Ohne Zweifel verursachen Menschen, die sich für die Errichtung eines islamischen Staates einsetzen, bei einigen Muslimen immer noch– nun ja – Langeweile. So können diese alte Leier, das ewige „die einzige Lösung für die Muslime ist das Kalifat“ einfach nicht mehr hören.
Ohne Zweifel verursachen Menschen, die sich für die Errichtung eines islamischen Staates einsetzen, bei einigen Muslimen immer noch– nun ja – Langeweile. So können diese alte Leier, das ewige „die einzige Lösung für die Muslime ist das Kalifat“ einfach nicht mehr hören. Vielfach reagieren diese Muslime bei dem Wort „Kalifat“ dann mit scheinbar reflexartigen Muskelbewegungen wie Schulterzucken oder Augenverdrehen. Wiederum andere Muslime befürworten zwar einen islamischen Staat, zucken aber bei der Verwendung des Wortes „Kalifat“ sichtlich zusammen. Panisch blicken sie von einer zur anderen Seite, ihre unmittelbare Umgebung absuchend, da sie befürchten, ein anderer könnte das Wort vernommen haben und sie eines Verbrechens beschuldigen.
Auch wird von einigen die Behauptung in Umlauf gebracht, dass das Kalifat der ferne und unerreichbare Staat „Utopia“ sei. Die Wiedererrichtung des islamischen Staates, der die Probleme der Umma lösen soll, sei ein rein „utopischer“ Einfall von Menschen, die einem Luftschloss hinterher eilen.
In Ausnahmesituationen wie dem Krieg gegen unsere Geschwister in Gaza (2008/09) oder der israelischen Bombardierung des Libanon (2006) – um nur einschneidende Beispiele aus jüngster Zeit zu nennen – geht man das Problem indessen mit zur Schau gestellter Weinerlichkeit und ganz viel Tränen an. In der Hochphase der Bombardierung des Gazastreifens war der „moderne“ Muslim immer auf dem neuesten Stand und konnte im Schlaf die aktuelle Opferzahl nennen. Das Gefühl, dass genau „jetzt“ etwas geschehen müsse, war allgegenwärtig. Jeder hatte seinem Umfeld eine unheilvolle Geschichte zu berichten, die das traurige Kopfschütteln verursachte und den Klang des traurigen Zungenschnalzens erklingen ließ. Scheinbar sollte dieses gemeinschaftliche Kopfschütteln etwas bewirken. Vielleicht glaubte man auch tatsächlich an den berühmten Schmetterlingseffekt, bei dem der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen könne. Doch stattdessen offenbarte sich ein anderer Effekt, der den Namen „Gewohnheit“ trägt.
Etwa ein Jahr nach der Bombardierung geht es den Geschwistern in Gaza mit absoluter Sicherheit kaum besser. Doch an diesen Zustand können sich, zumindest jene Geschwister, die nicht in Gaza leben und ein Jahr zuvor noch emsig weinten, schnell gewöhnen, so, wie man sich an den Krieg in Afghanistan, im Irak und in Pakistan gewöhnen kann. Die Demonstranten von „gestern“, die ihre Parolen voller Inbrunst der Ungerechtigkeit ins Gesicht schrien, sind „heute“ leider verstummt. Das Gefühl, dass jetzt und genau jetzt etwas geschehen müsse, ist verschwunden. So ist die Aussage, „der Mensch kann sich an alles gewöhnen“, leider allzu wahr, und die Realität legt auch fortwährend Zeugnis darüber ab.
So ist es nichts Außergewöhnliches mehr, dass drittklassige Schmierblätter in regelmäßigen Abständen die beleidigenden Karikaturen unseres Propheten (s) veröffentlichen. Jüngst – am 3. Februar dieses Jahres – druckte die norwegische Zeitung „Dagbladet“ auf ihrer Titelseite erneut eine Karikatur, die nur noch gedämpften Protest verursachte. Auch ist es zur traurigen Gewohnheit geworden, dass unsere muslimischen Schwestern, die lediglich an ihrer islamischen Pflicht festhalten und den Hijab zu tragen, weltweit andauernden Beleidigungen und Angriffen ausgesetzt sind. Dabei sind diese so alltäglich geworden, dass nur noch ein Mord wie jener an Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 die breite Öffentlichkeit aus ihrer Routine herausreißt. Dass Mädchen in Frankreich ihren Hijab vor Betreten der Schule ablegen müssen, ist genauso gewöhnlich geworden wie die Tatsache, dass Frauen, die das Tragen des Niqab als islamische Pflicht ansehen, die nächsten Opfer solch unlauterer Gesetze geworden sind. Das Schweizer Ja für ein Bauverbot von Minaretten Ende letzten Jahres wird in Vergessenheit geraten und nur noch durch ein weiteres Gesetz erweitert, welches das Leben der Muslime im Land erschweren soll und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch folgen wird. Natürlich ist diese Aufzählung eine rein objektive Auflistung von Ereignissen, die von jedem Muslim erweitert werden kann. Sie ist lediglich ein Auszug aus der Realität, die in Wahrheit etliche solcher Ereignisse und Verbrechen, die vielleicht sogar schlimmer sind, bereithält.
Oftmals wird dann der Zustand der Muslime in der Gegenwart mit der Verfolgung der Juden in der Vergangenheit verglichen. Dabei gilt der Holocaust gemeinhin als das absolute Verbrechen der Geschichte, das seinesgleichen erst suchen muss. Natürlich ist es schlüssig, Parallelen zu heutigen Verbrechen an Muslimen aufzudecken. Jedoch muss dabei deutlich bleiben, dass sich durch solche historischen Vergleiche die Lage der Umma weder verbessert noch verschlechtert. Viel interessanter wäre es, sich einmal – im Eifer der Vergleiche – vor Augen zu führen, welchen Schluss ein Teil der Juden aus ihrer Verfolgung gezogen hat, und zwar bereits vor der NS-Zeit. Für sie lag die Lösung quasi auf der Hand: Es musste ein Staat für sie errichtet werden.
[Herzls Buch: Der Judenstaat – ein Hauptauslöser für die Verbreitung der zionistischen Idee unter den säkularen Juden] So verfasste der prominenteste Zionist Theodor Herzl bereits 1896 sein Werk „Der Judenstaat“ und schrieb dort Folgendes: „In Russland werden Judendörfer gebrandschatzt, in Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie gelegentlich durch, in Österreich terrorisieren die Antisemiten das ganze öffentliche Leben, in Algerien treten Wanderhetzprediger auf, in Paris knöpft sich die so genannte bessere Gesellschaft zu, die Cercles schließen sich gegen die Juden ab.“ „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“, wie das Buch mit vollem Titel hieß, wurde zu einem politischen Programm. Die Idee, das so genannte Judenproblem mit einem Judenstaat zu lösen, verbreitete sich unter den europäischen Juden wie ein Lauffeuer. Mit dieser Idee gewann Herzl schnell die Herzen vieler Anhänger, die das Werk weder als Utopie verschrien noch sich gelangweilt fühlten. Vielmehr fühlten sie sich durch die neu gewonnene Hoffnung auf einen Staat beflügelt. Einzig orthodoxe Juden stellten sich diesem Eifer in den Weg, denn allein der Messias habe das Recht, den Staat für sie auszurufen. Somit verhielten sich die Zionisten mit dem Ausruf des israelischen Staates auch in religiöser Hinsicht frevelhaft.
Doch im Gegensatz zu den Juden befinden sich die Muslime weiterhin in einem sündhaften Zustand, wenn sie den islamischen Staat nicht umgehend wiedererrichten. Natürlich kann man aus den unterschiedlichsten Gründen an den Worten der Menschen zweifeln, die das Kalifat propagieren. Es sind eben nur Menschen. Doch die Worte Allahs (t) sind eindeutig und unzweifelhaft, und mit nichts anderem als mit Seinen Worten argumentieren sie. So sagt Allah (t): „Und richte unter ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen; und nimm dich vor ihnen in Acht, dass sie dich nicht von einem Teil dessen abbringen, was Allah zu dir herabgesandt hat.“ (5; 49). Außerdem heißt es im Koran: „Und wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat, so sind dies wahrlich die Ungläubigen!“ (5, 44). Auch gibt es keinen Zweifel an den Worten des Propheten (s): „Wer eine Hand aus dem Gehorsam Allahs zieht, der trifft auf Allah am Tage der Auferstehung, ohne ein Argument für sich zu haben, und wer stirbt und in seinem Nacken keine Bai’a trägt, der stirbt den Tod der Dschahiliyya.“ (Von Muslim überliefert)
[Muslime in Indonesien im Gedenken an die Zerstörung des Kalifats] Nun ist es aber nahezu 86 Jahre her, seitdem der islamische Staat zerstört wurde. In dieser Zeit haben die Westmächte und ihre Vasallen alles in ihrer Macht Stehende versucht, um die Wiedererrichtung des Kalifats zu verhindern. Die Quraisch haben auch nicht tatenlos zugesehen, als der Islam merklich an Macht und Einfluss gewann und sie offensichtlich an Schwäche. Trotz der Kriege, Folter und Erniedrigung, unter denen die Muslime heute leiden, hängt das Herz der Umma am Islam. Auch wenn einige Muslime an der Wiedererrichtung des Kalifats zweifeln mögen – ein großer Teil tut es nicht. Als Hizb-ut-Tahrir im Jahr 2007 in Indonesien eine große islamische Konferenz zum Thema „Kalifat“ organisierte, strömten etwa 120.000 Gläubige in ein riesiges Fußballstadion, welches sie füllten.