Allah (s.w.t.) hat den Menschen erschaffen, damit dieser Ihm dient. Der Mensch wird jedoch nur dann Allah (s.w.t.) dienen können, wenn er zu den richtigen Erkenntnissen über das Leben gelangt.
Tadabbur in Hinlick auf den Qur’an
Die Wichtigkeit von Tadabbur
Allah (s.w.t.) hat den Menschen erschaffen, damit dieser Ihm dient. Der Mensch wird jedoch nur dann Allah (s.w.t.) dienen können, wenn er zu den richtigen Erkenntnissen über das Leben gelangt. Hierzu bedarf der Mensch eines absoluten Paradigmas, anhand dessen er die Realität beurteilen kann. Dieses Paradigma kann erst dann als absolut bezeichnet werden, wenn es aus einem rationalen Denken hervorgeht, wie es etwa bei der islamischen Aqida der Fall ist. Die Realität des Menschen ist all das, was er mittels seiner fünf Sinne wahrnimmt, und das absolute Paradigma ist die islamische Aqida, die wir aufgrund ihrer Rationalität als absoluten Maßstab heranziehen um alle Ideen, Handlungen und Ereignisse zu beurteilen. Diese beiden Elemente bezeichnet Imam Ibn al-Qayyim als „Die zwei Bücher“. Dabei beschreibt er die Realität als Al-Kitab al-manzur – „Das gesehene Buch“ und die Aqida, welche ja im Qur’an dargelegt ist, als Al-Kitab al-maqrur – „Das gelesene Buch“.
Hierbei beschäftigen sich die meisten Menschen nur mit einem dieser beiden Bücher. So sind sie entweder in der Realität bewandert oder im Qur’an. Folglich gibt es viele Politiker, welche die weltpolitische Lage zwar bestens kennen, jedoch von den politischen Verständnissen des Qur’an nicht den geringsten Schimmer haben. Umgekehrt gibt es auch Qur’an-Exegeten bzw. Mufassirun, welche in den politischen Verständnissen des Qur’an sehr bewandert sind, jedoch von den realpolitischen Verhältnissen nicht den Hauch einer Ahnung haben und deshalb zu unzähligen Fehlkonzeptionen gelangen. Von daher sind wir dazu angehalten, uns sowohl mit der Weltpolitik zu beschäftigen als auch die politischen Verständnisse des Qur’an zu studieren, denn nur so werden wir zutreffende politische Erkenntnisse gewinnen. Dies ist auch die Aufforderung Allahs im Qur’an. So sagt Er (s.w.t.):
Es ist ein Buch voll des Segens, das Wir zu dir hinabgesandt haben, auf dass sie über seine Verse nachdenken, und auf dass diejenigen ermahnt werden mögen, die verständig sind (Sura 38, Aya 29)
Ein Buch voll des Segens…
bzw. gesegnet (mubarak) bedeutet in der arabischen Sprache „gefüllt mit Gutem (khair)“
…das Wir zu dir hinabgesandt haben, auf dass sie über seine Verse nachdenken…
Der Begriff, der hier mit „nachdenken“ übersetzt wurde, lautet im Arabischen „yaddabbaru“ und bedeutet, eine Sache zu durchleuchten; beispielsweise versteht man darunter, die politischen Verständnisse des Qur’an auf die politische Realität zu reflektieren.
…und auf dass diejenigen ermahnt werden mögen, die verständig sind
„die verständig sind“ bzw. die einen reinen Verstand besitzen bedeutet, die Quintessenz – die Kernbotschaft – des Qur’an zu erfassen, denn Allah (s.w.t) beschreibt hier den Grund für die Herabsendung des Qur’an.
Wer nun diese Reflexion – diesen Tadabbur – vollzieht, wird im Diesseits auf einen geraden Weg geleitet und im Jenseits reichlich belohnt werden. So sagt Allah (s.w.t):
Wahrlich, dieser Qur’an leitet zum wirklich Richtigen und bringt den Gläubigen, die gute Taten verrichten, die frohe Botschaft, auf dass ihnen großer Lohn zuteil werde (Sura 17, Aya 9)
Der politische Tadabbur
Das Reflektieren über den Qur’an ist von enormer Wichtigkeit um auf den geraden Weg geleitet zu werden. Dies trifft vor allem auf unsere heutige Zeit zu. So wird in einem Hadith überliefert, das der Prophet (s.a.s.) über die Versuchungen der Endzeit berichtete und von Aly (r.a.) gefragt wurde: „Was befiehlst du uns, wenn wir dies miterleben, ya rasulallah?“ Er (s.a.s.) antwortete: „Euch obliegt das Buch Allahs, denn in ihm befindet sich die Nachricht jener vor euch und die Kunde jener nach euch und der Rechtspruch der zwischen euch waltet, und er ist die Entscheidung, und mit ihm ist nicht zu scherzen.“
Folglich ist es in dieser Zeit der Versuchungen besonders wichtig, den Qur’an auf die realpolitische Lage zu reflektieren. Was die Versuchungen der heutigen Zeit betrifft, so ergeben sie sich aus folgenden Umständen:
1. Die Abwesenheit einer politischen Führung
Der Islamische Staat kann aufgrund seiner Natur nur dann bestehen, wenn ein politisches Bewusstsein unter den Muslimen vorherrscht, und die Integrität des Islamischen Staates muss das Anliegen der gesamten Ummah sein. Die Herausbildung des politischen Bewusstseins erfolgt seitens einer politischen Führung. Ist dieses politische Bewusstsein nicht vorhanden, wird zwangsläufig auch der Islamische Staat untergehen. Dies kann man eindeutig am Laufe der Geschichte des ersten Islamischen Staates nachvollziehen. So wird von Umar (r.a.) überliefert, dass er die Menschen fragte: „Was macht ihr, wenn ich nicht nach dem Buch Allahs richte?“ Da erwiderten sie: „Dann werden wir dich mit unseren Schwertern zurecht biegen.“ Hierauf Umar (r.a.): „Es wäre nichts Gutes in uns, wenn wir euch nicht nach Rat fragen würden, und es wäre nichts Gutes in euch, wenn ihr uns nicht kritisieren würdet.“
2. Die politischen Intrigen der Westmächte gegen die islamische Ummah
Als der ungläubige Westen erkannte, dass das politische Bewusstsein in der islamischen Ummah nicht mehr vorhanden ist, blickte er nur noch mit Verachtung auf sie herab und startete einen gemeinschaftlichen Beutezug gegen die islamischen Länder, der bis heute fortwährt. Diesen beschämenden Zustand der geistigen Dekadenz und ihre fatalen Folgen prophezeite der Gesandte. So berichtet Thauban (r.a.) vom Propheten (s.a.s.): „Die Nationen werden bald über euch herfallen, wie Hungrige über ein riesiges Speisetablett.“ Jemand fragte: „Wird es an unserer geringen Zahl an jenem Tage liegen?“ Er antwortete: „Nein! Ihr werdet an jenem Tage viele sein, aber ihr werdet Schaum sein, wie der Schaum einer Flut. Allah wird den Herzen eurer Feinde die Achtung vor euch entreißen und in eure Herzen Schwäche werfen.“ Jemand fragte: ‚Was ist das für eine Schwäche, O Gesandter Allahs?‘ Er antwortete: „Die Liebe zum Diesseits und die Abscheu vor dem Tod.“ (überliefert bei Abu Dawud, Ahmad und al-Bayhaqi)
3. Die politische Lähmung der Ummah
Bekanntermaßen hat der ungläubige Westen nach dem Sturz des Kalifats überall in der islamischen Welt Marionetten-Herrscher eingesetzt, die lediglich den Zweck haben, der islamischen Ummah leere Versprechen und falsche Hoffnungen zu machen und sie so politisch zu lähmen. Diese Verräter sind einzig und allein aufgrund des mangelnden politischen Bewusstseins der Ummah an der Macht. Und auch diese Tatsache hat uns der Prophet (s.a.s.) angekündigt. Es sprach der Gesandte Allahs (s.a.s.): „Verlogene Jahre werden über die Menschen hereinbrechen, in denen dem Lügner Glauben geschenkt und der Ehrliche der Lüge bezichtigt wird, in denen dem Verräter vertraut und dem Aufrichtigen misstraut wird und die ‚Ruaibida‘ sich zu Wort melden.“ Sie fragten: „Und wer sind die ‚Ruaibida‘, o Gesandter Allahs?“ Er antwortete: „Die banale Person, die sich zu den Angelegenheiten der Allgemeinheit äußert.“ (überliefert bei Ibn Majah und Ahmad)
4. Das Vorhandensein pragmatischer Parteien in der islamischen Welt
Vor diesen destruktiven Bewegungen hat uns der Prophet (s.a.s.) gewarnt. Es überliefert an-Numan ibn Baschir (r.a.), dass der Prophet (s.a.s.) sagte: „Das Gleichnis dessen, der die Richtlinien Allahs einhält und desjenigen, der sie verletzt, ist das einer Gruppe von Menschen, die ihre Plätze auf einem Schiff auslosen. Einige erhalten das Oberdeck und die anderen das Unterdeck. Diejenigen, die sich unter Deck befinden, müssen, um ihren Wasserbedarf zu decken, an den Reisenden im Oberdeck vorbei. Da sagen sie: ‚Wenn wir nun ein Loch in unseren Teil des Schiffes schlagen, können wir an Wasser gelangen, ohne die über uns zu stören.‘ Ließen die Oberen sie in ihrem Vorhaben gewähren, wären sie alle dem Untergang geweiht. Nehmen sie die Unteren dagegen bei der Hand (und hindern diese an ihrem Vorhaben), so sind sie in ihrer Gesamtheit gerettet.“ (überliefert bei Bukhari)
5. Das Vorhandensein von Hofgelehrten (Ulama as-Sultan)
Denn es sind ja die Gelehrten, die die Regentschaft der Tyrannen legitimieren. Über diese Gelehrten (Ulama), welche eher Agenten (Umala) sind als Gelehrte, sagte der Prophet(s.a.s.): „Wenn du siehst, dass ein Gelehrter sich übermäßig zu den Regenten gesellt, dann wisse, dass er ein Dieb ist.“ (Kanz al-Umaal)
6. Der Mangel an guten zeitgenössischen Qur’an-Erläuterungen
Es bedarf zeitgenössischer Tafasir (Pl. von Tafsir – Erläuterung), die den Qur’an auf eine ihm gebührende Art erläutern; nämlich aus einer überwiegend politischen Perspektive.
All diese Umstände führen dazu, dass die meisten Muslime weder die realpolitische Lage verstehen noch die politischen Verständnisse des Qur’an erkennen.
Qasas al-Anbiya
Der Qur’an wurde herabgesandt um den Menschen allgemeine politische Richtlinien aufzuzeigen. Allem voran vermittelt uns der Qur’an in seinen zahlreichen Geschichten politische Umstände und ihre jeweilige Lösung. So machen die Geschichten im Qur’an die Hälfte seines Inhalts aus, wobei die Prophetengeschichten wiederum ein Drittel ausmachen. In diesen Geschichten werden Beispiele von Regenten gegeben wie z. B. das von Firaun (Pharao). Es werden auch Beispiele von Lobbyisten gegeben wie das von Hamman oder von Großkapitalisten wie Qarun. Im Qur’an sind auch Bespiele von unterdrückten Minderheiten gegeben wie etwa das der Bani Israel – der Kinder Israels. Aus all diesen politischen Missständen und ihren entsprechenden Lösungen können wir Lehren für unsere realpolitische Situation ziehen. So sagt Allah (s.w.t.):
Wahrlich, in ihren Geschichten ist eine Lehre für die Verständigen…(Sura 12, Aya 111)
Wer sich die Lehren dieser Geschichten vor Augenführt, wird feststellen, dass es sich meist um politische Lehren handelt und nicht nur um ethische Richtlinien – für diejenigen, die einen reinen Verstand besitzen. Das heißt, für jene, die die Quintessenz dieser Geschichten erkennen und nicht in Details abschweifen. Jene beschreibt Sheikh an-Nabhany wie folgt:
Die Neugier der menschlichen Geister und ihre Neigung zur Wissensausschöpfung veranlasst sie nämlich dazu, beim Vernehmen vieler Koranverse nach allem zu fragen, was mit ihnen in Zusammenhang steht. Erfahren sie zum Beispiel die Geschichte des Hundes der Höhlenbewohner im Koran (Ashab al-Kahf), wollen sie wissen, welche Farbe dieser hatte. Wenn sie den Koranvers vernehmen:
„Da sprachen Wir: ‚Schlagt ihn mit einem Teil von ihr!'“, fragen sie nach Art und Beschaffenheit des Teiles, mit dem das Opfer geschlagen wurde. Lesen sie den Vers:
„Sie fanden einen Unserer Diener, dem Wir von Uns Gnade verliehen und ihm von Unserem Wissen lehrten.“, dann fragen sie sich: Wer ist dieser rechtschaffene Diener denn, dem Moses begegnete und den er darum bat, ihn zu lehren? So entstand die Geschichte des Khidr. In dieser Art gelangten Erzählungen und Berichte zu ihnen und warfen bei ihnen neue Fragen auf. Sie fragten z. B. nach dem Jungen, den der rechtschaffene Diener tötete, nach dem Schiff, in das er ein Loch schlug, und nach dem Dorf, das ihm die Gastfreundschaft verwehrte. Sie fragten auch nach der Geschichte von Moses und Schu’aib, nach der Größe von Noahs Arche und Anderes.
(Taqy ad-Din an-Nabhany, Die islamische Persönlichkeit, Seite 217)
Solcher Art sind die Fragen jener, in deren Herzen sich Neigung zum Abschweifen (Zaygh) befindet, wobei die Fragen jener, die einen reinen Verstand besitzen, folgendermaßen lauten sollten:
Wer sind die heutigen Pharaonen?
Wer sind die heutigen Hamans?
Wer sind die heutigen Qaruns?
Wer sind die heutigen Bani Israel?
Wie werden die Völker heute bestraft?
Wer sind heutzutage die Gläubigen?
Welcher politische Block erfüllt heute die einstige Aufgabe der Propheten?
Wie schaut heutzutage die Errettung der Gläubigen aus?
Würden wir den Qur’an aus einer politischen Perspektive analysieren und parallel hierzu die aktuelle Weltpolitik, so wären wir in der Lage, die politischen Ereignisse auf die beste Art und Weise zu beurteilen und auf all diese Fragen Antworten zu finden.