Ihre Befolgung führt weder zur Erlangung noch zur Stärkung des Iman (Glaubensüberzeugung). Sie führt nicht einmal zum Denken und auch nicht zur Stärkung des Denkens.
Aus dem Buch „Die islamische Persönlichkeit Teil 1“
Führt man sich die Methode der Scholastiker vor Augen, so erkennt man, dass es sich um eine falsche Methode handelt.
Ihre Befolgung führt weder zur Erlangung noch zur Stärkung des Iman (Glaubensüberzeugung). Sie führt nicht einmal zum Denken und auch nicht zur Stärkung des Denkens. Sie führt lediglich zur Erlangung von Wissen (Information). Information ist aber etwas anderes als Iman und Denken. Die Falschheit dieser Methode ist aus mehreren Aspekten ersichtlich:
Erstens: Diese Methode basiert in ihrer Beweisführung auf Logik und nicht auf die sinnliche Wahrnehmung. Und dies ist aus zweierlei Gründen falsch: Zum einen macht sie es für den Muslim erforderlich, die Lehre der Logik zu erlernen, um den Beweis für die Existenz Allahs aufstellen zu können. Dies bedeutet aber, dass derjenige, der die Logik nicht kennt, den Beweis für die Richtigkeit seiner Glaubensüberzeugung nicht zu erbringen vermag. Es bedeutet auch, dass der Lehre der Logik in Bezug auf die Scholastik, der gleiche Stellenwert zukäme wie den arabischen Grammatikregeln (al-Nahwu) in Bezug auf das (korrekte) Lesen der arabischen Sprache, nachdem diese nur mehr fehlerhaft beherrscht wurde. Dies, obwohl die Lehre der Logik weder etwas mit der islamischen Aqida noch mit der Beweisführung zu tun hat. So kam der Islam, ohne dass die Muslime von Logik eine Ahnung hatten. Sie trugen die Botschaft jedoch weiter und stellten für die Richtigkeit ihrer Glaubensüberzeugung definitive Beweise auf, ohne die Lehre der Logik in irgendeiner Weise zu benötigen. Dies belegt, dass die Logik keinen Teil der islamischen Geistesbildung verkörpert und für den Beweis der Richtigkeit der islamischen Aqida in keiner Weise erforderlich ist. Zum zweiten kann eine logische Grundlage fehlerhaft sein. Dies im Unterschied zur sinnlich wahrnehmbaren Grundlage, in die sich, was die Existenz einer Sache betrifft, keinesfalls ein Fehler einschleichen kann. Wenn sich aber ein Fehler in eine Sache einschleichen kann, darf diese keinesfalls als Grundlage für den Iman herangezogen werden.
Die Logik kann der Verfälschung bzw. des Trugschlusses ausgesetzt sein. Gleiches gilt auch für ihre Resultate. Obwohl man die Richtigkeit ihrer Thesen und die Unversehrtheit ihrer Konstruktionen voraussetzt, baut in der Logik stets eine These auf die andere auf, wodurch die Richtigkeit des Resultats stets von der Richtigkeit ihrer Thesen abhängt. Die Richtigkeit dieser Thesen ist jedoch nicht garantiert, da sich das Resultat nicht direkt auf sinnliche Wahrnehmung stützt. Vielmehr stützt sie sich auf die Verknüpfung mehrerer Thesen miteinander, somit ist die Richtigkeit des Resultats nicht zu Hundertprozent gewährleistet. Bei der Verknüpfung dieser Thesen miteinander wird nämlich rational Mögliches auf rational Möglichem aufgebaut und daraus rational Mögliches abgeleitet. Es wird auch Wahrnehmbares auf Wahrnehmbarem aufgebaut und Wahrnehmbares daraus abgeleitet. Was den Aufbau von rational Möglichem auf rational Möglichem anbelangt, so kann dies zum Abgleiten in die Fehlerhaftigkeit und zur Widersprüchlichkeit in den Resultaten führen. Es führt auch zum fortgesetzten Aneinanderreihen von Thesen und daraus möglichen Resultaten und zwar aufgrund hypothetischer Annahmen und Abwägungen und nicht aufgrund ihrer tatsächlich realen Existenz. Deswegen stand am Ende vieler dieser abgeleiteten Thesen nichts als Fiktion und Phantasterei.
Aus diesem Grunde läuft man bei der Beweisführung mit Thesen, bei denen Mögliches auf Möglichem aufbaut, Gefahr, in den Irrtum abzugleiten. So kann z. B. logisch gesagt werden: Der Koran ist die Rede Allahs, die aus geordneten, in ihrer Existenz aufeinanderfolgenden Buchstaben besteht. Jede Rede, die aus geordneten, in ihrer Existenz aufeinanderfolgenden Buchstaben besteht, ist neu entstanden. Daraus folgt, dass der Koran neu entstanden also erschaffen ist. Diese Aneinanderreihung von Thesen hat zu einem Ergebnis geführt, das sich der sinnlichen Wahrnehmung entzieht, deswegen ist es dem Verstand nicht möglich, sie zu untersuchen oder ein Urteil darüber zu fällen. Somit handelt es sich um ein hypothetisches, irreales Urteil. Darüber hinaus zählt dies zu jenen Dingen, deren Untersuchung dem Verstand untersagt wurde, denn die Untersuchung einer Eigenschaft Allahs ist Teil der Untersuchung seines Wesens. Unter keinen Umständen aber darf das Wesen Allahs untersucht werden. Andererseits kann man mit der gleichen Logik zum konträren Resultat gelangen, wenn man sagt: Der Koran ist die Rede Allahs. Reden ist eine Eigenschaft Allahs. Und jede Eigenschaft Allahs ist immerwährend zeitlos. Somit ist das Ergebnis, dass der Koran immerwährend also nicht erschaffen ist. Die Widersprüchlichkeit der Logik in ein und derselben Angelegenheit tritt hier deutlich zutage. In vielen dieser Thesen, die sich aus der Aneinanderreihung von (rational) Möglichem an (rational) Möglichem ergeben, gelangt der Logiker zu Schlussfolgerungen, die sich diametral widersprechen können und extrem verwunderlich sind. Hingegen führt das Aufbauen von Wahrnehmbarem auf anderem, ebenfalls Wahrnehmbaren, wobei Thesen und Folge sinnlich wahrnehmbar sind, zu richtigen Resultaten, weil man sich sowohl in den Thesen als auch im Ergebnis auf die sinnliche Wahrnehmung stützt und nicht bloß auf die Aneinanderreihung von (logischen) Thesen. Bei der Anwendung der logischen Denkmethode verlässt man sich hingegen auf die bloße Aneinanderreihung von Thesen, um zu einer Wahrheit zu gelangen. Die sinnliche Wahrnehmung wird oft nur im Ergebnis der Untersuchung berücksichtigt.
So ist es durchaus möglich, dass man sich einbildet, eine These treffe auf eine Sache zu, obwohl sie realiter nicht auf sie zutrifft. Es kann auch sein, dass eine umfassend aufgestellte These nur auf einige ihrer Inhalte zutrifft, nicht aber auf alle. Ihr Zutreffen auf einige Inhalte kann jedoch zur Illusion verleiten, sie träfe auf alle Bereiche zu. Ebenso kann es passieren, dass das Resultat richtig ist, jedoch sind die Thesen, aus denen es abgeleitet wurde, falsch. Aus der Richtigkeit des Resultats kann man nun der Einbildung verfallen, die Thesen seien ebenfalls richtig gewesen … usw. Beispielsweise kann man sagen: Spaniens Einwohner sind keine Muslime. Jedes Land, dessen Einwohner keine Muslime sind, ist kein islamisches Land. Daraus resultiert: Spanien ist kein islamisches Land. Dieses Resultat ist falsch. Die Falschheit ergibt sich aus dem Umstand, dass die zweite These falsch ist. Denn die These: „Jedes Land, dessen Einwohner keine Muslime sind, ist kein islamisches Land“, ist eine falsche These. Ein Land wird nämlich dann als islamisch bezeichnet, wenn es mit dem Islam regiert wird oder die Mehrheit seiner Einwohner Muslime sind. Deswegen hat sich ein falsches Resultat ergeben. Spanien ist sehr wohl ein islamisches Land. Beispielsweise kann gesagt werden: Die USA sind ein Land mit ökonomischem Reichtum. Jedes Land mit ökonomischem Reichtum ist fortschrittlich aufgestiegen. Daraus folgt: Die USA sind fortschrittlich aufgestiegen. Dieses Resultat ist zwar richtig im Falle der USA, obwohl eine der vorangestellten Thesen falsch ist. Denn nicht jedes Land mit ökonomischem Reichtum ist aufgestiegen. Ein fortschrittlich aufgestiegenes Land ist eines mit geistig-intellektueller Erhebung. Aus der Richtigkeit des Resultats in diesem Beispiel ergibt sich aber die Illusion, dass die Thesen, aus denen dieses richtige Resultat abgeleitet wurde, ebenfalls richtig sind. In Folge würde sich aus all dem ergeben, dass Kuwait, Katar und Saudi-Arabien aufgestiegene Länder sind, weil sie über einen ökonomischen Reichtum verfügen, obwohl es sich in Wahrheit um dekadente Länder handelt. In gleicher Weise verhält es sich mit allen Fragen, deren richtige Ergebnisse sich auf die Richtigkeit ihrer Thesen stützen. Die Richtigkeit der Thesen ist jedoch nicht gewährleistet, da sie der Verfälschung unterliegen können.
Aus diesem Grunde ist es falsch, sich bei der Beweisführung auf die logische Grundlage zu verlassen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Wahrheit, zu der man durch Logik gelangt, falsch sein muss oder dass die Beweisführung mit Hilfe der Logik unweigerlich zu einem falschen Ergebnis führt. Es bedeutet nur, dass es falsch ist, sich bei der Beweisführung auf die Logik als (einzige) Grundlage zu verlassen bzw. die Logik als Grundlage für die Aufstellung von Argumenten heranzuziehen. Vielmehr muss die sinnliche Wahrnehmung als Grundlage für Argumentation und Beweisführung herangezogen werden. Es ist zwar erlaubt, die Logik als Beweisführung für die Richtigkeit einer Angelegenheit einzusetzen, sie ist aber nur dann korrekt, wenn alle ihre Thesen korrekt sind und die Thesen gemeinsam mit dem sich ergebenden Resultat in sinnlicher Wahrnehmung münden. Auch muss sich die Richtigkeit des Resultats aus den aufgestellten Thesen selbst ableiten lassen und nicht aus etwas anderem. Die Tatsache, dass man dabei der Verfälschung unterliegen kann, erfordert jedoch, die Logik nicht zur (allgemeinen) Beweisführungsgrundlage zu erheben. Denn wie jede andere ungewisse Grundlage (dhanniy) ist die Möglichkeit des Irrtums gegeben, auch wenn die logische Beweisführung in einigen ihrer Formen zu definitiven Ergebnissen führen kann. Vielmehr muss stets die sinnliche Wahrnehmung als Beweisgrundlage herangezogen werden. Denn wie jede andere definitive Grundlage für die Existenz von Dingen, ist die Möglichkeit des Irrtums in ihrem Fall ausgeschlossen.
Zweitens: Die Scholastiker überschritten die Grenzen der sinnlich wahrnehmbaren Realität und drangen ins Übersinnliche ein. Sie untersuchten Dinge, die sich hinter der Natur befanden und sich der sinnlichen Wahrnehmung entzogen, wie das Wesen Allahs und seine Eigenschaften. Sie verknüpften dies mit Untersuchungen, die das Wahrnehmbare betrafen und zogen in maßloser Weise Analogien zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen, mit anderen Worten zwischen Gott und dem Menschen. So setzten sie bei Allah Gerechtigkeit in der Form voraus, wie sich der Mensch diese im irdischen Leben vorstellt. Sie erhoben es für Allah zur Pflicht, das (nach ihrer Vorstellung) Gute zu tun. Manche erhoben es für Allah sogar zur Verpflichtung, das Allerbeste zu tun, denn Allah sei ja Allweise, Er begehe keine Handlung, ohne dass diese mit einem bestimmten Zweck oder einer bestimmten Weisheit verbunden sei. Eine Handlung ohne einen Zweck zu vollziehen, wäre töricht und sinnlos. Der Weise hingegen begehe eine Handlung, um sich selbst oder anderen zu nützen. Nachdem Allah über jede Nutznießung erhaben sei, stehe fest, dass Er handle, um anderen zu nützen …
So stürzten sie sich in Untersuchungen, die sich der Sinneswahrnehmung entziehen, worüber man mittels des Verstandes auch kein Urteil fällen kann. Auf diese Weise fielen sie in einen Strudel von Irrtümern. Sie hatten übersehen, dass nur das sinnlich Wahrnehmbare erfassbar ist. Das Wesen Allahs hingegen entzieht sich der sinnlichen Wahrnehmung, deswegen darf von einer Sache nicht auf die andere geschlossen werden. Sie erkannten nicht, dass die Gerechtigkeit Allahs nicht mit dem Gerechtigkeitsverständnis des Menschen bemessen werden darf. Auch ist es nicht zulässig, Allah den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt zu unterwerfen, wo doch Er der Schöpfer dieser Welt ist. Er lenkt sie mittels der Gesetzmäßigkeiten, die Er für sie bestimmt hat. Wir sehen, dass ein Mensch mit engem Blickfeld, ein entsprechend enges Gerechtigkeitsverständnis hat und die Dinge auch derart beurteilt. Wenn sich sein Horizont erweitert, verändert sich auch seine Sicht der Gerechtigkeit und sein entsprechendes Urteil. Wie kann man sich nun anmaßen, dem Herrn der Welten, dessen Wissen alles umfasst, Gerechtigkeit in der gleichen Bedeutung zuzuschreiben wie wir sie verstehen? Was den Vollzug des Guten bzw. des Allerbesten anbelangt, so leitet sich dies aus ihrer Gerechtigkeitsbetrachtung ab, das dort Ausgeführte gilt auch hier. Beispielsweise kann der Mensch etwas als gut ansehen. Weitet sich sein Horizont jedoch aus, ändert sich seine diesbezügliche Meinung. Die islamische Welt z. B. ist heute eine Stätte des Unglaubens (Dar al-Kufr), die vom Richten nach dem islamischen Gesetz abgewichen ist.
Deswegen sehen sie alle Muslime als verdorben an. Die meisten von ihnen sagen, dass sie der Verbesserung bedarf. Jene unter ihnen jedoch, die kein richtiges Bewusstsein haben, meinen, dass Verbesserung die Beseitigung der Verdorbenheit aus dem vorhandenen Status Quo bedeute. Dies ist aber falsch. Die islamische Welt benötigt vielmehr einen umfassenden, radikalen Umbruch, der die Regentschaft des Unglaubens beseitigt und die Regentschaft des Islam implementiert. Jede (partielle) Verbesserung bedeutet nichts anderes als die Verlängerung der Verdorbenheit. Dies macht klar, wie unterschiedlich die menschliche Sicht des Guten sein kann. Wie kann man sich dann erlauben, Allah der Sicht des Menschen zu unterwerfen, indem man Ihn verpflichtet, das zu tun, was wir als „gut“ bzw. „besser“ erachten? Erhöben wir unseren Verstand zum Richter, dann sähen wir, dass Allah Handlungen setzt, an denen unser Verstand nichts Gutes erkennen kann. Was für Gutes fände man denn in der Erschaffung Satans und der Teufel und im Umstand, ihnen die Kraft zu geben, die Menschen in die Irre zu führen? Warum hat Allah dem Satan bis zum Jüngsten Tag Aufschub gewährt und unseren Propheten Mohammed (s.) sterben lassen? War das etwa besser für die Geschöpfe? Warum hat Er die Regentschaft des Islam von der Erde verschwinden lassen und die Regentschaft des Unglaubens emporgehoben? Warum erniedrigt Er die Muslime und lässt ihre ungläubigen Feinde über sie herrschen? Ist das etwa besser für die Geschöpfe? Wenn wir tausende von Handlungen aufzählen würden, um sie dann nach unserem Verstand und unserem Verständnis für die Bedeutung von „Gutem“ und „Besserem“ zu bemessen, fänden wir definitiv nichts Gutes darin. Daher ist es unzulässig, Allah mit menschlichem Maßstab zu messen. Außerdem ist Allah, der Erhabene, zu überhaupt nichts verpflichtet:
„Nicht gefragt wird Er nach dem, was Er tut.“(21:23)
„Es gibt nichts Seinesgleichen.“ (42:11) Was die Scholastiker in diesen Strudel hineinstürzen ließ, war nichts anderes als ihre Untersuchungsmethode und der Versuch, Gott mit dem Maßstab des Menschen zu messen.
Drittens: Die Methode der Scholastiker gibt dem Verstand die Freiheit, alles zu untersuchen; was man wahrnehmen und nicht wahrnehmen kann. Dies führt unabdingbar dazu, dass sich der Verstand mit Dingen beschäftigt, die er unmöglich beurteilen kann. Er wird sich mit Annahmen und Phantasien auseinandersetzen und Beweise für Dinge aufstellen, die er sich nur vorgesellt hat, die möglicherweise existieren oder auch nicht. Dies führt zur Gefahr, Dinge zu negieren, die der Verstand zwar nicht erfassen kann, die aber definitiv vorhanden sind, weil uns jemand davon berichtet hat, dessen Wahrhaftigkeit für uns zwingend feststeht. Auch führt es zur Möglichkeit, Fiktives in den Glauben aufzunehmen, das nicht wirklich existiert, dessen Existenz sich der Verstand jedoch eingebildet hat. Sie untersuchten zum Beispiel das Wesen Allahs und Seine Attribute. Einige von ihnen sagten, das Attribut sei mit dem Attribuierten ident. Andere wiederum meinten, das Attribut sei mit dem Attribuierten nicht ident. Auch sagten sie, das Wissen Allahs sei „die Offenbarung des Gewussten in seinem tatsächlichen Zustand“. Das Gewusste ändere sich aber von einem Zeitpunkt zum nächsten. So falle das Blatt vom Baum, nachdem es vorher noch nicht gefallen sei. Allah (t.) sagt:
„Und nicht ein Blatt fällt nieder ohne dass Er es weiß.“ (6:59) Mit dem Wissen Allahs offenbare sich eine Sache in ihrem tatsächlichen Zustand. Er (t.) wisse über die Sache Bescheid bevor sie geschehe, dass sie geschehen werde. Er wisse über sie Bescheid wenn sie geschehe, dass sie geschehen sei. Auch wisse Er über eine Sache Bescheid wenn sie vergehe, dass sie vergangen sei. Wie könne sich aber das Wissen Allahs mit Veränderung der existierenden Dinge mitverändern? Das Wissen nämlich, das sich mit den sich verändernden Ereignissen mitverändert, sei (zeitlich) entstanden. Allah dürfe jedoch mit keiner Entstehung verknüpft werden, denn das, was mit einer Entstehung verknüpft sei, sei selbst entstanden. Einige Scholastiker antworteten darauf folgendermaßen: Unstrittig sei, dass unser Wissen von Zaids zukünftiger Ankunft bei uns nicht gleich dem Wissen von seinem tatsächlichen Eintreffen sei. Diese Unterscheidung gehe auf das sich verändernde Wissen zurück. Dies treffe jedoch nur auf den Menschen zu. Bei ihm ändere sich das Wissen, weil sich seine Wissensquelle ändere: das sinnliche Erfassen und Wahrnehmen. Im Falle Allahs gebe es jedoch keine Unterscheidung zwischen Vorbestimmtem, das passieren werde, und Tatsächlichem, das passiert sei; ebenso wenig zwischen Vollzogenem, das geschehen sei, und Erwartetem, das geschehen werde. Erkenntnisse in Seinem Fall blieben in einem unveränderten Zustand. Andere Scholastiker antworteten darauf: Allah wisse mit Seinem Wesen alles, was geschehen sei und geschehen werde. Alle Erkenntnisse seien in Seinem Falle in einem (einzigen) Wissen umfasst. Der Unterschied zwischen dem, was geschehen werde, und dem, was geschehen sei, beruhe auf die Veränderlichkeit in den Dingen und nicht im Wissen Allahs.
Bei der vorangegangenen Erörterung wird eine Sache untersucht, die sinnlich nicht wahrnehmbar ist. Dem Verstand ist es unmöglich, ein Urteil darüber zu fällen. Deswegen ist es ihm nicht erlaubt, sie zu untersuchen. Die Scholastiker haben es aber trotzdem getan und sind zu diesen Ergebnissen gelangt, gemäß der für sie charakteristischen Methode, dem Verstand die Freiheit zu gewähren, alles zu untersuchen. Auch stellten sie sich Dinge vor und untersuchten sie anschließend. So stellten sie sich vor, dass der Wille Allahs mit der Handlung des Menschen verknüpft sei, wenn der Mensch eine Handlung vollziehen möchte. Mit anderen Worten habe Allah die Handlung erschaffen, wenn die Fähigkeit des Menschen zu dieser Handlung und sein Wille dazu vorhanden seien, nicht aber mit der Fähigkeit des Menschen und seinem Willen dazu.
Diese Aussagen haben sich die Scholastiker nur vorgestellt und als Mutmaßung angenommen, sinnlich sind sie aber nicht real. Sie gaben ihrem Verstand die uneingeschränkte Untersuchungsfreiheit, er untersuchte diese Problematik und kam mit dieser Vorstellung heraus. In Folge machten sie den Iman an das, was sich in ihrer Vorstellung ergab, zur Pflicht und nannten es „Al-Kasb wa Al-Ikhtiyar“ (Erwerb und freie Wahl). Hätten sie den Verstand allein das sinnlich Wahrnehmbare untersuchen lassen, so hätten sie begriffen, dass die Erschaffung der Tat – im Sinne der Erschaffung all ihrer materiellen Elemente – durch Allah geschehen muss, denn die Erschaffung aus dem Nichts kann nur durch einen Schöpfer erfolgen. Hingegen stammen das Wirken mit diesen Elementen und das Entstehen einer Tat aus ihnen vom Menschen selbst. In gleicher Weise trifft dies auf jedes Handwerk zu, dem er nachgeht, wie z. B. das Bauen eines Stuhls. Hätten sie den Verstand allein das sinnlich Wahrnehmbare untersuchen lassen, wären sie nicht zum Glauben an viele Illusionen und theoretische Annahmen verleitet worden.
Viertens: Die Methode der Scholastiker macht den Verstand zur Untersuchungsgrundlage aller Glaubensfragen. Dies hatte zur Folge, dass sie den Verstand zur Grundlage des Koran erhoben und nicht den Koran zur Grundlage des Verstandes. Demgemäß bauten sie ihre Koranexegese (Tafsir) auf den ihnen eigenen Fundamenten auf, wie das absolute Fernhalten Gottes von allem Schlechten, den freien Willen, die Gerechtigkeit, der notwendige Vollzug des Besten und Ähnlichem. Sie erhoben den Verstand zum Richter über jene Ayat[4], deren Wortlaut ihrem Verständnis widersprach und ließen ihn über die mehrdeutigen Verse bestimmen. Jene Ayat, die mit der von ihnen gefassten Meinung nicht im Einklang standen, wurden uminterpretiert. So wurde die Uminterpretation (At-Ta’wil) zu der ihnen eigenen Methode, was für die Mu’tazila, die Ahl Al-Sunna und die Gabriyya in gleicher Weise galt. Grundlage war bei ihnen nicht die Aya selbst, sondern der Verstand. Und die Aya musste so ausgelegt werden, dass sie dem Verstand entsprach. Auf diese Weise führte das Erheben des Verstandes zur Grundlage für den Koran zu Fehlern bei der Untersuchung selbst und bei dem, was untersucht wurde. Hätten sie aber den Koran zur Grundlage für die Untersuchung gemacht und den Verstand auf den Koran aufbauen lassen, wären sie nicht diesen Irrtümern verfallen.
Jawohl, die Überzeugung, dass der Koran das Wort Gottes ist, baut ausschließlich auf dem Verstand auf. Doch wird der Koran selbst – nachdem man von seiner Göttlichkeit überzeugt ist – zur Grundlage für den Glauben an das, was er berichtet, und nicht der Verstand. Deswegen darf bei der Beurteilung der richtigen oder falschen Bedeutung von Koranversen nicht der Verstand, sondern müssen die Verse selbst herangezogen werden. Dem Verstand obliegt in diesem Fall allein die Aufgabe des Verstehens. Die Scholastiker gingen jedoch nicht auf diese Weise vor. Vielmehr machten sie den Verstand zur Grundlage für den Koran. Deswegen kam es bei ihnen zur Uminterpretation der Koranverse.
Fünftens: Die Scholastiker machten den Disput unter den Philosophen zur Grundlage ihrer Untersuchungen. Die Mutazila übernahmen von den Philosophen Ideen und widersprachen ihnen. Die Ahl Al-Sunna und die Dschabriyya widersprachen wiederum den Mutazila. Auch sie übernahmen von den Philosophen Ideen und widersprachen ihnen. Dies, obwohl das Untersuchungsthema der Islam und nicht der Zwist mit den Philosophen oder mit anderen ist. Stattdessen hätten sie die Themen des Islam untersuchen sollen. Mit anderen Worten hätten sie das untersuchen sollen, was in Koran und Hadithen erwähnt ist. An den Grenzen dieser Aussagen und ihrer inhaltlichen Untersuchungen hätten sie halten müssen, abgesehen von den Ausführungen irgendwelcher Personen. Doch sie taten es nicht. Vielmehr wandelten sie die Verkündung des Islam und seiner Glaubensinhalte in sophistische Dispute und Streitgespräche um. Sie entledigten ihn seiner bewegenden Seelenkraft, des Feuers und der Klarheit seiner Glaubensüberzeugung und machten aus ihm ein philosophisches Streitthema und eine scholastische Profession.
Dies sind die markantesten Fehlermerkmale der scholastischen Methode. Die Folge dieser Methode war, dass die Untersuchung der islamischen Aqida zu einer Wissenschaft von vielen umgewandelt wurde, die man in gleicher Weise (trocken) unterrichtete wie die arabische Grammatik zum Beispiel oder andere Wissenschaften, die nach den Eroberungen entstanden sind. Wenn es für jeden anderen islamischen Wissensbereich erlaubt ist, eine eigene Lehre zu entwickeln, um ihn den Menschen näher zu bringen und leichter verständlich zu machen, so darf dies für die islamische Glaubensüberzeugung (Aqida) nicht der Fall sein. Die islamische Aqida ist der Inhalt der Verkündung und die Grundlage des Islam. Sie muss den Menschen so vermittelt werden, wie sie im Koran dargelegt wurde. Auch muss bei der Verkündung der islamischen Botschaft und der Erläuterung seiner Ideen die Methode des Koran befolgt werden; wie er die Aqida den Menschen verkündet und sie ihnen erläutert hat. Von daher ist es erforderlich, die Methode der Scholastiker aufzugeben und allein zur Vorgehensweise des Koran zurückzukehren. Diese stützt sich in ihrer Verkündung auf die Grundlage der menschlichen Natur, ebenso auf den menschlichen Verstand in den Grenzen sinnlich wahrnehmbarer Dinge.