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Ausland Die Transformation des Abu Muhammad al-Dschulani in Ahmad al-Scharaa

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ lautet eins der bekanntesten Zitate aus Goethes Tragödie „Faust“ und gibt die Persönlichkeit des syrischen Präsidenten Ahmad al-Scharaa – Protagonist einer politischen Tragödie Syriens – wieder. Noch sehen viele in ihm den Heilsbringer, doch vom islamischen Standpunkt aus betrachtet ist er der klassische Antiheld, weil er zu schwach ist, seine ehemals islamische Sichtweise zur Herrschaft zu vertreten, nachdem er an die Macht gekommen ist, und sich stattdessen den Marionetten angeschlossen hat, die er noch vor zehn Jahren zutiefst verachtete.

Vor nicht allzu langer Zeit galt Ahmad al-Scharaa im Westen noch als gefährlicher Dschihadistenführer Abu Muhammad al-Dschulani, auf den die USA ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt hatten, und heute schüttelt er als Syriens Präsident die Hand des US-Präsidenten Donald Trump. Das wirft die Frage auf, wie es sein kann, dass der Gründer der als Terrororganisation eingestuften Nusra-Front und ehemalige Führer von Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) diesen politischen Karrieresprung geschafft hat, ohne dass die Kolonialmächte seine Absetzung oder seinen Sturz herbeiführen wollen. Dies ist natürlich nur mit einem Sinneswandel Al-Scharaas zu erklären. Denn er hat nicht nur seinen ehemaligen Kampfnamen Abu Muhammad al-Dschulani abgelegt, den er seit dem Sturz Bashar al-Assads am 8. Dezember 2024 offiziell nicht mehr verwendet, sondern auch seine früheren islamischen Ideale, für die er einst bereit war, sein Leben zu opfern.

Anders als die klassischen Verräter in der islamischen Welt, wie der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman, der ägyptische Präsident Al-Sisi oder aber König Abdullah von Jordanien, um nur einige Marionetten des Westens zu nennen, weist Ahmad al-Scharaa eine Biographie auf, die nicht im Entferntesten erahnen lässt, dass er irgendwann ein von den Kolonialmächten akzeptierter Ersatz für Assad sein wird, der ihnen mehr als zwei Jahrzehnte loyal diente. Al-Scharaa hat sein Leben dem Dschihad und der Bekämpfung eines Tyrannenherrschers gewidmet und war bereit, dafür zu sterben. Zu Bashar al-Assad und allen anderen Herrschern in der islamischen Welt, mit denen er heute an einem Tisch sitzt, hatte er eine klare islamische Meinung und rechnete gnadenlos mit ihnen ab, ohne Konsequenzen zu fürchten. Vor fast genau zehn Jahren, im Mai 2015, strahlte der Sender Al Jazeera ein Interview mit Al-Scharaa aus – sein Gesicht war damals noch verhüllt –, in dem er die folgenden klaren Worte zu den Herrschern der islamischen Welt fand, zu denen er heute selbst gehört und deren Verrat er sich angeschlossen hat: „Wir verfügen über die größten menschlichen Ressourcen. Wir sind im Besitz der wichtigsten Wasserwege. Wir verfügen über die bedeutendsten geologischen Potenziale – sowohl an Bodenschätzen als auch an natürlichen Ressourcen und Ähnlichem. Wir besitzen riesige Nahrungsmittelvorräte. Das eigentliche Problem ist, dass ein Herrscher all diese Ressourcen nur dazu nutzt, um an seiner Macht und seinem Thron festzuhalten. So zahlen sie nun Tribut an Amerika. Diese Herrscher zahlen Tribut an Amerika, damit es sie an der Macht hält.“ Es ist, als hätte Al-Scharaa hier über sein zukünftiges Ich gesprochen, das heute Syrien regiert. Nun ist er selbst einer dieser Herrscher, die Tribut an die USA zahlen, um an der Macht zu bleiben.

Man kann an Al-Scharaa nicht den gleichen Maßstab anlegen wie an die anderen Regenten in der islamischen Welt. Diese waren schon immer Verräter und hatten in keiner Phase ihres Lebens den Ehrgeiz zu einer islamischen Herrschaft. Bei Al-Scharaa muss die Messlatte weitaus höher gelegt werden. Sein Verrat an der Umma wiegt angesichts seiner vergangenen Einstellung zu Macht und Herrschaft viel schwerer, weil er sich einst zu einer islamischen Herrschaft bekannt hat und eine rechtgeleitete Regentschaft anstrebte. Im Dezember 2013 sagte Al-Scharaa in einem Interview auf Al Jazeera auf die Frage zur politischen Zukunft Syriens: „Wir streben nicht danach, das Land zu regieren, sondern streben danach, dass die Scharia das Land regiert. Ob wir nun die Regenten sind oder aber keine Regenten, diese Angelegenheit interessiert uns nicht, sondern nur, dass die Scharia regiert, Gerechtigkeit herrscht, die Unterdrückung der Leute aufgehoben wird und eine rechtgeleitete islamische Regierung errichtet wird nach dem Plan des Propheten (s.), die danach strebt, die Länder der Muslime zu befreien, die Scharia Allahs, des Erhabenen, des Mächtigen umsetzt, Gerechtigkeit unter den Menschen ausübt und die Unterdrückung aufhebt. Das ist unser Ziel.“ Daraus ist zu verstehen, dass Al-Scharaa ein rechtgeleitetes Kalifat anstrebte, das die Scharia umsetzt und nicht auf die syrischen Grenzen beschränkt bleibt. Von ihm stammt auch die folgende Aussage: „So Allah (t.) will, erreichen wir nicht nur Damaskus, auch al-Quds erwartet uns, so Allah (t.) will.“ Heute wartet al-Quds (Jerusalem) jedoch vergeblich darauf, von Al-Scharaa befreit zu werden, der nun ganz im Gegenteil die Grenzen „Israels“ schützt.

Wie schon unter der Herrschaft Assads steht Syrien mit dem neuen Herrscher Ahmad al-Scharaa nach wie vor unter dem Einfluss der Kolonialmächte. So sagte die „gönnerhafte“ internationale Gemeinschaft auf der Geberkonferenz vom 17. März 2025 Syrien 5,8 Milliarden Euro zu. Mit Sicherheit ist dies kein selbstloses Geschenk an Syrien. Al-Scharaa weiß um die Abhängigkeit und den Verlust der politischen Entscheidungsfreiheit, wenn er solche Gelder annimmt, die natürlich an Gegenleistungen geknüpft sind. Noch vor zehn Jahren antwortete er auf die Frage, ob die Nusra-Front von irgendwelchen Staaten, einem System oder Geheimdiensten Angebote zur Unterstützung erhalten hätte: „Wir bieten grundsätzlich keinen Spielraum für solche Angebote. Jeder kennt unsere Meinung in klarer Weise, dass wir keine Unterstützung akzeptieren und nicht einmal zulassen, dass ein Abgesandter von diesen Leuten zu uns entsandt wird. Für uns ist diese Tür kategorisch geschlossen und wir öffnen sie nicht. Wir achten darauf, unabhängig in unseren Entscheidungen und unserem Willen zu bleiben.“ Die Gelder anderer Staaten und ihre Unterstützung anzunehmen, bedeutet also, sich ihrem politischen Willen und ihren Entscheidungen zu unterwerfen. Heute ist Al-Scharaa vollkommen fremdbestimmt, denn die Gelder und Hilfen geben ihm Staaten wie die USA nicht aus Nächstenliebe, sondern erwarten Gegenleistungen. Gegenleistungen bedeuten grundsätzlich Verrat und der Verrat Al-Scharaas an der Umma ist gewaltig.

Al-Scharaa hat mit seinen früheren Grundsätzen gebrochen, die er in der Vergangenheit als unveräußerlich propagierte. Sehr aufschlussreich sind die Behauptungen Robert Fords, des ehemaligen US-Botschafters Syriens, über Al-Scharaa. Er war zwischen 2011 und 2014 Botschafter in Syrien. In seinem Vortrag am 1. Mai 2025 vor dem World Affairs Council in Baltimore behauptete er, dass er 2023 von einer britischen NGO, die auf Konfliktlösungen spezialisiert sei, angesprochen worden sei, dabei zu helfen, Al-Scharaa aus der Welt des Terrorismus in die reguläre Politik zu holen. Ford traf sich im März 2023 mit Al-Scharaa und bei diesem Treffen weckte vor allem ein Satz, den Al-Scharaa sagte, das Interesse Fords. Al-Scharaa, der damals die Provinz Idlib und angrenzende Gebiete im Nordwesten Syriens kontrollierte, soll laut Ford gesagt haben: „Wissen Sie, jetzt regiere ich ein von der Opposition gehaltenes Gebiet im Nordwesten Syriens und ich lerne, dass die Taktiken und Prinzipien, die ich im Irak verfolgt habe, nicht anwendbar sind, wenn man tatsächlich vier Millionen Menschen regieren muss. Ich lerne, dass man Kompromisse eingehen muss, um zu regieren.“ Das entscheidende Stichwort, das hier in Zusammenhang mit dem Regieren gefallen ist und Ford als Vertreter einer Kolonialmacht aufhorchen ließ, lautet „Kompromisse“. Damit hatte Al-Scharaa den Eignungstest der Kolonialmächte zu seiner Rehabilitierung bestanden. Denn wenn er Kompromisse einging, hieß das, dass er nicht mehr bedingungslos an einer islamischen Herrschaft festhalten würde und man ihm Angebote unterbreiten kann. Es folgten laut Ford weitere geheime Treffen. Am Ende ist nicht viel von dem Mann übrig, der einst behauptete, keine Abgesandten zu empfangen, um jeder Form des Einflusses und der Fremdbestimmung vorzubeugen.

Ahmad al-Scharaa hat einen politischen Weg eingeschlagen, den er vor Jahren noch als islamisch unzulässig verurteilte. So sagte er über Muhammad Mursi, der von 2012 bis 2013 in Ägypten regierte, und über die Muslimbrüder, zu denen Mursi gehörte: „Die Muslimbrüder haben sich dem Willen des Westens unterworfen und sich ihnen gefügt und angepasst, sogar mehr als der Westen von ihnen gefordert hat. So bekämpfte Mursi die Mudschahidin in Sinai, akzeptierte die Beschlüsse von Camp David […], trat den Vereinten Nationen bei, regierte nicht mit der Scharia Allahs, des Erhabenen, des Mächtigen, akzeptierte die Parlamente und Wahlen und alles, was Amerika wollte. Und was war der Preis? Nicht Al-Sisi hat einen Putsch gegen Mursi durchgeführt, sondern die Amerikaner haben einen Putsch gegen Mursi durchgeführt und Al-Sisi hierzu benutzt. Und deshalb ist dies nicht der richtige Weg.“ Al-Scharaa weiß also ganz genau, dass der demokratische Weg, demokratische Wahlen, die Beteiligung an Organisationen wie der UNO, die Unterwerfung unter den US-amerikanischen Willen und die Erfüllung aller US-amerikanischen Forderungen falsch sind und nicht zum Erfolg führen. Eine Marionette an der Macht kann jederzeit mithilfe einer anderen Marionette beseitigt und durch diese ersetzt werden, wenn die USA es wollen. Vor diesem Hintergrund ist Al-Scharaa nichts anderes als eine Marionette, die eine andere Marionette gestürzt hat und nun unter dem amerikanischen Damoklesschwert sitzt, das jederzeit auf ihn herabfallen könnte, um Platz zu schaffen für einen Nachfolger, der den USA besser dient als er.

Wer trotz allem noch den Helden in Ahmad al-Scharaa sieht, der Syrien vom Assad-Regime befreit und die Aufhebung der Sanktionen herbeigeführt hat, sollte sich die Dimension des Verrats an den Muslimen vergegenwärtigen, den Al-Scharaa mit der Anerkennung „Israels“ krönen möchte, nachdem Trump ihn dazu aufgefordert hat, die Abraham-Abkommen zu unterzeichnen, in denen es um die Normalisierung der Beziehungen der arabischen Staaten zu „Israel“ geht. Al-Scharaa hat seine Bereitschaft dazu gezeigt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch er diesen Pakt mit dem Teufel schließt und seine Seele endgültig verkauft. Der Wandel in seiner Einstellung spiegelt sich auch in seiner Wortwahl wider. Er spricht nicht mehr von zionistischer Entität, sondern von „Israel“, so dass die Unterzeichnung der Abraham-Abkommen nur noch eine Formalität darstellt. Das bedeutet, dass Al-Scharaa in Zukunft normale Beziehungen zu einer Besatzungsmacht pflegen will, die die schlimmsten Verbrechen an den Menschen in Gaza begeht und deren Grausamkeit gegen Muslime unendlich steigerungsfähig ist. Genau wie seine herrschenden Mitstreiter in der islamischen Welt hat er sich zur seelenlosen Marionette machen lassen, deren einziges Anliegen es ist, sich an der Macht zu halten, auch wenn das bedeutet, seine Hände in das Blut der Muslime zu tauchen, die „Israel“ auf dem Gewissen hat.

Die Kritik an dem Mann, der Assad gestürzt und die Aufhebung der Sanktionen über Syrien herbeigeführt hat, mag bei dem einen oder anderen auf Unverständnis oder sogar Ablehnung stoßen. Doch man kann zu keiner anderen Bewertung kommen, wenn man den islamischen Maßstab an Al-Scharaa anlegt. Man kann einen Regenten nur daran bemessen und nicht etwa an den „Erleichterungen“, die er für sein eigenes Volk, in diesem Fall das syrische, erreicht hat. Eine Erleichterung für die Menschen geht ohnehin mit der islamischen Herrschaft einher. Dafür muss man den Islam nicht preisgeben. Wie leicht wäre es damals für den Gesandten Allahs (s) gewesen, die Herrschaft in Mekka zu erlangen, wenn er Kompromisse eingegangen wäre? Doch er lehnte alle Angebote ab, die man ihm machte, und sagte bei aller Beschwerlichkeit:

«والله لو وضعوا الشمس في يميني، والقمر في يساري على أن أترك هذا الأمر حتى يظهره الله، أو أهلك فيه، ما تركته»

Bei Allah, selbst wenn sie mir die Sonne in meine Rechte und den Mond in meine Linke legten, damit ich von dieser Angelegenheit ablasse, so würde ich nicht davon ablassen, bis Allah sie zum Durchbruch führt oder ich darin untergehe.

Und am Ende errichtete er das Kalifat in Medina, von wo aus sich die islamische Herrschaft über weite Teile der Welt ausbreitete. Kein Machtangebot und kein Boykott – heute spricht man von Sanktionen – konnten den Gesandten Allas (s) davon abbringen, an der islamischen Methode festzuhalten und mit dem Islam zu regieren.