Das vom Westen dominierte Welthandelssystem gerät ins Wanken. Zentrale ökonimische Eckpfeiler, die der Welt stets als alternativlos präsentiert wurden, nehmen nun auch die noch führende Volkswirtschaft in den Zangengriff.
Der von Donald Trump am 02. April ausgerufene Liberation Day markierte einen Wendepunkt in der globalen Wirtschaftsordnung und gilt vielen bereits als historischer Rückschritt für das multilaterale Handelssystem. Es war der Auftakt für die zum Teil erratische Zollpolitik des US-Präsidenten, die der Wirtschaft kaum noch Planungssicherheit bietet und die ohnehin volatilen Finanzmärkte zusätzlich erschüttert. Und auch das am 27. Juli erzielte Handelsabkommen mit der EU scheint die Lage nicht zu beruhigen, sondern die Gemüter weiter zu erhitzen.
Das von der Trump-Regierung im April vorgelegte Paket sah eine Reihe einseitiger Handelsmaßnahmen vor, darunter eine Erhöhung der Einfuhrzölle auf alle ausländischen Importe um 10 Prozentpunkte. Zusätzlich wurden länderspezifische reziproke Zölle erlassen – für Länder mit Handelsüberschüssen gegenüber den USA. Diese verhängten und dann durch ein Memorandum zunächst ausgesetzten Zölle, dienen Beobachtern zufolge vor allem der Verbesserung seiner Verhandlungsposition durch das Schüren allgemeiner Verunsicherung auf den Finanzmärkten und Einschüchterung der betroffenen Länder. Bis auf die tatsächlich verhängten, exorbitanten Zölle auf Importe aus China, wolle Trump eine Drohkulisse aufbauen, um ein dauerhaft höheres Zollniveau zu schaffen, deren eigentliches Ziel darin bestehe, die politische und wirtschaftliche Abhängigkeit der einstigen Verbündeten zu festigen. Grundlage dafür ist die America First Trade Policy, die darauf abzielt, die Handelsbeziehungen einseitig zugunsten der USA umzuwälzen und Zugeständnisse zu erzwingen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Staaten wie China oder um langjährige Verbündete wie Mexiko, Kanada oder die EU handelt. Kritiker mahnen, dass Trump auf diese Weise sowohl das globale System der Welthandelsorganisation (WTO) infrage stellt als auch die G7 und die transatlantischen Beziehungen, die bislang die Grundlage für Bündnisse und Allianzen bildeten. Dass die USA die Regeln der WTO nicht mehr als Grundlage für die Handelspolitik akzeptieren, zeigte sich bereits während Trumps erster Amtszeit. Unter Verweis auf die nationale Sicherheit sollten Zölle eingesetzt werden, um den amerikanischen Markt zu schützen (Stahl-, Aluminium- und Autoindustrie), Verhandlungen zu erzwingen und vermeintlich unfaire Marktpraktiken zu bekämpfen, um die eigene Handelsbilanz zu verbessern.
In diesem Zusammenhang spielt die Idee reziproker – also wechselseitiger – Zölle eine zentrale Rolle. Die USA hatten in der Nachkriegszeit ihre Zölle gesenkt, um den Wiederaufbau Europas zu fördern. Jene Länder, die davon profitierten, haben ihrerseits die Zölle jedoch nicht reduziert. Dadurch hätte sich die globale Handelsstruktur zum Nachteil der USA verändert und Wirtschaftsräumen wie der EU und später auch China eine dominante Position verschafft. Diese ungleichen Wettbewerbsbedingungen sollen gemäß der Rebalancing-Theorie wieder ausgeglichen werden. Damit versucht die US-Regierung die Welthandelsordnung nach eigenen Vorstellungen völlig neu zu ordnen. Langfristiges Ziel ist es, die US-Industrie zu stärken, die Produktion in den USA zu fördern und das Handelsdefizit zu verringern. Doch viele Beobachter sind der Auffassung, dass die Zollpolitik Trumps in einem weitaus größeren Kontext verstanden werden muss. So glaubt der Ökonom Hans-Werner Sinn, dass Trumps Zolldrohungen und der damit einhergehende wirtschaftliche Druck auf Handelspartner die Zahlungsunfähigkeit der USA abwenden sollen. Hinweise darauf ergeben sich aus dem sogenannten Mar-A-Lago-Accord. Dahinter verbirgt sich ein 40-seitiges Papier, veröffentlicht von Trumps Wirtschaftsberater Stephen Miran im November 2024 mit dem Namen A User‘s Guide to Restructuring the Global Trading System. Dieses Papier sieht vor, dass die USA eine globale Abwertung des US-Dollars erzwingen sollten, um die heimische Industrie zu stärken. Denn der hoch bewertete Dollar führt dazu, dass amerikanische Industrieprodukte auf den Weltmärkten verhältnismäßig teuer sind. Das von Trump beklagte Exportdefizit der USA vergrößert sich infolgedessen und macht zugleich Importe aus dem Ausland attraktiver. Weil der starke US-Dollar auch eine beliebte Anlage- und Handelswährung ist, kann die USA dieses Defizit bis heute mit enormen Staatsschulden gegenfinanzieren: Statt US-Industrieprodukte kauft die Welt US-Dollar in Form von Staatsanleihen. Und genau auf diesen Aspekt zielt der Plan ab: Auf die Umstrukturierung der US-Staatsverschuldung. Dabei sollen die Laufzeiten der Staatsanleihen auf bis zu 100 Jahre ausgedehnt und die Zinsen nahezu auf Null gesenkt werden. Diese Jahrhundertanleihen sollen von internationalen Investoren gekauft werden – eine Maßnahme, die eine Umschuldung ermöglicht, ohne jedoch das Vertrauen in den US-Dollar vollständig zu zerstören. Denn die USA ächzen unter überbordenden Zinszahlungen an ihre ausländischen Gläubiger. Mittlerweile belaufen sich die US-Staatsschulden auf etwa 36 Billion Dollar. Allein für Zinsen mussten die USA im Jahr 2024 1,2 Billionen Dollar aufwenden. Für das Jahr 2025 werden die Zinszahlung schätzungweise 30 Prozent der Staatseinnahmen beanspruchen. Damit stellen sie eine enorme Belastung für den US-Haushalt dar, und verringern den finanziellen Spielraum für Ausgaben in Bildung, Infrastruktur und Verteidigung. Schon jetzt weisen Experten darauf hin, dass die USA jährlich mehr Geld für Zinsen als für das Militär ausgeben. Somit bestehe das eigentliche Ziel der Zölle darin, die Bereitschaft der anderen Länder zu stärken, den USA mit öffentlichen Mitteln und gegebenenfalls auch Umschuldungsmaßnahmen gesichtswahrend unter die Arme zu greifen, erklärt Sinn. Auf die Gefahr hin, dass die Gläubiger einem solchen Tausch nicht zustimmen, würden die USA neben den Zöllen auch damit drohen, dem jeweiligen Land den militärischen Schutz zu entziehen.
Stephen Mirans Plan stellt einen gewagten Versuch dar, das finanzielle Gleichgewicht der Weltwirtschaft zu beeinflussen. Während einige Experten in seinen Ideen eine langfristige Lösung für die US-Wirtschaft sehen, warnen andere vor den unvorhersehbaren Risiken und den globalen Folgen eines solchen Schritts. So warnt beispielsweise die europäische Denkfabrik Bruegel: Demnach können US-Staatsanleihen nicht mehr als die sichersten Vermögenswerte der Welt angesehen werden, die von dem exorbitanten Previleg der USA als Emittent der Weltreservewährung profitieren. Der Mechanismus, durch den die USA mit ausländischem Kapital ihr Handels- und Haushaltsdefizit finanzieren, ist nun in Gefahr. Damit könnte auch die Zukunft des Dollars als allmächtige Reservewährung in Frage gestellt werden.
Inwieweit Donald Trump tatsächlich bereit sein wird, diesen Plan vollständig in die Realität umzusetzen, bleibt abzuwarten. Offiziell gilt das Mar-A-Lago-Papier noch als eine Ideensammlung, die in Trump-nahen Kreisen herumschwirrt, denn als konsistenter Plan der Regierung. In jedem Fall aber sollte die Überschuldung der USA und die immense Zinslast der Welt die Fragilität der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vor Augen führen. Nach der Weltfinanzkrise 2008 und der Eurokrise 2010 droht das sogenannte System der freien Marktwirtschaft zum dritten Mal in zwei Dekaden ganze Volkswirtschaften in den Abgrund zu stürzen. Doch in diesem Fall sind es nicht Staaten wie Griechenland, denen man mangelnde Haushaltsdisziplin unterstellen und ihnen anschließend eine restriktive Austeritätspolitik verordnen kann. Denn nun geht es um die Vereinigten Staaten von Amerika – die globale Supermacht und größte Volkswirtschaft der Welt – die seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse leben und jetzt vor einem astronomischen Schuldenberg sitzen, der niemals vollständig zurückgezahlt werden kann.
Doch an dieser Stelle wenden kapitalistische Ökonomen ein, dass die Staatsschulden insgesamt betrachtet keineswegs ein zentrales Problem darstellen. Denn eine vollständige Schuldentilgung würde aus ihrer Sicht eine Wirtschaft hinterlassen, die aufgrund harter Sparmaßnahmen am Boden liegt. Eine Regierung könnte kaum noch in Bildung und Infrastruktur investieren, Wachstum würde man auf diese Weise im Vorfeld bereits abwürgen. Genau darin sehen viele Ökonomen auch die Lösung für das Problem der Staatsverschuldung. Nicht allein durch Tilgung soll der Schuldenberg abgebaut werden, sondern durch Wirtschaftswachstum, der langfristig die Schuldenquote reduzieren soll. Auch wenn in diesem Kontext historische Beispiele angeführt werden, so beweist Trumps Zollpolitik und die Einschätzung seiner Wirtschaftsberater, dass dieser Ansatz unter den gegebenen Voraussetzungen nicht funktionieren kann. Denn neben den ohnehin massiven Schulden sind es vor allem die jährlich zu zahlenden Zinsen, die sich nicht einfach durch einen Konjunkturaufschwung ausgleichen lassen. Gleichwohl stehen die USA sinnbildlich für eine liberale Wirtschaftspolitik, in der aufgrund geringer staatlicher Regulierung, ein äußerst unternehmer- und investitionsfreundliches Klima herrscht. Die US-Regierung unterstützt die Gründung und das Wachstum von Unternehmen, indem es sie mittels niedriger Steuern und Deregulierung entlastet. Dies wird nun zusätzlich durch den sogenannten One Big Beauriful Bill mittels stimulierender Maßnahmen flankiert. Die erforderlichen Rahmenbedingungen für Wirtschaftswachstum sind aus kapitalistischer Sicht somit mehr als gegebeben. Dass der Mar-A-Lago-Accord die Lösung des Problems dennoch in einer Umstruktrurierung der US-Staatsverschuldung sieht, veranschaulicht, wie das vielgepriesene Wachstumsparadigma den wirtschaftspolitischen Herausforderungen nicht gerecht wird und das Schuldenproblem im Grunde weiter verschärft.
Die Zollpolitik der US-Regierung offenbart also einmal mehr die systemischen Unzulänglichkeiten der kapitalisitischen Wirtschaftsordnung. Dass die USA derzeit an ihren Schulden zu ersticken drohen, ist auf die eigenen ökonomischen Dogmen zurückzuführen und nicht lediglich auf falsch getroffene Policy-Entscheidungen. Gerade der Zinsmechanismus in Verbindung mit der Rolle von Schulden im Kapitalismus schafft ein System, in dem die Verschuldung keine Ausnahme mehr darstellt, sondern zur Regel – ja sogar zur Bedingung – wirtschatlicher Prosperität verklärt wird und das auf allen Ebenen – angefangen von den Privathaushalten bis hin zum Staat. Auf Dauer entpuppt sich dieses System bestehend aus Verschuldung und Zinsen jedoch als tickende Zeitbombe, die in regelmäßigen Abständen explodieren muss. Es bringt Staaten früher oder später an den Rand der Insolvenz und vor dieser Gefahr stehen aktuell die USA. Zugleich besitzt der Kapitalismus keine inhärenten Mechanismen, um das Problem massiver Staatsverschuldung nachhaltig zu lösen. Aus diesem Grund nutzt die US-Regierung ihre globale Machtstellung, um sich mit politischen Druckmitteln – wie zum Beispiel durch Zölle – aus der Schuldenkrise zu befreien.
Vor diesem Hintergrund sollten die Muslime die gegenwärtigen Handelskonflikte und das Problem der massiven Staatsverschuldung in den USA zum Anlass nehmen, sich auf den Islam als umfassendes System zu besinnen. So steckt auch die islamsiche Welt in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Doch diese Schwierigkeiten konnten und werden sich auch zukünftig nicht durch das kapitalistische Wirtschaftssystem beseitigen lassen. Vielmehr können auch hier ausschließlich die islamsichen Problemlösungen greifen, die unter anderem durch das Zinsverbot und einem grundsätzlich anderen Denkansatz derartige Krisen gar nicht erst entstehen lassen. Der Paradigmenwechsel, den die Umma zu vollziehen hat, muss folgerichtig auch auf ökonomischer Ebene stattfinden.