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Ausland Der KI-Wettlauf: Werden Staaten die Kontrolle übernehmen?

Die rasante Entwicklung von KI wirft angesichts geostrategischer Implikationen vermehrt die Frage auf, wie sich Staaten – insbesondere Großmächte – positionieren werden.

Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) ist längst nicht mehr nur eine Frage von technologischer Innovation und ökonomischem Nutzen. Sie hat sich zu einem globalen Wettstreit entwickelt, in dem sicherheitspolitische und geostrategische Interessen eine immer größere Rolle spielen. Während Unternehmen wie OpenAI, Google oder Alibaba in erster Linie aus ökonomischer Motivation handeln, sind für Staaten darüber hinaus auch militärische, energie- und sicherheitspolitische Interessen von strategischer Bedeutung.


In der heutigen Welt steht KI im Zentrum eines Wettstreits zwischen den großen Wirtschaftsmächten. Die USA und China führen diesen Kampf an, während Europa zunehmend abgehängt wirkt, jedoch versucht durch Regulierung und strategische Allianzen aufzuholen. Obwohl Regulierung auf den ersten Blick wie ein entwicklungshemmender Faktor erscheint, könnten die dadurch vermittelte Sicherheit und Datenschutz auch einen Mehrwert bieten. Die entscheidenden Entwicklungen überlässt das (un)geeinte Europa jedoch anderen Akteuren – daran ändert auch der jüngst ausgetragene KI-Gipfel in Paris vorerst nichts. Die Vereinigten Staaten setzen auf die Innovationskraft und Erfahrung ihrer Tech-Giganten. China hingegen verfolgt einen zentralisierten Ansatz, bei dem staatlich geförderte Programme die Entwicklung vorantreiben.

Exemplarisch für Chinas Ambitionen ist der New Generation Artificial Intelligence Development Plan, der das strategische Ziel formuliert, die Volksrepublik bis 2030 zur weltweit führenden KI-Nation zu machen. Gleichzeitig hat das US-Verteidigungsministerium mit Initiativen wie dem Joint Artificial Intelligence Center (JAIC) begonnen, KI gezielt für militärische Zwecke einzusetzen.


KI ist nicht nur ein wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil, sondern auch ein Schlüssel zur nationalen Sicherheit. Autonome Waffensysteme, Cyberabwehr und Überwachungstechnologien sind nur einige der Bereiche, in denen KI eine immer entscheidendere Rolle spielt. Bei der Geschwindigkeit der aktuellen Entwicklungen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis in vielen dieser Felder Technologiesprünge ohne entsprechende KI-Kapazitäten nicht mehr aufzuholen sind. Die Sorge, von rivalisierenden Staaten überholt zu werden, treibt viele Regierungen dazu, eigene KI-Programme massiv auszubauen. Durch die Diversifizierung der Einsatzgebiete Künstlicher Intelligenz beschränkt sich ein Technologierückstand nicht mehr nur auf wirtschaftliche Aspekte, sondern wird zu einer Frage der nationalen Sicherheit – und zwar auf mehreren Ebenen.


Ein prominentes Beispiel ist die Sorge der USA über chinesische Tech-Unternehmen wie Huawei, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch als Bedrohung wahrgenommen werden. Die Installation von 5G-Technologie durch Huawei in westlichen Ländern weckte nicht nur bei den USA Befürchtungen über mögliche Hintertüren in der IT-Infrastruktur. Dabei ging es zwar nicht um Künstliche Intelligenz als solches, jedoch werden bei künftigen KI-Projekten von großer Tragweite ebenso Vorbehalte entstehen. Ähnliche Dynamiken könnten sich auch in anderen Bereichen entwickeln, in denen Staaten verstärkt versuchen, ihre technologische Souveränität zu sichern.


Eine staatliche Kontrolle über die KI-Entwicklung würde es Regierungen ermöglichen, strategisch wichtige Technologien besser zu schützen. Aktuell dominieren private Unternehmen die KI-Landschaft, was sie anfällig für Spionage und Leaks macht. Einem kapitalistischen Unternehmen ist das wirtschaftliche Wachstum letztlich wichtiger als (nationale) Sicherheitsbedenken, was sich in den letzten Jahren immer wieder durch Hackerangriffe auf Unternehmen mit geringen Cybersicherheitsstandards gezeigt hat. Bisher gibt es wenige Anreize von staatlicher Seite, entsprechende Sicherheitsstandards zu etablieren. Ein verstaatlichtes Projekt könnte diese Risiken stark minimieren. Darüber hinaus verschlingt die KI-Entwicklung immer mehr Ressourcen, die irgendwann nicht mehr von der Privatwirtschaft aufgebracht werden können. Bereits jetzt nimmt der Energieverbrauch von Künstlicher Intelligenz astronomische Ausmaße an. Rechenzentren, die für die Entwicklung und den Betrieb von KI-Systemen die wesentlichen Infrastrukturen bilden, machen etwa 1-2 % des globalen Stromverbrauchs aus. Mit der wachsenden Verbreitung von KI wird dieser Anteil deutlich ansteigen. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2026 mehr als verdoppeln könnte. Diese Aussichten drängen Tech-Unternehmen in einen regelrechten Wettkampf, um sich eine ausreichende Energieversorgung zu sichern. So planen Amazon und Google, eigens kleine Atomkraftwerke (AKWs) in Betrieb zu nehmen, während sich Microsoft die gesamte Stromproduktion des AKW Three Mile Island in Pennsylvania für die nächsten 20 Jahre vertraglich gesichert hat – also eine Kapazität von 837 GW, die für die Versorgung von mehr als 800.000 Haushalten ausreichen würde.


Um weiter im KI-Rennen mitspielen zu können, müssen einige Staaten ihre Strategien zur Energiewende also ernsthaft überdenken – wenn nicht vollständig verwerfen. So geht Leopold Aschenbrenner, ein ehemaliger Mitarbeiter von OpenAI und Verfasser eines vielbeachteten 165-seitigen Essays  über Künstliche Intelligenz, davon aus, dass 2030 über 20% der gesamten US-Stromproduktion für KI bzw. Rechenzentren aufgewendet werden müssen. Ähnlich sieht es mit bereits bestehenden Rechenzentren aus. Durch den exponentiell wachsenden Bedarf an Rechenkapazitäten kommt es zu einem regelrechten Wettlauf um verbliebene Rechenzentren, wodurch diese vermehrt zu einer geopolitisch gewichtigen Ressource werden. Die angeführten Dynamiken könnten die Übernahme von strategischer KI-Entwicklung in staatliche Hände notwendig machen. Aschenbrenner leitet dies in seinem Essay folgendermaßen her: Die Fähigkeiten von GPT-4 waren für viele ein Schock: ein KI-System, das coden und Aufsätze schreiben, schwierige mathematische Probleme verstehen und College-Prüfungen meistern kann. […] Aber GPT-4 war lediglich die Fortsetzung eines Jahrzehnts bahnbrechender Fortschritte beim Deep Learning. […] Es ist äußerst wahrscheinlich, dass im Jahr 2027 Modelle in der Lage sein werden, die Arbeit eines KI-Researchers/Ingenieurs zu übernehmen. […] Die Schlussfolgerung ist zwar simpel, aber die Implikation gewaltig. Ein weiterer Sprung wie dieser könnte uns sehr wohl zu AGI führen, zu Modellen, die so intelligent sind wie Doktoranden oder Experten […]. Und was noch wichtiger ist: Wenn diese KI-Systeme die KI-Forschung selbst automatisieren könnten, würde das erhebliche Rückkopplungseffekte nach sich ziehen. Die massenhafte – potenziell millionenfache – Anwendung fortgeschrittener KI-Modelle würde zu exponentiellen Fortschritten in der KI-Forschung selbst und zu massiven Entwicklungssprüngen in Industrie und Militär führen. Die strategischen Implikationen und die notwendigen Investitionen in digitale Infrastrukturen werden zwangsläufig den Staat als zentralen Akteur auf den Plan rufen: Etwa 2026/2027 wird sich die Stimmung in Washington wandeln. […] In den Korridoren des Pentagon bis zu den Hinterzimmern im Kongress wird man die offensichtliche Frage stellen […]: Brauchen wir ein AGI-Manhattan-Projekt? Aschenbrenner zufolge führt kein Weg daran vorbei, dass die US-Regierung vorhandene Kapazitäten bündelt und den technologischen Fortschritt vor nachrichtendienstlichen Aktivitäten fremder Mächte absichert, um den KI-Wettlauf gegen China zu gewinnen.


Das „Manhattan-Projekt“ aus den 1940er-Jahren zeigt, wie eine solche Zentralisierung funktionieren könnte. Damals brachte die US-Regierung Wissenschaftler, Ressourcen und Industrien zusammen, um in Rekordzeit die Atombombe zu entwickeln – ein entscheidender Vorteil im Zweiten Weltkrieg. So kamen führende Wissenschaftler wie Robert Oppenheimer und Leó Szilárd zusammen, die sonst wahrscheinlich nicht gemeinsam an einem Projekt gearbeitet hätten. Ein ähnliches Modell könnte auf die KI-Entwicklung angewendet werden. Erste Ansätze in diese Richtung existieren bereits. Neben dem bereits erwähnten Joint Artificial Intelligence Center (JAIC) analysieren die USA im Project Maven mittels Künstlicher Intelligenz Drohnenaufnahmen oder entwickeln unter dem Stichwort Loyal Wingman autonome Drohnen, die bemannte Kampflugzeuge unterstützen sollen. Auch China entwickelt unter dem Namen Sharp Sword ein Tarnkappen-Drohnenprogramm, das auf Autonomie und KI-Technologien setzt.


Ein zentralisiertes KI-Projekt könnte demnach nicht nur Sicherheitsrisiken reduzieren, sondern auch die notwendigen Ressourcen mobilisieren. Würden diese Ressourcen von staatlicher Seite koordiniert, könnten Synergien entstehen, die privatwirtschaftliche Ansätze weit übertreffen. Und auch private Unternehmen würden sich nicht zwingend gegen Zentralisierungsmaßnahmen stellen, da sie durch etwaige Zugriffsmöglichkeiten und Kooperationen von einem solchen Projekt ebenfalls profitieren könnten. Ein „KI-Manhattan-Projekt“ könnte ferner dazu beitragen, Sicherheitsstandards und eine Art Staatsdoktrin in Bezug auf strategische KI – besonders im Hinblick auf autonome Waffensysteme – festzulegen.


Doch eine solche Zentralisierung birgt auch Gefahren. Innovationen könnten gebremst werden, wenn die Dynamik privater Unternehmen fehlt. Zudem würde ein solcher Ansatz andere Staaten dazu bewegen, ebenfalls aufzurüsten – ein digitales Wettrüsten, das dem historischen Wettlauf um die Atombombe gleicht.


Die Zukunft der KI wird nicht nur von technologischen Fortschritten, sondern auch von politischen und geostrategischen Entscheidungen geprägt sein. Ob es tatsächlich zu einer Verstaatlichung der KI-Entwicklung kommt, wird sich zeigen. Klar ist jedoch, dass Staaten eine zunehmend aktive Rolle einnehmen werden. Heute wird – als Folge des Manhattan-Projekts – die Welt in Länder mit und ohne Atomwaffen geteilt. Doch schon morgen könnte die Welt in Länder mit und ohne strategische KI-Fähigkeiten geteilt und durch ein digitales Gleichgewicht des Schreckens geprägt sein.