Die religiösen Minderheiten in Syrien könnten nur durch einen säkularen Staat geschützt werden – so der Tenor westlicher Politiker. Doch die Idee des Säkularismus ist nicht entstanden, um religiöses Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Ganz im Gegenteil!
Der Sturz des Assad-Regimes durch die Rebellen hat einen intensiven Diskurs über die politische Zukunft Syriens entfacht. Neben der grundsätzlichen Frage, wie die neuen islamistischen Machthaber das Land regieren werden, rücken Politik und Medien ein Thema besonders in den Fokus: welches Schicksal erwartet die religiösen und ethnischen Minderheiten in Syrien unter einer möglichen islamistischen Herrschaft?
Damit ist das entscheidende Narrativ platziert worden, das den gegenwärtigen Diskurs im Westen bestimmt. Entschließen sich die neuen Machthaber, die Scharia einzuführen, so läuft Syrien Gefahr, vor allem seinen multireligiösen Charakter zu verlieren. Es wird also nicht nur ein Bedrohungsszenario konstruiert, in dem der Sturz des Assad-Regimes durch islamistische Rebellen lediglich als Übergang in die nächste Diktatur beschrieben wird. Vielmehr stellt man den Islam und seine umfassende Implementierung in Staat und Gesellschaft als existenzbedrohend für die dort lebenden Menschen und als Gefahr für die regionale Stabilität des Nahen Ostens dar. Gerade der Schutz der Minderheiten lässt sich aus Sicht der internationalen Gemeinschaft nur dann gewährleisten, wenn die säkulare Verfassung bestehen bleibt und unter Einbeziehung aller gesellschaftlicher, religiöser und ethnischer Gruppen ein politischer Prozess stattfindet, an dessen Ende ein demokratisches Syrien entstehen soll.
Doch der Vorwurf, Minderheiten seien durch die vollumfängliche Anwendung des Islam in ihrer Existenz bedroht, entbehrt jeglicher Grundlage und dies unter verschiedenen Gesichtspunkten. Zunächst ist festzuhalten, dass die zahlreichen religiösen und ethnischen Gruppen bereits seit Jahrhunderten in Syrien leben bzw. in Teilen sogar noch bevor die Region Bilād al-Shām durch den Islam eröffnet und an das Kalifat angegliedert wurde. Diese Minderheiten haben bis Anfang des 20. Jahrhunderts – also über 1.300 Jahre lang – in einem Staat gelebt, in dem das gesellschaftliche Zusammensein durch die Scharia (!) geregelt wurde. Würde die obige Behauptung zutreffen, so müsste nicht zuletzt das orientalische Christentum im heutigen Syrien entweder durch Zwangskonversionen oder durch Flucht und Vertreibung längst der Vergangenheit angehören. Erst durch die Kolonialisierung des Nahen Ostens und der anschließenden Schaffung säkularer Nationalstaaten standen sich die verschiedenen Ethnien und Konfessionen von nun an feindlich gegenüber. Einerseits war die Kolonialpolitik Großbritanniens dadurch geprägt, Araber, Kurden und Türken gegeneinander auszuspielen und sie fortan auf staatlicher Ebene zu Kontrahenten zu machen, die jeweils ihre eigenen nationalen Interessen verfolgen. Eine zersetzende Politik, die aktuell in Syrien wieder deutlich zu beobachten ist. Andererseits sind die Kolonialmächte gezielt dazu übergangen, religiöse Minderheiten wie die Maroniten im Libanon oder die Nusairīya in Syrien als neue Herrschereliten zu etablieren. Gleichzeitig ist durch die säkularen Staatsgebilde eine zentrale Bruchlinie entstanden, welche die säkularen Schichten von den religiösen abgrenzten und auf diese Weise vor allem die muslimische Mehrheitsbevölkerung marginalisierte. Mit dem Säkularismus brachten die europäischen Kolonialmächte also nicht nur eine fremde Weltanschauung, sondern transportierten auch den europäischen Konflikt zwischen Staat und Religion in die islamische Welt, den es dort bis dato nicht gegeben hat. Zudem stellt sich die Frage, warum die Kolonialmächte insbesondere in der Levante auf religiöse oder ethnische Minderheiten setzten und diese zu neuen staatlichen Akteuren machten. Lag es lediglich daran, auch den Minderheiten politische Teilhabe zu ermöglichen oder ging es vielmehr darum, über die Minderheiten den eigenen Einfluss in den neu geschaffenen Nationalstaaten zu festigen?
Ganz abgesehen von der geschichtlichen Perspektive zeigen aber auch die aus den islamischen Offenbarungstexten abgeleiteten Normen eines: dass Nichtmuslime im Islamischen Staat weder einem Bekenntniszwang unterzogen, noch mit einer Assimilationspolitik konfrontiert werden, die Gesellschaften letztlich polarisieren und destabilisieren. Die islamischen Normen und Prinzipien setzen dagegen einen Rahmen, der es auch religiösen und ethnischen Minderheiten ermöglicht im Islamischen Staat leben zu können, ohne dass sie sich im Gegenzug mit der Verfassung oder den Werten der Gesellschaft identifizieren müssten. Auch betrachtet der Islam sie keinesfalls als Minderheiten im nationalstaatlichen Sinne, sondern als Bürger des Islamischen Staates mit allen damit in Verbindung stehenden Rechten und Pflichten. Die Nichtmuslime sind demzufolge kein Störfaktor im sozialen Gefüge, der einer ethnischen oder kulturellen Homogenisierung im Wege steht, wie dies in einem Nationalstaat der Fall ist.
Ungeachtet der genannten Aspekte besteht der Westen dennoch drauf, dass der säkulare Staat die einzige politische Struktur sei, die eine friedliche Koexistenz divergierender Lebensentwürfe ermöglichen könne. Zentrales Argument für diese These ist die sogenannte religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates selbst. Damit ist gemeint, dass der säkulare Staat sich mit keiner religiösen oder weltanschaulichen Idee identifiziere und ebenso wenig eine der anderen bevorzuge. Auf diese Weise schreibe der Staat seinen Bürgern auch keine verbindliche Lebensweise vor. Lediglich unter derartigen Bedingungen sei die freie Religionsausübung möglich. Historisch gesehen, stellt diese Vorgehensweise die Lösung dar, wie in Europa der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Konfessionen am Ausgang des Dreißigjährigen Krieges beendet werden konnte. Die Parteien einigten sich darauf, die Frage nach der religiösen Wahrheit hintanzustellen und pragmatische Lösungen für das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten zu finden, was schließlich zur westfälischen Logik des Nationalstaates führte, die sich im Zuge der Säkularisierung weiter entfaltete.
Ist der säkulare Staat aufgrund seiner Neutralität also das politische Patentrezept, das einzig dazu imstande wäre, mit ethnisch-kultureller Vielfalt angemessen umzugehen? Da der säkulare Staat lediglich aus der europäischen Geschichte heraus verstanden werden kann, sollte ein genauer Blick auf die ihm zugrunde liegende Idee des Säkularismus geworfen werden. Denn seine weltanschaulich-philosophische Kernidee zielt nicht darauf ab, einen ordnungspolitischen Rahmen zu schaffen, der den Menschen in ihrem Alltag eine freie Religionsausübung gewährt. Schließlich haben die politischen Denker und Philosophen der Aufklärung gerade in der Religion die Ursache für die zahlreichen Konflikte auf dem europäischen Kontinent ausgemacht, weshalb sie auch zu dem Schluss kamen, dass der moderne Staat sich nicht mehr länger über eine Konfession legimitieren soll. Ebenso zeichnet die bekannte Formel der Trennung von Staat und Religion kein präzises Bild über die weltanschauliche Grundperspektive des Säkularismus. Sie bringt letztlich nur seine praktische Umsetzung zum Ausdruck. Denn die säkulare Idee trennt die Religion nicht einfach nur vom Staat oder der Politik, sondern vom Leben der Menschen – was eine zwingende Voraussetzung ist, um diese Trennung anschließend auf staatlicher Ebene vollziehen zu können. Der Säkularisierungsthese zufolge soll gerade die Loslösung der Menschen von religiösen Konzepten zugunsten eines säkular-liberalen Weltbildes langfristig dazu führen, dass auf politischer Ebene das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Staat beendet wird und infolgedessen die Menschen friedlich zusammenleben können – trotz ihrer unterschiedlichen religiös-weltanschaulichen Bekenntnisse, die in der gesellschaftlichen Realität keine Relevanz mehr besitzen. Genau dieser Säkularisierungsprozess hat in der europäischen Geschichte stattgefunden, in dem der gesellschaftspolitische Einfluss des Christentums zurückgedrängt wurde, um es in eine, wie auch immer geartete, private Sphäre zu verbannen. Der säkulare Nationalstaat ist also eine politische Struktur, der zwangsläufig eine religionsfeindliche Weltanschauung zugrunde liegt und keineswegs ein neutraler Akteur, der die Religionsausübung erst ermöglicht. So führt Maurice Barbier in seinem Buch La laïcité aus: Laizismus im weiten Sinn bedeutet die Trennung der Religion von den weltlichen Realitäten. Er bestimmt, dass diese Realitäten nicht der Vereinnahmung durch die Religion oder ihrem Einfluss unterworfen sind […]. Auch haben sich sämtliche humane Realitäten, seien sie politischer, gesellschaftlicher, kultureller oder andersartiger Natur, von der Religion getrennt. Verwirklicht wurde dies durch einen Loslösungsprozess, der nicht von kurzer Dauer war und den wir als Säkularisation bezeichnen. Charles Taylor wiederum beschreibt die Trennung der Religion vom Leben wie folgt: Anders ausgedrückt haben die Prinzipien und Regeln, die wir befolgen, und die Dispute, die wir in den verschiedensten Sphären wirtschaftlicher, politischer, kultureller, bildungsrelevanter oder beruflicher Aktivitäten führen oder die im Bereich von Unterhaltung stattfinden, keinerlei Bezug zu Gott oder zu irgendwelchen religiösen Glaubensvorstellungen generell.
Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, dass die Umma die Gefahr erkennt, die von dieser Erzählung des säkularen Staates als Garanten für den Schutz religiös-kultureller Vielfalt ausgeht. Damit bezweckt der Westen nicht nur den Islam mit seiner vollumfänglichen Umsetzung in Staat und Gesellschaft als menschenverachtende Ideologie zu delegitimieren. Vor allem steht diese Erzählung für einen weltanschaulichen Standpunkt und damit für ein bestimmtes politisches System, das dem Islam fundamental widerspricht: dem liberal-säkularen Nationalstaat. Für solch ein System ist die Anwesenheit des Din in der Gesetzgebung, in politischen Institutionen sowie generell im öffentlichen Raum inakzeptabel. Denn dies kollidiert mit seinem Kerngedanken, wonach dem Menschen die Souveränität zugesprochen wird und die Gebote Allahs sich dem menschlichen Diktat unterwerfen müssten. Daher würde ein säkularer Staat in Syrien – wie dies während des Assad-Regimes der Fall war – im Vorfeld bereits religiöse Kräfte neutralisieren und sie damit kontrollierbar machen. Jegliche Sichtbarkeit von religiösen Praktiken im gesellschaftlichen Leben müsse gemäß säkularen Vorstellungen auf ein erträgliches Minimum reduziert werden, um konfessionelle Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Die in diesem Kontext wiederholt vorgegebene Toleranz würde nur soweit reichen, solange religiöse Überzeugungen und Praktiken den säkularen Rahmen nicht sprengen.
Die Umma und insbesondere die neuen Machthaber in Syrien dürfen sich daher nicht vom Westen einreden lassen, dass es ausschließlich der säkulare Staat wäre, der den Schutz der Minderheiten sicherstellen könne. Im Gegenteil! Dieses System hat erst jene Feindschaft zwischen den unterschiedlichen religiösen und ethnischen Gruppen im Nahen Osten geschaffen, die eine friedliche Koexistenz heute so schwer erscheinen lässt. Eine Feindschaft, die solange bestehen bleiben wird, bis die Umma die koloniale Ordnung durch das Kalifat ersetzt.