Nach den verheerenden Angriffen der letzten Monate, wie z. B. der Angriff auf die Al-Askari Moschee in Samarra und dem jüngsten Wüten von Todesschwadronen in den sunnitischen Bezirken Bagdads, beschreiben westliche Politiker und Kommentatoren die Lage im Irak nahe eines Bürgerkrieges zwischen Sunniten und Schiiten.
Nach den verheerenden Angriffen der letzten Monate, wie z. B. der Angriff auf die Al-Askari Moschee in Samarra und dem jüngsten Wüten von Todesschwadronen in den sunnitischen Bezirken Bagdads, beschreiben westliche Politiker und Kommentatoren die Lage im Irak nahe eines Bürgerkrieges zwischen Sunniten und Schiiten.
Die am 7. März veröffentlichte Meinungsumfrage, herausgegeben von der Washington Post und den ABC News, zeigte, dass 80% der Amerikaner einen Bürgerkrieg im Irak für wahrscheinlich und mehr als ein Drittel der Amerikaner einen Bürgerkrieg für sehr wahrscheinlich hielten. Für diejenigen, die die täglichen Pressemeldungen vom Irak sowie amerikanische und britische Zeitungen lesen, bleibt die Angst vor einem Bürgerkrieg hoch.
Jedoch sind diese Befürchtungen nichts Neues. Es ist zwei Jahre her, seitdem 180 Muslime durch Bombenanschläge in Kerbala und Bagdad während des Festes von Ashura getötet wurden, um des Martyriums des Imam Hussein zu gedenken. Damals haben sich ähnliche Behauptungen über einen Bürgerkrieg erhoben, allerdings haben sie sich – Gott sei Dank – nicht bewahrheitet. Der Westen glaubt an die jahrzehntelangen Spannungen zwischen den Sunniten und Schiiten im Irak, die jetzt, nach dem Irakkrieg, „überkochen“ würden. Im März sagte der US-Botschafter des Iraks, Zalmay Khalilzad, in einem Interview mit der Los Angeles Times, dass die US-geführte Invasion im Jahre 2003 die Spannungen im Irak offengelegt habe. Er sagte: „Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet und die Frage ist, welcher Weg führt voran?“
Wenn wir historisch auf die Beziehungen zwischen Sunniten und Schiiten im Irak zurückblicken, sehen wir keine ‚Büchse der Pandora‘ von Spannungen. Eher sehen wir beide Gruppen von Muslimen immer zusammen, nebeneinander lebend und oftmals in denselben Moscheen betend. Trotz der Meinungsunterschiede über einige islamische Fragen, sehen sich sowohl Sunniten als auch Schiiten einander an erster Stelle als Muslime an. Die westlichen Medien etikettieren Moscheen und Viertel als entweder schiitisch oder sunnitisch. Der schiitische Imam Muqtada Al-Sadr sagte nach dem Angriff auf die Al-Askari Moschee, „Meine Botschaft an das irakische Volk ist vereinigt und verbunden zu stehen und nicht in die Falle des Westens zu fallen. Der Westen versucht, das irakische Volk zu spalten.“ Während des Angriffs auf Fallujah im April 2004 wurde der belagerten sunnitischen Stadt durch Schiiten und Sunniten des Iraks geholfen, die ihre Geschwister mit Medikamenten, medizinischem Gerät und Nahrungsmitteln versorgten. Sie alle verkündeten den Slogan: „No no Sunni, no no Shia, yes yes Islam.“ In Bagdad füllten Sunniten und Schiiten die Um al-Qura Moschee, während sich 200.000 für eine Demonstration gegen den Angriff versammelten.
Der Westen versucht, Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten als Beweise dafür anzuführen, dass nur eine säkulare Lösung in Frage käme. Die Library Journal Rezension des Olivier Roys veröffentlichte Mitte der neunziger Jahre ein Buch mit dem Titel „The Failure of Political Islam“ (der Misserfolg des politischen Islams), in dem die im Westen weit verbreitete Ansicht wiederholt wurde, dass „der Versuch einen Islamischen Staat zu errichten“ durch „die Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten und anderen ethnischen Gruppen zum Scheitern verurteilt“ sei. Jedoch sind sowohl Sunniten als auch Schiiten Muslime und haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Beide sind sich über die fundamentalen Lehren des islamischen Glaubens einig, wie auch über Quran und Sunnah; die grundsätzlichen Quellen des islamischen Gesetzes. Die größte schiitische Rechtsschule ist die Dschafaritische Rechtsschule. Sie wurde von dem sechsten schiitischen Imam; Imam Dschafar as-Sadiq gegründet, der auch einer der Lehrer des Imams Abu Hanifa war; des Gründers der größten sunnitischen Rechtsschule.
Die politische Herrschaft des zukünftigen Kalifats wird weder sunnitisch noch schiitisch, sondern islamisch sein. Das Staatsoberhaupt kann die Gesetze verschiedener Rechtsschulen annehmen, ob sunnitische oder schiitische, maßgeblich ist dabei nur die Stärke des islamrechtlichen Beweises. Die Menschen werden diesen Gesetzen als islamische Gesetze des islamischen Staates folgen. Der Staat jedoch wird jedoch keine verbindlichen Gesetze erlassen, die in den Bereich der gottesdienlichen Handlungen fallen, wie Gebet, Fasten oder Pilgerfahrt, sofern diese keine gesellschaftliche oder staatspolitische Bedeutung haben wie z. B. Zakat oder Dschihad. Das Kalifat wird kein Polizeistaat sein, der in Wohnungen eindringen wird, um zu prüfen, welchen Glauben man hat.
Die Lösung der konfessionsgebundenen Gewalt im Irak ist die Errichtung eines Kalifats, welches alle Muslime, ob Sunniten oder Schiiten, Kurden oder Araber vereinigen wird. Dieses wurde durch Hizb-ut-Tahrir im Irak entworfen, als eine Einheitskonferenz am 4. November 2004 in Bagdad organisiert wurde, wo prominente Personen, sowohl von den sunnitischen als auch von den schiitischen Gruppen eingeladen wurden.
Mohammed Baqer al-Sadr, der Onkel von Muqtada al-Sadr, erklärte, während er unter Hausarrest wegen seiner Opposition gegen das Bathregime und das nichtislamische System im Irak stand: „Die einzige Sache, die ich in meinem Leben begehrt habe, ist die Errichtung eines islamischen Staates auf der Welt zu ermöglichen.“ Vor seiner Exekution unter den Händen Saddams im Jahre 1980 sagte er: „Für jeden Muslim ist es Pflicht, sich von den unmenschlichen Banden zu befreien und eine rechtschaffene, einzigartige und ehrenhafte, auf den Islam beruhende Herrschaft zu errichten“. Muslime im Irak und anderswo sollten diesen Rat befolgen und durch gemeinsame Arbeit eine „rechtschaffene Herrschaft auf der Grundlage des Islams“ ins Leben rufen.