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Allgemein Alkohol, Gewalt oder Sicherheitspolitik?

Die Debatte über den übermäßigen Alkoholkonsum Jugendlicher reißt nicht ab. Jugenschutzorganisationen monieren, dass immer mehr Gewalttaten unter Alkoholeinfluss stattfinden.

Blut und Alkohol


Bierflaschen, Jugendliche und ein Toter – Alkoholisierte Jugendgruppen liefern sich heftige Schlägerei am Alexanderplatz mit tödlichem Ausgang.
Von Jürgen Hartmann
Die Debatte über den übermäßigen Alkoholkonsum Jugendlicher reißt nicht ab. Jugenschutzorganisationen monieren, dass immer mehr Gewalttaten unter Alkoholeinfluss stattfinden. Dabei sei vor allem ein Anstieg sexueller Übergriffe bzw. Körperverletzungs- und Tötungsdelikte zu verzeichnen. Der erhöhte Alkoholgenuss sei dabei größtenteils auf die sogenannten Alkoholflatrates, welche von zahlreichen Gastronomiebetrieben angeboten werden, zurückzuführen.
Auch der jüngste Fall eines Tötungsdeliktes am Alexanderplatz führt die enthemmende Wirkung des Alkohols wieder einmal vor Augen. In der Nacht zum 14. Oktober 2012 gerieten zwei stark alkoholisierte Jungendgruppen aneinander. Nach einem kurzen Wortgefecht eskalierte die Situation und die Jugendlichen prügelten völlig enthemmt aufeinander ein. Im Zuge dieser Schlägerei wurde ein 20-jähriger schwerverletzt und erlag kurze Zeit später den Folgen.
Jugendschutzorganisationen nehmen die Politik nach dem jüngsten Vorfall in die Pflicht und fordern eine strengere Reglementierung des Alkoholverkaufs. „Blut und Alkohol gehören inzwischen zum urbanen Nachtleben Deutschlands. Die Politiker müssen ihrer Verantwortung endlich gerecht werden und die Alkoholwirtschaft in die Schranken weisen!“, so die Vorsitzende der Jugendschutzorganisation Youthcare e.V.
© 2013 Regeln zum Copyright… Quelle und Bearbeiter: SZ.de/joku/gba


Generation Hemmungslos


Gewaltbereite junge Männer fallen erbarmungslos übereinander her. Polizei zeigt sich geschockt über das brutale Vorgehen der Beteiligten, das letztlich ein Menschenleben forderte.
Von Andreas Pohl
Die Jugendgewalt nimmt derweil immer größere Ausmaße an. Dabei ist zu beobachten, dass die Täter zum einen immer jünger werden und gleichzeitig immer brutaler gegen ihre Opfer vorgehen. Gruppengewalt gegen Schwächere, Tritte gegen den Kopf, Messerattacken und eine immer niedrigere Reizschwelle sind auf Berliner Straßen zu verzeichnen. Experten streiten über die Ursachen, wobei die Erklärungsansätze von Langeweile bis zu brutalen Kinostreifen und Ego-Shootern reichen.
Auch der jüngste Fall vom 14.10.2012 reiht sich nahtlos in die immer deutlicher werdende Gewaltkultur der jungen Generation ein. So prügelte eine sechsköpfige Gruppe so brutal auf einen 20-jährigen Jugendlichen ein, bis dieser völlig regungslos am Boden liegen blieb. Obwohl das Opfer am Tatort reanimiert werden konnte, fiel es wenig später ins Koma und erlag am 15.10.2012 schließlich seinen schweren Kopfverletzungen. Die behandelnden Ärzte gaben an, dass exzessive Gewaltanwendung die schweren Gehirnblutungen verursacht hätten und dem Patienten nicht mehr geholfen werden konnte. „Der junge Mann ist blutüberströmt eingeliefert worden und war nicht mehr in der Lage, selbstständig zu atmen“, so der Krankenhaussprecher. Die von der Polizei vernommenen Zeugen bestätigten das brutale Vorgehen der Täter. Unter Schock stehend berichteten sie, dass die Angreifer „wie wild gewordene“ auf dem Kopf des wehrlosen Opfers herumtrampelten. „Ich wusste gleich, das überlebt der nicht“, so Christine D., die nur wenige Meter vom Tatort entfernt stand.
Die Polizeigewerkschaft fordert angesichts dieser Entwicklungen mehr Engagement im Bereich der Gewaltprävention. Kindergärten, Schulen und auch das nähere soziale Umfeld Jugendlicher müsse stärker in Antigewaltprojekte eingebunden werden.
© Axel Springer AG 2013. Alle Rechte vorbehalten


Lieber gläsern als Tod?


Tod nach Schlägerei am Alexanderplatz. Umstrittene Sicherheitsmaßnahmen werden von Befürwortern und Gegnern kontrovers diskutiert.
Von Heinrich Reinwarth
Über 20.000 Kameras, starke Polizeipräsenz und härtere Strafen für Gewalttäter. London ist westeuropäischer Vorreiter in Sachen Sicherheitspolitik. Was auf der Insel inzwischen selbstverständlich ist, scheint in Berlin für Unbehagen bei den Bürgern zu sorgen. Schließlich sei die Intim- bzw. Privatsphäre ein hohes Gut, welches nicht zugunsten abstrakter Ängste geopfert werden dürfe.
Angefeuert wird diese Debatte durch einen aktuellen Vorfall, der sich am 14. Oktober 2012 am Alexanderplatz ereignete, in dessen Zuge ein Jugendlicher nach einer Schlägerei zuerst ins Koma fiel und wenig später verstarb. „Völlig ungehindert konnten die Gewalttäter auf ihr Opfer einschlagen und vor Eintreffen der Polizei zunächst unerkannt flüchten“, so ein Sprecher der Justizbehörde. Für die Befürworter schärferer Sicherheitsmaßnahmen ist dies ein erneuter Beweis für das Versagen der Sicherheitsorgane und dass potentiellen Gewalttätern zu viel Freiraum geboten wird. Als besonders schwerwiegendes Versäumnis müsse dabei die fehlende Polizeipräsenz in der Gegend um den Alexanderplatz in jener Nacht gewertet werden. Auch fehlende Videoaufzeichnungen des Vorfalls würden die Ermittlung und als Folge auch die Aufklärung der Straftat erschweren. Darüber hinaus sei zu befürchten, dass die Täter im Falle eines Prozesses aufgrund möglichen Alkoholkonsums und jungen Alters ohnehin keine langjährige Gefängnisstrafe zu befürchten hätten. Diese Argumentation mündet schließlich in der Forderung nach erhöhten Sicherheitsmaßnahmen nach Londoner Vorbild.
Dem entgegen steht die Befürchtung vieler, dass durch flächendeckende Kameraüberwachung die Privatsphäre immer stärker verletzt würde. Die Befürchtung, demnächst in einer gläsernen Gesellschaft leben zu müssen, wird noch immer von vielen Bürgern geteilt.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2013. Alle Rechte vorbehalten.
So unterschiedlich diese drei frei erfundenen Artikel auch klingen mögen, wird der aufmerksame Leser bemerkt haben, dass sie sich alle auf dasselbe Ereignis beziehen: Sie behandeln allesamt den tragischen Fall des Jonny K., welcher an den Folgen einer Schlägerei zwischen Jugendlichen am Alexanderplatz verstarb. Noch während sich die mutmaßlichen Täter auf der Flucht befanden, entbrannte deutschlandweit eine polarisierende Debatte über vermeintliche Ursachen. Die in der BRD juristisch garantierte Unschuldsvermutung wurde dabei weder von den Politikern, noch von den Medien berücksichtigt. Für sie war der Tod des Jungen ein willkommener Anlass, um das Thema der Ausländerproblematik unter dem Gesichtspunkt erhöhter Gewaltbereitschaft „anderer“ Kulturkreise zu diskutieren und so sorgten sie dafür, dass die Öffentlichkeit den Vorfall entsprechend wahrnimmt. Dies wurde durch die mediale Methode des sogenannten Framings erreicht. Dabei werden Ereignisse nicht isoliert dargestellt, sondern in einem meinungsbetonten soziopolitischen Kontext vermittelt.
Im ersten Schritt werden durch das Agenda-Setting Themenbereiche definiert und Relevanzkriterien festgesetzt. So wird beispielsweise der internationale Terrorismus hierzulande als eigener Themenbereich betrachtet, welchem ein hoher Rang zugemessen wird und dieser deshalb die Schlagzeilen dominiert. Soziale Gerechtigkeit dagegen genießt trotz ihrer gesellschaftlichen Relevanz in der medialen Darstellung einen vergleichsweise geringen Stellenwert. Die Themen werden im Zuge des Settings mit sich wiederholenden Formulierungen, Begriffen und Bildern aufbereitet. Durch diese sogenannten Buzzwords wird erreicht, dass der Rezipient automatisch gewisse Ereignisse einem bestimmten soziopolitischen Kontext zuordnet. Durch diese Vorgehensweise werden durch die Medien Frames kreiert. Diese Rahmen ermöglichen es, Geschehnisse ohne großen Aufwand in einen bestimmten gesellschaftlichen Kontext zu setzen, da sich dieser Prozess aufgrund der etablierten Assoziierungen verselbstständigt.
Das Framing ist ein gängiges Mittel, um die Orientierung und Positionierung der Öffentlichkeit effektiv zu gestalten und ein gewisses Meinungsbild zum eigenen Vorteil zu generieren.
Im Falle des Jonny K., fielen in der Berichterstattung Begriffe wie „Türke“, „Migrationshintergrund“, „Ausländerkriminalität“ und „Integration“. In einem Artikel der „TAZ“ vom 13.11.2012 hieß es: „Der Mord an Johny K., mutmaßlich von Migranten verübt sorgt für Entsetzen“. Die „Welt“ ging sogar einen Schritt weiter und druckte bewusst Vorwürfe gegenüber Migrantenverbänden ab, in denen Passivität und Anteilslosigkeit moniert und ihnen implizit Rassismus und Deutschenfeindlichkeit vorgeworfen wurde: „Dieses Mal aber war das Opfer Sohn eines Deutschen und einer Thailänderin. Die Täter allem Anschein nach türkischer Herkunft. Die Türkische Gemeinde hat sich nicht zu dem Vorfall geäußert-nach dem Motto: Egal, hat keinen von uns getroffen[…]“
Durch die bewusste Verwendung der genannten Buzzwords, wurde der Fall in den Frame des Kulturkampfes eingebettet. Jonny K. und seine Begleiter stehen dabei exemplarisch für den westlichen Lifestyle, während die andere Streitpartei für brutale Schläger mit islamisch-orientalischem Migrationshintergrund steht.
In den oben angeführten Artikeln hingegen wurde exemplarisch die Möglichkeit aufgezeigt, dasselbe Ereignis in einem völlig anderen soziopolitischen Kontext aufzubereiten. So zielt der erste Artikel darauf ab, die Ursachen im Alkoholkonsum festzumachen. Der Artikel „Generation Hemmungslos“ dagegen lenkt den Fokus auf die immer stärker zu Tage tretende Gewaltkultur unter Jugendlichen und erwähnt verschiedene Erklärungsanzätze. In „Lieber gläsern als Tod“ wird das Schicksal des jungen Mannes nur beiläufig erwähnt und dient lediglich als Aufhänger für das Thema des Spannungsverhältnisses zwischen Sicherheitspolitik und persönlicher Freiheit. Bei allen Artikeln wird ein abgeschlossenes Erklärungsmodell angeboten, welches den Leser dazu zwingt, das Ereignis in einem festgesetzten Kontext wahrzunehmen und demgemäß zu beurteilen. Hat sich ein Frame erst einmal im Meinungsbild etabliert, genügen bereits kleinste Andeutungen, um die Wahrnehmung des Rezipienten entsprechend zu beeinflussen. So würde die Formulierung „bei den Gewalttätern stellte die Polizei 2,3 Promille fest“ völlig ausreichen, um das Ereignis dem Frame Alkohol und Gewalt zuzuordnen. Auf diese Weise werden aus scheinbar neutralen Mitteilungen in Wahrheit meinungsbetonte Nachrichten, welche auf Anhieb nicht als solche erkennbar sind.
Agenda-Setting und Framing sind essentielle und effektive Mittel der sogenannten freiheitlichen Gesellschaft, um ein homogenes Meinungsbild zu schaffen. Dem Volk werden dezidierte Interpretationsinstrumente vorgesetzt und hierdurch die öffentliche Meinung subtil gelenkt. Letzteres geschieht entgegen den Vorstellungen vieler nicht durch das Streuen von Falschinformationen, sondern durch geschickte Auslegung realer Ereignisse. Der erwähnten Homogenität des Meinungsbildes steht auch nicht die vermeintliche Vielfalt der deutschen Presse entgegen. Denn auch die in der BRD regelmäßig erscheinenden 300 Tageszeitungen und 10.000 Magazine arbeiten letztlich mit denselben Settings und Frames, welche die gesamte Medienlandschaft dominieren.
Will der politisch bewusste Mensch der erwähnten Medienmanipulation entgehen, muss er lernen, die angewendeten Methoden zu erkennen, um die reinen Informationen von der Interpretation zu trennen. Nur unter dieser Voraussetzung ist es ihm möglich, ein eigenes Meinungsbild zu kreieren und Ereignisse korrekt zu interpretieren.