Wesltiche Politiker und Protagonisten müssen einsehen, dass es auch eine andere als die westliche Sicht auf die Welt gibt. Ihre Konzeptionen vom Leben sind lediglich das Ergebnis ihrer spezifischen Geschichte. Das heißt, ihre Anschauungen sind allenfalls von jenen nachvollziehbar und auch nur jenen zumutbar, die in der europäischen Geschichte verwurzelt sind.
Wesltiche Politiker und Protagonisten müssen einsehen, dass es auch eine andere als die westliche Sicht auf die Welt gibt. Ihre Konzeptionen vom Leben sind lediglich das Ergebnis ihrer spezifischen Geschichte. Das heißt, ihre Anschauungen sind allenfalls von jenen nachvollziehbar und auch nur jenen zumutbar, die in der europäischen Geschichte verwurzelt sind.
Wollen solche Leute jedoch ein objektives Bild vom Islam und den Muslimen gewinnen, müssen sie sich bei ihrer Betrachtung von ihrer eigenen Geschichte lösen, die von der Unterdrückung der Menschen durch die christliche Kirche geprägt ist. Denn nur so kann ein unverfälschtes Bild vom Islam und der islamischen Sicht auf die Welt entstehen.
Betrachtet man die aktuelle Islam- und Integrationsdebatte in Deutschland, erkennt man schnell, dass die Debatte zwar reich an Emotionen, aber arm an Fakten ist. Das Wissen über den Islam lässt hierbei sehr zu wünschen übrig. Es ist keine Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen Inhalten, sondern eine Lawine von Vorwürfen und Angriffen, die gegen die Muslime losgetreten wurde, um von den eigenen Problemen und dem Versagen der Politik abzulenken. Wie irrational die Debatte verläuft, zeigt sich daran, dass diese Lawine keine Unterschiede macht zwischen den nach kapitalistischem Maßstab „guten“ und „schlechten“ Muslimen. Sie rollt sowohl über die unerwünschten Muslime hinweg als auch über die notwendigen Fachkräfte. Dies geschieht in dem Selbstverständnis, dass es nur die westliche Sicht auf die Welt geben kann. Die Muslime haben angesichts dieser politischen und medialen Lawine kaum eine Chance, in die Islamdebatte einzusteigen, das herrschende Islambild zu korrigieren und ihren Standpunkt darzustellen. Den Muslimen fehlt es keineswegs an Argumenten, aber das antiislamische Klima, das Politik und Medien geschaffen haben, macht es geradezu unmöglich, diese der breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen.
Problematisch ist vor allem der Umstand, dass in der Debatte vieles vermengt wird, was nicht zusammengehört. Deutschland ist ganz klar ein säkularer Staat, der zwischen Religion und Politik trennt. Die ständigen Hinweise auf eine christlich-jüdische Tradition in Deutschland und die Aufforderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Christentum wieder fröhlichen Herzens zu verkünden, hat in der Islamdebatte folglich nichts zu suchen. Dafür hat die Aufklärung gesorgt, die alle religiösen Werte aus der Politik ins Private verbannt hat. Deutschland steht nicht für christlich-jüdische, sondern für säkulare kapitalistische Werte. Streng genommen existiert auch kein jüdischer Einfluss in Europa, da die Geschichte der Juden im europäischen Raum von Unterdrückung und Verfolgung gekennzeichnet ist und die Juden nur knapp ihrer völligen Auslöschung in Europa entgangen sind. Sich jetzt auf eine christlich-jüdische Tradition zu berufen, ist also mehr als scheinheilig. Die Juden mit ins Boot zu nehmen, dient vielmehr dazu, sich vom Vorwurf des Rassismus freizumachen. Somit nimmt Deutschland keine christliche, sondern eine säkulare Perspektive im Leben ein. Alle Konzeptionen vom Leben basieren nicht auf einer religiösen, sondern auf einer säkularen Überzeugung.
Weil der Säkularismus aus der europäischen Geschichte hervorgegangen ist, ist er historisch ausschließlich aus dieser ableitbar. Das Heraushalten der Religion aus dem öffentlichen Leben und der Politik kann er nur damit begründen, dass die Kirche die Menschen über Jahrhunderte hinweg unterdrückt hat. Ein rationales Argument fehlt dem Säkularismus, um seine Existenz zu rechtfertigen und seine Grundlage zu verteidigen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Perspektive des Westens auf die Welt rein zufällig aus seiner eingenen Geschichte hervorgegangen.
Man kann von Menschen, die nicht dieselbe historische Erfahrung gemacht haben, nicht erwarten, dass sie dieselbe Perspektive einnehmen und die Lebenskonzeptionen des Westens einfach übernehmen, zumal die in Deutschland lebenden Muslime allein durch die Tatsache, dass sie andere Ansichten vertreten, nicht gegen deutsches Recht verstoßen. Nimmt man ein für den Westen extremes Beispiel wie die Strafe für außerehelichen Geschlechtsverkehr, so glauben die Muslime an die Richtigkeit dieser Strafe, aber sie haben keine Ambitionen, das islamische Strafsystem im Besonderen und die Scharia im Allgemeinen in Deutschland einzuführen, wie es ihnen oftmals unterstellt wird. Für westliche Gesellschaften, in denen das Fremdgehen, der Seitensprung und der One-Night-Stand üblich sind, ist die Bestrafung für außerehelichen Geschlechtsverkehr natürlicherweise schockierend und inakzeptabel. Im Gegensatz dazu werden Muslime, Männer wie Frauen, vom Islam zur Keuschheit angehalten und erzogen. Dadurch haben sie eine andere Meinung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr und auch kein Problem mit dem diesbezüglichen Strafgesetz, denn ihr Blickwinkel ist ein völlig anderer. Wer allerdings damit aufwächst, dass die außereheliche geschlechtliche Beziehung in einer Gesellschaft üblich ist, der kann die Ansicht der Muslime nicht teilen. Für Muslime stellt die außereheliche Beziehung jedoch nicht den Normalfall, sondern eine für Männer wie Frauen kategorisch abzulehnende Schändlichkeit dar.
Besonders deutlich werden die unterschiedlichen Standpunkte von Muslimen und Nichtmuslimen in Bezug auf das Frauenbild. So herrscht im Westen ein durchgehend säkulares kapitalistisches Frauenbild, das sich mit einer Sendung wie „Germany’s Next Topmodel“ explizit beschreiben lässt. Model Heidi Klum, selbst ein Produkt des Kapitalismus, hat das Frauenbild, wie es ihre Sendung vermittelt, nicht erfunden, aber sie verkörpert und propagiert es: die Frau als Ware. Der Westen ignoriert den Intellekt der Frau und fokussiert auf ihren Körper, den sie für seine wirtschaftlichen Interessen zur Verfügung stellen muss. Die Freizügigkeit der Frau ist eine Voraussetzung und findet in den Medien Verbreitung. Die westliche Frau wächst mit diesem Frauenbild auf und übernimmt es automatisch, so dass sie ihren Körper quasi freiwillig bereitstellt. So reißen sich die jungen Mädchen darum, Topmodel zu werden, und lassen dafür jede Erniedrigung über sich ergehen. Diese Sicht auf die Frau ergibt sich zwangsläufig aus dem Kapitalismus, den der Westen vertritt.
Der Ausgangspunkt der Muslime ist ein anderer, denn sie tragen die islamische Glaubensüberzeugung. Sie können also nicht das gleiche Frauenbild vertreten wie der Westen. Das ganze Anliegen der Muslime besteht darin, das Wohlgefallen Allahs (t) zu erreichen, sei es durch das Gebet, durch das Fasten oder aber durch das Tragen einer bestimmten Kleidung. Die Einhaltung der islamischen Gebote erfolgt nicht aus Zwang, sondern aus intellektueller Überzeugung heraus. Das Gebot bezüglich der islamischen Kleidung der Frau wird von der muslimischen Frau daher nicht als Unterdrückung begriffen, weil sie nicht den westlichen, d. h. den kapitalistischen Standpunkt einnimmt. Der Westen kann also getrost davon ablassen, die muslimische Frau befreien zu wollen, da sie aufgrund des islamischen Standpunktes, den sie einnimmt, kein Interesse daran hat, ihren Körper zu entblößen und zur Schau zu stellen. Ihr Interesse besteht einzig und allein darin, das Wohlgefallen Allahs (t) zu erlangen. Als Muslim darf man nicht erwarten, dass der Westen ein Gebot wie die islamische Kleidervorschrift nachvollziehen kann, denn hierzu fehlt ihm die entsprechende Glaubensüberzeugung und das sich daraus ergebende Frauenbild, das die Frau nämlich keine Ware, sondern ein würdevolles Wesen ist, das es zu schützen gilt. Aber man kann durchaus erwarten, dass er die Entscheidung der muslimischen Frau respektiert, das Kopftuch zu tragen.
Nichtmuslime können natürlich eine eigene Meinung zum Islam und seinen Gesetzen haben, und ihre Ablehnung des Islam ist nur die logische Konsequenz ihrer kapitalistischen Grundüberzeugung, die ihre Perspektive festlegt. Aber sie können nicht automatisch davon ausgehen, dass Muslime, deren Perspektive von der islamischen Glaubensüberzeugung festgelegt wird, in gleicher Weise über den Islam denken und seine Gesetze als Unterdrückung begreifen. Noch viel weniger dürfen sie davon ausgehen, dass die Muslime vom Islam befreit werden wollen.