Untersucht man jene Verse aus dem Koran genauer, die von der Geschichte Adams erzählen, als dieser mit seiner Frau im Garten lebte und vom Teufel verleitet wurde, ungehorsam zu werden, so wird klar, dass Allah uns auf einen wichtigen Aspekt hinweisen wollte.
Untersucht man jene Verse aus dem Koran genauer, die von der Geschichte Adams erzählen, als dieser mit seiner Frau im Garten lebte und vom Teufel verleitet wurde, ungehorsam zu werden, so wird klar, dass Allah uns auf einen wichtigen Aspekt hinweisen wollte. Es ist bekannt, dass Allah (t.) Adam und seiner Frau verbot, von einem bestimmten Baum zu essen. Der Teufel aber flüsterte ihnen ein, es zu tun, und sie taten es. Daraufhin wurden sie, wie es uns der Koran erzählt, aus dem Garten vertrieben.
Bei genauerer Betrachtung erkennen wir, dass der Teufel Adam und seine Frau mit dem Argument des Nutzens hinters Licht führte. So machte er ihnen weiß, dass ihr Interesse bzw. ihr Nutzen darin liege, vom Baum zu essen, weil dieser ihnen ein Engeldasein, ein ewiges Leben und eine nie vergehende Herrschaft schenken würde.
So sagt der Erhabene:
„O Adam! Wohne mit deiner Frau im Garten. Esst von allem, was euch beliebt, aber nähert euch nicht diesem Baum, sonst gehört ihr zu den Ungerechten. Der Teufel flüsterte ihnen ein, um ihnen das zu zeigen, was ihnen von ihrer Blöße verdeckt war. Er sprach: ‚Euer Herr hat euch nur deshalb verboten, von diesem Baume zu essen, damit ihr nicht Engel oder Ewiglebende werdet.‘ Und er schwor ihnen: ‚Gewiss! Ich bin euch ein aufrichtiger Ratgeber.'“ (2:35)
Auch sagt Er:
„Da flüsterte ihm der Teufel ein und sagte: ‚O Adam! Soll ich dir den Baum des ewigen Lebens zeigen und einer Herrschaft, die nie vergeht?‘ Sie aßen davon, da wurde ihnen ihre Blöße offenbar. Und sie fingen an, sich mit Blättern aus dem Garten zu bedecken. Und Adam war seinem Herrn ungehorsam und ging irre.“ (20:121)
Aus den Ayat wird deutlich, dass der Teufel Adam und seine Frau mit dem Argument des Nutzens zum Ungehorsam verleiten konnte:
„Er sprach: ‚Euer Herr hat euch nur deshalb verboten, von diesem Baume zu essen, damit ihr nicht Engel oder Ewiglebende werdet.'“ In der zweiten Aya heißt es:
„O Adam! Soll ich dir den Baum des ewigen Lebens zeigen und einer Herrschaft, die nie vergeht?“
Adam und seine Frau wurden – wie es bei Menschen nur allzu oft geschieht – vom Argument des Nutzens beeindruckt und ließen sich dadurch zum Ungehorsam verleiten.
Wenn wir uns nun diese Tatsache vor Augen führen und sie auf unsere heutige Realität übertragen, wird klar, dass Allah uns mit diesen Koranversen eine Lehre gibt und uns davor warnt, mit dem Argument des Nutzens, also des Interesses, Seine Befehle zu missachten. Er macht uns mit diesen Versen deutlich, dass das Zuwiderhandeln gegen seine Gebote mit dem Argument des Nutzens bzw. des Interesses im Grunde eine teuflische Idee ist, weil der Teufel es genau damit schaffte, die ersten Menschen zum Ungehorsam zu verleiten.
Für all jene unter den Muslimen, die heute versuchen, mit dem Argument des Interesses und der Nützlichkeit islamische Gebote außer Kraft zu setzen, sollte dies eine Warnung sein.
Heute gibt es leider Gelehrte, die auf Satellitenkanälen erscheinen und mit dem Argument des Nutzens das erlauben, was Allah verboten hat, und das verbieten, was Allah erlaubt hat.
So erlauben sie Zinsgeschäfte, um sich Wohnungen zu kaufen, weil es im Interesse der Muslime ist, sich in westlichen Ländern Besitz und Eigentum anzuschaffen. Sie erlauben auch der muslimischen Frau in ihrem Interesse das Kopftuch abzulegen, wenn es bei ihrer Arbeitssuche oder ihrer Ausbildung hinderlich ist. Sie erlauben, ja gebieten sogar die politische Partizipation im Westen und die Unterstützung von Parteien, die ein klar säkulares, nichtislamisches Programm haben, weil dies – wie sie behaupten – im Interesse der dort lebenden Muslime ist.
Manche von ihnen erlauben es sogar, in der amerikanischen Armee im Irak zu kämpfen, sollte es die „Notwendigkeit erfordern“.
Aus diesen Beispielen wird klar, wie sehr die Muslime von dieser „Teufelsidee“ beeinflusst sind und wie sehr sie sich davon leiten lassen. Mit dem Argument des Nutzens versucht man heute schier alles zu erlauben. Ihren Ursprung hat diese Idee in der bei vielen Muslimen vorherrschenden Meinung, dass der Islam mit dem Nutzen für den Menschen gekommen ist.
Natürlich ist der Islam für die Menschen nützlich. Durch den Islam werden unsere irdischen Angelegenheiten in einer Weise geregelt, die zu unserem Wohle führen. Auch werden wir durch die Befolgung des Islam von der Höllenpein am Jüngsten Tage gerettet. In jedem Fall ist der Islam also eine „Ni’ma“, ein Geschenk Gottes an die Menschheit.
Der Nutzen liegt aber hier in der Befolgung des Islam und nicht in der Veränderung seiner Gebote, damit er jeder Situation und jeder menschlichen Neigung entspricht. Der Nutzen liegt also in der Befolgung seiner Gebote auch gegen die eigenen Neigungen und gegen das eigene Verständnis von Nutzen. Denn das eigene Verständnis von Nutzen kann trügerisch sein. Wie oft schon haben Menschen ihren Nutzen bzw. ihr Interesse in einer Sache gesehen, diese dann mit großer Entschlossenheit verfolgt, wobei sich dann herausstellte, dass sie zu ihrem Schaden führte. Beispiele dafür gibt es unzählige aus allen Bereichen menschlichen Wirkens.
Genau darauf nimmt Allah Bezug, wenn Er sagt:
„Ihr Gläubige! Das Kämpfen ist euch vorgeschrieben, obwohl es euch verhasst ist. Und vielleicht ist euch etwas verhasst, obwohl es gut für euch ist. Und vielleicht liebt ihr etwas, obwohl es schlecht für euch ist. Und Allah weiß es, und ihr wisst es nicht.“ (2:216)
Der wahre Nutzen liegt also dort, wo Allah ihn mit seinen Geboten festgelegt hat, und nicht dort, wo der Mensch glaubt, ihn zu sehen. Denn aufgrund der Unvollkommenheit des Menschen, seines beschränkten Wissens und seiner Fehlbarkeit ist sein Verständnis des Nutzens trügerisch und oftmals falsch.
Die Erkenntnis von der Allwissenheit Allahs und der eigenen Unvollkommenheit macht es somit für den Menschen zu einer rationalen Notwendigkeit, sich den Geboten Allahs zu unterwerfen. Demzufolge ist der Glaube an Allah als Schöpfer vom Glauben an Ihn als Gesetzgeber rational nicht zu trennen.
Begreift der Mensch, dass nur Allah, der Allmächtige und Allwissende, das wirklich Gute und Schlechte in einer Angelegenheit kennt, dann wird er auch mit Sicherheit einsehen, dass sein wirkliches Interesse nur darin liegen kann, den Geboten Allahs zu folgen.
Von dem Gefährten Rafi‘ Ibn Khadidsch wird über das Verbot des Vermietens landwirtschaftlichen Bodens – was eine sehr gängige und weit verbreitete Praxis war – Folgendes überliefert:“Der Prophet (s.) verbot uns etwas, was nützlich für uns war. Der Gehorsam gegenüber Allah und Seinem Gesandten ist für uns jedoch viel nützlicher.“
Der wahre Nutzen liegt also in der Befolgung der Gebote und Verbote Allahs und nicht in der Befolgung dessen, was man als vermeintlichen Nutzen zu erkennen glaubt.
Wenn nun der Mensch seine eigene Unvollkommenheit, Schwäche und Bedürftigkeit erkennt, wenn er seine Unfähigkeit erkennt, sein tatsächliches Interesse selbst auszumachen, so reicht im Grunde diese Einsicht aus, um sich in all seinen Angelegenheiten Allah, dem Erhabenen, zu unterwerfen. Er vollzieht keine Handlung ohne zu wissen, ob Allah sie erlaubt oder verboten hat. Er weiß, dass die Handlung dann richtig ist, wenn Allah sie ihm erlaubt hat, auch wenn der Teufel ihm den Nutzen in einer anderen Sache einreden will.
Genau diese Forderung nach dem absoluten Gehorsam, nach der vollkommenen Unterwerfung unter Seinen Willen – auch gegen die eigene Neigung bzw. das eigene Verständnis von Nutzen – wird von Allah (t.) in folgenden Ayat zum Ausdruck gebracht: „Keinem gläubigen Mann und keiner gläubigen Frau bleibt, wenn Allah und Sein Gesandter etwas entschieden haben, in ihrer Angelegenheit noch eine Wahl.“ (33:36)
Der große Koranexeget Ibn Kathir sagt in Erläuterung der Aya: „Diese Aya ist allgemein gültig. Wenn Allah und Sein Gesandter in irgendeiner Sache etwas entschieden haben, dann steht es niemandem zu, dem zu widersprechen“.
Auch sagt Er (t.):
„Bei deinem Herrn! Sie sind nicht eher Gläubige, bis sie dich in allem zum Richter erheben, was unter ihnen strittig ist. Sie sodann in ihrem Herzen keinen Zweifel gegenüber deinem Richtspruch hegen und sich vollends ergeben.“ (4:65)
Mit diesen Ayat hat Allah den Handlungsmaßstab für den Menschen klar definiert. Der Handlungsmaßstab ist mit Halal (Erlaubtes) und Haram (Verbotenes) festgelegt worden. Was Halal ist, das tut der Muslim, und was Haram ist, dessen enthaltet er sich. Dieser Maßstab ist feststehend, er ändert sich nicht und gilt überall, wo sich der Muslim befindet. Daraus leitet sich auch das folgende islamische Rechtsprinzip ab: „Bei Taten gilt grundsätzlich das Festhalten am islamischen Rechtsspruch“.
Wenn der Muslim also irgendeine Tat begehen will, muss er die Tat zuerst nach diesem Rechtsprinzip beurteilen.
Hält sich der Muslim dieses Rechtsprinzip stets vor Augen und folgt er ihm, dann besitzt er wahre Spiritualität. Das heißt es ist ihm während des Vollzugs der Handlung bewusst, dass er von einem Schöpfer erschaffen wurde und diesem zu dienen hat.
Zu den Neigungen des Menschen sei noch Folgendes gesagt: Der Gesandte Allahs (s.) hat in einem Hadith erklärt:
„Bei Dem, in Dessen Hand meine Seele liegt. Keiner von euch ist wirklich gläubig, bis seine Neigungen dem entsprechen, mit dem ich gekommen bin.“
Die Erkenntnis von der Allwissenheit Allahs und dass wir seine ergebenen Diener sind sollte also letztendlich dazu führen, dass sogar unsere Neigungen sich entsprechend verändern. Somit müssen wir auch innerlich die Gebote Allahs lieben und alles, was Er verboten hat, verabscheuen. Und dies ist die Stufe des vollkommenen Glaubens.