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Westliche Konzeptionen Die Idee hinter der Kritik

Dass das Leid der Menschen in Gaza mit der kolonialen Ordnung in Zusammenhang steht, wird auch unter westlichen Intellektuellen diskutiert. Sie sind für gewöhnlich einer Denkströmung zuzuordnen, die auch unter Muslimen Anklang findet. Doch können wir ihr Ideen alleine wegen ihrer kritischen Stoßrichtung übernehmen?

Die israelischen Verbrechen der letzten zwei Jahre im Gazastreifen haben eine bislang nicht gekannte Welle der weltweiten Solidarität mit den Palästinensern ausgelöst. So fanden auch in den letzten Monaten wiederholt Protestaktionen in zahlreichen Ländern statt. Selbst in Fußballstadien gestalteten Fans riesige Choregrafien, wehten mit Palästina-Flaggen und statt Schmähungen des Gegners ertönten Fan-Gesänge wie free free palestine.

Eindrucksvoll war vor allem die in Berlin abgehaltene Kundegebung unter dem Motto All eyes on Gaza Ende September. Schätzungsweise 60.000 – 100.000 Menschen versammelten sich in Berlin-Mitte, um gegen den Gaza-Krieg zu demonstrieren. Zu der Versammlung aufgerufen hatte ein Bündnis aus mehr als 50 Organisationen und Verbänden, darunter Amnesty International, medico international sowie die Partei Die Linke. Sie forderten unter anderem EU-Sanktionen gegen Israel, einen sofortigen Stopp deutscher Waffenexporte und einen Zugang für humanitäre Hilfe in den Gazastreifen. Auch innerhalb der muslimischen Community gab es Aufrufe, sich diesem Protestmarsch anzuschließen, um gemeinsam mit den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen ein Zeichen gegen die zionistischen Verbrechen zu setzen. Zwar lassen sich derartige Kundgebungen – nicht zuletzt in dieser Größenordnung – allgemein als positiv werten. Denn sie zeigen einerseits, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland zum Beispiel nicht hinter der Staatsräson steht. Andererseits haben diese wie auch ähnliche Kundgebungen weltweit mit dazu beigetragen, Israel unter Druck zu setzen und dadurch international immer weiter zu isolieren. Dennoch ist es notwendig, die auf solchen Demonstrationen zum Ausdruck gebrachte Solidarität gegenüber den Palästinensern als auch die Verurteilung der israelischen Verbrechen von den politischen Positionen zu trennen, die von den dortigen Aktueren vertreten werden. Ganz besonders wenn es um die Zukunft Gazas geht, muss die muslimische Gemeinschaft kritisch bleiben und die politischen Slogans unter islamsichen Gesichtspunkten beurteilen. Sonst läuft sie Gefahr, eine dem Islam widersprechende Lösung miteinzufordern, die das eigentliche Problem – nämlich die koloniale Ordnung – nicht aus der Welt schafft.

Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist eine Denkrichtung, die nicht nur im wissenschaftlichen sondern auch im politischen Diskurs seine Befürworter wie auch seine scharfen Kritiker hat: die postkolonialen Theorien. Es handelt sich hierbei um eine geistig-politische Strömung, die im Kern davon ausgeht, dass die Geschichte des Kolonialismus mit den formalen Unabhängigkeitserklärungen nicht vorbei war. Zwar sind im Laufe der Nachkriegszeit die meisten ehemaligen Kolonien in die staatliche Souveränität entlassen worden. Mit der formal-politischen Dekolonisation waren koloniale Beziehungen jedoch nicht mit einem Schlag beendet. Viele Abhängigkeitsverhältnisse, etwa auf wirtschaftlichem Gebiet, dauerten an und wurden seit den 1960er Jahren unter dem Stichwort des Neokolonialismus diskutiert. Hinzu kam, dass auch die Eliten in vielen unabhängigen Staaten auf eine Form der Politik setzten, die sich von der Kolonialzeit nur wenig unterschied. In vielen Ländern führten die neu gegründeten Nationalstaaten die koloniale Politik in Grundzügen – wenn auch mit neuen Gesichtern – fort. Die Vertrerter postkolonialer Theorien heben insbesondere die Konstruktion kultureller Unterschiede und deren Übertragung auf gesellschaftliche Machtverhältnisse hervor, die es kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen gilt. Denn die Kolonialisierung habe sich nicht nur in einer technisch-industriellen Überlegenheit, wirtschaftlicher Ausbeutung oder internationaler Konkurrenz geäußert. Vielmehr sind die Kolonialmächte mit einer kulturellen Überheblichkeit an die unterworfenen Völker herangetreten. Noch wichtiger war jedoch der allgemeine Diskurs der Moderne, der in den Vorstellungen von Fortschritt und Zivilisierung kulminierte. Dieser Diskurs beruhte auf der Annahme einer universalen Entwicklung menschlicher Gesellschaften und basierte auf einem linearen Geschichtsverständnis, das kulturelle Differenzen hierarchisierte, Gesellschaften in fort- und rückschrittlich einteilte und auf diese Weise koloniale Interventionen zum Zweck der Hebung und Zivilisierung geradezu unausweichlich erscheinen ließ. Postkoloniale Kritik zielt vor diesem Hintergrund darauf, die eurozentrischen Annahmen dieses Weltbildes zu hinterfragen und der angeblichen Universalität westlicher Konzepte – wie etwa der Säkularisierung, der Rolle von Klassen oder Nationen, des historischen Entwicklungsdenkens, der Geschlechterordnung – den theoretischen Boden zu entziehen.

Als Gründungsdokument postkolonialer Theorie gilt Edward Saids Buch Orientalism (1978), welches zu einem der einflussreichsten ideengeschichtlichen Werk dieses Themenfeldes zählt. Darin rekonstruiert Said den Orientalismusdiskurs der Kolonialmächte und arbeitet heraus, dass der überwiegende Anteil der orientalistischen Forschung nicht das wiedergibt, was der Orient in seiner Komplexität ist, sondern vielmehr das, was die Forschenden darin sehen wollen. Statt einer objektiven, realistischen Darstellung des Orients präsentiert Said zufolge diese Forschung ein von vorgefertigten Bildern und kolonialistischen Interessen durchzogenes Zerrbild. Somit lässt sie sich als ein imperialistisches Kulturprojekt verstehen, welches durch die aus den Kolonialländern stammenden Forschenden mitgetragen wurde. Aus dem Orientalismus habe sich folglich ein Deutungssystem entwickelt, das den Zweck verfolgt, ein Anderes zu konstruieren, um die Stabilität und Überlegenheit des westlichen Wir zu unterstreichen. Die Strategie des Orientalismus fußt fast durchgängig auf einer so flexibel angelegten Position der Überlegenheit, dass sie es dem Westen erlaubt, in allen möglichen Beziehungen zum Orient stets die Oberhand zu behalten. […] Der Wissenschaftler, der Gelehrte, der Missionar, der Händler, der Soldat war im Orient oder dachte über ihn nach, weil er dies tun konnte, ohne mit größerem Widerstand der Betroffenen rechnen zu müssen, so Said.

Umstritten waren Saids Thesen bereits zu seinen Lebzeiten, gerade mit Blick auf Israel, das für ihn auf der Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft und der Vertreibung ihrer Bevölkerung aufgebaut wurde. Israel sei von einer kolonialen Apartheid-Politik durchdrungen, was insbesondere am Siedlungskolonialismus erkennbar sei, den Said in einen größeren historischen Kontext europäischer kolonialer Herrschaft einordnete und dadurch die Unterdrückung der Palästinenser und die Verweigerung ihrer nationalen Identität erklärte. Doch seit dem 7. Oktober 2023 werden seine Thesen von pro-zionistischen Aktueren nicht nur als kontroverses Erklärungsmodell betrachtet, sondern als intellektuelle Brandstiftung, welche die Grundlage für den Israelhass linker Aktivisten bilde. Schließlich wurde die erste Solidaritätserklärung mit dem Leid der Menschen in Gaza an der Columbia University in New York verfasst, die als Geburtsstätte des Postkolonialismus und folglich als Zentrum der antiisraelischen Proteste zu sehen sei. Es ist jene Universtiät, auf der Edward Said von 1963 bis 2003 als Professor tätig war.

Von der Kritik der postkolonialen Theorien und insbesondere den Thesen von Edward Said haben sich aber immer wieder auch Muslime bzw. verschiedene islamsiche Bewegungen bis heute beeinflussen lassen. Sie haben seine Kritik der eurozentrischen Sichtweise auf den Nahen Osten und damit teils unbewusst seine Argumentationsstränge übernommen. Was sie aber übersehen haben, ist die Tatsache, dass die postkolonialen Theorien in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit den Kolonialismus zwar relativ ausführlich darstellen, vor allen Dingen seine Folgeerscheinungen. In ihrer abschließenden Bewertung allerdings kommen die postkolonialen Theoretiker bedingt durch ihr säkulares Weltbild zu Schlussfolgerungen, die aus islamischer Perspektive abzulehnen sind. Denn aus ihrer Sicht ist die koloniale Ordnung im Nahen Osten nicht in erster Linie deswegen problematisch, weil sie durch eine oktroyierte Nachkriegsordnung mit der kulturhistorischen Konstante in der islamischen Welt brach und folglich eine staatliche Ordnung etablierte, die von nun an auf einem anthropozentrischen Weltbild fußte. Ganz im Gegenteil – im Einklang mit ihrem progressiven Weltbild sollte das Kalifat und damit die gesellschaftspolitische Umsetzung der Scharia nicht weiter bestehen. Die politische Vision für die islamische Welt ist für die Verfechter der postkolonialen Theorien letztlich eine Gesellschaft nach westlichen – wenn auch postmodernen – Vorstellungen. An genau dieser Stelle beginnt auch ihre Kritik am Kolonialismus, der durch die epistemische Gewalt (Gayatri Spivak) die Lebensweise und Kultur der indigenen Gesellschaften gewaltsam verdrängte. Auf diese Weise wurde den kolonisierten Völkern verwehrt, eine eigene Sichtweise auf die Welt zu entwickeln und auszudrücken. Doch diese eigene Sichtweise bewegt sich im Denken der postkolonialen Theoretiker auch innerhalb der westlichen Ideenwelt. Denn die von ihnen kritisierte kulturelle Überheblichkeit des Westens habe die gesellschaftliche Weiterentwicklung verhindert und spreche den Menschen in der islamsichen Welt die Fähigkeit ab, sich zu demokratisieren. Der neokolonialistische Versuch der vergangenen Jahrzehnte schließlich, diese Ideen wie in Afghanistan oder im Irak durch Nation Buildung herbeizubomben, musste der postkolonialen Lesart zufolge scheitern. Ihre Kritik zielt daher nicht auf auf die Vorstellung ab, dass auch der Muslim zu einem (post)modernen Menschen werden kann, sondern auf die koloniale Attidüde, die genau dies verhindert! 

Daher ist es für die Umma und besonders für ihre politischen Akteure notwendig, die tatsächliche Natur des Kolonialimus in der islamischen Welt zu begreifen. Denn dieser hat nicht nur das Ziel verfolgt, die Region durch den Austausch der dortigen Machteliten zu beherrschen und auf dieser Basis ein politisches und ökonimisches Abhängigkeitsverhältnis zu kreieren. Vielmehr arbeiteten die damaligen europäischen Kolonialmächte zunächst daran, das eingene Gedankengut in dieser Region zu verankern, um die geistig-kulturellen Voraussetzungen für eine vollständige Neuordnung zu schaffen. Das politische System des Kalifats musste daher abgeschafft werden, um an seiner Stelle säkulare Herrschaftsstrukturen aufbauen zu können. Gleichzeitig haben die Kolonialmächte stets versucht, all jene islamischen Bewegungen zu neutralisieren, welche die Existenz der säkularen Nationalstaaten gefährden konnten. Diese radikale gesellschaftliche Umgestaltung hatte zur Folge, dass normative Ordnungselemente wie das Kalifat und die Scharia als Relikte vergangener Zeiten diffamiert wurden. Unter diesen soziopolitischen Bedingungen ist jene koloniale Ordnung entstanden, die den Nahen Osten und Mittleren bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt. Sämtliche politischen und militärischen Konflikte, die Existenz des zionistischen Konstrukts sowie die autoritären Regierungen in der Region sind das Produkt dieser kolonialen Ordnung. Die Kolonialmächte haben die islamische Welt also mit kulturell und weltanschaulich fremden Konzepten überzogen, die am Ende dysfunktionale Staaten und brüchige nationale Identitäten hinterlassen haben. Die Umma lebt somit in diesen Ländern unter einem System, das ihrer islamischen Überzeugung widerspricht und infolgedessen noch nicht einmal imstande ist, das Leben der Muslime zu beschützen, wie am Beispiel in Gaza deutlich zu erkennen ist. Daher kann aus islamischer Perspektive nur ein Systemwechsel die Lösung sein, bei dem die säkularen Nationalstaaten restlos beseitigt und durch den Islamischen Staat ersetzt werden.

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu essentiell, dass die Umma ihren kritischen Blick beibehält. Die zahlreichen pro-palästinensichen Proteste in Deutschland wie auch weltweit, auf denen die Menschen die zionistischen Verbrechen verurteilen und politische Konsequenzen von der Staatengemeinschaft fordern, sind im Ansatz zu begrüßen. Das bedeutet jedoch nicht, ihre politischen Vorstellungen über die Zukunft Gazas zu übernehmen. Denn die Losung free palastine zielt unterm Strich darauf ab, einen weiteren Nationalstaat im Nahen Osten einzufordern und damit den Fortbestand der kolonialen bzw. nationalstaatlichen Ordnung zu zementieren. Ebenso gilt es, westliche Denkansätze wie die postkolonialen Theorien nicht unreflektiert zu übernehmen, selbst wenn sie die Zustände in der islamsichen Welt kritisieren und auf gewisser Ebene Schnittmengen bestehen sollten. Vielmehr müssen sie auf ihre weltanschaulichen Prämissen abgeklopft und entsprechend der islamischen Maßstäbe beurteilt werden. Entscheidend in diesem Kontext ist also nicht die Kritik allein, sondern die ihr zugrunde liegenden Ideen.