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Konzeptionen Die Bedeutung von Sabr im Islam

Das Wort „Sabr“ gehört zu jenen Begriffen, die von Muslimen gerne missverstanden werden. Allzu oft übersetzen sie den Begriff „Sabr“ mit „sich in Geduld üben“.

Das Wort „Sabr“ gehört zu jenen Begriffen, die von Muslimen gerne missverstanden werden. Allzu oft übersetzen sie den Begriff „Sabr“ mit „sich in Geduld üben“.
Damit suggerieren sie den Zuhörern aber die falsche Vorstellung, dass man „Sabr“ übt, wenn man einer misslichen Lage ausharrt und wartet, ohne sich um eine Veränderung zu bemühen. Tatsächlich hat der Begriff „Sabr“ mit Apathie oder Passivität überhaupt nichts gemein. Im Gegenteil, er steh ihnen diametral gegenüber. Vielmehr ist „Sabr“ mit dem standhaften Erdulden von Leid verbunden, das einem während des Einsatzes auf dem Weg Allahs widerfährt. Unter Zuhilfenahme der göttlichen Offenbarung aus Quran und Sunna wird im Folgenden mit den falschen Vorstellungen von „Sabr“ gründlich aufgeräumt.
Allah, der Erhabene, teilt uns in Sure Al-Baqara, Aya 153-157 mit:
„O die ihr glaubt, sucht Hilfe in ‚Sabr‘ und Gebet: Wahrlich, Allah ist mit den Geduldigen. Und nennt nicht diejenigen, die auf Allahs Weg getötet wurden, Tote. Denn sie leben, ihr aber nehmt es nicht wahr. Und gewiss werden wir euch prüfen durch etwas Angst, Hunger und Minderung an Besitz, Menschenleben und Früchten. Doch verkünde den Geduldigen eine frohe Botschaft, die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: Wir gehören Allah und zu ihm kehren wir zurück.‘ Auf diese lässt ihr Herr Segnungen und Barmherzigkeit herab und diese werden rechtgeleitet sein.“
Diese Ayat befassen sich unter anderem mit dem Leid und dem Unglück, die einen Menschen im Laufe seines Lebens heimsuchen können, und damit, wie die Menschen dennoch in einer solchen Situation Hilfe und Unterstützung finden können und sie dafür ein reichlicher Lohn Allahs erwartet.
In den Ayat zuvor werden die Menschen darüber in Kenntnis gesetzt, dass ein Prophet aus ihrer Mitte mit den Zeichen und Beweisen Allahs entsandt wurde, um sie vom Kufr zu befreien, mit dem Auftrag, ihnen die islamischen Glaubensgrundlagen und Gesetze zu vermitteln. Nachdem Allah sie dazu anhält, Seiner zu gedenken und nicht von diesem Weg abzukommen, fordert Er die Gläubigen schließlich in den oben genannten Ayat dazu auf, Hilfe in „Sabr“ und Gebet zu suchen. Diese Verse verweisen implizit darauf, dass das Verkünden des Islam und die Einhaltung der göttlichen Gesetze beschwerlich und mit Leid und Entbehrung gepflastert sein können. Den Gläubigen soll dies jedoch weder abschrecken, noch von seinem Weg abbringen, sondern standhaft machen, sei er in noch so großer Not. Dabei soll er von zwei Stützen Gebrauch machen, die ihm helfen, solche Situationen zu bewältigen: standhafte Geduld und Gebet.
Anschließend werden Beispiele angeführt, die verdeutlichen, welches Unglück einen Menschen treffen kann, das eine Prüfung für den Gläubigen darstellt, vor allem als Folge eines aktiven Einsatzes für den Islam. Zu diesen Prüfungen gehört das Sterben auf dem Wege Allahs, d. h. der Tod im Kampf gegen die Feinde Allahs und zur Erhöhung Seines Wortes. Ferner wird erwähnt, dass der Mensch von Angst, Hunger und Minderung an Besitz, Menschenleben und Ernten geplagt werden kann, d. h. von Leid in jeglichen Erscheinungsformen. Es kann Furcht vor ständiger Verfolgung sein oder der Umstand, sich seines Lebens nicht mehr sicher sein zu können, oder Hunger und Armut, der Verlust eines Menschen durch Krankheit oder anderes sowie der Verlust der Ernte durch irgendeinen äußeren Umstand. Ist der Gläubige davon betroffen, gilt es als Prüfung (arab. Ibtila´ oder Bala´, auch Fitna genannt). Dabei ist es unerheblich, in welcher Schwere all das auftritt, da der ursprüngliche arabische Ausdruck „bi-shai´in min“ (etwas von…) im Zusammenhang mit den Erscheinungsformen der Prüfung gebraucht wird. In welcher Form man von solch einer Prüfung also heimgesucht wird, das Erdulden dessen, „Sabr“, zieht einen großen Lohn nach sich.
Der Gesandte sagte:
„Alles, was einem Gläubigen Schaden zufügt, ist ein Unglück, und derjenige erlangt Lohn.“
Allah hat klar dargelegt, dass der Gläubige bei Erduldung eines Unglücks und dem Zitieren Seiner Worte „[…] wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück […]“ mit einem großen Lohn rechnen darf.
Dann nämlich:
„Auf diese lässt ihr Herr Segnungen und Barmherzigkeit herab und diese werden rechtgeleitet sein.“
Dem Menschen werden das Wohlgefallen Allahs, Seine Gnade und Seine Rechtleitung zuteil. Außerdem werden den Gläubigen weitere Wohltaten im Diesseits versprochen. Muslim überlieferte über Umm Salama, einer späteren Frau des Gesandten, dass sie sagte: „Ich hörte den Gesandten Allahs sagen:
„Jeder Diener, den ein Unglück trifft und der daraufhin sagt: Wir gehören Allah und zu ihm kehren wir zurück. O Allah belohne mich in meinem Unglück und vergelte es mir mit Besserem; den belohnt Allah in seinem Unglück und gibt ihm Besseres zum Ersatz.“ Sie sagte: Als Abu Salama verstarb, sagte ich, was der Gesandte Allahs mir aufgetragen hatte, und Allah machte es mir durch etwas Besseres wett, nämlich durch den Gesandten Allahs (indem er sie heiratete).“ (Bukhari; Muslim; at-Tirmidhi; Abu Dawuud)
Aus diesen und anderen Ayat geht, wie bereits erwähnt, hervor, dass die Verkündung und Da´wa des Islam viel Kraft und Geduld erfordern, und hierbei sollen wir uns des „Sabr“ und des Gebetes bedienen und nicht von der Wahrheit abweichen. Der Gesandte pflegte, wenn ihn eine Angelegenheit sehr beschäftigte, Zuflucht im Gebet zu suchen. Das Gebet verleiht dem Muslim die nötige Energie, um dem Unrecht und den Unterdrückern entgegenzutreten und standhaft und aufrichtig die Wahrheit zu verkünden. Jedoch hat Allah die Geduld, den „Sabr“, vor dem Gebet erwähnt, und das hebt auf besondere Weise die Wichtigkeit des „Sabr“ hervor.
Das Gebet ist die Beziehung des Gläubigen zu seinem Schöpfer, während Geduld sowohl die Beziehung des Menschen zu seinem Herrn, zu sich selbst als auch zu den anderen Menschen verkörpert. Nicht umsonst wird „Sabr“ etwa hundert Mal im Quran erwähnt. „Sabr“ ist der Prüfstein und der Maßstab der Standhaftigkeit in einer Not, einem Unglück oder einer misslichen Lage, und Allah nennt ihn im Zusammenhang mit der Gottesfurcht:
„Wahrlich, wer gottesfürchtig und standhaft ist – Allah lässt den Lohn derer, die Gutes tun, niemals verloren gehen.“ (Sura Yusuf 12; Aya 90)
Doch trotz oder gerade wegen der gewichtigen Bedeutung von „Sabr“, besonders für die Träger der islamischen Da´wa, dürfen in diesem Zusammenhang keine falschen Schlüsse gezogen werden oder Missverständnisse aufkommen, denn genau dies ist bei einigen Muslimen der Fall. Diese sind der Ansicht, dass man Zurückhaltung üben sollte, wenn Unrecht und Unterdrückung geschehen, anstatt es anzuprangern und offen die Wahrheit zu sagen, um damit möglichen Gefahren und Repressionen seitens der Unterdrücker aus dem Wege zu gehen. Sie glauben, damit einen solchen „Sabr“ auszuüben, indem sie alles geduldig ertragen und damit das Wohlgefallen Allahs erlangen. Sie wagen es nicht, die Wahrheit zu sprechen und dementsprechend zu handeln, und schweigen zu allem, aus Angst vor Verfolgung, vor materiellen Einbußen oder anderen Entbehrungen. Sie halten sich für Sabirin (alles geduldig Ertragende). Allerdings ist dies nicht die Art von Geduld, für die Allah das Paradies bereithält:
„Wahrlich, den Standhaften wird ihr Lohn (von Allah), ohne zu rechnen, gewährt werden.“ (Sura Al-Zumar 39; Aya 10)
Es ist vielmehr genau jene Schwäche, vor welcher der Gesandte Zuflucht gesucht hat:
„Ich suche Zuflucht bei Allah vor Schwäche, Bequemlichkeit, Feigheit, Geiz, vor Sorge, Kummer, das Überhandnehmen der Schulden und der Unterwerfung der Männer.“ (Bukhari; Muslim)
Tatsächlich bedeutet „Sabr“, dass man die Wahrheit spricht, dementsprechend handelt und dann die Folgen geduldig erträgt, ohne von der Wahrheit abzuweichen, schwach zu werden oder nachzugeben. Und in diesem Zusammenhang ist es angebracht, sich des Beispiels des Gesandten Allahs, und auch der übrigen Gesandten und Propheten bewusst zu werden, denn jeder Gesandte und jeder Prophet, der seinem Volk neue Glaubensgrundlagen, Ideen und Gesetze überbrachte, wurde von seinem Volk zunächst zurückgewiesen, als Lügner diffamiert, verfolgt und gepeinigt. Doch kein Prophet und kein Gesandter hat jemals aufgrund der Anfeindungen seitens der Gesellschaft und der jeweiligen Machthaber kapituliert und die Verkündung der Botschaft aufgegeben, sondern alles in Geduld und Standhaftigkeit ertragen:
„Vor dir sind Gesandte als Lügner gescholten worden, doch obgleich sie verleugnet und verfolgt wurden, blieben sie standhaft, bis unsere Hilfe zu ihnen kam.“ (Sura Al-An’am 6; Aya 34)
Und da die Botschaft nach ihnen von denjenigen weitergetragen und -verbreitet wurde, die an sie glaubten und ihnen folgten, blieben auch sie nicht von Leid und Unglück verschont. Und auch sie haben sich in ihrer Gesamtheit nicht den Forderungen der Gesellschaft unterworfen und die Da´wa aufgegeben. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass sie das Leid und die Peinigungen auf dem Weg der Da´wa ertrugen und „Sabr“ übten. Die zahlreichen Beispiele der Prophetengefährten bestätigen, dass das beharrliche Ertragen derartiger Prüfungen den Menschen standhafter machen und ihn durch nichts erschüttern lassen. Es stärkt die Entschlossenheit und verkürzt den Weg zum Paradies.
So pflegte der Gesandte zur Familie Yasir, während sie in der sengenden Hitze der Wüste Mekkas gefoltert wurde, zu rufen:
„Seid standhaft Al-Yasir, euer Treffpunkt ist das Paradies!“
Aus all dem geht hervor, dass ein Muslim angesichts der Prüfungen, von denen er im Laufe seines Lebens heimgesucht werden kann – in welcher Form auch immer – nicht verzweifeln soll, sondern mit Hilfe des „Sabr“ diese überwinden und mit einem großen Lohn Allahs rechnen kann. Besonders die Muslime heute, denen überall auf der Welt soviel Unrecht angetan wird, und diejenigen, die diese Zustände ändern und dazu nicht schweigen wollen, sollte dies bewusst sein. Denn auch sie haben heute in gleicher Weise mit den Anfeindungen, Diffamierungen und Verfolgungen seitens der Regierungen und Gesellschaften zu kämpfen, wenn sie dieses Unrecht anprangern und die islamischen Glaubensgrundlagen, Ideen und Gesetze zur Umsetzung bringen wollen, ebenso wie die Prophetengefährten und ihre Nachfolger deswegen darunter leiden mussten. Das standhafte Ertragen, also „Sabr“, ist eine Hilfe, um nicht gleich nach Androhung von Sanktionen einen Rückzug anzutreten und sich nicht den gegebenen Umständen zu unterwerfen.
Allah sagt:
„Wahrlich, ihr sollt geprüft werden in eurem Gut und an euch selber, und wahrlich, ihr sollt viel Leid von denen hören, welchen die Schrift vor euch gegeben wurde, und von denen, die Allah andere zur Seite stellten. Wenn ihr jedoch standhaft und gottesfürchtig seid – so ist es eine Sache der festen Entschlossenheit.“ (Ali Imran 3;Aya 186)