Freies Feedback

Was können wir auf unserer Webseite noch verbessern?

Kommentar Die Kalifenstadt

Bagdad ist eine geschichtsträchtige Stadt. Ihre Geschichte wird jedoch von den gegenwärtigen politischen Ereignissen überschattet. Die irakische Hauptstadt ist zu einem festen Bestandteil der täglichen Berichterstattung geworden.

Bagdad ist eine geschichtsträchtige Stadt. Ihre Geschichte wird jedoch von den gegenwärtigen politischen Ereignissen überschattet. Die irakische Hauptstadt ist zu einem festen Bestandteil der täglichen Berichterstattung geworden.


Jede Meldung steht in Zusammenhang mit Anschlägen und den daraus resultierenden Toten und Verletzten. Aufgrund der inzwischen unüberschaubaren Zahl an blutigen Anschläge wird Bagdad nur noch mit Gewalt und Tod assoziiert – und dies zurecht. Die Friedhöfe sind längst nicht mehr in der Lage, die vielen Toten zu fassen, so dass man diese mittlerweile außerhalb Bagdads beisetzen muss.
Das blutige Schicksal Bagdads und seiner Einwohner ist aufgrund der Häufigkeit der Anschläge zum Alltag degradiert worden, so dass es in der breiten Öffentlichkeit kaum noch Reaktionen evozieren kann. Die Zahl der Opfer, selbst wenn sie im dreistelligen Bereich liegt, geht längst unter, denn inzwischen gehört die Information über neue Anschläge mit Todesfolge zu der Sorte von Nachrichten wie der tägliche Wetterbericht.


Die Abgestumpftheit der Weltöffentlichkeit ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Menschen in Bagdad auf einem Pulverfass leben. Sie gehen mit einer völligen Ungewissheit aus dem Haus, die sich in dem Bewusstsein äußert, dass es der letzte Tag sein könnte. Denn es gibt keinen Ort mehr in Bagdad, der vor Anschlägen sicher ist. Darüber hinaus scheinen die Anschläge einer völligen Willkür zu unterliegen, so dass es den Menschen erschwert wird, die Gefahr in irgendeiner Form zu umgehen. Mit dem ersten Schritt auf die Straße setzt man sich bereits der Gefahr aus, einem Anschlag zum Opfer zu fallen.
Dieses Bagdad ist das US-amerikanische Bagdad. Fakt ist, dass Saddam Husseins Bagdad ein besseres Bagdad war und die Menschen inzwischen sogar eine Sehnsucht danach entwickelt haben, denn so sehr sie unter diesem Tyrannen leiden mussten, bestand zumindest eine öffentliche Ordnung, die es dem Einzelnen ermöglichte, seinen Alltag zu leben. Etwas wie „Alltag“ gibt es in Bagdad nicht mehr. Die gegenwärtige Lage wird sich auch nicht ändern, solange die Muslime im imperialistischen Würgegriff der USA verharren und sich vor allem nicht aus eigener Kraft befreien können. [US-Panzer rollen durch Bagdad]


Den heute lebenden Muslimen haben sich zwei Realitäten im Bewusstsein eingebrannt: Bagdad unter der Tyrannenherrschaft des inzwischen exekutierten Saddam Hussein und Bagdad unter amerikanischer Besatzung. Es ist eine äußerst düstere Vorstellung, wenn die Muslime lediglich zwischen diesen zwei Optionen wählen könnten – Diktatur oder Okkupation –, ohne dass ihnen eine dritte Option zur Auswahl stünde: die islamische Herrschaft.


Da der letzte Rest islamischer Herrschaft im Jahr 1924 endete und die Muslime der Gegenwart das Kalifat bislang nicht real erfahren haben, ist die islamische Herrschaft als Option bei den Muslimen fast schon in Vergessenheit geraten, obwohl es sich um die für sie einzige und beste Option handelt. Während nämlich Bagdad unter Saddam Hussein und George W. Bush seinen absoluten Tiefpunkt erreicht hat, belegt ein Blick in die Geschichte, dass die Blüte dieser Stadt mit der islamischen Herrschaft zeitlich zusammenfällt. Das ist das Bagdad, das es wiederzubeleben gilt.


Die irakische Hauptstadt gehört zu den größten Städten im Nahen Osten, sie war die erste Millionenstadt weltweit. Ihre Geschichte ist unmittelbar an die islamische Geschichte geknüpft. Der Irak wurde bereits im Jahre 637 n. Chr. unter dem zweiten rechtgeleiteten Kalifen Umar (r) eröffnet, und zwar von Khalid Ibn Al-Walid. Bis heute besteht die Bevölkerung – wie in nahezu allen vom Islam eröffneten Gebieten – fast ausschließlich aus Muslimen.


In der Abassidenzeit war Bagdad die Hauptstadt des islamischen Staates und wurde im Jahr 762 n. Chr. vom Kalifen Al-Mansur gegründet. Sie bildete bis zur Erstürmung durch die Mongolen im Jahr 1258 n. Chr. das Zentrum islamischer Herrschaft. Durch den Islam erfuhr Bagdad einen enormen Auftrieb und wurde sehr schnell weit mehr als nur eine Hauptstadt, sondern ein Zentrum für Wissenschaft, Bildung und Fortschritt, und zwar weltweit. Islamische Rechtsgelehrte und Wissenschaftler machten die Stadt mehrere Jahrhunderte lang zum intellektuellen Mittelpunkt der Welt.


Bagdad war nichts Geringeres als das politische Zentrum einer Großmacht. In Bagdad wurde Politik gemacht, deren Einfluss bis nach Europa reichte. Die Stadt repräsentierte die Hochphase des Islam. Diese Hochphase kam sowohl in der territorialen Ausbreitung des Islam zum Ausdruck als auch in der wissenschaftlichen und kulturellen Blüte. Um so schmerzlicher sind die gegenwärtigen Zustände dort, die kaum noch daran erinnern lassen, dass Bagdad einmal ein islamisches Machtzentrum mit weltpolitischer Relevanz darstellte.


Karl der Große, einer der größten europäischen Staatsoberhäupter überhaupt, pflegte diplomatische Beziehungen zu Bagdad zu halten. Sein politisches Gegenüber war der Kalif Harun Al-Raschid, der zwischen 786 und 809 n. Chr. regierte. Die Leistung der islamischen Regierung in Bagdad ist umso höher anzurechnen, als der islamische Staat trotz innerer politischer Spannungen seinen Höhepunkt erreichte.
Dies ist nicht auf irgendwelche günstigen Fügungen zurückzuführen, sondern liegt im islamischen Regierungssystem begründet. Die Geschichte belegt, dass Bagdad seine beste Zeit als Kalifenstadt unter islamischer Herrschaft erlebte. Zwar wird Bagdad in Zukunft nicht zwangsläufig das islamische Regierungszentrum sein müssen, doch wird es sich unter der wiederkehrenden islamischen Herrschaft vom Imperialismus erholen und seinen alten Zeiten annähern können.


Noch immer ist Bagdad der Sitz einer Regierung. Diese ist allerdings von Unvermögen und Fremdeinfluss gekennzeichnet und hat den gesamten Irak in ein absolutes Chaos gestürzt. Größer könnten die Unterschiede zwischen der heutigen irakischen Hauptstadt und der ehemaligen Kalifatshauptstadt nicht sein. Bagdad ist zu einem gesetzlosen Sumpf verkommen, in welchem jeder Schritt für die Menschen das Ende bedeuten könnte. Der Geruch von Verwesung hängt über der Stadt, da der US-treue irakische Ministerpräsident Nuri Al-Maliki seine ihm zugeteilte Aufgabe pflichtgemäß wahrnimmt und die Präsenz der USA im Irak aufrechterhält, während er den Schein von Souveränität vergeblich zu wahren versucht.
Besonders lächerliche Züge nahm dieser Schein von Souveränität an, als die USA behaupteten, sie hätten die Hinrichtung Saddam Husseins nicht verhindern können und die irakische Regierung habe eigenständig und gegen den amerikanischen Willen agiert. Dies, obwohl Saddam Hussein während seiner ganzen Inhaftierungszeit unter amerikanischer Bewachung stand, weil man der irakischen erklärter Weise nicht traute.


Die Exekution Saddam Husseins auf diese beschämende Weise ist sicherlich auch als Signal der USA an alle Vasallenherrscher in der islamischen Welt zu verstehen, sich davor zu hüten, gegen die amerikanischen Interessen zu handeln. Trotzdem ist ihre Dienerschaft gegenüber den USA kein Garant für den Weiterbestand ihrer Herrschaft. Denn sobald sie für die USA nicht mehr von Nutzen sind, werden sie wie eine tote Ratte entsorgt. Außer dem Zorn Allahs, Seines Gesandten und der Gläubigen wird solchen Verrätern nichts erhalten bleiben.


Heute wird in Bagdad amerikanische Politik betrieben, die das Interesse der Muslime beschneidet. Die USA setzen die irakische Regierung als Meute ein, die ihnen die Muslime zusammentreibt. Eine andere Funktion als diese hat die irakische Regierung nicht. Jedoch muss man die gegenwärtige Lage in Bagdad nicht als Dauerzustand akzeptieren. Es liegt allein in der Hand der Muslime, ob sie ein Bagdad mit amerikanischer oder islamischer Herrschaft möchten. Bedenkt man, dass Bagdad über Jahrhunderte unter islamischer Herrschaft stand, während die USA erst seit einigen Jahren ihren politischen Unfug dort treiben, dürfte eine Veränderung zum Besseren nicht unmöglich sein, zumal die USA selber eingestehen, dass sie nicht Herr der Lage sind und der Widerstand ihnen schwere Verluste zufügt, obwohl dieser nicht einmal zentral organisiert ist.


Wenn die USA nicht einmal gegen den irakischen Widerstand anzukommen vermögen, was sollten sie dann gegen die ganze Umma ausrichten, sobald diese in die Einheit des Kalifats zurückgeführt wird? Die USA wissen um diese Gefahr mehr als die Muslime selbst, so dass ihre Politik darauf hinausläuft, die nationale Zersplitterung in der islamischen Welt nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern weiter zu vertiefen. Auch wenn die Muslime sich ihrer Geschichte nicht mehr bewusst sind, sind die USA mit der islamischen Geschichte bestens vertraut und kennen das Potential der islamischen Herrschaft, vor allem als Bagdad noch die Hauptstadt des Kalifats war.