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Allgemein Vorsatz oder Dummheit

Die israelische Militäroperation Protective Edge im Juli dieses Jahres bot der deutschen Politik einmal mehr Gelegenheit, zu beweisen, welch pädagogischen Wert das flächendeckende Bombardement auf das Dritte Reich zur Folge hatte.

Die israelische Militäroperation Protective Edge im Juli dieses Jahres bot der deutschen Politik einmal mehr Gelegenheit, zu beweisen, welch pädagogischen Wert das flächendeckende Bombardement auf das Dritte Reich zur Folge hatte.
Aus den rauchenden Trümmern Germanias stieg ein politischer Geist hervor, der das verheißungsvolle Hakenkreuz für immer verbannen und an seine Stelle den Davidstern zum Zentrum deutscher Staatsräson erklären sollte. Seitdem intensivierten sich die deutsch-israelischen Beziehungen und gleichen nunmehr dem Stockholm-Syndrom, in dessen Verlauf sich aus einer Täter-Opfer-Beziehung und einer wechselseitigen Abhängigkeit eine irrationale Liebschaft bar jeder Urteilskraft entwickelt. Nur so lässt sich das taktische Verhältnis zur Wahrheit der deutschen Politik erklären, die angesichts Israels Landraubes, Exekutionen und Massentötungen beide Augen zudrückt, sich zugleich jedoch dazu berufen fühlt, Antisemitismus und faschistoide Ideen erbarmungslos zu verfolgen und bereits im Keim zu ersticken.
Entsprechend groß war das Entsetzen der Bundesregierung über „antisemitische Parolen“ auf den zahlreichen Gaza-Demonstrationen in deutschen Innenstädten. Während Justizminister Maas klarstellte, dass „judenfeindliche Hassparolen […] unerträglich und durch nichts zu entschuldigen“ seien, schäumte de Maizière angesichts „überschrittener roter Linien“ und verbat sich jegliche „Diskussionen über Israels Existenzrecht“. Weder offenen noch verdeckten Judenhass dürfe es in Deutschland geben, keine Volksverhetzung und „erst recht keine Gewalt“, so SPD-Politiker Maas. Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman fühlte sich angesichts „der Verfolgung von Juden in den Straßen Berlins“ gar in das Jahr 1938 zurückversetzt und identifizierte soeben noch die üblen Verbrecher, welche eine „Kultur des Hasses“ nach Deutschland zu importieren suchen. Neben Rechts-und Linksextremisten handle es sich vor allem um Islamisten, die, um es in den Worten des Magazins Cicero auszudrücken, durch „Ausschreitungen in ganz Europa […] einen Rückfall in die Barbarei“ befürchten ließen. Beim Antisemitismus handle es sich für Islamisten ohnehin um vertrautes Fahrwasser, „ist weiten Teilen des Islam doch die Judenfeindschaft eingeschrieben, seit Mohammed für ein von Juden und Christen gesäubertes Medina kämpfte“, so die Einschätzung des Cicero-Journalisten Alexander Kissler.
Der hier erkennbare Versuch einer gedanklichen Identifikation von Islam und Antisemitismus ist jedoch keineswegs die Erfindung der beiden zitierten Geistesgrößen, greifen die Herren doch lediglich auf Argumentationsmuster zurück, die bereits Einzug in die höchsten politischen Kreise gefunden haben. Doch wer glaubt, an dieser Stelle sei das Ende der political incorrectnes erreicht, sollte sich bei seinem nächsten New York – Urlaub darauf einstellen, in einen Linienbus einzusteigen, auf dessen Seite sich ein liebäugender Adolf Hitler mit Mufti Hussein von Jerusalem über das Ende des Weltjudentums unterhält. „Judenhass steht schon im Koran“ heißt es in dicken Buchstaben warnend auf den Bussen, die täglich die Millionenmetropole durchkreuzen. Nicht ganz so spektakulär wie ihre amerikanischen Vorbilder, dafür umso deutlicher wird die These im Land der Denker und Dichter verbreitet. In Zeitungsartikeln, Bestsellern, Funk und Fernsehen wird die Artverwandschaft zweier „totalitärer Ideologien“ – Islam und Faschismus – immer wieder betont. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es sich hierbei nicht etwa um eine provokante These kruder Rechtsextremisten oder eines exzentrischen Wissenschaftlers handelt, sondern um einen Gedanken, welcher sich unlängst in den politischen Mainstream eingeschlichen hat. So wird in dem Welt-Artikel „Islamofaschismus – Verteidigung eines Begriffs“ behauptet, dass die offenkundigste Gemeinsamkeit der beiden Weltbilder in „einem Kult mörderischer Gewalt“ bestehe, der „den Tod und die Zerstörung feiert und den Geist verachtet“. Feindschaft zur Moderne, sexuelle Unterdrückung, die ausschließliche Betonung der Macht eines einzigen Buches – die Liste der vermeintlichen Berührungspunkte ist lang. Doch die wichtigste Schnittmenge bestehe ohne Zweifel in rassistischer Bigotterie und einem ausgeprägten Führerkult. Während letzteres keiner näheren Erläuterung bedürfe, sei die rassistische Komponente sehr wohl auch im Islam vorhanden, schließlich unterscheide er zwischen dem „“Reinen“ und „Besonderen“ gegenüber dem Unreinen und „Kufar“, also Weltlichen“. So seien Inder, Perser und im speziellen Juden, welche „ganz offenkundig als unreine oder minderwertige Rasse bezeichnet“ würden, immer wieder Ziel des Islamofaschismus. Abschließend betont Posener in seinem Welt-Artikel die Todessehnsucht beider „totalitärer Gedankensysteme“ und die „Pflicht“ der westlichen Gesellschaft, diese zu „bekämpfen und zu zerstören“: eine Kampfansage, die aktuell durch Thesen Hamed Abdel-Samads in seinem Buch „Der islamische Faschismus“ gestützt wird. Darin behauptet er nicht nur, dass der Islamismus und der Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus zeitgleich entstanden seien, sondern der Islam bereits in seiner Urform faschistoides Gedankengut in sich trage. Absolutheitsanspruch, Führerkult und die Aufteilung der Welt in Gut und Böse würden seiner „Analyse“ zufolge den faschistischen Kern des Islam belegen. Mit seiner sophistischen Gleichung, durch die angesichts eines kleinen Gehirns und zweier Beine auch die Artgleichheit Abdel-Sameds und eines Hühnchens bewiesen werden könnte, scheint er in den Augen Beziehungsgestörter Israelfreunde zu einer inspirierenden Muse geworden zu sein. Anstatt besagtes Buch samt Autor einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen, wird keine Gelegenheit ausgelassen, dem gebürtigen Ägypter Plattform zu bieten, mit seinen bizarren Auftritten sein Publikum für dumm zu verkaufen. Doch der vermeintliche Tabubrecher und couragierte Vorkämpfer der Freiheit ist nicht der einzige, der dem deutschen Volk so viel Dummheit unterstellt, um anzunehmen, dass es seine einfältigen Behauptungen abnehmen würde. Denn selbst die Crème de la Crème der Deutschen Politik samt Kanzlerin versammelte sich am 14.09.2014 am Brandenburger Tor, nur um den Gaza-Demonstranten faschistischen Antisemitismus vorzuwerfen. „Ich weise alle antisemitischen Äußerungen und Übergriffe entschieden zurück, nicht zuletzt jene, die jüngst auf propalästinensischen Demonstrationen als vermeintliche Kritik an der Politik des Staates Israel daherkamen, tatsächlich aber ausschließlich Ausdruck des Hasses auf jüdische Menschen war“, so Merkel. Mit anderen Worten sei das Massaker in Gaza nur ein gefundenes Fressen für die verkappten Islamofaschisten, um ihren Endlösungsfantasien freien Lauf zu lassen. Auf diese Weise arbeiten Politik und Presse sukzessive daran, den Islam mit dem nationalsozialistischen Schreckgespenst gleichzusetzen, um die westliche Öffentlichkeit von der Notwendigkeit eines vernichtenden Kampfes zu überzeugen. Als Beleg für die Artverwandtschaft genügen plakative Vergleiche und Unterstellungen, die sich bei genauer Betrachtung als die sprichwörtliche Grube entpuppen, in der sich letztlich die Bundeskanzlerin samt ihrer Verfassung und kulturellen Geistesgeschichte widerfinden wird.
Denn der Versuch der Nachkriegsgeneration, den schmachvollen Teil ihrer Geschichte von sich zu weisen und gar einer anderen Kultur in die Schuhe zu schieben, ist ebenso aussichtslos wie das damalige Unterfangen, die sechste deutsche Armee aus der Umkesselung Stalingrads zu befreien. Allein die Vorstellung, dass im Kopfe Adolf Hitlers urplötzlich eine revolutionäre Idee entstanden sei, die mit allem bisher Dagewesenem gebrochen habe, sollte die säkulare Gesellschaft in Erklärungsnot bringen. Entweder gesteht der aufgeklärte Westen dem Führer metaphysische Fähigkeiten zu und räumt der transzendenten Welt einen höheren Stellenwert ein, als ihm lieb ist, oder er besinnt sich auf sein profanes Denken und gibt zu, dass es sich beim Faschismus um ein Kind der eigenen Kultur handelt. Anstatt sich an einer New Yorker Bushaltestelle über die Geschichte aufklären zu lassen, sollte sich der durch die Kanzlerin aufgescheuchte Islamophob die Mühe machen, einen Blick in die Verfassung des Dritten Reiches zu werfen. Zu seinem Erstaunen würde er feststellen, dass das Tausendjährige Reich als säkularer Staat in der Tradition deutscher Philosophen und Aufklärer stand. So heißt in Artikel 1: „Das Deutsche Reich ist eine Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.“. Von der Verankerung des Völkerrechts (Art. 4), über die Betonung der Religions- und Gewissensfreiheit (Art. 135-136), der klaren Trennung von Staat und Religion (Art. 137), bis hin zur Eigentums- und Persönlichen Freiheit (Art. 153 bzw. Art. 163) bietet die Verfassung Nazi-Deutschlands alles, was das Herz des aufgeklärten Humanisten begehrt. Verwundern sollte dies nicht, handelt es sich bei besagter Verfassung mit der die NSDAP bis 1945 regierte doch um keine andere als die der Weimarer Republik; eine Verfassung also, für die sogar die Fünfprozentklausel als eine Beschneidung des Volkswillens galt. Adolf Hitler bekannte sich bereits im Jahre 1926 ausdrücklich zum Schutz der Eigentumsfreiheit und hat selbst innerhalb seiner Fraktion Verstaatlichungstendenzen den Kampf angesagt. So entmachtete er bis ins Jahr 1932 konsequenterweise alle sozialistischen Umtriebe der Strasser-Fraktion und präsentierte sich unter klarer Abgrenzung zum Kommunismus als Bewahrer der vorhandenen kapitalistischen Ordnung des Deutschen Reiches; eine Positionierung, die besonders deutlich die Großindustriellen und konservativen Eliten zu verstehen wussten. Auch wenn es unter Historikern bis heute als umstritten gilt, welcher Anteil jenen Gesellschaftsgruppen am Aufstieg der NSDAP tatsächlich zukommt, ist die Kooperation dennoch nicht von der Hand zu weisen. Thyssen, Siemens, IG-Farben und Krupp, ja selbst US-Schwergewichte wie IBM, General-Motors und Ford erkannten den Führer als Schutzgeist der westlich-aufgeklärten Welt, den es selbstverständlich zu unterstützen galt. Allein Ford lieferte rund 78.000 LkW und 14.000 Kettenfahrzeuge an das Dritte Reich und ermöglichte Hitler auf diese Weise die Motorisierung seiner Infanterie – eine wesentliche Voraussetzung für den deutschen Blitzkrieg. Doch entgegen marxistischer Lesart besteht die entscheidende Schnittmenge nicht lediglich in der Aufrechterhaltung kapitalistischer Eigentums- und Produktionsverhältnisse. Vor allem ist es das deutliche Bekenntnis zur Volkssouveränität und die daraus resultierende Trennung von Staat und Religion, die die Kerngedanken des oft zitierten totalitären Systems bildeten. So wurde die Legitimität des NS-Regimes immer wieder durch den Volkswillen betont, welcher der NSDAP durch den parlamentarischen Weg nicht nur den Regierungsauftrag erteilte, sondern auch die darauffolgende Politik Adolf Hitlers mehrheitlich unterstützte. Selbst das Ermächtigungsgesetz, das den Reichskanzler im Jahre 1933 mit einer Fülle von Befugnissen ausstattete, wurde durch die gewählten Volksvertreter abgesegnet. Ebenso war die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit mehr als ein bloßes Lippenbekenntnis, denn abgesehen von der vornehmlich rassisch und soziopolitisch begründeten Judenverfolgung existierte keine Staatsreligion. Weder stellte die Kirche eine moralisch Instanz dar, noch war die Beziehung der Reichsbürger durch einen christlichen Verhaltenskodex gekennzeichnet. Dies spiegelte sich ferner in der Führungsriege der nationalsozialistischen Bewegung wieder, in der sich bekennende Christen beider Konfessionen neben Heiden und Atheisten wiederfanden. Im Unterschied zur mittelalterlichen Judenverfolgung zeichneten sich die Pogrome jener Zeit durch wissenschaftliche Rassenerkenntnisse aus und entsprachen damit einem Weltbild, das die Aufklärung mit sich brachte. Die rassistische Losung „Arier gegen Juden“ auf den Propagandaplakaten und Faltblättern belegt die weltliche Perspektive der damaligen Judenverfolgung. Was viele für Rassenwahn halten, „war für viele sehr intelligente Leute gesicherter Bestandteil der Erb- und Kulturforschung der vorangegangenen Jahrzehnte“, so der deutsche Schriftsteller Gregor Brand. Auch die symbolträchtige Bücherverbrennung war letztlich nur ein Ausdruck des Bestrebens, die seit der französischen Revolution hart erkämpfte Geisteskultur vor der Zersetzung durch fremde Traditionen zu schützen. Weder die philosophischen Werke Hegels und Kants, noch die literarischen Schriften Schillers oder Goethes wurden zum Raub der Flammen, galten jene Bücher doch als beeindruckende Leistungen des kritischen deutschen Geistes. Letzterer zeigte sich zugleich in allen Bereichen des kulturellen Lebens – in Kunst, Literatur, Architektur und Wissenschaft. Vor allem die für die Aufklärung prägnante Überhöhung von Ethik und Moral äußerte sich besonders deutlich in den vom Führungszirkel erlassenen Gesetzen und Verordnungen. So widmete sich Adolf Hitler höchstpersönlich dem Tierschutz und erließ am 24. November 1933 das bis dahin umfassendste Tierschutzgesetz der Welt. Für diese Verdienste erhielt der Führer im Jahre 1934 von der Eichelberger Humane Award Foundation in Seattle eine Goldmedaille und im selben Jahr eine Ehrenurkunde von dem New Yorker Komitee gegen Tierversuche. Der Reichskanzler, der mit seiner tadellos aufgeklärten Gesinnung dem Zeitgeist der westlichen Zivilisation entsprach, genoss zweifelsohne weltweit hohes Ansehen. Ohnehin handelte es sich bei dem Faschismus nicht um ein rein deutsches Phänomen, schließlich wurden nahezu alle europäischen Staaten jener Zeit von Faschisten regiert. Nicht einmal der Kriegsausbruch im Jahre 1939 ist auf ideologische Differenzen innerhalb der westlichen Welt zurückzuführen, sah der ehemalige Premierminister Großbritanniens David Lloyd George in Adolf Hitler immerhin den „George Washington Deutschlands, der für sein Land die Unabhängigkeit von seinen Unterdrückern gewonnen […] und es aus der vollkommenen Hoffnungslosigkeit und Erniedrigung errettet hat“. Entgegen der Vorstellung vieler war es gerade die ideologische Nähe und der damit einhergehende Führungsanspruch Deutschlands, die Großbritannien um seine Vormachtstellung in der westlich-kapitalistischen Welt fürchten ließ und es dazu veranlasste, dem Dritten Reich im Jahre 1939 den Krieg zu erklären.
Bei dem nationalsozialistischen Deutschland handelte es sich somit nicht um ein Regime des säkularen Antichristen, sondern um die kulturhistorische Fortsetzung der Aufklärung; derselben Kulturgeschichte also, zu der sich auch die Bundesrepublik und das demokratische Israel bekennen. Dass Abdel-Samed und Komplizen nicht die geistigen Fähigkeiten besitzen, eine Beweislast korrekt zu interpretieren, die so erdrückend ist, dass kein Besen der Welt groß genug wäre diese unter den Teppich zu kehren, ist zu erwarten. Der Haltung der Bundesregierung muss angesichts der Faktenlage dagegen böser Vorsatz unterstellt werden, würde die Bundeskanzlerin bei ihrem Kampf gegen den suggerierten Islamofaschismus doch andernfalls der sprichwörtlichen Katze gleichen, die sich bei ihrer tobenden Jagd in den eigenen Schwanz beißt.