Zu Zeiten, in denen „Korruption, Kriminalität und Kleptokratie herrschen, ist der Clown vielleicht die Alternative der Vernunft“. So heißt es in Jakob Augensteins aktuellem Artikel seiner „Spiegel Online“-Kolumne „Im Zweifel links: Die wahren Clowns sind wir Deutschen“.
Zu Zeiten, in denen „Korruption, Kriminalität und Kleptokratie herrschen, ist der Clown vielleicht die Alternative der Vernunft“. So heißt es in Jakob Augensteins aktuellem Artikel seiner „Spiegel Online“-Kolumne „Im Zweifel links: Die wahren Clowns sind wir Deutschen“. So trefflich es der Sohn des Spiegel-Begründers Rudolf Augstein auch formulieren mag, so ist doch zu bezweifeln, ob selbiger und Seinesgleichen die eigentliche Tragweite solcher Statements tatsächlich begreifen.
Anlässlich der turbulenten Italien-Wahl, in der Silvio Berlusconi und der Komiker Grillo beträchtliche Wählerstimmen auf sich vereinigen konnten, moniert Augstein, dass Problem liege nicht in Italien, es liege vielmehr in Deutschland selbst: „Die Leute haben die Nase voll vom gesellschaftszerstörenden Kapitalismus. Die Empörung nimmt zu, und die Wut wächst. Vor allem auf die Deutschen. Aber die fürchten nur um ihr Geld und schimpfen.“
In Italien hingegen herrsche zur Freude Augsteins nun wieder der Populismus der Vernunft, also die Demokratie. Technokraten seien abgewählt worden, Italien begehre auf gegen Deutschlands Spardiktat. Doch dass die Märkte nicht so euphorisch auf das Wahlchaos reagieren, ist in den Augen des Journalisten geradezu skandalös. Einmal mehr zeige sich, dass die Märkte der wahre Souverän sind und in Wahrheit ja bereits die Regierungen Monti und Papademos oktroyiert hätten. Da sich an dieser Stelle wohl selbst Adam Smith fragen würde, wie die unsichtbare Hand des Marktes es mittlerweile schafft, ganze Regierungen zu bilden, geht Augstein dann doch lieber dazu über, die Schuldigen in der Politik zu suchen und nennt das Monster beim Namen: Angela Merkel!
„Die deutsche Kanzlerin hat den Kontinent in die Ketten ihrer verheerenden Ideologie des Sparens gelegt „Austerität“, das klingt so kühl und vernünftig. Aber es ist die Hölle. Der Sparkurs lässt die Wirtschaft schrumpfen. Dadurch steigt die Schuldenquote. Vertrauen entsteht auf diese Weise nicht. Geld aber ist eine Frage des Vertrauens. Der kluge Wolfgang Münchau hat hier vor ein paar Tagen geschrieben: „Man nennt das auch eine Schuldenfalle. Da kommt man ohne äußere Hilfe nicht heraus. Und je mehr man strampelt, desto tiefer sinkt man.“ „
Selbst die französischen Kollegen der „Le Monde“ hätten bereits verstanden, dass Deutschland das europäische Projekt an sich reiße und Europa geradezu in die Isolation führe. Doch es gibt einen Lichtblick, ja sogar einen echten Hoffnungsschimmer für die geistigen Überlebenden der 68er, die sich Linke schimpfen; und der heißt Grillo!
„Wo Korruption, Kriminalität und Kleptokratie herrschen, ist der Clown vielleicht die Alternative der Vernunft. Aber Grillo ist gar kein Clown. Er ist ein Moralist. Das ist man in der italienischen Politik nicht gewohnt – in der deutschen auch nicht. Seine Forderungen – Begrenzung der Amtszeiten, Reduktion der Diäten, Gesetze gegen Interessenkonflikte der Politiker – sind alles andere als clownesk. Und die „Grillini“, die jetzt ins Parlament einziehen, sind eben keine Technokraten oder Lobbyisten, sondern Volksvertreter im besten Sinne.“
Und für Augstein und Konsorten steht fest, dass Peer Steinbrück und Gesinnungsgenossen die Mission der Linken verraten hätten, denn wären sie echte Sozialdemokraten, würden sie den Komiker unterstützen und ihm Glück wünschen, stattdessen beschimpfen sie ihn als Clown und outen sich als willfährige Sklaven des Kapitals.
Eine interessante Kritik, würde sie nicht aus einer Ecke stammen, die offensichtlich nicht einmal die Fähigkeit der Selbstreflektion besitzt und sich dermaßen verklärt, dass dies geradezu „clownesk“ wirkt. Würden sich die sogenannten Linken mal zur Abwechslung von ihrem moralischen Ross herunterschwingen, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, so wäre der Welt sicherlich etwas Gutes getan. Lässt sich der Linke überreden, in den Spiegel zu schauen, geht es nicht einmal primär darum, ihm vor Augen zu führen, dass sein Erscheinungsbild selbst einem Obdachlosen einen gehörigen Schrecken einjagen könnte. Viel wichtiger ist die Erkenntnis über die eigene Wesenheit, über die eigene Gesinnung und Identität. Denn unter den „Che Guevara“- T-Shirts, den „Pali-Schals“ und, im Falle der wahren Sozialdemokraten, unter den roten Krawatten verbirgt sich lediglich nachfrageorientier Kapitalismus. Dies offenbart sich bereits durch die vorliegende Kritik, die sich nicht etwa als ideologischer Angriff auf die Fundamente des Systems liest, sondern eher als ein wirres Plädoyer für Keynes und „echte“ Sozialdemokratie. Dass es sich bei letzteren lediglich um eine Färbung kapitalistischer Schmutzgesinnung handelt, unterschlägt der „Kapitalismuskritiker“ Augstein natürlich. Stattdessen wird verlangt, Hoffnung in die verheißungsvolle italienische Politik zu hegen, da Grillo und Co. Volksvertreter im besten Sinne seien.
Anstatt den Menschen faule Lösungen vorzugaukeln und sich in scheinheiliger Kritik zu üben, sollten sowohl die „wahren“ Sozialdemokraten, als auch die Rechten und Liberalen einsehen, dass sie zwei Seiten derselben Medaille sind. Bei genauer Betrachtung der Axiome, die beiden Argumentationsmustern zu Grunde liegen, dominieren inhaltliche Konkordanzen dermaßen, dass man links nicht mehr von rechts zu unterscheiden vermag. Beide Lager befinden sich im geistigen Rahmen kapitalistischer Ideologie, beide Lager sind nichts weiter als geistige Kinder derselben Geschichte. Dass die heutige Linke sich jedoch anmaßt, tatsächlich Lösungen für die Systemkrisen bieten zu können, ist die eigentlich zirkusreife Vorstellung, die den Menschen tagtäglich geboten wird.
Jakob Augstein sei geraten, zumindest für einen Moment innezuhalten, um sich seiner selbst bewusst zu werden und um zu erkennen, dass er der Menschheit mit seinem keynesianischen Gebaren keineswegs einen Dienst erweist. Weder der Ansatz der linken, noch der der rechten wird die Probleme der Menschen langfristig lösen, viel mehr müssen kapitalistische Politiker verstehen, dass „Ungleichheit und Unsicherheit weiterhin das unausweichliche Ergebnis der Marktmechanismen“ sein werden, um es in den Worten des Geschichtsprofessors Jerry Z. Muller auszudrücken.
Im Grunde genommen gleicht das neuzeitliche linke Gehabe dem Experiment des fiktiven Dr. Jekyll, welcher den Versuch unternahm, innerhalb eines Körpers eine gute und eine böse Identität zu schaffen. Was ihm anfänglich scheinbar gelungen war, erwies sich als unmöglich. So unterlag er dem Trugschluss, dass es realisierbar sei, innerhalb eines geschlossenen Systems zwei unabhängige Gegenpole etablieren zu können, welche inhärente Wechselwirkungen zu überbrücken vermögen. Dies sollte der Linken und den „wahren“ Sozialdemokraten, welche weiterhin den parlamentarischen Weg beschreiten und somit Teil desselben Systems sind, zu denken geben, werden sie sich doch zwangsläufig in der Rolle des mörderischen Mr. Hyde wiederfinden.