Wir schreiben den 29.11.2012. Ein Donnerstag, nicht besonders außergewöhnlich, ein ganz normaler Tag eben. Nichts Böses ahnend, setzte ich mich des Morgens an den Laptop. Den Tee zur Seite, erst mal die neusten Meldungen und Nachrichten überfliegen. Neben Artikeln über aktuelle Krisensituationen im Nahen Osten sprang mir plötzlich eine Schlagzeile ins Auge, die meinem Frühstück ein abruptes Ende bereitete:
„Sodomiten aller Länder vereinigt euch“. Meinen anfänglichen Ekel überwindend, machte ich mich dann doch daran dem Artikel auf den Grund zu gehen. Tatsächlich! Es handelte sich nicht um einen üblen Scherz. Denn obwohl Jan Fleischhauer in seinem Artikel die aktuelle Debatte gewissermaßen auf die Schippe nimmt, ändert dies rein gar nichts an der Quintessenz der wohl eher widerlichen Sachlage. Weder lahme Satire, platte Ironie, noch langweiliger Wortwitz können darüber hinwegtäuschen, dass das Thema der Sodomie oder um es politisch korrekt zu halten, der Zoophilie die höchsten Kreise der Bundesrepublik beschäftigt. Durch den aktuellen Kampf, bei dem auf der einen Seite Tierschützer und auf der anderen Seite eine andere ganz besondere Sorte von Tierliebhabern steht, sieht sich der aufgeklärte Gesetzgeber der BRD mit einem moralischen Dilemma konfrontiert. Die Argumentation der (keuschen) Tierliebhaber scheint logisch: können Tiere doch kein Einverständnis zum hybriden Geschlechtsverkehr äußern. Die romantische Fraktion der Tierfreunde kontert jedoch äußerst geschickt: so würden dem geliebten Haustier ja keine Verletzungen zugefügt und ohnehin fühlen sie sich durch die Debatte diskriminiert und in der persönlichen Freiheit eingeschränkt. Außerdem würde ein Verbot nicht nur Europas kulturellen Fortschritt gefährden, es wäre sogar rückschrittlich. Denn die Sodomie ist in der Bundesrepublik Deutschland seit 1969 tatsächlich legal! Als ich dann nach kurzer Recherche feststellen musste, dass in Deutschland auch Tierbordelle zu existieren scheinen und dass das hessische Umweltministerium Zahlen von ca. 8% Sodomiten in Europa für realistisch oder sogar für zu tiefgegriffen hält, klickte ich mich schließlich in das Spiegel-Forum, um mir mal selbst ein Bild von meinen werten Mitbürgern zu machen. Neben einigen unaufgeklärten Sturköpfen, welchen es offenbar schwer fällt, Verständnis für die intime Tierliebe aufzubringen, heißt es dann bereits im vierten Kommentar: „Jeder nach seiner eigenen Facon. Solange alle Beteiligten damit einverstanden sind, geht das niemanden etwas an!“ Direkt danach belehrte mich der Leser „linx“, dass es sich bei der Sodomie um eine seit alters her praktizierte Form der männlichen Erleichterung handelt und „Whitejack“ argumentiert anschließend, dass der männliche Homo sapiens genetisch näher mit einem Schimpansen verwandt sei, als mit der menschlichen Frau. Worauf all diese Argumente hinauslaufen, überlasse ich an dieser Stelle mal der Phantasie des Lesers. Die darauf folgenden 21 Seiten konnte ich jedoch beim besten Willen nicht mehr lesen, musste ich spätestens jetzt meinen Magen schonen. Während ich mich von dem anfänglichen Schock allmählich erholte, kam mir dann die Idee im Laufe des Tages Ausschau zu halten, welche moralischen Debatten sonst noch den europäischen Geist plagen. Und siehe da, ohne große Recherche wurde ich fündig: „Liebender Ehegatte, der behauptet durch ein Parkinson-Medikament in ein „schwules Sex Opfer“ verwandelt worden zu sein, gewinnt in einem französischen Gericht eine Entschädigung in Höhe von 160.000 Pounds“, hieß es in der britischen Zeitung „Daily Mail“. Durch die vielsagende Überschrift scheint es nicht notwendig den besagten Sachverhalt an dieser Stelle ausführlich zu erläutern, doch dass eine häufige Nebenwirkung von Medikamenten darin besteht, den Sexualtrieb minimal zu erhöhen, jedoch nicht dazu führt, homosexuelle Perversionen ausleben zu müssen, sei hier nur am Rande erwähnt. Da der betroffene Pharmakonzern die Schutzbehauptung des schwulen Franzosen wohl kaum akzeptieren wird, sind sicherlich noch ein juristisches Nachspiel und eventuell auch eine größere Debatte zu der Angelegenheit zu erwarten. Passend zu der Frage der gleichgeschlechtigen Beziehungen viel mir dann die Debatte über die Homo-Ehe in Deutschland auf. Denn wie es scheint, sind sich die Christdemokraten uneins darüber, ob die steuerliche Gleichstellung jener Ehe unterstützt werden sollte. Natürlich handelt es sich hierbei um ein Thema, welches höchste Priorität genießen dürfte, kollidieren doch gleich drei fundamentale Ideen des modernen Europas aufeinander: pervers-hedonistische Lebensweise, Gleichberechtigung und finanzielle Nutzenmaximierung. Die Komplexität des Themas berücksichtigend, sollten sich die Erzkonservativen CDUler doch lieber einige Ratschläge von hiesigen Experten wie Ökonomen oder auch Moral-Philosophen einholen. Besonders die Erben Kants werden sicherlich erfreut sein, sich mit solch immens wichtigen und zudem niveauvollen Themen beschäftigen zu dürfen, stellen sie doch sicher eine willkommene Abwechslung zu den Endlosdebatten über alte Kamellen wie der Sterbehilfe dar. Doch auch die folgende Schlagzeile dürfte die Daseinsberechtigung der Berufsmoralisten untermauern. So hieß es in der Online-Ausgabe der Welt: „Sextäter bekommen 240.000 Euro Entschädigung“. Unbegreiflich? Weit gefehlt, denn die Triebtäter seien ja durch eine zu lange Sicherheitsverwahrung zu Opfern der deutschen Justiz geworden. Das Urteil habe sogar Signalcharakter und wird höchstwahrscheinlich in mindestens 100 weiteren Fällen zu berücksichtigen sein! Die deutsche Öffentlichkeit kann sich also darauf freuen, dass Vergewaltiger zukünftig nicht nur früher aus der Haft entlassen werden, sondern auch noch gut betucht ihre Resozialisierung in Angriff nehmen dürfen. An dieser Stelle wurde es mir langsam zu viel und ich stellte mir die Frage: „Verkehrte Welt?“ Doch auch hier wurde ich durch die geistigen Ergüsse eines Friedrich Nietzsches eines Besseren belehrt. Führt der Vorreiter der europäischen Kultur doch in seiner Schrift „Götzen-Dämmerung“ in dem Kapitel „Die Moral als Wiedernatur“ aus: „Ich bringe ein Prinzip in Formel. Jeder Naturalismus in der Moral, das heißt jede gesunde Moral, ist von einem Instinkte des Lebens beherrscht – irgendein Gebot des Lebens wird mit einem bestimmten Kanon von »Soll« und »Soll nicht« erfüllt, irgendeine Hemmung und Feindseligkeit auf dem Wege des Lebens wird damit beiseite geschafft. Die widernatürliche Moral, das heißt fast jede Moral, die bisher gelehrt, verehrt und gepredigt worden ist, wendet sich umgekehrt gerade gegen die Instinkte des Lebens – sie ist eine bald heimliche, bald laute und freche Verurteilung dieser Instinkte. Indem sie sagt »Gott sieht das Herz an«, sagt sie nein zu den untersten und obersten Begehrungen des Lebens und nimmt Gott als Feind des Lebens… Der Heilige, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, ist der ideale Kastrat… Das Leben ist zu Ende, wo das »Reich Gottes« anfängt…“ Selbstverständlich sind diese Ausführungen im Kontext der Abgrenzung zu dem damaligen, zugegeben körperfeindlichen Moralverständnis des Katholizismus zu betrachten, doch ändert dies nichts daran, dass hier die Moral dem, wenn undefiniert, weit dehnbaren Begriff der Instinkte untergeordnet, ja lediglich als Ausdruck dieser verklärt wird. Ein Freifahrtschein für allerlei Widerwärtigkeiten. Doch warum wundere ich mich überhaupt, behauptet das moderne Europa seine geistigen Wurzeln doch im antiken Griechenland zu haben und verweist dabei nicht selten auf Philosophen, die sich eher von jungen Knaben als vom weiblichen Geschlecht angezogen fühlten. Auch das Römische Reich, auf das so stolz zurückgeblickt wird, stand mit seinen Orgien dem allabendlichen Kulturprogramm eines TV-Senders wie (Ab)ARTE in nichts nach.
Am Ende meines Rechercheexperiments bleibt mir somit nichts weiter als die nüchterne Erkenntnis, dass es sich bei den Schlagzeilen dieses verhängnisvollen Donnerstags nicht etwa um eine Ausnahme handelt. Nein, sie spiegeln lediglich den moralischen und kulturellen Zustand des fortschrittlichen Europas wieder. Solange die Moral den Instinkten und Trieben der sogenannten Vernunftmenschen untergeordnet wird, darf sich der europäische Bürger auf weitere aufregende Debatten derselben Couleur freuen, so lautet zumindest meine bescheidene Prognose. Ich, für meinen Teil, wünsche meinen geschätzten Mitbürgern viel Erfolg, die Hürden des europäischen Alltags weiterhin zu meistern und rufe jedem Europäer voller Begeisterung zu: „Aegroto, dum anima est, spes est!“ [1]
[1] Für den Kranken besteht Hoffnung, solange er atmet.