In dem Strategic Estimate 2026 analysiert Adnan Khan – Gründer der Denkfabrik theGeopolity – die weltpolitische Lage. Dabei werden die wichtigsten geopolitischen Ereignisse und Trends in den Blick genommen und in komprimierter Form dargestellt.
Das zentrale Thema des diesjährigen Berichts ist die systematische Schwächung der regelbasierten Nachkriegsordnung und der ihr zugrundeliegenden Prinzipien und Normen. Ideen und Strukturen, die jahrzehntelang als unantastbar galten, wie der Freihandel, internationale Institutionen, multilaterales Handeln und die globale Aus- bzw. Verbreitung der liberalen Demokratie, werden offen in Frage gestellt, ignoriert oder als geopolitische Werkzeuge instrumentalisiert. Khan prognostiziert deren fortgesetzte Schwächung im Jahr 2026, vorrangig jedoch nicht durch äußere Feinde verursacht, sondern von innen heraus durch westliche Politiker und deren Handeln in Reaktion auf innenpolitischen Druck, geopolitischen Wettbewerb und Strategiefatigue.
Das Jahr 2026 wird seiner Prognose folgend zu einem weltpolitischen Wendepunkt, in dessen Zentrum die Vereinigten Staaten stehen. Präsident Trump setzt mit seinem Einzug ins Weiße Haus nicht lediglich alte Politiken fort, sondern schlägt radikale Wege ein: die Konzentration der Exekutivgewalt, die systematische Aushöhlung staatlicher Organe und Behörden, die Abkehr von multilateralen Institutionen und die Ersetzung der regelbasierten Ordnung durch transaktionale und personalisierte Staatsführung. Die USA sind nach wie vor die globale Supermacht, wirken jedoch zunehmend unberechenbar und handeln unilateral. Verbündete Staaten überdenken daher bestehende Abhängigkeiten, politische Wettbewerber identifizieren Opportunitäten und neutrale Staaten betreiben Risikomanagement, anstatt sich der westlichen Allianz zuzuwenden.
Trumps Regierungsstil – eine Melange aus autokratischem Auftreten, transaktionalem Verhandlungsgeschick und disruptiven Aktionen – hat die US-amerikanische Innen- und Außenpolitik gleichermaßen transformiert. Khan legt jedoch einen kritischen Blick an und hinterfragt die Behauptung, Trump habe sieben Kriege beendet, betrachtet die Überlebensfähigkeit der von inneren Widersprüchen gekennzeichneten MAGA-Bewegung und evaluiert, ob die globale Rolle der USA Konflikte tatsächlich stabilisiert oder diese lediglich einfriert. Dabei werden politische Kommunikation und Realpolitik als getrennte analytische Kategorien betrachtet – fokussiert wird politisches Handeln anstatt Rhetorik und Selbstdarstellung.
Das internationale System ist zunehmend durch den Wettbewerb der Großmächte ohne stabilisierende Leitplanken geprägt. Russland, das sich im vierten Jahr des Ukrainekrieges befindet, kämpft um strategischen Einfluss auf militärischer, ökonomischer und diplomatischer Ebene, während es seine Position zwischen China und einem feindseligen Westen neu austariert. China wiederum hat mit Blick auf die US-Zollpolitik Resilienz bewiesen, seine Dominanz in den Lieferketten als machtpolitisches Instrument nutzen und sich als maßgeblicher Akteur in Asien, Afrika und im Technologiesektor etablieren können. Der Wettbewerb zwischen Washington und Peking begrenzt sich nicht mehr auf Handelsfragen, sondern umfasst wesentliche Bausteine der künftigen Machtarchitektur: KI, seltene Erden, Halbleiter und die Festlegung globaler Standards.
Europa tritt geschwächt in die Ära des offenen geopolitischen Wettbewerbs ein. Gespalten, politisch fragmentiert und wirtschaftlich angeschlagen – die Zukunft des alten Kontinents hinsichtlich internationaler Relevanz, strategischer Autonomie und blockpolitischer Kohäsion scheint ungewiss. Zeitgleich avancieren ehemals periphere Regionen wie die Arktis, Afrika, das Rote Meer und Teile Lateinamerikas zu zentralen Schauplätzen des globalen Wettbewerbs; nicht aus ideologischen Gründen, sondern aufgrund von Ressourcen, Geografie und Chokepoints.
Das globale System wandelt sich: Weg von der regelbasierten Nachkriegsordnung hin zu einem System, das durch Macht und Einflusssphären geprägt ist. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob die alte Ordnung gerettet werden kann, sondern welche Akteure den größten Nutzen aus ihrem Zusammenbruch ziehen werden.
Das vollständige Dokument kann hier heruntergeladen werden. Weitere geopolitische Analysen und Kommentare werden regelmäßig auf der Webseite der Denkfabrik veröffentlicht.
Kalifat-Redaktion