Zunächst ist es aus psychologischer Sicht für die arabisch-islamischen Völker von größter Bedeutung, dass die Zeit der Veränderungen in Tunesien ihren Anfang genommen hat. Die Tunesier galten nämlich zuvor durch die Terrorherrschaft Ben Alis als vergleichsweise stark eingeschüchtert.
Syrien – Im Schatten der Revolution
Welche grundlegenden Erkenntnisse können wir nun aus dem arabischen Erwachen und speziell der Situation in Syrien gewinnen?
Zunächst ist es aus psychologischer Sicht für die arabisch-islamischen Völker von größter Bedeutung, dass die Zeit der Veränderungen in Tunesien ihren Anfang genommen hat. Die Tunesier galten nämlich zuvor durch die Terrorherrschaft Ben Alis als vergleichsweise stark eingeschüchtert. Die staatliche Kontrolle und die Repression gegen das islamische Leben waren in keinem arabischen Land ausgeprägter als hier. Daher gelten der Mut und der Widerstand, mit dem die tunesischen Muslime ihren Gewaltherrscher aus dem Amt jagten, als große Motivation und Vorbild für die anderen Länder.
Ein weiteres Phänomen dieser Veränderungsprozesse ist das Verschwinden der Angst aus der öffentlichen Atmosphäre in den arabischen Ländern. Unter den Diktatoren waren Demonstrationen, Kritik am Staat und freie mediale Kommunikation kaum möglich. Jeder noch so kleine Widerstand wurde brutal verfolgt und aus dem Verkehr gezogen. Daher muss als wichtigste Erkenntnis des sogenannten Arabischen Frühlings das Entweichen der Angst aus den Brüsten der Muslime verstanden werden. Sie sind nun bereit und empfänglich für die islamische Botschaft, die ihnen vor allem aufgrund ihres arabischen und islamischen Potentials von den ungläubigen Kolonialisten mit großer Anstrengung Jahrzehnte lang verwehrt wurde.
Obwohl der Westen mit seinen Agenten propagandistisch alles unternimmt, um die Veränderungen säkular-demokratisch erscheinen zu lassen, ist es unverkennbar, dass die Bevölkerungen mit islamischen Parolen auf die Straßen ziehen. Nicht nur die Energie der jungen muslimischen Bevölkerung wird uns durch die Bilder bewusst. Auch die Massengebete, die Dominanz des Hidjab und die Hoffnung der Menschen und ihre Hingabe zu Allah (s.w.t.) stimmen positiv. Vor allem durch die verstrickte, scheinbar aussichtslose politische Lage in Syrien wird es der Bevölkerung zum Mafhum, zur Erkenntnis, dass sie sich nicht auf westliche Hilfe verlassen kann, sondern nur durch die Hilfe Allahs (s.w.t.) den Sieg erreichen wird. Denn dadurch, dass der Westen die Muslime in Syrien im Stich lässt, erleidet er einen enormen Vertrauensverlust im kollektiven Gedächtnis der Ummah. Somit wird die Atmosphäre zur Errichtung des Islamischen Staates weiter begünstigt. Als wir noch vor dem Arabischen Frühling von der Methode zur Veränderung der Gesellschaft gesprochen haben und damit den intellektuellen und politischen Kampf meinten, der gewaltlos und nur durch die Kraft des Wortes geführt wird, so gewinnt diese Methode durch die Demonstrationen und das permanente Aufbegehren der Ummah gegen die Unrechtsherrscher an Gestalt.
Der Hadith des Propheten (s.a.s.), worin er sagt: „…ein Mann, der sich gegen einen ungerechten Herrscher erhebt, ihm das Rechte gebietet und sein Unrecht anprangert und dafür von ihm getötet wird“ erscheint gehaltvoller und nachvollziehbarer denn je. Dem letzten Zweifler muss nun ersichtlich werden, dass die Methode zur Veränderung einer Gesellschaft genau diese ist.
Doch wir erkennen in den arabischen Volksaufständen auch, dass die revolutionäre Veränderung im eigentlichen Sinne mit dem Systemwandel nicht eingetreten ist. Der Westen hat schnell erkannt, dass den oppositionellen Bewegungen eine organisierte und mit islamischer Geistesbildung gewappnete Führung gefehlt hat. Eben diese Kopflosigkeit der Massen hat der Westen mit seinen Agenten ausgefüllt und die Massenaufstände propagandistisch dahingehend gelenkt, dass sich die Menschen lediglich mit der Absetzung des Diktators begnügt haben ohne gleichzeitig das säkular-kapitalistische System anzuprangern. Durch den Opportunismus islamischer Bewegungen hat das bestehende System sogar an Akzeptanz und Legitimation hinzugewonnen. Somit wurde die Energie der Massen manipuliert, und der Westen hat es einmal mehr geschafft, eine für ihn mögliche gefährliche Wendung in seinem Sinne abzuwenden.
Wenn die Erkenntnis der Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels und das Vertrauen in die islamische Lebensordnung nicht nur bei den Massen der Ummah sondern auch bei den Machthabern und den Leuten mit Schlüsselpositionen stetig wächst, wird sich – mit der Erlaubnis Allahs – auch die Prophezeihung „…sodann folgt ein Kalifat gemäß dem Plan des Prophetentums“ bewahrheiten.