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Grundlagen Der Unterschied zwischen der Bewahrung des Koran und der Bewahrung des Islam

Die Bewahrung des Koran und die Bewahrung des Islam sind nicht identisch. Während der Koran von Allah (t.) bewahrt wird, sind es die Muslime, die für die Bewahrung des Islam verantwortlich sind und dafür sorgen müssen, dass er umgesetzt wird.

Der Koran ist das einzige offenbarte Buch, das bis heute im Originalzustand existiert, ohne dass je ein Mensch eine Veränderung vorgenommen hätte. Die Verse, die wir heute rezitieren, sind exakt dieselben, die Allah (t.) seinem Gesandten (s.) offenbart hat, ohne dass von der Wahrheit etwas weggelassen oder eine Lüge hinzugefügt wurde. Das zeichnet den Koran vor allen anderen Schriften aus. Warum aber können wir mit Gewissheit behaupten, dass der Koran im Gegensatz zu Bibel und Thora unverfälscht geblieben ist? Es ist Allah (t.) selbst, Der die Offenbarung schützt und vor jeglicher Verfälschung bewahrt, denn Er sagt:

﴿إِنَّا نَحْنُ نَزَّلْنَا الذِّكْرَ وَإِنَّا لَهُ لَحَافِظُونَ

Gewiss, Wir sind es, die Wir die Ermahnung herabgesandt haben, und Wir werden wahrlich ihr Bewahrer sein.[15:9]

Der Mensch soll wissen, dass jeglicher Versuch, den Koran zu verändern, zum Scheitern verurteilt ist. Alle Versuche in der Vergangenheit waren erfolglos und jeglicher Versuch in der Zukunft wird es ebenfalls sein. Noch immer existieren Koranexemplare, bei denen man davon ausgeht, dass es sich um Abschriften handelt, deren Anfertigung ʿUṯmān ibn ʿAffān (r.) während seiner Regierungszeit (644-656 n. Chr.) angeordnet hatte. Ob es sich tatsächlich um die Koranexemplare ʿUṯmāns handelt, können wir nicht mit letzter Gewissheit sagen. Allerdings wissen wir, dass es sehr alte Handschriften sind, die aus einer frühen Phase der islamischen Geschichte stammen und sich mit dem Koran decken, der uns heute vorliegt. Anhand jahrhundertealter Koranbücher können wir feststellen, dass der Koran bis heute unverändert geblieben ist. So wurden in der University of Birmingham Seiten einer Koranhandschrift gefunden, die mittels der Radiokarbonmethode auf die Jahre zwischen 568 und 645 n. Chr. datiert wurden. Forscher gehen davon aus, dass die Koranfragmente kurz nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.) entstanden sind. Unter Historikern gilt der Koran als seit dem 7. Jahrhundert unveränderter Text.

Dass es so alte Fragmente gibt, zeugt davon, dass die Muslime schon sehr früh Maßnahmen ergriffen haben, um zu verhindern, dass Teile des Koran vergessen oder verfälscht werden. Denn obwohl sie wussten, dass Allah (t.) der Bewahrer der Offenbarung ist, waren sie besorgt um den Koran und wollten nicht enden wie die Juden und Christen, die ihre Schriften verfälscht hatten. Ein bestimmtes Ereignis setzte den Prozess der Sammlung und Bewahrung des Koran in Gang, nämlich die Schlacht von Yamāma kurz nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.) im Jahr 632 n. Chr. In der Schlacht ging es um die Bekämpfung von Musailima ibn Ḥabīb, der den Beinamen al-Kaḏḏāb hatte, d. h. der Lügner, weil er sich als Prophet ausgab und den Leuten vormachte, Offenbarungen zu erhalten. Viele Ṣaḥāba, die den Koran auswendig kannten, starben in dieser Schlacht. Der schlagartige Verlust so vieler von ihnen ließ die Muslime fürchten, dass der Koran verlorengehen könnte, wenn in weiteren Schlachten noch mehr von ihnen stürben. Auf Initiative von ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb (r.) beauftragte der Kalif Abū Bakr (r.) Zaid ibn Ṯābit (r.), den Hauptkoranschreiber des Propheten (s.), damit, die Koranschriftstücke, die der Gesandte Allahs (s.) seinen Koranschreibern diktiert und autorisiert hatte, zu sammeln, um sie an einem einzigen Ort aufzubewahren. Diese Aufgabe tolerierte keinen einzigen Fehler und ließ Zaid (r.) vor der großen Verantwortung zurückschrecken. Er sagte: „Bei Allah, wenn man mir die Aufgabe übertragen hätte, einen der Berge zu versetzen, wäre es nicht schwerer für mich gewesen als das, was man mir aufgetragen hat: den Koran zu sammeln“ (al-Buḫārī). Mit größter Sorgfalt sammelte Zaid (r.) alle Originalschriftstücke, die zunächst bei Abū Bakr (r.), dann bei ʿUmar (r.) und schließlich bei dessen Tochter Ḥafṣa (r.), die gleichzeitig eine Frau des Propheten (s.) war, aufbewahrt wurden.

Zunächst gab es den Koran nicht in Buchform als Muṣḥaf. Als immer mehr Gebiete für den Islam eröffnet wurden, fand auch der Koran zunehmend Verbreitung und der Islam Anhänger. Hierbei fiel dem Prophetengefährten Ḥuḏaifa ibn al-Yamān (r.) auf, dass die Leute der Levante (aš-Šāms) und die Leute des Irak mit ihren verschiedenen Dialekten den Koran auf unterschiedliche Weise rezitierten. Da sagte er zum damaligen Kalifen ʿUṯmān (r.): „O Führer der Gläubigen, rette diese Umma, bevor sie über das Buch uneins werden wie die Juden und Christen vor ihnen.“ (at-Tirmiḏī). ʿUṯmān (r.) ließ daraufhin von den originalen Schriftstücken Abschriften in Buchform anfertigen und befahl, in jede Region des islamischen Herrschaftsgebietes ein Koranexemplar zu senden. Gleichzeitig befahl er, alle anderen Koranexemplare, die in Umlauf waren, ob in Auszügen auf Blättern oder als ganzes Buch, zu verbrennen. Mit diesem Vorgehen verhinderte ʿUṯmān (r.) Abweichungen, die zu einer Spaltung der Muslime hätten führen können, und vereinheitlichte die Rezitation des Koran bis zum heutigen Tag.

Beim Koran fällt eine Besonderheit auf: Der Islam spornt die Muslime dazu an, ihn auswendig zu lernen. Wie will man eine Schrift verfälschen, die von der ersten Stunde der Offenbarung bis heute auswendig gelernt und im Gedächtnis der Muslime bewahrt wird? Die sich fortsetzende islamische Tradition des Auswendiglernens des Koran führt dazu, dass zu jeder Zeit Millionen von Muslimen den Koran aus dem Gedächtnis rezitieren können. Die Bedeutung des Auswendiglernens darf niemals unterschätzt werden, denn Schriftstücke können zerstört werden oder verlorengehen und Bücher lassen sich verbieten. Aber wenn es eine Tradition des Auswendiglernens gibt und diese fortgesetzt wird, bleibt ein Text für alle folgenden Generationen erhalten. In diesem Sinne heißt es in einer Überlieferung: Und Ich habe dir das Buch gesandt, das nicht durch Wasser weggespült werden kann […]. (Muslim). In der Menschheitsgeschichte gibt es nichts Vergleichbares. Weder die Juden noch die Christen lernen ihre Schrift auswendig oder werden von ihrem Glauben dazu motiviert. Hierzu gibt es eine Begebenheit, die der Rechtsgelehrte al-Qurṭubī in seiner Koranexegese (tafsīr) zum anfangs genannten Vers erwähnt. Als der Kalif al-Maʾmūn eine Ratsversammlung abhielt, trat unter den versammelten Menschen ein Jude ein, der dem Kalifen aufgrund seiner gepflegten Erscheinung auffiel. Er rief ihn zu sich, fragte ihn, ob er Jude sei, und forderte ihn auf, den Islam anzunehmen. Er versprach ihn zu belohnen, sollte er Muslim werden, doch der Jude lehnte ab und hielt an seinem Glauben fest. Im darauffolgenden Jahr kam er als Muslim wieder und sprach redegewandt über islamische Rechtswissenschaft. Als sich die Versammlung auflöste, fragte ihn al-Maʾmūn: „Was war der Grund für deinen Islam?“ Der Mann antwortete: „Ich verließ dich und wollte die Religionen prüfen. Du siehst, dass ich eine schöne Handschrift besitze. So nahm ich die Thora, fertigte drei Abschriften an, fügte darin hinzu und ließ weg, und brachte sie in das jüdische Gotteshaus – und sie wurden mir abgekauft. Dann nahm ich das Evangelium, fertigte drei Abschriften an, fügte darin hinzu und ließ weg, und brachte sie in das christliche Gotteshaus – und sie wurden mir abgekauft. Dann nahm ich den Koran, fertigte drei Abschriften an, fügte darin hinzu und ließ weg, und brachte sie zu den Buchhändlern. Sie prüften sie, und als sie die Hinzufügungen und Weglassungen darin fanden, warfen sie sie weg und kauften sie nicht. Da erkannte ich, dass dies ein bewahrtes Buch ist, und dies war der Grund für meinen Übertritt zum Islam.“

Damals war die größte Sorge der Prophetengefährten (ṣaḥāba) (r.), dass der Koran verlorengehen könnte. Heute ist hingegen das größte Problem, dass das, was der Koran an Rechtssprüchen beinhaltet, nicht in seiner Gesamtheit umgesetzt wird. Die Bewahrung des Koran ist zwar garantiert, aber damit ist nicht automatisch die Bewahrung des Islam gewährleistet. Wir können den Koran in einem Tresor einschließen und diesen Tresor rund um die Uhr bewachen lassen, um den Koran zu bewahren, aber wir können dadurch nicht verhindern, dass die Menschen ihn uminterpretieren, um falsche, vom Islam abweichende Verständnisse in Umlauf zu bringen, oder dass Muslime Gebote und Verbote nicht kennen, wodurch es zu einer Diskrepanz zwischen dem bewahrten Koran und der Praktizierung des Islam kommt. Den Islam können wir nicht einfach in einen Tresor legen wie den Koran, um ihn zu schützen, sondern bewahren ihn, indem wir ihn praktizieren. Wir Muslime sind die Bewahrer des Islam. Diese Aufgabe können wir nur erfüllen, wenn wir – analog zum Koran – nichts vom Islam weglassen und nichts Fremdes hinzufügen. Aber genau das ist im Laufe der islamischen Geschichte geschehen: Die Umma wich immer mehr von der islamischen Lebensweise ab, bis sie den Zustand von heute erreicht hat. Diese Entwicklung lässt sich aber wieder rückgängig machen, denn der Koran ist nicht ohne Grund bewahrt geblieben und beinhaltet zusammen mit der Sunna alles, was eine islamische Lebensweise wiederherstellt.

Die Bewahrung des Islam erfolgt durch seine vollständige Praktizierung. Beginnt die Umma diesbezüglich nachlässig zu werden, entsteht ein Teufelskreis. Was an islamischen Rechtssprüchen nicht umgesetzt wird, gerät in der Umma mit der Zeit in Vergessenheit. Islamisches Wissen geht dadurch verloren und nichtislamische Verständnisse werden unbewusst übernommen, was wiederum zur Folge hat, dass die Muslime sich in ihrem Handeln immer weniger am Islam orientieren, sondern an einer nichtislamischen westlichen Lebensweise. Die größte Gefahr besteht darin, dass ihnen die Sünde nicht einmal mehr bewusst ist. So haben die Muslime nahezu 1.400 Jahre in einem Kalifat gelebt, also die längste Zeit ihrer Geschichte. Nachdem es zerstört und 1924 abgeschafft wurde, ersetzten es die Kolonialmächte durch zahlreiche Nationalstaaten, die bis heute die islamische Welt entstellen. Das Kalifat gehört somit seit über einem Jahrhundert nicht mehr zur Realität der Muslime und die Mehrheit vergaß diese verpflichtende Staatsform. Die Muslime wussten lange nichts mit dem Begriff Kalifat anzufangen und viele hatten sogar noch nie davon gehört. Man musste das Kalifat wieder ins Bewusstsein der Muslime rücken, das all die Jahrhunderte zuvor eine Selbstverständlichkeit war und das die einzige Garantie für die vollständige Praktizierung des Islam und dessen Bewahrung ist. Genau diese Staatsform, an der das Schicksal der Umma hängt, hatten die Muslime einfach vergessen, weil sie nicht mehr Teil ihrer Realität war.

Einem Muslim ist es aktuell unmöglich, den Islam vollständig zu praktizieren, auch wenn manche vielleicht den Eindruck haben, dass es möglich sei, indem man betet, fastet, Zakat zahlt, die Pilgerfahrt vollzieht oder sich gute Tugenden aneignet. Jedem muss klar sein, dass sich mehrere tausend Koranverse und Hadithe nicht nur mit den Gottesdiensten (ʿibādāt) befassen, sondern alle Bereiche des menschlichen Lebens betreffen. Der Islam ist eine Lebensordnung und keine Religion wie Juden- und Christentum. Wenn sich die Muslime nur auf die Umsetzung eines Teils der islamischen Rechtssprüche beschränken, können sie den Islam nicht vollständig bewahren. Als Muslim wird man jedoch mit dem Problem konfrontiert, dass man den Islam als Individuum gar nicht umfassend anwenden kann, weil viele Rechtssprüche in den staatlichen Aufgabenbereich fallen wie das Wirtschafts- oder das Strafsystem. Die Bewahrung des Islam ist deshalb eine kollektive Pflicht aller Muslime. Sie müssen die Rahmenbedingungen für eine vollständige Praktizierung des Islam schaffen, d. h. einen Staat, dessen Aufgabe darin besteht, den Islam durch Anwendung der Scharia zu bewahren, wie es der Gesandte Allahs (s.) seinerzeit getan hat. Er hinterließ den Muslimen ein Kalifat, das 1.400 Jahre existierte und die Praktizierung des Islam gewährleistete. Mit dem Verschwinden des Kalifats verschwand ein wesentlicher Teil des Islam aus der Realität der Muslime, weil die Anwendung zahlreicher Rechtssprüche wegfiel. Deshalb ist die Bewahrung des Islam untrennbar an das Kalifat geknüpft.

Selbst der Gesandte Allahs (s.) geriet ohne den islamischen Staat an seine Grenzen, wenn es darum ging, den Muslimen die Praktizierung des Islam zu ermöglichen. Denn wenn wir auf die Anfänge des Islam zurückblicken, sehen wir, dass die Muslime in Mekka den Islam nur heimlich oder gar nicht praktizieren konnten. Der Gesandte (s.) konnte nichts dagegen unternehmen und musste zusehen, wie Muslime verfolgt, eingesperrt, gefoltert und getötet wurden. Er selbst war in Mekka nicht sicher und konnte einmal sogar Mekka nur unter dem Schutz des Götzenanbeters al-Muṭʿam ibn ʿAdī wieder betreten, nachdem er in der Stadt Ṭāʾif um Beistand gebeten hatte und von dort vertrieben wurde. Der Wendepunkt war die Gründung des islamischen Staates in Medina, der die Lage der Muslime und des Islam grundlegend veränderte. Hätte der Islam ohne diesen Staat bestehen können oder wäre er möglicherweise von den Quraiš vernichtet worden und nie über die Grenzen Mekkas hinausgekommen? Wie lange hätten die Muslime in Mekka ohne Staat existieren und den Islam gegen die Angriffe der Quraiš verteidigen können? Hätten sie nach dem Tod des Gesandten (s.) den Islam ohne ein Kalifat aufrechterhalten und bewahren können? Wir können uns durchaus denken, dass der Islam ohne das Kalifat keine Chance gehabt hätte. Der Staat war für den Islam eine existenzielle Notwendigkeit und er ist es noch heute.