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Allgemein Die WM als kolonialistisches Großereignis

Nach der Fußball-WM steht nicht nur Deutschland als Weltmeister fest, sondern auch die Erkenntnis, dass die Wertigkeit der Menschen weit auseinanderklafft und die Welt sich noch immer unterteilt in Herrenmenschen auf der einen Seite und Völker, an denen die Klischees haften, die der Kolonialismus ihnen zugewiesen hat, auf der anderen Seite.

Nach der Fußball-WM steht nicht nur Deutschland als Weltmeister fest, sondern auch die Erkenntnis, dass die Wertigkeit der Menschen weit auseinanderklafft und die Welt sich noch immer unterteilt in Herrenmenschen auf der einen Seite und Völker, an denen die Klischees haften, die der Kolonialismus ihnen zugewiesen hat, auf der anderen Seite.
Die WM hat diese Einteilung keineswegs hervorgerufen, sondern lediglich das sichtbar gemacht, was ohnehin Realität ist. Es existiert im europäischen Bewusstsein nur ein hochwertiges Europa und ein minderwertiges Nicht-Europa, ein Weltbild, das aus einem Überlegenheitsgefühl hervorgegangen ist und die Einstellung von Kolonialherren widerspiegelt.
Wer meint, dass der Kolonialismus längst überwunden sei, wurde während der WM schnell eines Besseren belehrt. Da wurden beispielsweise die algerischen Nationalspieler nur noch als Afrikaner wahrgenommen, die es trotz ihrer afrikanischen Herkunft tatsächlich ins WM-Achtelfinale geschafft hatten. So konnte man auf FOCUS Online nach dem Spiel Algerien gegen Russland in der klein gedruckten Überschrift lesen: „Deutschland trifft auf Afrikaner“ Dass Afrika kein Land, sondern ein ganzer Kontinent ist und aus mehr als 50 Ländern besteht, schien in diesem Zusammenhang nicht wichtig zu sein. Im Liveticker von FOCUS Online hieß es außerdem in der 3. Minute: „Der Ball läuft gut durch die Reihen der Afrikaner“. Und in der 43. Minute verpatzte Algerien einen Eckball, der wie folgt kommentiert wurde: „Das war die zweite gute Chance für die Afrikaner.“ Immer wieder wurde darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei den Algeriern um Afrikaner handelt – sicherlich nicht, um den geographischen Horizont der Fußballfans zu erweitern –, so etwa in der 51. Minute: „Vor dem russischen Strafraum agieren die Afrikaner zu nervös, leisten sich ungenaue Pässe und Fehler bei der Ballannahme.“ Klischees über die Afrikaner durften natürlich auch nicht fehlen, etwa dass es während des Spiels auf der Tribüne „afrikanisch feurig“ zuging, wie in den „Elf Fakten über Deutschlands Achtelfinalgegner“ auf FOCUS Online festgehalten wurde. Schließlich weiß jeder Europäer, dass der Afrikaner nur so vor Temperament sprüht.
BILD.de bot im Gegensatz zu FOCUS Online gleich „23 Fakten über unseren Gegner Algerien“. Eingeleitet wurde der Artikel mit dem Bild eines vermummten Tuareg, der Algerien mit Wüste und Nomadentum assoziieren sollte, weitab von Fortschritt und professionellem Fußball. Zu den Fakten, die aufgezählt wurden, gehörten unter anderem fußballrelevante Informationen wie „Jeder Vierte kann weder lesen noch schreiben“ oder „Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 24,8 Prozent“. Nicht fehlen durfte auch die Erwähnung der Tatsache, dass Algerien eine französische Kolonie war.
Es fällt dem Europäer scheinbar schwer zuzugeben, dass eine afrikanische Mannschaft erfolgreich sein und mit den europäischen Mannschaften durchaus mithalten kann. Deshalb titelte FOCUS Online nach dem Unentschieden zwischen Algerien und Russland: „Algerien jubelt dank Russlands Pannen-Keeper“. Demnach führte nicht das Können der algerischen Spieler zum Unentschieden und damit zum Einzug ins Achtelfinale, sondern lediglich der Fehler des russischen Torwarts. In den „Elf Fakten über Deutschlands Achtelfinalgegner“ kam dann auch die europäische Erklärung dafür, weshalb es die algerische Nationalmannschaft bis ins Achtelfinale geschafft hatte. Natürlich verdankt sie ihren Erfolg ausschließlich den europäischen Einflüssen. Betont wurde, dass die wichtigen Spieler „bei europäischen Topclubs unter Vertrag“ stehen. Außerdem seien 16 Spieler in Frankreich geboren. Darüber hinaus spiele neben der Amtssprache Arabisch auch das Französische noch eine große Rolle in Algerien. Die mangelnde Logik an der Verknüpfung zwischen Sprache und Fußball ist irrelevant, denn die Hauptsache ist, dass man die algerische Mannschaft mit etwas Europäischem verbinden kann, weil sie gut Fußball spielt und dies scheinbar ein europäisches Privileg ist. Außerdem wurde in dem Artikel erwähnt, dass die algerische Nationalmannschaft im Jahr 2006 ganze 4 Monate einen deutschen Nationaltrainer hatte. Es zeugt schon von großer Arroganz, damit den Erfolg der algerischen Nationalmannschaft während der WM 2014 erklären zu wollen.
Besonders deutlich brach das kolonialistische Denken beim Spiel Deutschland gegen Ghana an die Oberfläche. Bereits im Vorfeld führte der Deutsche dem Ghanaer vor Augen, dass er ihm weit überlegen sei. Dies kam in einer geschmacklosen Werbung des Autovermieters Sixt zum Ausdruck, die nur das wiedergab, was viele denken. Ein sauberer Mercedes wurde einem verschmutzten und mit Menschen überladenen Truck gegenübergestellt, und zwar mit dem Slogan: „Ghana – das könnte eng werden“. Darin spiegelt sich wider, dass der Europäer noch immer voller Verachtung auf die offiziell abgeschafften Kolonien blickt.
Als Ghana dann ein Fußballspiel auf höchstem Niveau bot und die deutsche Nationalmannschaft, anders als zunächst erwartet, nur mit großer Anstrengung ein Unentschieden erreichte, war die Wut der deutschen Fußballfans groß, wie ein so rückschrittliches Land wie Ghana die Deutschen so in Bedrängnis bringen konnte. Was dann kam, war den deutschen Medien dann doch sichtlich unangenehm, da der Rassismus am Ende zu offensichtlich war und nicht mehr als Party-Patriotismus verharmlost werden konnte. So griffen sie Twitter-Beiträge wie „Hoffentlich sterben paar Schwarze mitten auf dem Spielfeld an Aids“ oder „Alter, gegen eine Mannschaft verlieren, die sich nicht mal einen Ball leisten kann“ auf und kritisierten diese, wenn auch eher zaghaft. Denn man wollte die WM-Atmosphäre nicht allzu sehr mit einem ernsthaften Thema wie dem Rassismus trüben. Die WM sollte ein sportliches Großereignis mit wehender Fahne, bemaltem Gesicht und aufgesetzter Perücke bleiben.
Auch die südamerikanischen Mannschaften blieben keineswegs verschont. So titelte STERN.de nach der argentinischen Niederlage „Wenn die Gauchos Trauer tragen“. Die Bezeichnung Gaucho mussten sich die Südamerikaner während der WM öfter gefallen lassen. Gauchos sind in Südamerika Viehhirten in der Pampas. Für die argentinische Nationalmannschaft ist es demnach nicht sehr schmeichelhaft, als Gauchos bezeichnet zu werden.
Von einem harmlosen Party-Patriotismus während der WM zu sprechen, geht also an der Realität vorbei. Es ist geradezu unmöglich, die nationale Identität auszublenden, wenn die Fußball-WM auf einer nationalen Einteilung der Mannschaften basiert, Spieler extra eingebürgert werden, damit sie überhaupt in einer Nationalmannschaft spielen können, und die Nationalhymnen der Mannschaften vor jedem Spiel ertönen, um Spieler und Zuschauer in nationale Kampfesstimmung zu versetzen. Die WM ließ die Völker also nicht zusammenrücken, sondern indoktrinierte sie auf spielerische Weise, dass die Welt in Nationen eingeteilt ist, die gegeneinander um den ersten Platz ringen, und das nicht nur auf dem Fußballfeld.