Mit der Übernahme des US-Geschäfts von TikTok durch zionistische und islamfeindliche Akteure verengen sich unsere Diskursräume. Aber wird es wirklich so schlimm – und wenn ja, wie sollten islamische Akteure reagieren?
Nach jahrelangem Kräfteringen zwischen den USA und dem chinesischen Technologieunternehmen ByteDance, wurde nun für den 22. Januar 2026 die Übernahme des US-Geschäfts von TikTok angesetzt. Die Tragweite dieses Schritts – insbesondere für die Diskurshoheit in sozialen Medien – dürfte jedoch weitaus größer sein, als manch einer vermutet. Dabei wirft insbesondere die Rolle von Larry Ellison, Israels und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) Fragen auf.
So soll ein US-geführtes Konsortium bestehend aus drei Investorengruppen die TikTok-Sparte in den Vereinigten Staaten übernehmen: Der von Larry Ellison geführte Technologiekonzern Oracle Corp, das private US-Finanzunternehmen Silver Lake sowie der staatliche Tech-Investor MGX aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Alle drei sollen jeweils mit ca. 15 % an TikTok USA beteiligt werden und 19,9 % verbleiben bei ByteDance selbst. Der gesetzliche Grenzwert bei kritischer Infrastruktur in den USA beträgt nämlich 20 %. Die Kontrolle über das Unternehmen soll also klar in amerikanischer Hand liegen. Sechs von sieben Vorstandssitzen sollen an US-Staatsbürger gehen, während ByteDance lediglich einen Sitz nominieren darf. Darüber hinaus soll Oracle einen Großteil des technischen Bereichs übernehmen und so für Datenspeicherung und Algorithmen verantwortlich sein. Sämtliche Nutzerdaten werden ausschließlich auf Oracle-Servern in den USA gespeichert und sogar das Herzstück von TikTok – der Empfehlungsalgorithmus – soll von Oracle neu justiert werden. Dazu soll er mit US-Daten neu trainiert werden, um jegliche externe Manipulation ausschließen zu können. Der Algorithmus, der beim Scrollen das nächste Video für die Nutzer aussucht, ist das Kernstück von TikTok und war während der mühseligen Verhandlungen einer der Hauptstreitpunkte. ByteDance behält zwar das geistige Eigentum, hat aber keinen Zugriff mehr auf US-Nutzerdaten oder auf das US-Geschäft. Experten halten es sogar für denkbar, dass die aktuelle TikTok-App eingestellt und eine neue US-Version bereitgestellt wird, aber mit Blick auf die 170 Millionen Nutzer werden die Verantwortlichen wohl einen anderen Weg gehen, da dieser Schritt zwangsläufig zu einem Verlust von wertvollen Nutzerdaten führen würde.
Doch wer verbirgt sich hinter den Nutznießern dieses Übernahme-Deals? Larry Ellison ist ein US-amerikanischer Medienmogul und Tech-Milliardär, der die Softwarefirma Oracle Corporation mitgegründet hat. Oracle ist einer der weltweit größten Anbieter für Datenbanksoftware und Cloud-Dienste. 2025 zählte er mit einem Vermögen von fast 400 Milliarden US-Dollar zu den reichsten Menschen der Welt. Neben Oracle hält er Anteile an vielen weiteren Technologiefirmen wie z.B. Tesla, wo er von 2018 bis 2022 Direktor war.
Ellison ist zudem ein langjähriger Geldgeber der Republikanischen Partei und enger Vertrauter von Donald Trump. Mehr noch ist er ein bekennender Zionist und lässt israelischen Organisationen regelmäßig große Summen zukommen. 2017 spendete er beispielsweise der Organisation Friends of the IDF 16,6 Millionen Dollar – die bis dato höchste Einzelspende an die israelischen Streitkräfte. Über das Finanzielle hinaus verfolgt er auch innerhalb seiner Unternehmen eine zionistische Agenda. So wurden Schlüsselpositionen oftmals mit Zionisten besetzt, wie beispielsweise Bari Weiss, die explizit wegen ihrer pro-israelischen Haltung von Ellison zur Chefredakteurin von CBS News ernannt wurde. Auch bei der Übernahme von Twitter durch Elon Musk steuerte Ellison eine Milliarde Dollar bei. Über CBS hinaus hat seine Familie im Jahr 2025 durch eine Fusion mit ihrem Unternehmen Skydance auch das weltbekannte Filmstudio Paramount Pictures übernommen. Damit konzentriert sich mit Anteilen an TikTok, X, CBS, Paramount Pictures und Fernsehsendern wie MTV, Nickelodeon und Comedy Central eine ungeheure Medienmacht in Larry Ellisons Händen.
Diese Medienmacht wird Ellison selbstverständlich auch für seine zionistische Agenda nutzen. Oracle und seine Führungskräfte haben mehrmals schon ihre uneingeschränkte Solidarität mit Israel betont. So erklärte die damalige CO-CEO Safra Catz, die selbst gebürtige Israelin ist: Unsere Verpflichtung gegenüber Israel ist unerschütterlich. Wer damit nicht einverstanden ist, ist vielleicht bei Oracle falsch. In internen Kampagnen wurden Mitarbeiter angehalten, zionistische Initiativen zu unterstützen, während Kollegen, die Solidarität mit Palästina äußerten, unter Druck gesetzt oder mit internen Therapieangeboten (!) konfrontiert wurden.
Doch auch das chinesische Unternehmen ByteDance hat bereits vor der US-Übernahme eine umstrittene Personalentscheidung getroffen. Die Plattform stellte mit Erica Mindel im Juli 2025 eine ehemalige IDF-Soldatin als Leiterin der Hate-Speech-Richtlinien ein! Auch wurden zahlreiche Videos über das Leid in Gaza immer wieder zensiert. Virale Videos verschwanden aus den Feeds, beliebte Hashtags wie #FreePalestine waren zeitweise nicht auffindbar und bei einigen Clips wurde der Ton gelöscht. 48 Organisationen, wie die palästinensische NGO 7amleh oder das Arab Centre for Social Media Advancement berichteten von erheblicher und unverhältnismäßiger Zensur palästinensischer Stimmen und riefen soziale Netzwerke zur Wahrung digitaler Rechte der Palästinenser auf.
Die politische Bedeutung der sozialen Medien ist unterdessen auch Benjamin Netanjahu nicht entgangen. So sagte er bei einem Treffen mit Podcastern und TikTokern im September 2025 in New York: Waffen ändern sich über die Zeit – die wichtigste davon ist Social Media. Bei einem weiteren Treffen mit zionistischen Influencern sagte er außerdem: Wir müssen mit den Waffen kämpfen, die zu den Schlachtfeldern gehören, in denen wir stehen – und die wichtigsten davon sind Social Media. Ferner wurde mit Hasbara 2.0 eine breit angelegte israelische Social-Media-Strategie mit Millionenbudget beschlossen. Bereits jetzt gibt es Programme, durch die Influencer für das Posten zionistischer Propaganda bezahlt werden, wie veröffentlichte Dokumente aus dem US Foreign Agents Registration Act (FARA) belegen.
Mit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk und der Umbenennung in X gibt es bereits einen Prototypen einer solchen Entwicklung, wenn auch in nicht ganz so komplexer Form, da sich die Übernahme nur in den USA abspielte. Bei TikTok sind hingegen mehrere Staaten, Unternehmen und Interessenträger betroffen. Doch auch bei Twitter bzw. X sind nach der Übernahme große Veränderungen vorgenommen worden. So hat sich die Moderation von Hate-Speech grundlegend verändert, was zu einer Änderung des Nutzerverhaltens bzw. der Art der Nutzer selbst geführt hat. Heute sind etwa deutlich mehr rechte Inhalte auf X zu finden als noch zu Zeiten von Twitter. Einige Beobachter sind gar der Meinung, dass der X-Algorithmus rechtes Gedankengut bevorzuge und eher pusht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass durch die Polarisierung etwaiger Accounts, mehr Interaktion stattfindet, was zu mehr Sichtbarkeit führt. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass rechten Accounts sehr viel mehr Raum gegeben wird, so sind beispielsweise bekannte Aktivisten zugelassen worden, die zuvor jahrelang von der Plattform verbannt waren. Dass sich nun auch TikTok ähnlich radikal verändern wird, ist aber nicht ausgemacht. Schließlich handelt es sich bei der US-Sparte von TikTok um ein Joint Venture, bei dem keine Einzelperson wie Elon Musk die strategischen Entscheidungen alleine trifft.
Ein weiterer Akteur in dem Joint Venture sind die Vereinigten Arabischen Emirate mit ihrem staatlichen Unternehmen MGX. Damit ist davon auszugehen, dass auch Abu Dhabi versuchen wird, direkten Einfluss auf die Inhalte von TikTok zu nehmen. Ein Interesse besteht darin, ein positives Bild der Emirate zu zeichnen – eine Strategie, die bereits seit Jahren verfolgt wird, indem gezielt Influencer mit finanziellen Anreizen ins Land gelockt werden. Diese sollen dann das Luxusleben in Dubai promoten, während ihnen per Vertrag untersagt wird, kritisch über das autoritäre Regime zu sprechen. Der Umzug vieler namhafter Influencer und Streamer in die Emirate schlug selbst hierzulande hohe Wellen und entfachte Grundsatzdiskussionen um moralische Integrität, die durch monetäre Anreize untergraben werde.
In jedem Fall haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate nun die Möglichkeit erkauft, unliebsame Narrative auf TikTok einzuhegen. So wuchs in den letzten Jahren auf Social Media die Kritik an ihrer Finanzierung von separatistischen Milizen wie den Rapid Support Forces (RSF) im Sudan, die durch ihre bestialischen Gräueltaten weltweit bekannt geworden sind. Auch die Normalisierung mit Israel wurde auf Social Media Plattformen wie TikTok wiederholt thematisiert und von Usern scharf kritisiert. Ebenso ist davon auszugehen, dass die Emirate ihren Einfluss auf TikTok für die Bekämpfung des politischen Islam nutzen und ihre eigene Herrschaft auch unter religiösen Gesichtspunkten legitimieren werden. Die Emirate versuchen – wie alle Golfstaaten – mithilfe vermeintlicher Gelehrter das Anprangern der Herrscher pauschal als ḥarām zu erklären und die Propagierung islamischer Alternativen zu unterbinden. Diese Versuche beschränken sich nicht nur auf die arabische Halbinsel. So finden sich selbst in Europa nützliche Idioten, die propagieren, man dürfe die (ungerechten) Herrscher nicht kritisieren – obwohl diese offenkundig mit kufr regieren und sich mit dem Westen gegen die Umma verschworen haben. Mit TikTok hätten die Emirate einen zusätzlichen Hebel für diese Entstellung der islamischen Rechtsprüche. Selbst vermeintlich harmlose Inhalte, wie das Infragestellen der – selbst für westliche Verhältnisse – exzessiven Verschwendung und Dekadenz in Dubai kann einen ins Fadenkreuz der Zensur befördern.
Über die reine Einhegung von unliebsamem Content ist auch mit gezielten Desinformationskampagnen und der Verbreitung von Fake News zu rechnen – zumal dies bereits heute ein fester Bestandteil emiratischer Propaganda ist. Eine große internationale Recherche unter dem Namen Abu Dhabi Secrets zeigt, wie die VAE externe Einfluss- und Verleumdungskampagnen finanziert haben, etwa durch PR-Firmen, um Gegner wie die Muslimbruderschaft in Ägypten oder Katar nahestehende Stimmen zu diskreditieren. Das wurde anhand geleakter interner Dokumente untersucht und ausführlich belegt. Auch die Nahda-Partei wurde ins Visier genommen, obwohl diese längst ihre politisch-islamische Agenda aufgegeben und sich im Zuge ihrer Partizipation am bestehenden System in Tunesien säkularisiert hat. Die Vereinigten Arabischen Emirate bekämpfen also nicht nur Bewegungen, die auf eine tatsächliche und fundamentale Veränderung durch die Errichtung des Kalifats hinwirken, sondern gegen alle Kräfte, die dem politischen Islam zugerechnet und von Abu Dhabi als Feinde markiert werden. Da sich hier die Interessen mit den USA und den Zionisten oftmals überschneiden, ist kaum mit Widerstand der anderen Konsortialpartner zu rechnen.
Doch es gibt auch kritische Stimmen – selbst in den USA. So werfen Kritiker der Trump-Administration vor, China in Hinblick auf die nationale Sicherheit auszuschließen, während die Vereinigten Arabischen Emirate ins Boot geholt werden. Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren warf Präsident Trump vor, TikTok seinen Milliardärs-Kumpeln zu überlassen und dabei von einer ausländischen Regierung unterstützt zu werden. MGX – so Warren-, ist eine dubiose Abu-Dhabi-Firma, der man nicht ohne weiteres Vertrauen könne. Senator Ed Markey unterstellte Trump in einem offenen Brief, dass er das Verkaufsultimatum von TikTok eher als Hebel benutzt hat, um politischen Verbündeten Anteile zuzuschieben, als um die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten zu schützen. Sicherheitsexperten und Medien kommentieren ebenfalls kritisch, dass mit den Emiraten nun ein autoritär regierter Staat indirekt Mitspracherecht bei TikTok erhält. Fight for the Future-Direktorin Evan Greer etwa reagierte empört: TikTok wurde offiziell an die schlimmsten Leute der Welt verkauft. Ebenso wird kritisch beäugt, dass MGX kurz vor dem TikTok-Deal zwei Milliarden US-Dollar in die von Trumps Familie mitinitiierte Kryptowährung Stablecoin investierte und sich somit durch massive Bestechung in den Deal eingekauft habe.
Noch grundsätzlicher ist die Kritik an der Ausgliederungspraktik des US-Geschäfts von TikTok in ein Joint Venture. Sam duPoint, der frühere Direktor der Digital Innovation and Democracy Initiative in Washington warnt vor einer drohenden Fragmentierung des Internets in nationale Grenzen, sollte sich dieser Trend fortsetzen. In China hat die Abschottung der digitalen Welt bereits Schule gemacht, denn dort sind viele westliche Dienste, wie Google, YouTube, Facebook und WhatsApp nicht zugänglich und die USA ziehen nun gewissermaßen nach. Wenn jede Regierung unliebsame ausländische Apps einfach beschlagnahmt oder kauft und anschließend umgestaltet, wird das globale Internet, wie wir es kennen Geschichte sein und den digitalen Handel beeinträchtigen.
Insgesamt ist damit zu rechnen ist, dass TikTok US die (noch) bestehenden Räume für kritische und islamische Nahost-Diskurse weiter einschränken wird. Zionistische Narrative werden stärker gefördert, palästinensische und islamische Akteure zum Schweigen gebracht – hierauf werden die Konsortialpartner Oracle (USA/Israel) und MGX (VAE) zielstrebig hinwirken. Für Muslime verdeutlicht das die Dringlichkeit, eigene und adaptive Social Media Strategien zu entwickeln. Das Ziel muss darin bestehen, Raumgewinne auf bestehenden Plattformen zu erhalten und weiter auszubauen, gleichzeitig aber auch die Kommunikation auf alternativen oder eigenen Plattformen und Webseiten zu erhöhen. Bis zur Gründung des Kalifats und der damit (auch) einhergehenden digitalen Souveränität, muss der zunehmenden Machtasymmetrie mit gleichermaßen zunehmenden innovativen Ansätzen begegnet werden, um den Kampf um Diskurs- und Deutungshoheit erfolgreich ausfechten zu können.