Mit dem Aufstieg Künstlicher Intelligenz wächst auch die Angst vor den möglichen Risiken. Panikmache oder gerechtfertigte Sorgen?
Künstliche Intelligenz (KI) und ihre Nutzungsmöglichkeiten dringen in immer mehr Bereiche des Lebens vor. Dies äußert sich auch in den astronomischen Summen von mehreren hundert Milliarden US-Dollar, die von Staaten für die entsprechende Infrastruktur, Forschung und Entwicklung bereitgestellt werden. Wir befinden uns bereits mitten in einem Wettrüsten, das an den Kalten Krieg erinnert. Dass dieser Rüstungswettlauf zum Kollaps eines ganzen Staates – wie damals der Sowjetunion – führen kann, ist mittlerweile ein denkbares Zukunftsszenario.
Um zu verstehen, wie gravierend KI nicht nur die technischen Entwicklungen der nächsten Jahre dominieren wird, muss man sich vergegenwärtigen, in welchen Größenordnungen Staaten bereits involviert sind. So planen die USA mit dem Stargate-Projekt 500 Milliarden US-Dollar in KI-Infrastruktur zu investieren. Darüber hinaus mit dem CHIPS and Science Act weitere 280 Milliarden US-Dollar für Forschung und Entwicklung, davon 52,7 Milliarden US-Dollar für die Halbleiterindustrie. Bereits diese Summen übersteigen das BIP von Ländern wie Argentinien, Singapur oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nichtsdestotrotz sieht ein parteiübergreifender Gesetzesvorschlag vor, weitere 32 Milliarden US-Dollar in die KI-Entwicklung – speziell mit dem Ziel, die technologische Führung gegenüber China beizubehalten – zu investieren.
Auch China stellt gigantische Summen bereit, um zu den USA aufzuschließen. So wurde im Januar 2025 ein staatlicher KI-Fonds mit einem Startkapital von 60 Milliarden Yuan (ca. 8,2 Milliarden US-Dollar) ins Leben gerufen und zusätzlich werden über den Big Fund III weitere 47,5 Milliarden US-Dollar für die Halbleiterindustrie bereitgestellt. Obwohl es sich hierbei im internationalen Vergleich um hohe Summen handelt, wirken sie im Vergleich zu den Zahlen aus den USA eher bescheiden. Vor allem, da in den USA 2024 mit 109,1 Milliarden US-Dollar im Vergleich zu China mit „nur“ 9,3 Milliarden US-Dollar fast das zwölffache (!) an privaten Investitionen in KI geflossen ist. Doch die Stärke Chinas äußerte sich in der Vergangenheit immer wieder darin, mit vergleichsweise geringen Investitionen große Entwicklungen durchlaufen zu können. So soll auch das Startup DeepSeek in nur zwei Monaten für unter 6 Millionen US Dollar – einem Bruchteil der Entwicklungskosten für ChatGPT von mehreren hundert Millionen US-Dollar – einen wettbewerbsfähigen generativen KI‑Prototypen auf den Markt gebracht haben, der mit ChatGPT mithalten und bei mathematischen und programmiertechnischen Aufgaben sogar übertreffen kann. Die Gründe dafür liegen unter Anderem in den geringeren Lohn- und Infrastrukturkosten und der allgemein hohen Effizienz in China. Die in Deutschland für KI-Forschung und Entwicklung geplanten 1,6 Milliarden Euro wirken im Vergleich zu den USA und China geradezu mickrig.
Die nächsten Jahre halten allerdings auch einige Herausforderungen für die weitere KI-Entwicklung in China bereit. Angefangen mit den kürzlich von US-Präsident Donald Trump verhängten Handelszöllen, zu denen auch Exportbeschränkungen für Hochleistungsmikrochips von NVIDIA zählen. Diese Mikrochips sind schwer zu ersetzen, da es weltweit nur wenige Unternehmen gibt, die sie auf dem entsprechenden Spitzenniveau herstellen können, was der Taiwan-Frage zusätzliche Brisanz verleiht. In Taiwan befindet sich mit TSMC nämlich der weltweit größte Auftragsfertiger für Halbleiterprodukte. Der KI-Wettlauf könnte den Chinesen daher zusätzliche Motivation für eine militärische Invasion in Taiwan liefern. Ein Schritt, der zu kaum vorhersehbaren Konsequenzen für die ganze Welt führen würde.
Bisher konnten die Chinesen zwar bei vielen Anwendungs- und Mittelklasse-Szenarien, wie zum Beispiel Smart-City-Lösungen und Automatisierung mit einem geringeren Budget überaus gute und schnelle Ergebnisse erzielen. Die USA haben jedoch weiterhin im technologischen Spitzenbereich die Pole Position inne. So sind weltweit einzig die USA in der Lage Super-KI-Modelle mit über 1 Billion Parametern, von denen über 100 Milliarden aktiv genutzt werden, zu entwickeln. KI-Modelle bestehen aus einem Netzwerk von Parametern, mit denen sie Sprache verstehen und generieren. Je mehr Parameter, desto leistungsfähiger, komplexer und rechenintensiver, aber auch teurer wird es. Darüber hinaus können die USA deutlich leistungsfähigere Hardware, wie beispielsweise die NVIDIA H100 GPUs vorweisen, die speziell für Deep Learning ausgelegt sind. Zehntausende dieser GPUs (Grafikprozessoren) laufen in Supercomputer-Clustern. Das sind Rechenzentren, die teils Strom in der Größenordnung einer US-Kleinstadt verbrauchen. Unternehmen wie Google und OpenAI können außerdem durch ihre jahrelange Arbeit im Machine Learning und Big Data auf deutlich hochwertigere Datenquellen zurückgreifen als ihre Konkurrenten, wie Huawei und Tencent.
Mit den massiven Investitionen, die in den nächsten Jahren von der US-Regierung für KI bereitgestellt werden, wird es für die Chinesen zusehends schwieriger, den Anschluss zu behalten. Diese Aussicht könnte Peking zu einem Schritt veranlassen, vor dem bereits seit Jahren gewarnt wird: KI-getriebene KI-Entwicklung. Dies stellt einen Akt dar, der kaum vorhersehbare Folgen mit sich bringt. Je nachdem, wie weit dabei die Einbindung von KI in kritische Systeme erfolgt, könnte dies zu unumkehrbaren Folgen führen. Sollten die Chinesen in diesem (noch) fiktiven Szenario in der Lage sein, zu den USA aufzuschließen oder sie gar zu überholen, sähe sich Washington gezwungen, gleichzuziehen und denselben Schritt zu unternehmen – also KI durch KI entwickeln zu lassen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die beiden führenden KI-Nationen ihre KI-Entwicklung an die KI selbst abgegeben; ein Vorgang mit völlig ungewissen Folgen! Dominierte früher die Sorge, dass einzelne Unternehmen solche Schritte gehen könnten, so war in solchen Szenarien auf Regulierung durch die jeweilige Regierung Verlass, da diese definitiv einschreiten würde, um einen Kontrollverlust zu verhindern. Wenn jedoch zwei (oder mehr) Regierungen sich selbst dazu entscheiden, die Entwicklung (zumindest teilweise) an die KI abzugeben, entfiele auch das staatliche Korrektiv. Ferner würde ein solcher Schritt eine Dynamik auslösen, die zu einem globalen KI-Wettrüsten auf völlig neuem Niveau führt. Staatlicher Kontrollverlust und sogar des Menschen selbst – früher ein reines Science-Fiction-Szenario à la George Orwell, doch heute (bzw. morgen) ein nicht völlig auszuschließendes Zukunftsszenario.
Ein weiteres, nicht zu vernachlässigendes Risiko stellen die immer weiter anwachsenden Strom- und Infrastrukturkosten für die Entwicklung und den Betrieb von KI dar. Während heute Rechenzentren bereits 2,5-3 % des gesamten US-Stroms verbrauchen, werden es der Internationalen Energieagentur (IA) zufolge bis 2030 wahrscheinlich 6-8 % sein. Der KI-Anteil davon wird bei schätzungsweise 30-40 % liegen. Die US-Regierung stellt bereits jetzt Investitionspakete für KI in Milliardenhöhen bereit, während Teile der eigenen Bevölkerung und Innenstädte verwahrlosen. So sind 770.000 Menschen offiziell obdachlos, wobei Personen, die in überfüllten, informellen Unterkünften oder in ihren Autos wohnen noch nicht einmal mitgerechnet werden. Wird die sogenannte verdeckte Obdachlosigkeit mitrechnet, kommt man je nach Schätzung auf 3-5 Millionen Obdachlose in den USA. Durch die zu erwartende Stromkostenexplosion könnte sich die soziale Frage enorm zuspitzen, da einkommensschwache Haushalte einen besonders hohen Anteil für Strom ausgeben und daher grundsätzlich stärker von Energiearmut betroffen sind. Bei den verhärteten Fronten und soziopolitischen Bruchlinien in den USA könnte jede weitere Entwicklung das (soziale) Fass zum Überlaufen bringen.
Die Gefahren durch die weitere KI-Entwicklung sind also vielfältig. Zum einen die handelspolitische Isolation und das Abschneiden Chinas von hoch performanten Mikrochips, was den entscheidenden Grund zu einem Angriff auf Taiwan liefern könnte. Zum anderen die Gefahr eines Kontrollverlusts durch die Entwicklung von KI durch KI. Außerdem jene Risiken, die sich aus hohen Strom- und Infrastrukturkosten ergeben. Ob und inwiefern diese Entwicklungen eintreten werden, bleibt abzuwarten. Dass durch KI eine neue Komponente in die Welt der geostrategischen Auseinandersetzungen eingekehrt ist, steht jedoch außer Frage. Einige der genannten Dynamiken könnten so disruptiv sein, dass die Welt von morgen durch globale Machtverschiebungen, neue Kriege und den Zusammenbruch ganzer Staaten geprägt sein könnte.