennen, zu vergewaltigen, zu quälen, verhungern und verdursten zu lassen und dergleichen. Viele werden sich mit Sicherheit noch an die US-amerikanischen Soldaten erinnern, die Gefangene im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis folterten und sich dabei stolz fotografierten. Das ist keinesfalls nur eine Ausnahme, da demokratische Staaten wie die USA ihre Opfer einfach außerhalb der eigenen Staatsgrenzen foltern. So ist es üblich, dass die CIA Personen in Ländern wie Ägypten, Jordanien, Marokko oder erwiesenermaßen auch Syrien während der Herrschaftszeit Baschar al-Assads in Absprache mit den dortigen Regierungen im Rahmen von Verhören, die an geheimen Orten stattfinden, foltert. Das Waterboarding ist eine der berüchtigten Foltermethoden der Amerikaner, die sie nicht nur in Afghanistan und Guantánamo eingesetzt haben. Wie aber kann man verhindern, dass ein Mensch zur Bestie wird, wenn er den Befehl zu solch grausamen Handlungen erhält und die Garantie hat, dass er seine sadistischen Phantasien straffrei ausleben kann?
Der berühmte US-amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram untersuchte in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts vor dem Hintergrund der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg die Frage, wie die Menschen dazu gebracht werden konnten, unmoralische und grausame Handlungen an anderen Menschen zu begehen. Ihm ging es darum, wie weit der Gehorsam eines Menschen reicht, bevor er diesen verweigert, wenn der Befehl den eigenen Moralvorstellungen widerspricht. Hierzu führte er das nach ihm benannte Milgram-Experiment durch. Bei diesem Experiment sollte die Versuchsperson in die Rolle eines Lehrers schlüpfen und einem Schüler, der ein in das Experiment eingeweihter Schauspieler war, Fragen stellen. Die Versuchsperson sollte den Schüler bei jeder falschen Antwort mit einem Elektroschock bestrafen. Die Stromstärke reichte von leichten 15 Volt bis hin zu tödlichen 450 Volt, die mit „lebensgefährlich“ gekennzeichnet waren. Mit jeder falschen Antwort des Schülers sollte die Versuchsperson die Stromstärke erhöhen, ohne zu wissen, dass der Schüler nicht wirklich Elektroschocks erhielt und seine Schmerzschreie und Bewusstlosigkeit nur vorgetäuscht waren. Teil des Experiments war außerdem ein Versuchsleiter, der die Versuchsperson im Falle ihres Zögerns dazu drängte, die Stromstärke trotz der Schreie des Schülers und seiner Bitte, das Experiment abzubrechen, zu erhöhen. Durchweg alle Versuchspersonen hörten nicht vor 300 Volt auf. 65 Prozent verabreichten die volle Stromstärke, d. h. die lebensgefährlichen 450 Volt, im Glauben, dass der Schüler tatsächlich Elektroschocks erhielt. Sie rechtfertigten ihr Verhalten später damit, nur Befehle ausgeführt zu haben. Auf Grundlage der Ergebnisse dieses Experiments könnte also in der Mehrheit der Menschen ein Folterer oder Kriegsverbrecher schlummern.
Es fällt schwer, das Experiment auf die Realität zu übertragen und sich vorzustellen, dass ein Folterer in Syrien, der über Jahre und Jahrzehnte Menschen auf die schlimmste Art gefoltert und ermordet und Frauen vergewaltigt hat, einen inneren Konflikt zwischen Gehorsam und Moral austragen musste. Ein solcher Konflikt setzt voraus, dass die Person Moral besitzt, die im Widerspruch zum Folterbefehl steht, und der Gehorsam nur unter Androhung von Strafe und aus Angst vor eigener Folter geleistet wurde. Noch schwerer fällt der Versuch, die an Grausamkeit alles übertreffenden Kriegsverbrechen israelischer Soldaten im Gazastreifen mit dem Milgram-Experiment zu erklären, wenn diese sich in den sozialen Medien öffentlich damit brüsten, kleine Kinder getötet zu haben, und das Bedürfnis äußern, Babys ermorden zu wollen. Ist das noch Gehorsam, der entgegen eigener Moralvorstellungen geleistet wird, oder aber das Ausleben kranker Phantasien israelischer Soldaten im Gazastreifen, denen erlaubt ist, jedes erdenkliche Verbrechen an Palästinensern zu verüben, das ihnen einfällt? Würde jemand seine grausamen Verbrechen mit der Öffentlichkeit teilen, wenn er nur in Ausübung eines Befehls gehandelt hätte? Lassen sich ein syrischer Folterer und ein israelischer Kriegsverbrecher mit der Versuchsperson aus dem Milgram-Experiment gleichsetzen, die nur gehorcht und Befehle ausgeführt hat?
Stanley Milgram hat lediglich die Mechanismen des Gehorsams untersucht und gezeigt, dass Menschen sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien gleichermaßen dazu gebracht werden können, grausame Handlungen an anderen, ihnen fremden Menschen zu begehen, die ihnen nie Schaden zugefügt haben. Er liefert jedoch keine Antwort auf die Frage, wie man verhindern kann, dass Menschen zu Folterern und Kriegsverbrechern werden. Was wir mit absoluter Gewissheit sagen können, ist, dass der Mensch nicht imstande ist, Regeln aufzustellen, die Gräueltaten wie in Syrien und dem Gazastreifen verhindern können. Denn es ist ja nicht so, dass die Menschen nicht schon längst Regeln formuliert hätten, um derlei Verbrechen zu unterbinden. Haben das Völkerrecht, die Genfer Konventionen und die Menschenrechte die zionistischen Gräuel im Gazastreifen abwenden können? Der Gazakrieg hat vielmehr gezeigt, dass Menschenrechte und Völkerrecht vollkommen nutzlos sind. Was sollte den Menschen überhaupt daran hindern, die selbst formulierten Regeln zu missachten, inkonsequent anzuwenden oder aber ganz zurückzunehmen? Der Mensch ist nicht imstande, universelle Gesetze zu formulieren, die garantieren können, dass es bei Kriegen nicht zu hochgradig menschenverachtenden barbarischen Verbrechen kommt, wie wir sie im Gazastreifen täglich beobachten können. Er ist auch nicht in der Lage, Folter abzuschaffen, die, wie wir wissen, nicht nur eine Methode der Unterdrückung in Diktaturen darstellt. Frankreich, das Land von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, entwickelte im Algerienkrieg ein Foltersystem, das so berüchtigt war, dass andere Staaten es kopierten. Menschen- und Völkerecht haben im Grunde noch nie funktioniert.
Dennoch müssen wir nicht hinnehmen, dass der Mensch quasi auf Knopfdruck zum Kriegsverbrecher und Folterer gemacht werden kann. Auf seine Moral ist jedoch kein Verlass. Er braucht vielmehr Gesetze, die nicht der menschlichen Willkür unterliegen und nur ihn und keinen anderen in die Verantwortung für sein Handeln ziehen. Wenn der Mensch weiß, dass er selbst irgendwann Rechenschaft für sein Handeln ablegen wird müssen und nicht nur die Person, deren Befehl zu Folter und Kriegsverbrechen er ausgeführt hat, steht der Gehorsam gegenüber dem Gesetzgeber über dem Gehorsam gegenüber dem Vorgesetzten. Voraussetzung ist, dass der Mensch an Allah (t.) als Gesetzgeber glaubt und die Gottesfurcht (taqwā) sein Handeln bestimmt. Denn Allah (t.) verbietet Folter und das Zufügen von Leid im Krieg, wenn es um Zivilisten geht. So sprach der Prophet (s.):
«من عذب الناس في الدنيا عذبه الله في الآخرة»
Wer die Menschen im Diesseits quält, den quält Allah im Jenseits.
Und er sagte:
«مَن لطمَ عَبدَه أو ضربَه حدًّا لَم يأتِه فكفَّارتُه أن يُعتِقَه»
Wer seinen Sklaven wegen einer Sache schlägt, die er nicht begangen hat, so ist seine Freilassung die Sühne.
Das Foltern und Quälen eines anderen Menschen ist im Islam untersagt. Auch für den Krieg gibt es im Islam klare Regeln. So wird von Abū Bakr (r.) dem ersten Kalifen, überliefert, dass er, basierend auf der islamischen Kriegsführung, zu seiner Armee sagte: „Zieht aus im Namen Allahs. Seid gerecht, begeht keinen Verrat, seid nicht grausam, tötet keine Kinder, keine Frauen, keine Alten und keine Kranken. Fällt keine Dattelpalmen, zerstört keine Ernten, tötet keine Schafe, Kühe oder Kamele, außer zum Essen.“ Im Gazakrieg ist aber genau diese zu schützende Personengruppe, die hier erwähnt wird, die Zielscheibe der israelischen Armee. Selbst jene, die aktiv gegen die Muslime gekämpft haben, um den Islam zu vernichten, behandelt der Islam gerecht. Nie ist jemand barmherziger mit seinen Feinden umgegangen als der Prophet (s.). Erstmals erhielten Kriegsgefangene durch den Islam Rechte. Dazu gehört das Recht auf Nahrung, Kleidung und gute Behandlung. So heißt es im Koran:
﴿وَيُطْعِمُونَ الطَّعَامَ عَلَى حُبِّهِ مِسْكِينًا وَيَتِيمًا وَأَسِيرًا # إِنَّمَا نُطْعِمُكُمْ لِوَجْهِ اللَّهِ لَا نُرِيدُ مِنْكُمْ جَزَاءً وَلَا شُكُورًا﴾
Und sie geben Speise – und mag sie ihnen noch so lieb sein – dem Armen, der Waise und dem Gefangenen: „Wir speisen euch nur um Allahs willen, weder begehren wir von euch Lohn noch Dank dafür.“ [76:8-9]
So gibt es Berichte von Kriegsgefangenen, die in der Schlacht von Badr gefangen genommen wurden, dass sie Brot zu essen bekamen, während die Muslime selbst nur Datteln aßen. Hierzu muss man wissen, dass Brot seltener war als Datteln. Der Prophet (s.) schrieb den Muslimen die gute Behandlung der Gefangenen vor, indem er sagte:
«استوصوا بالأُسَارى خيرًا»
Behandelt die Gefangenen gut.
Er ermöglichte Kriegsgefangenen außerdem, sich durch ein Lösegeld freizukaufen. Wer die Mittel nicht aufbringen konnte, kam auch ohne Lösegeld frei oder konnte, um freizukommen, Muslime im Lesen und Schreiben unterrichten. Für Muslime ist es verbindlich, auf die gleiche Art mit Kriegsgefangenen umzugehen wie der Prophet (s.). Ein Muslim darf die islamischen Gesetze, die sich auf Folter und Krieg beziehen, genauso wenig übertreten wie andere islamische Gesetze. Er kann seine Verantwortung nicht an andere abgeben und weiß, dass er irgendwann Rechenschaft ablegen muss, und zwar nicht vor einem Internationalen Strafgerichtshof, sondern vor Allah, dem erhabenen Rächer.