Gewalt im Namen Gottes, Übergriffe auf unbedeckte Frauen durch „religiöse Fanatiker“ und ein anbrechender Kulturkampf zwischen Ultrareligiösen und Säkularisten. Nein, die Rede ist nicht von Muslimen, denn die deutschen Medien schlugen diese Töne in Bezug auf Juden an. Ganz richtig, denn gegen Ende des Jahres 2011 feierte der Antisemitismus in Deutschland ein unverhofftes Comeback! Dies sollte jedoch nicht überraschen, so heißt es doch in einem schönen deutschen Sprichwort: „Alte Gewohnheit ist stärker als Brief und Siegel.“
Gewalt im Namen Gottes, Übergriffe auf unbedeckte Frauen durch „religiöse Fanatiker“ und ein anbrechender Kulturkampf zwischen Ultrareligiösen und Säkularisten. Nein, die Rede ist nicht von Muslimen, denn die deutschen Medien schlugen diese Töne in Bezug auf Juden an. Ganz richtig, denn gegen Ende des Jahres 2011 feierte der Antisemitismus in Deutschland ein unverhofftes Comeback! Dies sollte jedoch nicht überraschen, so heißt es doch in einem schönen deutschen Sprichwort: „Alte Gewohnheit ist stärker als Brief und Siegel.“
Der Antisemitismus hat eine lange Tradition in Europa und so existiert der Hass gegen Juden bereits seit mehr als 2000 Jahren. Eines der ältesten geschichtlich dokumentierten Massaker an der jüdischen Bevölkerung fand bereits im Jahre 70 n.Chr. statt, als der Aufstand der Juden im Römischen Reich blutig niedergeschlagen und der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. In den folgenden Jahrzehnten verbreiteten sich im Imperium Romanum antijüdische Ressentiments und die Juden wurden als „Feinde des Menschengeschlechts“ betrachtet, um es in den Worten des weltberühmten Geschichtsschreibers Tacitus auszudrücken. Die Internetseite www.shoa.de stellt fest, dass der Antisemitismus nicht erst mit der Gründung des Dritten Reiches begann, vielmehr war Judenhass und Judenverfolgung im gesamten europäischen Mittelalter weit verbreitet.
So wurden beispielsweise im Jahre 1096 „in ganz Europa Tausende von Juden getötet und vielerorts ganze jüdische Gemeinden ausgerottet“. Die Juden stellten im damaligen Europa die Sündenböcke für allerlei negative Entwicklungen des zivilisatorisch zurückgebliebenen Europas dar. So wurde die europäische Judenheit für Hungersnöte und Seuchen verantwortlich gemacht und Juden als „Mörder kleiner Kinder, als Hostienschänder und Brunnenvergifter verleumdet und verfolgt“. Die zugrunde liegende Argumentation war von einer starken Abneigung gegenüber der jüdischen Religion geprägt, indem die Opfer kollektiv zu Feinden des Christentums erklärt wurden. Wesentliche Institutionen des europäischen Mittelalters wie die katholische Kirche waren maßgeblich daran beteiligt, den Hass gegen die jüdische Minderheit zu schüren und lieferten somit die Legitimation für die brutalen Übergriffe. 1348 wurde die Pest zur Strafe Gottes erklärt, welche die Christenheit ereilte, da sie die Juden noch nicht ausgerottet oder vertrieben habe.
Auch der große christliche Reformator Martin Luther glänzte mit antijüdischer Polemik und ließ keinen Zweifel an seiner europäischen Gesinnung. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ heißt es: „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“
Selbst an konkreten Vorschlägen, wie die Bevölkerung mit der verhassten Minderheit umgehen solle, mangelt es dem antisemitischen Pamphlet nicht: „Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. – Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. – Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. – Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe. – Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. – Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen.“
Der moderne Antisemitismus
In Folge der Aufklärung und der zunehmenden Säkularisierung setzte Europa sein antijüdisches Erbe in neuer Form fort und der moderne Antisemitismus nahm Gestalt an. Aufgrund des zivilisatorischen Fortschritts in Europa basierte jener zunehmend auf rassistischen und sozialdarwinistischen Grundlagen. Besonders in Deutschland setzte eine wahre Blütezeit des Antisemitismus ein und so gründeten sich zahlreiche antijüdische Vereine, Gesellschaften und Parteien wie die „Antisemitenliga“ (1880), „der Deutsche Volksverein“ (1881), „die Thule-Gesellschaft“ (1918) und zu guter Letzt die „NSDAP“ (1920). Auch in Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, in den Niederlanden, Skandinavien, in Osteuropa, Russland und den Vereinigten Staaten von Amerika gehörte die Verteufelung der jüdischen Minderheit zum guten Ton und so setzte sich der Antisemitismus wie ein roter Faden durch die Evolution der europäisch-westlichen Zivilisation fort.
In den Jahren nach 1945 trat ein vermeintlicher Sinneswandel ein. Speziell die Bundesrepublik Deutschland schien durch die eigene Vergangenheit von antisemitischen Tendenzen geläutert. Der neuentdeckte Respekt zum Judentum manifestierte sich zunächst im „Luxemburger Abkommen“ im Jahre 1952, in dem Reparationszahlungen der BRD gegenüber dem Staate Israel und den jüdischen Opfern des NS-Regimes vereinbart wurden. Beide Staaten intensivierten in den folgenden Jahrzehnten die bilateralen Beziehungen. In der BRD bildete sich die Antisemitismusforschung heraus und es setzte eine bis heute anhaltende systematische Aufklärungskampagne über die Verbrechen des Dritten Reiches und die Leiden der Juden ein. Letztere äußerte sich in nahezu täglichen Fernsehprogrammen und Dokumentationen, in etlichen Holocaust-Denkmälern und Schulklassenbesuchen in Konzentrationslagern. In der heutigen Zeit gehöre eine juden-und israelfreundliche Einstellung zur deutschen Staatsräson und das stete Erinnern an die eigene historische Schuld sei unabdingbar. Selbst gesetzliche Regelungen wurden in den Jahren von 1985 bis 2005 verabschiedet, welche die Verharmlosung der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und die Leugnung des Holocausts unter Strafe stellten. Die Würde des Judentums ist in Deutschland seit jeher unantastbar, so schien es jedenfalls.
Der mediale Angriff auf „radikale“ Juden
Im Dezember 2011 war es dann soweit und europäische Medien, allen voran die der BRD, ereiferten sich über den aufziehenden „Kulturkampf“ in Israel. Der Auslöser war ein angeblicher Übergriff von orthodoxen Juden, bei dem eine achtjährige Israelin auf ihrem Schulweg von besagten „Radikalen“ aufgrund ihres unsittlichen Kleidungsstils verfolgt wurde. In den Monaten zuvor wären jüdische Frauen in Jerusalem gar beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen worden. Laut der dramatischen Darstellung des Magazins „Der Spiegel“ geschah all dies nur, weil jene Frauen „sich frei auf der Straße bewegten und keine langen Röcke oder Kopfbedeckungen trugen“. Bereits im Oktober 2011 berichtete die Zeitschrift über die unmenschlichen Übergriffe der „jüdischen Extremisten“ und schilderte die angespannte Lage in Jerusalem folgendermaßen: „Man stelle sich folgendes Szenario vor: Eine extremistische religiöse Minderheit beschließt, dass Männer und Frauen nicht denselben Gehsteig teilen sollen – mit der Begründung, das sei unzüchtig. In dem von der Minderheit bewohnten Stadtviertel wird daraufhin die Geschlechtertrennung eingeführt. Frauen dürfen nur noch bestimmte Straßen benutzen, wer sich nicht an die Regeln hält, wird beschimpft und bedroht. […] Diese Geschichte ist wahr.“ Es handele sich um nichts Geringeres als einen Machtkampf, bei dem sich „religiöse Ultras“ und aufgeklärte Vernunftmenschen gegenüber ständen. Erstere strebten eine „schleichende Haredisierung“ Jerusalems an (als „Haredi“ werden die ultraorthodoxen Juden bezeichnet) und verpflichteten israelische Mitbürgerinnen zu einem „steinzeitlichen Frauenbild“. Jene, welche sich den besagten Sitten unterwerfen, bezeichnete der Spiegel in zeitgemäßer Stürmer-Manier gar als „die jüdischen Taliban-Frauen“. Selbstverständlich begnügte sich der antisemitische Propagandaapparat nicht mit der für den europäischen Pöbel abstrakten, schriftlichen Berichterstattung und so wurde dazu übergegangen, Kurzdokumentationen zu veröffentlichen, in denen die orthodoxen Viertel Jerusalems und ihre Einwohner in einem sehr negativen Licht dargestellt wurden. Neben vollverschleierten Frauen wurden plakativ heruntergekommene, dreckige und triste Straßen gezeigt und die „zurückgebliebenen“ Einwohner durften in Interviews ihre radikale Gesinnung kundtun. Auch andere deutsche Zeitungen und Magazine erkannten den antisemitischen Geist der Zeit und so beschreibt die Welt-Online die Ereignisse als einen „tobenden Kulturkampf“, die Süddeutsche meint einen „Vandalismus im Namen des Herren“ entdeckt zu haben und die Frankfurter Rundschau machte sich „Sorgen um Israels Zukunft“.
Dass es sich hierbei um eine antisemitische Berichterstattung handelt, ist nicht von der Hand zu weisen, besteht der Antisemitismus laut Meyers doch in der Feindschaft gegenüber Juden, wobei der Antisemit laut Brockhaus ein Feind des Judentums sei. Die besagte Feindschaft äußert sich nicht nur in gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Minderheiten oder wie den Muslimen so oft suggeriert wird, in einer israelkritischen Haltung. Verunglimpfung, Verhöhnung und Beleidigung des jüdischen Verhaltenskodexes stellt eine deutlich fundamentalere Feindschaft zum Judentum dar, stammt jener Kodex doch aus den für die Juden heiligen Schriften. So handele es sich bei dem Judaismus auch nicht lediglich um eine „bloße Religion oder Konfession in dem uns geläufigen Sinne“, sondern um eine „theokratisch bestimmte Gesellschaftsordnung und Einheitskultur, die in allen ihren Lebensäußerungen der „Thora“ — d.h. den Lehren und Vorschriften des Pentateuchs und ihrer verbindlichen tahnudischrabbinischen Interpretation — unterworfen war“, so der deutsche Publizist Winfried Martini. Genau diesem jüdischen Selbstverständnis entgegenzuwirken sei ein wesentlicher Bestandteil des postmittelalterlichen Antisemitismus und so äußerte sich letzterer in Assimilierungsbestrebungen der Minderheit in ihre nicht-jüdische Umwelt. Die Assimilierung war selbstverständlich an Bedingungen geknüpft, so sollten sie „auf die existentiellen Unterschiede gegenüber den Nichtjuden verzichten, sie sollten aufhören, Juden zu sein oder im schlimmsten Falle zu „Minimaljuden“ werden.“
An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, wie die Antipathie der deutschen Medien gegenüber den orthodoxen Juden und ihrer Lebensweise zu verstehen ist. Sind die Bundesrepublik Deutschland und die hiesigen Medien etwa von Antisemitismusvorwürfen gefeit, nur weil die eigenen Kinder auf Erkundungstour in ein KZ geschickt wurden? Liegt es daran, dass senile Dichter öffentlich zerfleischt werden, nur weil sie Kritik an der israelischen Besatzungspolitik geübt haben? Oder besteht die Antwort darin, dass ja nur die „bösen“, also orthodoxen Juden kritisiert werden und nicht etwa die aufgeklärten Schwulen und Lesben, die sich in den Diskotheken Tel Avivs an ihrer (Narren-)Freiheit erfreuen? Wie würde die aufgeklärte Medienlandschaft der BRD wohl reagieren, wenn die Orthodoxie die Oberhand in dem wütenden Kulturkampf gewänne? Hätte ein radikales, rückständiges Israel überhaupt Existenzrecht?
Fragen über Fragen, deren Beantwortung im Idealfall der Redaktion der „Jüdische[n] Allgemeine[n]“ überlassen werden sollte. Denn auch sie beteiligte sich maßgeblich an der Hetze gegen die jüdische Orthodoxie. Doch auch sie seien gewarnt, gehörten zu den Insassen der Konzentrationslager sogar jüdische Kriegsveteranen des Ersten Weltkrieges, die bereit waren, Leib und Seele für das Deutsche Kaiserreich zu opfern. Jene waren bestens integriert, ja assimiliert und doch machte das Zyklon B keinen Unterschied. Dies sollte eine Lehre für die säkularen Juden sein, denn wenn sie nicht Acht geben, laufen auch sie Gefahr, wie es im Altdeutschen heißt, gejudet zu werden. Bleibt zu hoffen, dass „säkulare“ Muslime aus der Geschichte lernen und sich rechtzeitig für die richtige Seite entscheiden.