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Islam Tadabbur in Hinblick auf den Qur’an – Teil II

Wir möchten ein Beispiel für die politische Reflexion über den Qur’an genauer betrachten. Es handelt sich hierbei um die Geschichte Musas (a.s.), die sich bekanntermaßen im alten Ägypten abspielt.

Musas und Haruns Dialog mit dem Pharao
Wir möchten ein Beispiel für die politische Reflexion über den Qur’an genauer betrachten. Es handelt sich hierbei um die Geschichte Musas (a.s.), die sich bekanntermaßen im alten Ägypten abspielt. Dort zulande versklavte der Pharao – der größte Tyrann, den die Menschheitsgeschichte je erlebt hat – das Volk der Bani Israel. Diese hatten aufgrund ihrer lange währenden Knechtschaft eine Sklavenmentalität entwickelt und unternahmen demnach nichts um ihren Zustand zu verändern; bis Allah (s.w.t.) ihnen Gnade erwies und sie durch Musa (a.s.) errettete.
Die Geschichte Musas fasst Allah (s.w.t.) wie folgt zusammen:
Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
1. Ta Sin Mim.
2. Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches.
3. Wir verlesen dir von der Kunde über Musa und Fir’aun der Wahrheit entsprechend, für Leute, die glauben.
4. Gewiss, Fir’aun zeigte sich überheblich im Land und machte seine Bewohner zu Lagern, von denen er einen Teil unterdrückte, indem er ihre Söhne abschlachtete und (nur) ihre Frauen am Leben ließ. Gewiss, er gehörte zu den Unheilstiftern.
5. Wir aber wollten denjenigen, die im Land unterdrückt wurden, eine Wohltat erweisen und sie zu Vorbildern machen und zu Erben machen,
6. ihnen eine feste Stellung im Land verleihen und Fir’aun, Haman und deren Heerscharen durch sie das erfahren lassen, wovor sie sich immer vorzusehen suchten
Gewiss, Fir’aun zeigte sich überheblich im Land…
Dies verdeutlicht, dass der Pharao ein Despot war und auf Grundlage einer Militär-Diktatur regierte.
…und machte seine Bewohner zu Lagern…
Pharao regierte ganz nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“ und spaltete so die Kopten von den Bani Israel.
…von denen er einen Teil unterdrückte indem er ihre Söhne abschlachtete und (nur) ihre Frauen am Leben ließ…
Dies machte Pharao, weil sich seit der Anwesenheit Ibrahims in Ägypten eine Prophezeiung unter dem Volke Israels rumsprach; dass nämlich bald jemand kommen und den Pharao entmachten würde. Aus diesem Grund tötete Pharao die Kinder der Bani Israel – bis auf Musa, den er selber in seinem Palast aufzog.
Wir aber wollten denjenigen, die im Land unterdrückt wurden, eine Wohltat erweisen und sie zu Vorbildern machen und zu Erben machen, ihnen eine feste Stellung im Land verleihen…
Das bedeutet, ihnen das Kalifat geben.
Die Geschichte Pharaos ist die eines typischen Despoten. Und Despotismus, Tyrannei und Ungerechtigkeit können nur dann in einer Gesellschaft vorherrschen, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Alle drei Bedingungen finden wir in der Geschichte des Pharaos erfüllt:
1. Ein tyrannischer Herrscher (Taghut), der von Größenwahn gekennzeichnet ist. Diese Bezeichnung trifft absolut auf den Pharao zu.
2. Eine korrupte Lobby (Mala), die aufgrund ihrer politischen, ökonomischen und sozialen Privilegien den Tyrannen vehement unterstützen. Dies trifft exakt auf die Lobby des Pharaos zu.
3. Eine Produktions- und Konsumgesellschaft, die von politischer Naivität geprägt ist. Dies beschreibt aufs Genaueste den Zustand der Kopten und der Bani Israel.
Von daher ist es die gesamte Gesellschaft, die für das vorherrschende Unrecht verantwortlich ist. Und deshalb beschreibt Allah (s.w.t.) die gesamte ägyptische Gesellschaft als ungerecht:
Als dein Herr Musa zurief: „Begib dich zum ungerechten Volk, (Sura 26, Aya 10)
Betrachten wir in diesem Kontext eine Passage aus dem Qur’an etwas näher, die einen Dialog wiedergibt, der zu Beginn der Entsendung Musas (a.s.) zwischen ihm und Fir’aun abgehalten wurde. Aus dieser Unterhaltung lassen sich viele politische Lehren ziehen, deren Verständnis unabdingbar ist um die realpolitische Lage begreifen zu können. Dieser Dialog findet sich in Sura as-Suara wieder, der 26. Sura:
16. Begebt euch zu Fir’aun und sagt: ,Wir sind der Gesandte des Herrn der Weltenbewohner
„Wir sind“ Hier verwendet Allah (s.w.t.) zunächst die Dual-Form bzw. den Plural, da ja sowohl von Musa als auch von Harun die Rede ist. Jedoch sollen sie sich nicht als „die Gesandten“ vorstellen, wie man meinen würde, sondern als „der Gesandte“, also im Singular. Somit wird ersichtlich, dass der politische Block, der für die Errichtung des Kalifats arbeitet, in seiner politischen Tätigkeit stets als geschlossene Einheit auftreten muss und nicht etwa als Konglomerat unterschiedlichster Meinungen.
17. Lasse die Kinder Isra´ils mit uns gehen‘.“
Dieser Aussage können wir entnehmen, dass Musas Auftrag nicht darin bestand, den Pharao und seine Korrupte Lobby zu missionieren sondern mit den Bani Israel im Sham (das Gebiet des heutigen Syrien, Libanon und Jordanien) das Kalifat zu gründen. So heißt es auch in Sura al-A’raf „Möge euer Herr euren Feind vernichten und euch zu Nachfolgern auf der Erde machen (Yastakhlifakum) und dann schauen, wie ihr handelt (Sura 7, Aya 129)
18. Er (Fir’aun) sagte: „Haben wir dich nicht als kleines Kind unter uns aufgezogen, und hast du dich nicht (viele) Jahre deines Lebens unter uns aufgehalten?
Nachdem Musa den Pharao mit der Versklavung der Bani Israel – seinem größten Verbrechen – konfrontiert, versucht der Pharao, von dieser Tatsache abzulenken und hält Musa seine vermeintlichen Wohltaten vor. Er habe ihn aufgezogen und ihm jahrelang ein sorgloses Leben ermöglich. Auch in der heutigen Zeit lenken Politiker oft von den politischen Missständen ab, wenn sie an diese erinnert werden und halten der Bevölkerung ihre vermeintliche Wohltaten vor. Dies wurde vor allem aus den Reden der korrupten arabischen Führer zu Beginn der Aufstände in 2011 ersichtlich, als sie zu den Forderungen der Revolutionäre Stellung nahmen.
19. Und du hast deine Tat, die du (damals) getan hast, verübt und gehörst zu den Undankbaren“
Pharao spielt hier auf den Mord an, den Musa einige Jahre zuvor begangen hatte, als er einen Kopten mit der Faust erschlug. Dabei wollte er ursprünglich nur einen Streit zwischen einem seiner Stammesangehörigen und einen Kopten schlichten. Nach dieser Tat ist Musa aus der Stadt geflüchtet. Und nun kehrt er als Prophet zurück und fordert den Pharao auf, seine Tyrannei über die Bani Israel zu beenden. Dieser versucht jedoch, Musa durch Andeutung auf den Mord unter Druck zu setzen, damit dieser bei seiner Forderung nachgibt. Dies ist ein politisches Manöver, das auch die arabischen Herrscher während der Revolutionen anwandten. So drohten sie ihrem Volk bei einem möglichen Aufstand mit Chaos, Armut und Kriminalität und einer ausländischen Intervention, um hierdurch die Menschen einzuschüchtern.
20. Er sagte: „Ich habe sie da(mals) verübt, als ich (noch) zu den Irregehenden gehörte.
Hier stellt Musa klar, dass dieses Verbrechen in der Vergangenheit liegt, einmalig war und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Hingegen dauert das Verbrechen des Pharao bis dato an, und er weigert sich, damit aufzuhören, wodurch er viel eher zu kritisieren ist als Musa (a.s.). Und auch diese Schiene wird von vielen Politikern gefahren, um von gegenwärtigen Missständen abzulenken. So werden beispielsweise die Verbrechen der Nazis gegen die Juden ununterbrochen erwähnt um von den Verbrechen der Israelis gegen die Palästinenser abzulenken. Es gilt hier festzuhalten, dass die Vergangenheit nicht verändern werden kann, die Gegenwart aber sehr wohl.
21. Und so floh ich vor euch, als ich Angst vor euch bekommen hatte. (Doch) dann schenkte mir mein Herr Gesetzgebung und machte mich zu einem Gesandten.
Die Formulierung „als ich Angst vor euch bekommen hatte“ impliziert, dass Musa nun keine Angst mehr hat. Er tritt dem Pharao jetzt als Gesandter gegenüber, welcher der Gesellschaft nicht nur eine alternative Aqida (Glaubensfundament) anbietet, sondern auch ein alternatives System bzw. eine alternative Gesetzgebung mit sich bringt. So verwendet Allah (s.w.t.) an dieser Stelle für die Beschreibung der Thora den Begriff „Hukm“ (Gesetzgebung).
22. Ist das (etwa) eine Gunst, die du mir vorhältst, dass du die Kinder lsra’ils geknechtet hast?
Musa deckt die Verlogenheit des Pharao auf, indem er wieder auf das eigentliche Thema zu sprechen kommt; nämlich die Versklavung der Bani Israel. Darüber hinaus setzt Musa die Taten ins Verhältnis und gibt dem Pharao zu verstehen, dass die Versklavung der Bani Israel nicht dadurch zu rechtfertigen ist, dass Pharao ihn einst bei sich aufgenommen und aufgezogen hat. Auf die gleiche Weise hat Europa seine Einmischung in die arabischen Revolutionen begründet. So hält Europa uns Muslimen als Wohltat vor, sie hätten nordafrikanischen Flüchtlingen bei sich in Europa Asyl gewährt und mit europäischen Flugzeugen Ägypter und Tunesier von Libyen aus in ihre Heimatländer ausgeflogen. Doch dies legitimiert nicht im Geringsten die Bombardierung Lybiens.
23. Fir’aun sagte: „Was ist denn der Herr der Weltenbewohner?“
Pharao lenkt wieder vom Thema ab und möchte Musa und seine Behauptung, ein Gesandter Allahs zu sein, ins Lächerliche ziehen. Er fragt nämlich mit dem Fragepronomen für Dinge nach Allah (s.w.t) anstatt mit dem Fragepronomen für Personen. Hierdurch möchte er sagen, dass es Allah (s.w.t.) nicht gibt und Er (s.w.t.) lediglich eine Einbildung Musas ist. Die Feinde Allahs bezeichnen bis heute die Idee des Kalifats als eine Utopie bzw. Illusion. Bei den Arabern entstand so der Begriff „Khilafa Khurafa“, was so viel wie „Märchen vom Kalifat“ heißt.
24. Er (Musa) sagte: „Der Herr der Himmel und der Erde und dessen, was dazwischen ist, wenn ihr überzeugt seid.
Musa erkennt, dass der Pharao höchst unaufrichtig ist und richtet seinen Appell „wenn ihr überzeugt seid“ nun an die Lobby, die den Pharao umgibt. Deshalb ist es auch heutzutage wichtig, nicht nur bei den Regenten den Sieg einzufordern (Talab al-Nusra) sondern darüber hinaus auch bei der Armee und allen anderen einflussreichen Entscheidungsträgern.
25. Er (Fir’aun) sagte zu denjenigen in seiner Umgebung: „Hört ihr nicht zu?“
Die Tatsache, dass Musa versucht, die Lobby des Pharao vor seinen Augen – ja sogar in seinem eigenen Palast – umzustimmen, regt ihn so sehr auf, dass er nun seiner Lobby droht und davor warnt, ihm zuzuhören. Auf die gleiche Weise gehen auch die Regenten in der islamischen Welt mit jenen Offizieren um, die Kontakt zu Hizb-ut-Tahrir pflegen, und so wurden schon viele Offiziere ins Exil verbannt.
26. Er (Musa) sagte: „(Er ist) euer Herr und der Herr eurer Vorväter.“
27. Er (Fir’aun) sagte: „Euer Gesandter, der zu euch gesandt wurde, ist fürwahr besessen.“
Da Pharao keine sachlichen Argumente gegen Musa (a.s.) und seine Botschaft vorbringen kann, wird er persönlich und ausfallend und verleumdet Musa. Hier bewahrheitet sich die Aussage: „Beleidigungen fangen dort an, wo Argumente enden.“ Betrachtet man die Darstellung des Islam im Westen – nicht nur in den letzten zehn Jahren, sondern schon seit Beginn der Verkündung -, erkennt man ein und dasselbe Verhaltensmuster. Von den Quraish über die Kirche im Mittelalter (und auch in der Gegenwart) und den neuen Medien wird die Person des Gesandten (s.a.s.) verleumdet anstatt eine sachliche Diskussion über die Authentizität der Botschaft des Islam zu führen. Als jüngeres Beispiel sei nur an die sogenannten Propheten-Karikaturen erinnert, die nichts weiter als eine Verleumdungskampagne darstellen.
28. Er (Musa) sagte: „(Er ist) der Herr des Ostens und des Westens und dessen, was dazwischen ist, wenn ihr (nur) begreifen würdet.“
29. Er (Fir’aun) sagte: „Wenn du dir einen anderen Gott als mich nimmst, werde ich dich ganz gewiss zu einem der Gefangenen machen.“
Diese strenge Strafe, die der Pharao Musa androht, liegt darin begründet, dass Pharao anhand der Ausführungen Musas erkannt hat, dass dieser nicht einfach nur zu einem neuen Glauben aufruft, sondern vielmehr zu einem alternativen politischen System. Um Musa klarzumachen, dass er diesen politischen Aufruf nicht duldet, verbietet er ihm seine Tätigkeit und droht ihm sogar mit einer Gefängnisstrafe. Tyrannen haben grundsätzlich nichts gegen den Aufruf zu neuen Religionen, denn sie haben keinen Einfluss auf die machtpolitischen Verhältnisse im Land, bzw. sie stellen nicht das System infrage. Was ein Tyrann jedoch niemals dulden wird, ist der Aufruf zu einer politischen Revolution, und genau hierzu rufen die Gesandten und Propheten auf. So wird berichtet, dass Waraqa ibn Naufal, der Onkel von Khadija (r.a.), der einer der letzten monotheistischen Christen war, zum Gesandten (s.a.s.) sagte: „Ich wünschte ich könnte mit dir sein, wenn dein Volk dich vertreibt.“ Daraufhin der Prophet (s.a.s): „Mein Volk wird mich vertreiben?“ Hierauf wiederum Nufail: „Niemand kam solch einer Botschaft (wie jene), mit der du gekommen bist ohne dass sein Volk ihn (hierauf) vertrieben hat.“
Das oben aufgeführte Beispiel spiegelt nur eines von vielen Beispielen wider, mit denen der Qur’an gefüllt ist. Diese wertvollen Lehren müssen auf die realpolitische Lage angewendet werden, um diese aus einem islamischen Blickwinkel heraus bewerten und ggf. angemessen reagieren zu können.