Jeffrey Epstein war kein Psychopath wie Charles Manson oder Jack the Ripper, sondern ein Produkt des Kapitalismus.
Was er war, war er infolge der kapitalistischen Ideologie, die den Menschen lehrt, dass der einzige Handlungsmaßstab Profit und Nutzen sind und das Konzept von Freiheit an erster Stelle steht. Wenn der Mensch den kapitalistischen Handlungsmaßstab von Profit und Nutzen verinnerlicht und gleichzeitig weiß, keine Strafe fürchten zu müssen, kommt immer ein Epstein heraus. Das erklärt auch, weshalb es weltweit so viele Mittäter und Mitwisser gibt, von denen keiner besser ist als Epstein. Er war also keine Ausgeburt der Hölle, sondern des Kapitalismus, der Bestien wie ihn hervorbringt und sie permanent mit Opfern versorgt.
Spätestens seit Veröffentlichung der Epstein-Akten sollte jeder erkannt haben, dass der kapitalistische Westen, der sich immer mit einer moralischen Überlegenheit brüstet, keinerlei Moral besitzt. Die Tatsache, dass Epstein weltweit Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Finanzbranche, Kultur und High Society hatte, legt offen, dass die Morallosigkeit und Menschenverachtung ausgerechnet jene Bereiche betrifft, die die kapitalistische Gesellschaft prägen. Statt ein moralisches Vorbild für die Gesellschaft zu sein, sind es ausgerechnet Personen aus diesen Bereichen, die jede moralische Grenze überschritten und das Abartige und Unaussprechliche jahrzehntelang ausgelebt haben. Wie moralisch kann eine Gesellschaft überhaupt sein, die von einer morallosen Elite geführt wird? Und obwohl der Westen im Epstein-Sumpf versinkt, erhebt er weiterhin den Zeigefinger gegen andere und demonstriert moralische Überlegenheit, was von mangelnder Einsicht zeugt.
Epsteins Biographie legt nahe, dass das kapitalistische System den Rahmen für seine Verbrechen bildet. Zunächst Lehrer ohne akademischen Abschluss an einer Privatschule, wird er mithilfe von Kontakten Mitarbeiter der Investmentbank Bear Stearns und wenige Jahre später sogar Partner. Schließlich gründet er J. Epstein & Co, eine Vermögensverwaltungsgesellschaft für Superreiche. Wie Epstein selbst zu seinem immensen Vermögen kam, ist bis heute nicht bekannt oder wird bewusst verschleiert. Seine Tätigkeiten in der Finanzbranche bleiben intransparent. Fakt ist, dass er im Zentrum der US-Finanzwelt stand, selbst reich war und Zugriff auf das Vermögen anderer hatte. So war er Vermögensverwalter des Unternehmers und Milliardärs Leslie Wexner und besaß sogar eine Generalvollmacht, mit der er nicht nur Investitionen und Immobiliengeschäfte tätigen konnte, sondern unbegrenzten Zugriff auf Wexners Privatvermögen hatte, was ungewöhnlich ist. Zudem hatte Epstein Verbindungen zu den Mächtigsten dieser Welt. Er schöpfte die Möglichkeiten, die ihm Macht und Reichtum im kapitalistischen System boten, maximal aus und setzte das kapitalistische Verständnis von Glück in allen Facetten um. Glück besteht im Kapitalismus in der maximalen Befriedigung materieller Bedürfnisse, worunter auch die Befriedigung sexueller Bedürfnisse und Neigungen fällt. In der Welt Epsteins konnte jeder, den Epstein ins Visier nahm und von dem er sich etwas versprach, diesem Glücksverständnis ohne jede moralische oder juristische Grenze nachgehen. Man nimmt sich im Kapitalismus einfach, was der eigenen Befriedigung dient, selbst wenn es Kinder sind.
Die Epstein-Akten legen ein Netzwerk aus sexuellem Missbrauch, Erpressung und Korruption offen. Der Kern des Skandals ist jedoch der jahrelange organisierte sexuelle Missbrauch von Kindern und minderjährigen Mädchen. Dabei geht es um schwere systematische Sexualverbrechen mit überaus schockierenden Details. Wie aber konnte jemand wie Epstein ein ganzes Missbrauchsnetzwerk aufbauen, von dem Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer und Künstler wussten und profitierten? Es hat viel mit dem kapitalistischen Frauenbild zu tun. Die Frau als käufliches Objekt ist in der kapitalistischen Ideologie verankert, womit sich die kapitalistische Gesellschaft arrangiert hat. Es ist nicht nur das Frauenbild einer verdorbenen Elite, sondern ein Frauenbild, das die kapitalistische Gesellschaft verinnerlicht hat und dem die Frau schutzlos ausgesetzt ist: die Frau als permanent verfügbares Lustobjekt. In dem berühmten Fall von Gisèle Pelicot, die 10 Jahre lang von ihrem Ehemann betäubt und völlig fremden Männern zur Vergewaltigung angeboten wurde, spiegelt sich genau dieses Frauenbild wider. Zwar handelt es sich dabei um einen Extremfall, aber das Problem betrifft grundsätzlich alle Frauen. So müssen sie sich in Acht davor nehmen, dass jemand ihnen in Bars, Clubs und auf Partys K.o.-Tropfen ins Getränk mischt. Ein solches Problem bestünde nicht, wenn das Frauenbild im Kapitalismus ein anderes wäre. Für Epstein war nicht nur die Frau ein käufliches Objekt, sondern auch Minderjährige, die er mit Geld für „Massagen“ köderte und in seine Falle tappen ließ, um sie für sich und andere verfügbar zu machen.
Epsteins jahrzehntelange unverhohlene Verbrechen lassen sich nur so erklären, dass er sich unantastbar wähnte. Anzeigen konnten ihm nichts anhaben. Als er 2005 in Florida angezeigt wurde, eine 14-Jährige zu sexuellen Handlungen gedrängt zu haben, kam es 2008 zu einem Deal mit Floridas damaligem Staatsanwalt Alexander Acosta, der eine Bundesanklage verhinderte, die für Epstein lebenslange Haft bedeutet hätte. Stattdessen sollte sich Epstein lediglich schuldig bekennen, zwei Minderjährige zur Prostitution gezwungen zu haben. Er wurde nur zu 13 Monaten Haft verurteilt, die er überwiegend im Freigang verbrachte. Man versuchte Epstein als gewöhnlichen Sexualstraftäter abzustempeln, von dem keine weitere Gefahr ausgehe. Seine Haftstrafe war nur eine Scheinhaft. Die Abmachung schützte außerdem alle Mitwisser, indem sie Immunität erhielten.
Jemand, der ausschließlich nach dem kapitalistischen Maßstab handelt, das kapitalistische Frauenbild sowie das kapitalistische Glücksverständnis verinnerlicht hat und sich zudem für unantastbar hält, fühlt sich nicht an Gesetze und Grenzen gebunden – vor allem dann nicht, wenn Macht und Geld alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Jedoch stellt niemand eine Verknüpfung zwischen Epstein und der kapitalistischen Ideologie her, obwohl seine Verbrechen durchaus damit in Zusammenhang stehen. Wäre er hingegen ein Muslim gewesen, so hätte die Weltöffentlichkeit mit aller Wahrscheinlichkeit all seine Verbrechen auf den Islam zurückgeführt, dem man immer eine Diskriminierung der Frau unterstellt. Kommt ein Jahrhundertverbrecher wie Epstein jedoch aus den eigenen Reihen, wird die Ideologie, die ihn geprägt hat, nicht hinterfragt oder kritisiert, obwohl seine Taten dem Kern der kapitalistischen Ideologie entspringen.