Die Bemühungen der Feinde des Islam bündeln sich in dem Versuch, das wahre Wesen des Islam zu verschleiern und ihn seines eigentlichen Gehalts zu entleeren – nämlich als Ideologie, die ein spirituell-politisches Überzeugungsfundament (ʿaqīda) besitzt. Ebenso verfügt sie über ein umfassendes und vollständiges System, das das Verhalten von Individuen wie auch von Gemeinschaften regelt. Stattdessen wird er so dargestellt, als sei er eine rein klerikale Religion, die mit dem Leben – insbesondere mit Regierung und Herrschaft – nichts zu tun habe, sondern lediglich eine Angelegenheit zwischen dem Diener und seinem Herrn sei, nicht mehr.
Die offenkundigsten Täuschungsversuche sind jene, die sich in ihrer Argumentation auf die Texte des Islam – den Qurʾān und die Sunna – stützen, um den Islam auf die gottesdienstlichen Handlungen (ʿibādāt) zu beschränken. Dabei wird bewusst nur auf bestimmte Texte zurückgegriffen, während andere unbeachtet bleiben, und es wird versucht, die partikulare Bedeutung dieser Texte zu verallgemeinern und sie allein als Maßstab für das Wesen des Islam auszugeben. Ziel dessen ist es, die Umma vom wahren Verständnis des Islam abzubringen – nämlich von seiner immerwährenden Realität als einzige Ideologie, die imstande ist, den Menschen zu erheben und ihn glücklich zu machen. Die Zeitschrift al-Waie stellt in diesem Beitrag den Sachverhalt klar und beleuchtet den tatsächlichen Stellenwert der islamischen Texte in dieser Frage, um die richtige Bedeutung des Islam darzulegen.
„Islam“ in seiner sprachlichen Bedeutung: Im Sprachlexikon „al-Qāmūs al-muḥīṭ“ heißt es dazu: [„Silm“ bedeutet Frieden und auch Islam, wird der mittlere Konsonant durch ein „a“ vokalisiert (ausgesprochen als: salam) erhält das Wort die Bedeutung von „salaf“, also Vorschussverkauf, und ebenso von Ergebung (istislām) sowie von gefügiger Hingabe und Frieden. „Aslama“ bedeutet: sich zu fügen, zu unterwerfen und Muslim zu werden.] (Bd. 4, S. 131) Demnach bedeutet „islām“ in der arabischen Hochsprache Unterwerfung und Ergebung, wie es al-ʿAsqalānī in seinem Werk Fatḥ al-Bārī (Bd. 1, S. 79) erwähnt und bestätigt hat.
Dies ist die sprachliche Bedeutung des Wortes „islām“. Wie man jedoch sehen kann, beantwortet sie nicht die Fragen, die sich zu diesem Thema stellen. Daher ist es notwendig, zu den normativen Texten des Islam (nuṣūṣ šarʿiyya) zurückzukehren, um zu prüfen, ob das islamische Recht dem Begriff „islām“ eine oder mehrere Bedeutungen zugewiesen hat, die über die sprachliche Bedeutung hinausgehen.
Die normativ-rechtliche Bedeutung von „islām“: Bei Rückgriff auf die normativen Texte (nuṣūṣ šarʿiyya) und ihrer sorgfältigen Analyse zeigt sich, dass das islamische Recht den Begriff „islām“ in mehr als einer Bedeutung verwendet hat. Die Texte, in denen dieses Wort vorkommt, weisen auf drei ersichtliche Bedeutungen hin, bei denen sich spezielle und allgemeine Fälle unterscheiden lassen. Im Foglenden die Erläuterung dazu:
1. Islam in der Bedeutung von īmān: Hier erscheint der Begriff „islām“ in der Bedeutung von Affirmation des Überzeugungsfundaments (taṣdīq bi-l-ʿaqīda) bzw. des Prinzips des reinen Monotheismus (aṣl at-tauḥīd), mit dem alle Propheten und Gesandten – Friede sei auf ihnen – entsandt wurden, und zwar unabhängig von den daraus folgenden Rechtsvorschriften und Handlungen, denn die Gesetze und Vorschriften, mit denen die Propheten entsandt wurden, unterschieden sich. So sagt der Erhabene:
﴿لِكُلٍّ جَعَلْنَا مِنْكُمْ شِرْعَةً وَمِنْهَاجًا﴾
Für jeden von euch haben Wir einen Gesetzesweg und einen Handlungsplan bestimmt.[5:48]
Übereinstimmung unter allen Propheten herrschte vielmehr in ihrer Grundbotschaft, im Monotheismus und im fundamentalen Glaubensbekenntnis, wie es der Erhabene im folgenden Vers konstatiert:
﴿شَرَعَ لَكُمْ مِنْ الدِّينِ مَا وَصَّى بِهِ نُوحًا… ﴾
Von der Glaubensordnung (dīn) hat Er euch vorgeschrieben, was Er Noah ans Herz legte.[42:13]
„Von der Glaubensordnung hat Er euch vorgeschrieben“ bedeutet, dass Er euch das Fundament der Glaubensordnung vorgeschrieben hat, nämlich das Bekenntnis zur Einzigkeit Allahs und den gesicherten Glauben an Ihn, erhaben sei Er. Dies ist es, was Er sämtlichen Propheten ans Herz gelegt hat. Die Texte, die diesen Sinn enthalten, sind zahlreich, dazu zählt die Aussage des Erhabenen:
﴿إِنَّ الدِّينَ عِنْدَ اللَّهِ الْإِسْلَامُ﴾
Wahrlich, der Glaube bei Allah ist der Islam.[3:19]
Dies nach der Auffassung derjenigen, die sagen, dass mit „Islam“ in diesem Kontext die Grundbotschaft gemeint ist, mit der alle Gesandten und Propheten entsandt wurden.
In seiner Exegese zu diesem Vers führt ibn Kaṯīr aus:
Hier teilt der Erhabene mit, dass Er von keinem Menschen eine andere Glaubensordnung annehmen wird, als die des Islam, nämlich der Befolgung der Gesandten in dem, womit Allah sie zu jeder Zeit entsandt hat, bis der Abschluss mit Muḥammad ﷺ erfolgte. Dieser hat alle Wege zu Allah verschlossen, außer den Weg Muḥammads ﷺ. Wer also Allah nach der Entsendung Muḥammads ﷺ mit einer anderen Glaubensordnung begegnet, die nicht seiner Scharia entspricht, so wird sie von ihm nicht angenommen. (Bd. 6, S. 354)
Beginnend mit den Worten „teilt … mit“ hin zur Feststellung „bis ihr Abschluss mit Muḥammad ﷺ erfolgte“, wird in dieser Exegese klar zum Ausdruck gebracht, dass der Islam die Glaubensordnung Allahs ist, mit der alle Gesandten und Propheten entsandt wurden, und er nicht ausschließlich auf die Botschaft Muḥammads ﷺ beschränkt ist. Vielmehr wurden alle Gesandten mit der Grundbotschaft entsandt: dem tauḥīd und dem unerschütterlichen Bekenntnis dazu, gefolgt von der Ergebung und Unterwerfung unter den Willen Allahs. Wird jedoch der in der Qurʾān-Aussage
﴿إِنَّ الدِّينَ عِنْدَ اللَّهِ الْإِسْلَامُ﴾
Wahrlich, der Glaube bei Allah ist der Islam[3:19]
erwähnte Begriff „Islam“ auf das beschränkt, womit Muḥammad ibn ʿAbdillāh ﷺ entsandt wurde, so würde es sich in diesem Fall um eine Spezifizierung (taḫṣīṣ) handeln, die aus dem Vers ebenfalls abgeleitet werden kann, da er beide Deutungen zulässt. Dann aber könnte der Vers für den hier angeführten Beweisgang nicht herangezogen werden. Doch weist der Kontext, in dem dieser Vers steht, darauf hin, dass die erste Auslegung gemeint ist. Betrachtet man nämlich den Zusammenhang, so wird am Beginn dieser Passage erwähnt, dass Allah, die Engel und die Wissenden die Einzigkeit Allahs bezeugen. Sodann wird festgestellt, dass die Glaubensordnung (dīn) bei Allah der Islam ist. Daran schließt sich im folgenden Satz die Darlegung der Haltung der Schriftbesitzer und ihrer Meinungsverschiedenheiten an. So sagt der Erhabene:
﴿شَهِدَ اللَّهُ أَنَّهُ لَا إِلَهَ إِلاَّ هُوَ وَالْمَلَائِكَةُ وَأُوْلُوا الْعِلْمِ قَائِمًا بِالْقِسْطِ لاَ إِلَهَ إِلاَّ هُوَ الْعَزِيزُ الْحَكِيمُ * إِنَّ الدِّينَ عِنْدَ اللَّهِ الْإِسْلَامُ وَمَا اخْتَلَفَ الَّذِينَ أُوتُوا الْكِتَابَ إِلَّا مِنْ بَعْدِ مَا جَاءَهُمْ الْعِلْمُ بَغْيًا بَيْنَهُمْ وَمَنْ يَكْفُرْ بِآيَاتِ اللَّهِ فَإِنَّ اللَّهَ سَرِيعُ الْحِسَابِ﴾
Allah bezeugt, dass es keinen Gott gibt außer Ihm; ebenso tun es die Engel und diejenigen, die Wissen besitzen, in Gerechtigkeit stehend. Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Allmächtigen, dem Allweisen. Fürwahr, der Glaube bei Allah ist der Islam. Doch diejenigen, denen die Schrift gegeben wurde, sind erst uneins geworden, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war – aus Mißgunst untereinander. Wer aber die Zeichen Allahs verleugnet, so wahrlich, Allah ist schnell im Abrechnen.“[3:18-19]
Dem Wortlaut nach bezieht sich hier die Betrachtung auf den Islam, dessen Zeugnis Allah, die Engel und die Wissenden abgelegt haben – der Islam, mit dem alle Propheten entsandt wurden. Die Meinungsverschiedenheiten unter den Schriftbesitzern und ihr Abweichen von dieser Glaubensordnung sind ausschließlich auf Übeltat und Missgunst zurückzuführen. Aš-Šaukānī führt in seiner Exegese zu diesem Vers an: Die Mehrheit der Gelehrten ist der Auffassung, dass „Islam“ hier im Sinne von īmān, also Überzeugung, zu verstehen ist. (Bd. 6, S. 326) In gleicher Weise verhält es sich mit der Aussage des Erhabenen in Sure al-Anʿām:
﴿فَمَنْ يُرِدْ اللَّهُ أَنْ يَهدِيَهُ يَشْرَحْ صَدْرَهُ لِلْإِسْلَامِ وَمَنْ يُرِدْ أَنْ يُضِلَّهُ يَجْعَلْ صَدْرَهُ ضَيِّقًا حَرَجًا كَأَنَّمَا يَصَّعَّدُ فِي السَّمَاءِ﴾
Wen Allah nun rechtleiten will, dem weitet Er die Brust für den Islam. Und wen Er irreleiten möchte, dem lässt Er die Brust eng und bedrängt werden, als ob er in den Himmel emporstiege.[6:125]
Der Vers behandelt das Thema Recht- und Irreleitung und bezieht sich somit auf die Frage des Glaubens (īmān). Folglich wird hier der Ausdruck „Islam“ anstelle des Begriffs īmān verwendet. Ibn Kaṯīr führt dazu aus: „Ibn ʿAbbās – möge Allah mit beiden zufrieden sein – kommentierte die Aussage des Erhabenen
﴿فَمَنْ يُرِدْ اللَّهُ أَنْ يَهدِيَهُ يَشْرَحْ صَدْرَهُ لِلْإِسْلَامِ﴾
Wen Allah nun rechtleiten will, dem weitet Er die Brust für den Islam.[6:125]
mit den Worten: Der Erhabene sagt, dass Er sein Herz dem tauḥīd und īmān öffnet. Gleiches erwähnen Abū Mālik und andere, wie es hier aus dem Wortlaut ersichtlich ist.](Band 2, S. 174) Aš-Šaukānī stellt hierzu fest: Der Ungläubige wird in der Schwere, die der īmān für ihn bedeutet, demjenigen gleichgesetzt, der sich etwas aufbürdet, was er nicht zu tragen vermag – wie etwa das Hinaufsteigen in den Himmel. (Bd. 2, S. 161) Entsprechungen zu dieser Aussage finden sich auch an anderen Stellen im Qurʾān, so etwa in der Aussage des Erhabenen:
﴿أَفَمَنْ شَرَحَ اللَّهُ صَدْرَهُ لِلْإِسْلَامِ فَهُوَ عَلَى نُورٍ مِنْ رَبِّهِ﴾
Ist denn der, dessen Brust Allah dem Islam geöffnet hat, sodass er ein Licht von seinem Herrn empfängt …?[39:22]
, und ebenso in Seiner Aussage:
﴿وَلَكِنَّ اللَّهَ حَبَّبَ إِلَيْكُمْ الْإِيمَانَ وَزَيَّنَهُ فِي قُلُوبِكُمْ وَكَرَّهَ إِلَيْكُمْ الْكُفْرَ وَالْفُسُوقَ وَالْعِصْيَانَ﴾
Jedoch hat Allah euch den Glauben lieb gemacht und ihn in euren Herzen ausgeschmückt und euch den Unglauben, die Frevelhaftigkeit und Widersetzlichkeit verhasst gemacht.[49:7]
Zu den Texten, in denen „Islam“ im Sinne von īmān gebraucht wird, zählt die Aussage des Erhabenen:
﴿قُلْ إِنَّ صَلَاتِي وَنُسُكِي وَمَحْيَاي وَمَمَاتِي لِلَّهِ رَبِّ الْعَالَمِينَ * لاَ شَرِيكَ لَهُ وَبِذَلِكَ أُمِرْتُ وَأَنَا أَوَّلُ الْمُسْلِمِينَ﴾
Sprich: „Wahrlich, mein Gebet, meine Opferung, mein Leben und mein Tod sind für Allah, den Herrn der Welten. Er hat keinen Teilhaber. Dies ist mir geboten, und ich bin der Erste der Muslime.“[6:163]
Ibn Kaṯīr erläutert hierzu: [Zur Aussage des Erhabenen
﴿وَأَنَا أَوَّلُ الْمُسْلِمِينَ﴾
und ich bin der Erste der Muslime[6:163]
sagte Qatāda: „Das heißt: der Erste aus dieser Umma.“ Es ist, wie er sagte, denn alle Propheten vor ihm riefen zum Islam auf. Sein Ursprung ist die alleinige Anbetung Allahs, ohne dass Ihm etwas beigesellt wird. So sagt Er:
﴿وَمَا أَرْسَلْنَا مِنْ قَبْلِكَ مِنْ رَسُولٍ إِلاَّ نُوحِي إِلَيْهِ أَنَّهُ لاَ إِلَهَ إِلاَّ أَنَا فَاعْبُدُونِ﴾
Und Wir haben vor dir keinen Gesandten entsandt, ohne dass Wir ihm offenbart hätten: Es gibt keinen Gott außer Mir, so dienet Mir.[21:25]
Ebenso berichtet uns der Erhabene von Noah (Nūḥ), dass er zu seinem Volke sprach:
﴿فَإِنْ تَوَلَّيْتُمْ فَمَا سَأَلْتُكُمْ مِنْ أَجْرٍ إِنْ أَجْرِي إِلَّا عَلَى اللَّهِ وَأُمِرْتُ أَنْ أَكُونَ مِنْ الْمُسْلِمِينَ﴾
Doch wenn ihr euch abwendet, so verlange ich keinen Lohn von euch; mein Lohn obliegt allein Allah. Und mir ist geboten worden, einer der Muslime zu sein.[10:72]
Auch sagt Er:
﴿وَمَنْ يَرْغَبُ عَنْ مِلَّةِ إِبْرَاهِيمَ إِلاَّ مَنْ سَفِهَ نَفْسَهُ وَلَقَدْ اصْطَفَيْنَاهُ فِي الدُّنْيَا وَإِنَّهُ فِي الْآخِرَةِ لَمِنْ الصَّالِحِينَ * إِذْ قَالَ لَهُ رَبُّهُ أَسْلِمْ قَالَ أَسْلَمْتُ لِرَبِّ الْعَالَمِينَ * وَوَصَّى بِهَا إِبْرَاهِيمُ بَنِيهِ وَيَعْقُوبُ يَابَنِيَّ إِنَّ اللَّهَ اصْطَفَى لَكُمْ الدِّينَ فَلاَ تَمُوتُنَّ إِلاَّ وَأَنْتُمْ مُسْلِمُونَ﴾
Und wer verschmäht die Glaubensrichtung Abrahams außer dem, der sich selbst in Torheit verliert? Wir haben ihn in dieser Welt auserwählt, und im Jenseits gehört er gewiss zu den Rechtschaffenen. Als sein Herr zu ihm sprach: „Ergib dich! (aslim)“, sagte er: „Ich habe mich dem Herrn der Welten ergeben (alsamtu).“ Abraham legte dies seinen Söhnen ans Herz, und ebenso Jakob: „O meine Söhne, Allah hat euch die Glaubensordnung auserwählt, so sterbt nicht außer als Muslime.“[2:130-132]
Und Yūsuf wird mit den Worten zitiert:
﴿رَبِّ قَدْ آتَيْتَنِي مِنْ الْمُلْكِ وَعَلَّمْتَنِي مِنْ تَأْوِيلِ الْأَحَادِيثِ فَاطِرَ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ أَنْتَ وَلِيِّ فِي الدُّنْيَا وَالْآخِرَةِ تَوَفَّنِي مُسْلِمًا وَأَلْحِقْنِي بِالصَّالِحِينَ﴾
Mein Herr, Du hast mir bereits Herrschaft gegeben und mich etwas von der Deutung der Worte gelehrt. Schöpfer der Himmel und der Erde, Du bist mein Schutzherr im Diesseits und Jenseits. Lass mich als Muslim sterben und reihe mich zu den Rechtschaffenen. [12:101]
Vom Propheten Mūsā heißt es ferner:
﴿وَقَالَ مُوسَى يَاقَوْمِ إِنْ كُنْتُمْ آمَنْتُمْ بِاللَّهِ فَعَلَيْهِ تَوَكَّلُوا إِنْ كُنْتُمْ مُسْلِمِينَ * فَقَالُوا عَلَى اللَّهِ تَوَكَّلْنَا رَبَّنَا لاَ تَجْعَلْنَا فِتْنَةً لِلْقَوْمِ الظَّالِمِينَ * وَنَجِّنَا بِرَحْمَتِكَ مِنْ الْقَوْمِ الْكَافِرِينَ﴾
O mein Volk, wenn ihr wirklich an Allah glaubt, so vertraut auf Ihn, wenn ihr Muslime seid. Sie sagten: „Auf Allah vertrauen wir. Unser Herr, mache uns nicht zu einer Versuchung für das Volk der Frevler, und errette uns in Deiner Barmherzigkeit vor dem Volk der Ungläubigen.“ [10:84-86]
Auch sagt der Erhabene:
﴿إِنَّا أَنزَلْنَا التَّوْرَاةَ فِيهَا هُدًى وَنُورٌ يَحْكُمُ بِهَا النَّبِيُّونَ الَّذِينَ أَسْلَمُوا لِلَّذِينَ هَادُوا وَالرَّبَّانِيُّونَ وَالْأَحْبَارُ﴾
Wir haben die Tora herabgesandt, in der Rechtleitung und Licht ist. Danach haben die Propheten, die Muslime waren, für diejenigen, die dem Judentum angehörten, gerichtet, ebenso die Gelehrten und Schriftkundigen. [5:44]
Und Er, erhaben ist Er, sagt:
﴿وَإِذْ أَوْحَيْتُ إِلَى الْحَوَارِيِّينَ أَنْ آمِنُوا بِي وَبِرَسُولِي قَالُوا آمَنَّا وَاشْهَدْ بِأَنَّنَا مُسْلِمُونَ﴾
Und als Ich den Jüngern offenbarte: „Glaubt an Mich und an Meinen Gesandten!“, sagten sie: „Wir glauben, und bezeuge, dass wir Muslime sind.“[5:111]
Auf diese Weise machte der Erhabene deutlich, dass Er Seine Gesandten stets mit dem Islam entsandt hat, doch unterscheiden sie sich in ihren eigenen Rechtsvorschriften, die einander nach und nach aufhoben, bis sie schließlich durch die Gesetzgebung Muḥammads ﷺ allesamt aufgehoben wurden – eine Gesetzgebung, die bis zum Jüngsten Tag bestehen bleibt, unverändert, siegreich und mit ihren Zeichen offenbart. Deshalb sagte der Gesandte ﷺ:
«نحن معاشر الأنبياء أولاد علات ديننا واحد»
Wir, die Gemeinschaft der Propheten, sind Halbgeschwister: unsere Glaubensordnung (dīn) ist eine.
– Halbgeschwister (awlād ʿallāt) sind Brüder von einem Vater, jedoch verschiedenen Müttern; so ist die Glaubensordnung eine – die Anbetung Allahs allein, ohne Teilhaber –, auch wenn die Rechtsvorschriften, die den Müttern gleichen, mannigfaltig waren.] (Ibn Kaṯīr, Bd. 2, S. 198–199) Mit dieser klaren Darlegung hat ibn Kaṯīr die Sache erschöpfend erläutert, sodass es keiner weiteren Ausführung bedarf.
2. Islam im Sinne der normativen Rechtsvorschriften (aḥkām šarʿīya), die der Glaubensüberzeugung (ʿaqīda) entspringen und die Handlungen der Gliedmaßen und der Zunge betreffen, jedoch nicht die des Herzens, wird in zahlreichen normativen Texten so verwendet. Ein Beispiel hierfür ist der Hadith von Ğibrīl (Erzengel Gabriel), den ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb berichtete. Er sagte: Während wir eines Tages beim Gesandten Allahs ﷺ zusammensaßen, trat ein Mann zu uns, dessen Kleidung strahlend weiß und dessen Haare pechschwarz waren, an dem keine Anzeichen von Reise zu erkennen waren und den keiner von uns kannte. Er setzte sich zum Propheten ﷺ, lehnte seine Knie an die Knie des Propheten und legte seine Hände auf dessen Oberschenkel und sprach:
«يا محمد أخبرني عن الإسلام، فقال رسول الله صلى الله عليه وسلم أن تشهد أن لا إله إلا الله وأن محمد رسول الله، وتقيم الصلاة وتؤتي الزكاة، وتصوم رمضان وتحج البيت إن استطعت إليه سبلا قال صدقت، قال فعجبنا له يسأله ويصدقه، قال فأخبرني عن الإيمان، قال أن تؤمن بالله وملائكته وكتبه ورسله واليوم الآخر وتؤمن بالقدر خيره وشره من الله تعالى، قال صدقت… الحديث»
„O Muḥammad, informiere mich über den Islam.“ Der Gesandte Allahs ﷺ antwortete: „Dass du bezeugst, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muḥammad Sein Gesandter ist, dass du das Gebet verrichtest, die zakāt entrichtest, den Ramaḍān fastest und die Pilgerfahrt nach Mekka vollziehst, wenn du dazu imstande bist.“ Er sagte: „Du hast die Wahrheit gesprochen.“ Da waren wir erstaunt, dass er ihn fragt und ihn dann bestätigt. Der Mann sprach weiter: „Informiere mich über den īmān.“ Er ﷺ antwortete: „Dass du an Allah, Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten und den Jüngsten Tag glaubst und an das göttliche Schicksal, dessen Gutes und Schlechtes von Allah, dem Erhabenen, kommt.“ Er sagte: „Du hast die Wahrheit gesprochen.“ […] [Bei Muslim tradiert – aus dem Erläuterungswerk an-Nawawīs zum Saḥīḥ von Muslim, Bd. 3, S. 157]
In diesem Hadith differenziert der Gesandte ﷺ zwischen īmān und Islam, wobei er jedem eine eigene Bedeutung zuschreibt. So knüpfte er ﷺ den Islam an das Bezeugen und die Handlungen, nicht aber an den inneren Glauben. Der Verfasser des Werks Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam führt dazu aus: Was den Islām betrifft, so hat ihn der Prophet ﷺ als die ersichtlichen Handlungen der Gliedmaßen definiert, die aus Worten und Werken bestehen, zuvorderst die Bezeugung, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muḥammad Sein Gesandter ist, dann das Gebet, die zakāt, das Fasten im Ramaḍān und die Pilgerfahrt, sofern man dazu imstande ist. (S. 22). Zum īmān erklärt derselbe Autor: Was den īmān betrifft, so hat ihn der Prophet ﷺ in diesem Hadith als innere Überzeugungen beschrieben. (S. 24). Im Erläuterungswerk zum Saḥīḥ von Muslim zitiert an-Nawawī den Gelehrten Abū ʿAmr ibn aṣ-Ṣalāḥ mit den Worten: Dies ist die Darlegung des īmān in seiner grundsätzlichen Bedeutung, nämlich die innere Überzeugung, und die Darlegung des Islam in seiner grundsätzlichen Bedeutung, nämlich die äußere Ergebung und Unterwerfung. (S. 149). Ibn Rāǧab al-Ḥanbalī stellt nach Untersuchung der Begriffe īmān und Islam fest: Die Unterscheidung besteht darin, dass īmān das innere Glaubensbekenntnis des Herzens ist, während Islam die Ergebung des Dieners gegenüber Allah und dessen Unterwerfung ausdrückt, die durch Handlungen sichtbar wird. Somit bezeichnet īmān die Gattung des Glaubens im Herzen und Islām die Gattung der Taten. (Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam, S. 26–27). Dazu berichtet Imam Aḥmad in seinem Musnad von Anas, dass der Prophet ﷺ sagte:
«الإسلام علانية والإيمان في القلب»
Den Islam zeigt man nach außen und den īmān trägt man im Herzen.[Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam, S. 27]
Denn Handlungen sind offen sichtbar, während die Überzeugung des Herzens nicht ersichtlich ist. An dieser Stelle muss auf ein Thema hingewiesen werden, dessen negative Auswirkungen sich in unserer Zeit weit verbreitet haben: Der zuvor erwähnte ḥadīṯ von Ǧibrīl wurde von vielen Muslimen falsch verstanden, indem sie den gesamten Islam auf jene im ḥadīṯ genannten Bestimmungen beschränkten und meinten, dieser bilde sämtliche islamischen Rechtsnormen ab.Dem lag tatsächlich ein erhebliches Interesse der ungläubigen westlichen Mächte wie auch der ruchlosen Herrscher der Muslime zugrunde, die dieses eingeschränkte Verständnis bewusst propagierten und hervorhoben, um damit den dīn Allahs zu bekämpfen und die Muslime in die Irre zu führen. So wurde der Islam im allgemeinen Verständnis zu einem bloßen Bündel kultischer Riten degradiert und vollständig vom praktischen Leben getrennt – möge Allah Sich unser erbarmen! Infolgedessen begannen die Muslime, die Regeln der rituellen Handlungen – etwa des Gebets und des Fastens – übertrieben detailliert zu erörtern, während die staatlich kontrollierten Radiosender und Fernsehanstalten der künstlich geschaffenen Regime in der islamischen Welt ausschließlich religiöse Programme und Gelehrteninterviews ausstrahlten, deren Inhalte sich auf eben diese Regelungen beschränkten und keinerlei Bezug auf die übrigen Bereiche des islamischen Rechts nahmen – etwa jene, die wirtschaftliche, politische oder militärische (ğihād-) Belange betreffen. Trotz der offenkundigen Fehlerhaftigkeit dieses Verständnisses, das den wahren Konzeptionen des Islam und der Vorgehensweise der frommen Altvorderen (as-salaf aṣ-ṣāliḥ) deutlich widerspricht, hat es sich tief und fest im Denken vieler verankert. Daher ist es notwendig, dass die Träger der daʿwa diesem Fehlverständnis entgegentreten und dessen Unrichtigkeit offenlegen. Ibn Raǧab bemerkt in seinem Kommentar zum zuvor erwähnten ḥadīṯ von Ǧibrīl: Dies ist ein Hinweis darauf, dass alle äußeren Pflichten unter den Begriff des Islam fallen. Darauf weist auch die Aussage des Propheten ﷺ hin:
«المسلم من سلم المسلمون من لسانه ويده»
Muslim ist derjenige, vor dessen Zunge und Hand die Muslime sicher sind. [Bei al-Buḫārī und Muslim tradiert]
Ebenso heißt es in den beiden Ṣaḥīḥ-Werken nach einer Überlieferung von ʿAbdullāh ibn ʿUmar: „Ein Mann fragte den Propheten ﷺ: Was ist der beste Islam?“ Er antwortete:
«أن رجلاً سأل النبي صلى الله عليه وسلم أي الإسلام خير؟ قال أن تطعم الطعام وتقرأ السلام على من عرفت من ولم تعرف»
Dass du Speise darreichst und den Friedensgruß erwiderst – sowohl gegenüber dem, den du kennst, als auch gegenüber dem, den du nicht kennst. [Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam, S. 23]
Zudem ist authentisch vom Propheten ﷺ überliefert, dass er sprach:
«بني الإسلام على خمس، شهادة أن لا إله إلا الله وأن محمداً عبده ورسوله وإقام الصلاة وإيتاء الزكاة وحج البيت وصوم رمضان»
Der Islam ist auf fünf Säulen erbaut: dem Bekenntnis, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muḥammad Sein Diener und Gesandter ist, der Verrichtung des Gebets, der Entrichtung der zakāt, der Pilgerfahrt zum Haus Allahs und dem Fasten im Ramaḍān.“
Ibn Raǧab erläutert dazu: Damit ist gemeint, dass der Islam einem Bauwerk gleicht, dessen tragende Säulen diese fünf sind – ohne sie stünde das Bauwerk nicht. Die übrigen Elemente des Islam entsprechen den weiteren Bauteilen dieses Gebäudes. (Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam, S. 141). Zudem bedeutet die Beschränkung des Islam auf diese fünf Säulen eine Vernachlässigung hunderter islamischer Gesetzestexte, die das Regieren, den ǧihād, den Handel, die Gesellschaftsverträge, das Gebieten des Rechten und das Anprangern des Unrechts und vieles andere betreffen.
3. Islam in der umfassenden Bedeutung von Glaube und Gesetz, d. h. von Überzeugung und Handeln. Dieses Verständnis vereint die beiden zuvor erläuterten Bedeutungen und geht über jede einzelne davon hinaus. Es ist jene Bedeutung, die beim bloßen Erwähnen des Wortes „Islam“ ohne zusätzliche Hinweise gemeinhin in den Sinn kommt. Zahlreiche Texte aus Koran und Sunna belegen dieses umfassende Verständnis. So berichtet Imām Aḥmad in seinem Musnad von ʿAmr ibn ʿAnba:
«جاء رجل إلى النبي صلى الله عليه وسلم فقال: يا رسول الله ما الإسلام قال أن تسلم قلبك لله وأن يسلم المسلمون من لسانك ويدك، قال فأي الإسلام أفضل، قال الإيمان، قال وما الإيمان، قال أن تؤمن بالله وملائكته وكتبه ورسله والبعث بعد الموت، قال فأي الأعمال أفضل قال الهجرة، قال فما الهجرة، قال أن تهجر السوء، قال فأي الهجرة أفضل قال الجهاد»
Ein Mann kam zum Propheten ﷺ und fragte: „O Gesandter Allahs, was ist Islam?“ Der Prophet ﷺ antwortete: „Dass du dein Herz Allah unterwirfst und die Muslime vor deiner Zunge und deiner Hand sicher sind.“ Der Mann fragte: „Welcher Islam ist der beste?“ Er ﷺ antwortete: „Der īmān.“ Dann fragte der Mann: „Und was ist der īmān?“ Der Prophet ﷺ antwortete: „Dass du an Allah, Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten und an die Auferstehung nach dem Tode glaubst.“ Der Mann fragte: „Und welche Tat ist die beste?“ Er ﷺ antwortete: „Die Meidung – al-hiğra.“ Daraufhin fragte der Mann: „Und was ist die Meidung?“ Der Prophet ﷺ antwortete: „Dass du das Böse meidest.“ Er fragte weiter: „Und welche hiğra ist die beste?“ Der Prophet ﷺ antwortete: „Der ğihād.“ [Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam, S. 26]
In diesem ḥadīṯ macht der Prophet ﷺ deutlich, dass der īmān ein Bestandteil des Islam ist. Im Anschluss daran erwähnt er ﷺ die Handlung (al-ʿamal). Dies belegt, dass hier mit dem Islam die Gesamtheit von īmān und Islam gemeint ist, also die Gesamtheit von Glaubensüberzeugung und Rechtsnormen (aḥkām). Gestützt wird dies durch den Bericht von Muʿāwiya ibn Ḥayda, der sagte:
«قلت يا رسول الله بالذي بعثك بالحق ما الذي بعثك لله به؟ قال: الإسلام»
Ich fragte: „O Gesandter Allahs, bei Dem, Der Dich mit der Wahrheit entsandt hat, womit hat Dich Allah entsandt?“ Er ﷺ antwortete: „Mit dem Islam.“ [S. 30]
Islam umfasst demnach alles, womit der Prophet ﷺ entsandt wurde – sowohl die Überzeugung (īmān) als auch das Handeln (ʿamal). Hierbei könnte jedoch die Frage aufkommen, wie sich diese Texte mit dem zuvor erwähnten ḥadīṯ von Ǧibrīl in Einklang bringen lassen. Darüber hinaus existieren weitere Hadithe, in denen Handlungen ausdrücklich unter dem Begriff īmān gefasst werden – so etwa in seiner Aussage ﷺ:
«الحياء شعبة من الإيمان»
Schamhaftigkeit (ḥayāʾ) ist ein Zweig des īmān.
Auch wurde der Prophet ﷺ gefragt:
«أي الإيمان أفضل قال خلق حسن»
„Welcher īmān ist der beste?“, und er antwortete: „Ein guter Charakter.“ [Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam, S. 31]
Auf diese Problematik hat ibn Raǧab al-Ḥanbalī geantwortet und seine Antwort semantisch begründet. Er schreibt: Was die Vereinbarkeit dieser Texte mit dem ḥadīṯ betrifft, in dem Ǧibrīl den Propheten ﷺ nach dem Islam und dem īmān fragte und der Prophet ﷺ zwischen beiden unterschied, indem er die Handlungen dem Begriff Islam, nicht jedoch dem īmān, zuordnete – so lässt sich dies durch ein grundlegendes Prinzip erklären: Es gibt Begriffe, die, wenn sie einzeln und ohne Kontext verwendet werden, mehrere Bedeutungen in sich vereinen. Werden sie jedoch mit einem anderen Begriff gemeinsam genannt, dann verweist jeder der beiden Begriffe auf einen Teil dieser Bedeutungen. Ein Beispiel hierfür sind die Begriffe faqīr (arm) und miskīn (bedürftig, mittellos). Wenn einer dieser Begriffe allein verwendet wird, umschließt er jeden, der in Not ist. Werden jedoch beide Begriffe gemeinsam genannt, bezieht sich jeder von ihnen auf eine bestimmte Kategorie von Bedürftigen, die der andere nicht umfasst. So verhält es sich auch mit den Begriffen Islam und īmān: Wenn einer von beiden einzeln verwendet wird, umfasst er den anderen und verweist in seiner Einzelbedeutung auf das, was auch der andere in seiner Einzelbedeutung bezeichnet. Werden sie jedoch gemeinsam genannt, dann verweist jeder der beiden Begriffe auf einen Teil dessen, was er einzeln bezeichnet, während der andere Begriff auf den verbleibenden Teil verweist. (Ǧāmiʿ al-ʿUlūm wa-l-Ḥikam, S. 25–26) Hinzugefügt sei, dass die Begriffe Islam und īmān mehrere Bedeutungen haben, wobei durch die Begleitindizien eine Bedeutung gegenüber den anderen stärker gewichtet wird. Die Gewichtung ergibt sich ebenso aus dem Kontext, in dem der Ausdruck erwähnt wird, wie wir es bei der Untersuchung des Verses:
﴿إِنَّ الدِّينَ عِنْدَ اللَّهِ الْإِسْلَامُ﴾
Wahrlich, der Glaube bei Allah ist der Islam.[3:19]
bereits erörtert haben. Nun bleibt noch eine Frage zu klären: Was ist die adäquate Definition von Islam in seiner umfassenden Bedeutung? Und finden sich Koranverse oder Hadithe, die eine solche Definition explizit nennen? Darauf ist zu antworten, dass die normativen Texte, sowohl Koranverse als auch Hadithe, in ihrer Gesamtheit auf die Definition des Islam hinweisen. Es existiert jedoch kein einzelner Text, der eine Definition enthält, die den klassischen Bedingungen einer Definition genügen würde, nämlich Vollständigkeit und Ausschluss von allem nicht Zugehörigen (al-ğamʿ wa-l-manʿ). Denn eine Definition kann nur dann als solche gelten, wenn sie alle Einzelteile oder Elemente des Definierten umfasst und alles ausschließt, was nicht dazugehört. Wer nun die in dieser Untersuchung zitierten Hadithe sowie weitere Hadithe sorgfältig prüft, stellt fest – wobei Allah, der Erhabene es am besten weiß –, dass der Gesandte Allahs ﷺ den Islam dem Fragenden stets in einer der Situation angemessenen Weise erklärte. Mal erklärte er ihn als die Säulen des Islam, ein anderes Mal damit, sich Allah (t) mit dem Herzen zu ergeben, und an anderer Stelle wiederum mit dem Bekenntnis und dem Glauben an das göttliche Schicksal. Daher ist es notwendig, die Definition aus der Gesamtheit der Texte abzuleiten. So besteht der Islam in seiner umfassenden Bedeutung aus der islamischen Glaubensüberzeugung (ʿaqīda) und den Rechtsnormen (aḥkām), die sowohl die Beziehungen der Menschen untereinander als auch die sich daraus ergebenden Probleme regeln. Die menschlichen Beziehungen lassen sich dabei in drei Arten einordnen: die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer, seine Beziehung zu sich selbst und seine Beziehung zu anderen Menschen. Über diese drei Arten hinaus ist keine andere menschliche Beziehung vorstellbar. Wer den Islam genau betrachtet, stellt fest, dass er all diese Beziehungen in der Gesamtheit seiner Normen behandelt: Er regelt sie und begegnet den Problemen, die sich aus ihrer Gestaltung ergeben können. Allah, der Erhabene, hat Muḥammad ﷺ mit dem Islam entsandt, um die Menschen aus der Irreleitung und der Herrschaft nach eigenen Gelüsten zum rechten Weg und zur Herrschaft Allahs zu führen. So enthalten die Rechtsnormen des Islam alles, was der Mensch für sein Leben benötigt. Auf dieser Grundlage lässt sich eine umfassende und abschließende Definition des Islam in seiner Gesamtheit ableiten, gestützt auf die Summe der normativen Texte: »Der Islam ist die Glaubensordnung (dīn), die Allah auf unseren Gesandten Muḥammad ﷺ herabgesandt hat, um die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer in Glaubensüberzeugung und Gottesdiensten, zu sich selbst in Moral, Ernährung und Kleidung sowie zu anderen Menschen in den Rechtsbeziehungen (muʿāmalāt) und Strafen zu ordnen.« Damit enthält diese Definition den gesamten Islam, ohne dass etwas ausgeschlossen oder nicht Zugehöriges einbezogen wird. Ein derartiges Verständnis des Islam war in der Vergangenheit unter allen Muslimen natürlich und selbstverständlich. Ein Beleg hierfür sind die Untersuchungen der früheren Gelehrten in den Bereichen tauḥīd und fiqh, die sämtliche Lebensbereiche des Menschen abdeckten. Untersuchen wir zum Beispiel das Inhaltsverzeichnis eines bekannten jursitischen Werks, wie al-Maǧmūʿ šarḥ al-muḥaḏḏab von Imām an-Nawawī, und betrachten die dort behandelten Themen, so wird die Richtigkeit der Aussage deutlich, dass die Altvorderen den Islam umfassend verstanden haben. Das Werk beginnt, wie bei allen Rechtsgelehrten üblich, mit der Untersuchung der Gottesdienste (ibādāt). Zuerst behandelt es die rituelle Reinheit, dann das Gebet, die zakāt, das Fasten und schließlich die Pilgerfahrt, jeweils mit detaillierten Erläuterungen. All das betrifft die Beziehung des Menschen zu Allah. Anschließend wendet sich das Werk den Rechtsvorschriften bezüglich der Nahrungsmittel zu, was die Beziehungen des Menschen zu sich selbst betrifft. Danach setzt es mit der Untersuchung der Beziehungen des Menschen zu anderen Menschen fort: Es beginnt mit dem Kapitel über Kaufverträge, dann folgen die Kapitel über Vergleiche (ṣulḥ) und Wechsel (ḥawāla), anschließend die Kapitel über Bürgschaft (ḍamān), Sühnegeld (diya), Vorkaufsrecht (šufʿa), Partnerschaften (šarika), Leihe (ʿāriya), Darlehen (qarḍ), Vollmacht (wakāla) sowie Usurpation (ġaṣb) und Plantagenpacht (musāqāt). Sodann widmet es sich den Herrschaftsnormen (imāra), den Testamenten (waṣāyā) und Pflichtanteilen (farāʾiḍ), den ehelichen Regelungen wie Heirat, Scheidung, Verfluchungsschwur (liʿān) und Rückweisungsformel (ẓihār), sowie dem Stillen und dem Unterhalt. Danach folgt das Kapitel über Strafen, das die Kategorien von Gewaltdelikten, ḥudūd und Ermessensstrafen (taʿzīr) umfasst. Das Werk behandelt weiterhin das Gerichtswesen, die Erbteilung und das Beweisrecht und schließt mit den Bestimmungen zur Anerkennung von Verpflichtungen (iqrār) ab. Wie man sieht, behandelt es eine Vielzahl von Fragen, denen der Mensch im Leben begegnet, bietet Lösungen und erörtert die diesbezüglichen Auffassungen der Gelehrten sowie deren Belege aus Koran und Sunna.
Quelle:
«Al-Waie – das Bewusstsein»
Ausgabe 95; Achtes Jahr – Šauwāl 1415 n. H. – März 1995
Verfasser: Usama Matar