Die Muslime haben den Glauben an den Islam in einer Weise verinnerlicht, die nicht den geringsten Zweifel aufkommen ließ. Ihr Iman war von solcher Stärke, dass keinerlei Fragen, die nur den Schein eines Zweifels in sich trugen, in ihnen geweckt wurden. Die Verse des Koran erforschten sie lediglich auf eine Art, die ihnen das reale Begreifen seiner in den Ideen verkörperten Bedeutungen ermöglichte. Sie widmeten sich jedoch weder möglichen Hypothesen, die sich daraus ergeben, noch logischen Resultaten, die man daraus schließen könnte. Sie zogen in die Welt hinaus und trugen diese islamische Botschaft an alle Menschen heran. Sie kämpften um ihretwillen, eröffneten Länder und die Völker unterwarfen sich ihnen.
Aus dem Buch „Die islamische Persönlichkeit Teil 1“
Die Muslime haben den Glauben an den Islam in einer Weise verinnerlicht, die nicht den geringsten Zweifel aufkommen ließ. Ihr Iman war von solcher Stärke, dass keinerlei Fragen, die nur den Schein eines Zweifels in sich trugen, in ihnen geweckt wurden. Die Verse des Koran erforschten sie lediglich auf eine Art, die ihnen das reale Begreifen seiner in den Ideen verkörperten Bedeutungen ermöglichte. Sie widmeten sich jedoch weder möglichen Hypothesen, die sich daraus ergeben, noch logischen Resultaten, die man daraus schließen könnte. Sie zogen in die Welt hinaus und trugen diese islamische Botschaft an alle Menschen heran. Sie kämpften um ihretwillen, eröffneten Länder und die Völker unterwarfen sich ihnen.
Das Jahrhundert nach der Hidschra verging und der Sturm der islamischen Dawa riss alles mit, was sich ihm entgegenstellte. Die islamischen Ideen wurden den Menschen so vermittelt, wie sie die Muslime selbst aufgenommen hatten: in strahlendem Verständnis, fester Überzeugung und erstaunlichem Bewusstsein. Das Tragen der islamischen Botschaft in den eröffneten Ländern führte allerdings zu einem intellektuellen Zusammenstoß sowohl mit jenen Anhängern anderer Religionen, die den Islam noch nicht angenommen hatten, als auch mit jenen, die in den Islam bereits eingetreten waren. Dieser geistige Zusammenstoß war sehr heftig, denn die Anhänger andere Religionen waren in einigen philosophischen Ideen bewandert. Sie vertraten auch Ansichten, die sie aus ihren Religionen übernommen hatten. Und so warfen sie Scheinargumente auf und führten mit den Muslimen einen Disput in den Überzeugungsfundamenten, da das Überzeugungsfundament (Aqida) und die mit ihr verbundenen Ideen die Basis der Botschaftsverkündung bilden. Die Bedachtheit der Muslime auf die islamische Botschaft und ihr Bedürfnis, ihren Gegnern zu antworten, verleitete viele von ihnen dazu, einige philosophische Ideen zu erlernen, um sie als Waffe gegen ihre Widersacher einzusetzen. Was ihnen außer ihrer Bedachtheit auf das Tragen der Botschaft und das Abwehren der gegnerischen Angriffe die Erlernung dieser Ideen rechtfertigte und sie dazu anspornte, waren zwei Faktoren:
Erstens: Der Heilige Koran widmete sich – neben seinem Aufruf zur Einheit Gottes und zur Befolgung des Prophetentums – den wichtigsten Gruppen und Religionen, die in der Zeit des Propheten (s.) verbreitet waren. Er antwortete ihnen und widerlegte ihre Behauptungen. So widmete er sich der Vielgötterei in all ihren Facetten und widerlegte sie. Zu den Götzendienern gehörten z. B. solche, die Planeten vergötterten und sie zu Teilhabern Allahs machten, der Koran gab ihnen Antwort. Einige beteten Statuen an und stellten sie Allah zur Seite, der Koran antwortete ihnen. Andere negierten das Prophetentum, der Koran antwortete ihnen. Unter ihnen waren auch solche, die nur das Prophetentum Muhammads negierten, der Koran widerlegte auch sie. Einige negierten die Auferstehung und Versammlung (am Jüngsten Tage), der Koran antwortete ihnen. Andere erhoben Jesus, Friede sei mit ihm, zu einem Gott oder zum Sohn Gottes, und der Koran antwortete ihnen. Damit nicht genug befahl er auch dem Gesandten (s.) einen Disput mit ihnen zu führen:
„Und disputiere mit ihnen auf die beste Art!“[1]
„Und disputiert mit den Anhängern der Schrift[2] nur auf die beste Art!“[3] Auch war das Leben des Gesandten Allahs ein Leben der intellektuellen Auseinandersetzung mit allen Ungläubigen, seien es Götzendiener oder Anhänger der Schriften. Viele Ereignisse sind über ihn berichtet worden, sowohl in Mekka als auch in Medina, in denen er (s.) mit den Ungläubigen – als Einzelpersonen, Gemeinschaften und Delegationen – disputierte und Streitgespräche führte. Diese intellektuelle Auseinandersetzung, die in Koranversen sowie in Hadithen und Handlungen des Propheten deutlich hervorsticht, wurde von den Muslimen gelesen und gehört. Deshalb war es nur natürlich, dass sie mit den Anhängern anderer Religionen diskutierten und mit ihnen in eine intellektuelle Auseinandersetzung und einen weltanschaulichen Disput eintraten. Denn die Gesetze ihres Glaubens riefen sie zu diesem Disput auf. Auch macht die Natur der islamischen Botschaft eine Auseinandersetzung, einen Disput bzw. ein Streitgespräch unabdingbar, wenn diese mit dem Unglauben zusammenstößt. Was zu einem rationalen Verlauf der Auseinandersetzung führte, war die Tatsache, dass der Koran selbst zum Einsatz des Verstandes aufrief. Er kam mit rationalen Belegen und sinnlich wahrnehmbaren Beweisen. Die Einladung zu seiner Glaubensüberzeugung beruht auf dem Verstand und nicht auf die Überlieferung, deswegen war es unabdingbar, dass der Disput und die Auseinandersetzung einen rationalen Verlauf nahmen und sich durch diesen Aspekt auszeichneten.
Zweitens: Es schlichen sich philosophisch-theologische Fragen der Christen, Nestorianer und anderer in den Disput ein, und die aristotelische Logik wurde unter den Muslimen bekannt. Einige Muslime lasen philosophische Werke und viele Bücher wurden aus dem Griechischen ins Altsyrische und danach ins Arabische übersetzt. Sodann wurden die Bücher direkt aus dem Griechischen ins Arabische übertragen. Dies trug dazu bei, dass philosophische Ideen vorhanden waren. Manche Religionen, insbesondere das Juden- und Christentum, hatten sich mit der griechischen Philosophie gewappnet und philosophische Ideen in die (islamischen) Länder eingeleitet. All das führte zur Existenz philosophischer Gedanken, was die Muslime dazu veranlasste, sie zu studieren.
Diese beiden Faktoren: die Gesetze des Islam, seine gedanklichen Argumente im Disput und die Existenz philosophischer Ideen, animierten die Muslime dazu, rationale Untersuchungen durchzuführen und die philosophischen Ideen zu erlernen und sie zu einem Gegenstand ihrer Diskussionen und Streitgespräche zu machen. Dies wurde auch damit gerechtfertigt. Jedoch stellte das alles noch kein umfassendes philosophisches Studium dar. Es war lediglich das Studium einiger philosophischer Ideen, um den Christen und Juden zu antworten. Den Muslimen war nämlich das Antworten nicht möglich, ohne vorher die Aussagen der griechischen Philosophen gelesen zu haben, insbesondere jene, die mit Logik und Theologie zusammenhingen. Und so preschten sie vor, um die nichtmuslimischen Gemeinschaften mit ihren Aussagen und Argumenten zu erfassen. Die islamischen Länder wurden somit zu einem Schauplatz, an dem man alle Ideen und Religionen erörterte und ausdiskutierte. Zweifelsohne erfordert der Disput das genaue Betrachten und Nachdenken. Er wirft zahlreiche Fragen auf, die der genauen Untersuchung bedürfen und jede Gruppe dazu veranlassen, das zu übernehmen, was sie für richtig erkannt hat. Dieser Disput und dieser Denkprozess hatten einen großen Einfluss auf das Auftreten von Personen, die einen neuen Weg beim Untersuchen, Disputieren und Diskutieren einschlugen. Die philosophischen Ideen, die sie erlernt hatten, beeinflussten ihre Vorgehensweise bei der Beweisführung in sehr starkem Maße, ebenso hatten sie einen großen Einfluss auf einen Teil ihres Gedankenguts. Daraus entwickelte sich die Scholastik (Ilm al-Kalam), die zu einem eigenen Wissenszweig wurde, und in den islamischen Ländern entstand so die Gruppe der Scholastiker (al-Mutakallimun).
Nachdem diese Scholastiker den Islam verteidigten, seine Gesetze erklärten und das Gedankengut des Koran erläuterten, waren sie vom Koran fundamental beeinflusst. Er stellte die Grundlage dar, auf der sie ihre ganzen Untersuchungen aufbauten. Weil sie aber die Philosophie erlernt hatten, um den Koran zu verteidigen, und sich mit ihr gegenüber ihren Gegnern wappneten, entwickelten sie eine eigene Methode beim Untersuchen, Bestimmen und Beweisführen, die der Methode des Koran, der Hadithe und der Aussagen der Prophetengefährten widersprach. Auch widersprach sie der Methode der griechischen Philosophen bei ihren Untersuchungen, Bestimmungen und Beweisführungen.
Was den Widerspruch zur Methode des Koran anbelangt, so stützt sich der Koran bei der Da’wa einerseits auf die menschliche Natur. Er machte sie zur Grundlage seiner Argumentation und sprach die Leute in einer Weise an, die dieser Natur entsprach. Gleichzeitig stützt er sich auf die rationale Grundlage, indem er seine Argumentation auf den Verstand aufbaut und die Vernunft der Menschen anspricht. So sagt der Erhabene:
„Wahrlich, jene, die ihr an Allahs Statt anruft, werden es niemals vermögen, eine Fliege zu erschaffen, auch wenn sie sich dafür zusammentäten. Und wenn die Fliege ihnen etwas raubte, könnten sie es ihr nicht entreißen. Schwach ist der Suchende wie das Gesuchte (73).“[4] Und Er sagt:
„Möge der Mensch denn betrachten, woraus er erschaffen (5). Erschaffen ward er aus einem sich ergießenden Wasser (6). Zwischen Lenden und Rippen kommt er hervor (7).“[5], und sagt:
„So betrachte der Mensch doch seine Nahrung (24). Siehe, Wir gossen das Wasser in Fülle aus (25). Sodann spalteten Wir die Erde in wunderbarer Weise (26) und ließen Korn in ihr wachsen (27) und Reben und Gezweig (28) und Ölbäume und Palmen (29) und dicht bepflanzte Gartengehege (30) und Obst und Futtergras (31).“[6] Auch sagt Er:
„Betrachten sie nicht die Kamele, wie sie erschaffen sind (17); und den Himmel, wie er emporgehoben ward (18); und die Berge, wie sie aufgerichtet wurden (19); und die Erde, wie sie ausgebreitet ward? (20)“[7] Und Er sagt:
„Und in euch selber (sind Zeichen), wollt ihr denn nicht sehen (21)?“[8], und sagt:
„Wer antwortet denn dem Bedrängten, wenn er Ihn anruft?“[9]
Auf diese Weise geht der Koran vor, um die Macht Allahs, Sein Wissen und Seinen Willen auf der Grundlage der menschlichen Natur und des Verstandes zu beweisen. Diese Methode entspricht der Natur des Menschen und lässt jeden in seinem tiefsten Inneren ihr folgen und ihr seine Aufmerksamkeit widmen. Sogar der Atheist versteht sie und fügt sich ihr. Es ist eine Methode, die jedem Menschen entspricht, ob er nun zu den erlauchten Personen oder zur Allgemeinheit zählt, gebildet oder ungebildet ist.
Was die mehrdeutigen Koranverse anbelangt, die allgemein gehalten sind und für den Untersuchenden Unklarheiten beinhalten, so sind sie in genereller, undetaillierter Form ergangen. Sie beinhalten allgemeine Beschreibungen von Dingen oder Erwähnungen von Ereignissen, ohne diese genauer untersuchen, ausführen oder belegen zu wollen. Der Leser wird davon nicht abgestoßen, er kann jedoch ihren eigentlichen Sinn nur in dem Maße erkennen, wie es die Bedeutung ihrer Ausdrücke zulässt. Deshalb ist es nur natürlich, sie ohne weitere Begründung oder Erörterung zu akzeptieren, wie es auch bei der Beschreibung irgendeiner Realität und der Anerkennung irgendeiner Wahrheit der Fall ist. So beschreiben Verse den einen Bereich menschlicher Handlungen und weisen auf den zwanghaften Charakter hin. Andere beschreiben den zweiten Bereich dieser Handlungen und belegen ihrerseits die freie Wahl. So sagt Allah, der Erhabene:
„Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen.“[10] Auch sagt Er:
„Und Allah will nicht ungerecht zu den Diener sein.“[11] Gleichwohl findest du Ihn sagen:
„Wen Allah aber rechtleiten will, dem weitet Er die Brust für den Islam; und wen Er irreleiten will, dem macht Er die Brust eng und bedrückt,“[12]
Auch sind Verse offenbart worden, die Allah, dem Erhabenen, ein Antlitz („Gesicht“) und eine „Hand“ zuschreiben bzw. Ihn als „das Licht der Himmel und der Erde“ bezeichnen. Sie erwähnen auch, dass Er sich im Himmel befinde:
„Wähnt ihr euch sicher vor Dem, Der im Himmel ist, dass Er die Erde euch nicht verschlingen lässt?“
„Und dein Herr kam, und die Engel in Reihen auf Reihen“[13]
„Und es verbleibt das Antlitz deines Herrn“[14]
„Seine Hände sind weit offen“[15] Andere Verse belegen hingegen Seine Unvergleichbarkeit:
„Nichts ist gleich Ihm“[16]
„Keine geheime Unterredung zwischen dreien gibt es, bei der Er nicht vierter wäre, noch zwischen fünfen, bei der Er nicht sechster wäre, noch zwischen weniger oder mehr als diesen, ohne dass Er mit ihnen wäre, wo immer sie sein mögen.“[17]
„Hocherhaben ist Allah über das, was sie Ihm beigesellen.“[18]
„Gepriesen sei Allah hoch über all das, was sie beschreiben“[19] Auf diese Art sind im Koran Verse enthalten, die bestimmte Aspekte ansprechen, die scheinbar widersprüchlich sind. Der Koran nannte sie „Mutaschabihat“ (mehrdeutige). Der Erhabene sagt:
„Darin sind eindeutig klare Verse, sie sind die Grundlage des Buches, und andere, die mehrdeutig sind.“[20]
Als diese Verse herabgesandt wurden, der Gesandte sie den Menschen verkündete und die Muslime an sie glaubten und sie auswendig lernten, warfen sie keinerlei Erörterungen oder Diskussionen bei ihnen auf. Sie sahen darin keineswegs irgendeinen Widerspruch, der überwunden werden müsste. Vielmehr verstanden sie diese Verse jeweils in dem durch sie beschriebenen bzw. dargelegten Aspekt. Somit fügten sie sich in der Realität als auch in ihrem Herzen harmonisch zusammen. Sie vollzogen Iman darüber, glaubten an sie, verstanden sie in allgemeiner Weise und begnügten sich mit diesem Verständnis. Diese Verse beschrieben für sie eine gewisse Realität oder legten bestimmte Wahrheiten dar. Viele von ihnen, die sich durch Klugheit und Vernunft auszeichneten, hatten keinen Gefallen daran, diese „Mutaschabihat“ genauer zu erörtern und darüber einen Disput zu führen. Sie befanden, dass dies nicht im Interesse des Islam sei. Das Verstehen der allgemeinen Bedeutung für jeden, der es verstehen möchte, auch nach seinem eigenen Verständnisgrad, genügt und erspart ihm das Eintreten in Einzelheiten und Verzweigungen. Auf diese Art haben die Muslime die Methode des Koran begriffen und seine Verse aufgenommen. Sie folgten diesem Weg in der Zeit des Gesandten und danach, bis das ganze erste Jahrhundert vergangen war.
Ihr Widerspruch zur Methode der Philosophen ergab sich daraus, dass die Philosophen sich ausschließlich auf den (verstandesmäßigen) Beweis stützen und diesen in einer logischen Abfolge entwickeln: aus einem „Begriff“, einem „Urteil“ und einem „Schluss“. Sie verwenden bestimmte Ausdrücke und Termini für Dinge, wie „Inhalt“, „Form“ und ähnliche, und werfen verstandesmäßige Fragen auf, die sie logisch – nicht aber sinnlich wahrnehmbar oder real – weiterentwickeln.
Die Untersuchungsmethode der Scholastiker hingegen ist anders, denn die muslimischen Scholastiker glaubten an Allah und Seinen Gesandten (s.) und an das, womit der Gesandte gekommen war. Dies wollten sie nun mit rational-logischen Darlegungen beweisen. Danach begannen sie sich mit der Zeitlichkeit der Welt zu beschäftigen und der Beweisführung, dass alle Dinge zeitlich (d. h. begrenzt) sind. Sie fingen an, diese Untersuchungen auszudehnen. Und so öffneten sich ihnen neue Themenbereiche samt all ihren Zweigfragen, die sie bis zum Ende ihrer logischen Schlussfolgerungen untersuchten. Sie untersuchten nicht etwa die Koranverse, um sie zu verstehen, wie es die Methode der ersten Muslime war und es vom Koran auch beabsichtigt ist. Vielmehr glaubten sie daran und begannen, Beweise für das aufzustellen, was sie aus diesen Versen verstanden haben. Dies war der eine Aspekt ihrer Untersuchungen. Was den zweiten Aspekt anbelangt, nämlich die Betrachtung der mehrdeutigen Koranverse (Mutaschabihat), so gaben sich die Scholastiker mit dem Allgemeinverständnis dieser Ayat ohne detaillierter Untersuchung nicht zufrieden. Sie gingen allen Versen nach, zwischen denen ein Widerspruch auftreten könnte, wie die Frage von Zwang und freiem Willen oder jene Ayat, die eventuell auf eine Verkörperung Allahs des Erhabenen schließen ließen, und stellten diese zusammen. Sie ließen ihrem Verstand darüber freien Lauf und wagten, was niemand außer ihnen gewagt hat. Die Untersuchung jeder Angelegenheit führte bei ihnen zu einer Ansicht. Wenn sie nun zu einer Ansicht gelangt waren, gingen sie an jene Verse heran, die ihrer Ansicht zu widersprechen schienen und begannen, sie umzuinterpretieren. Somit war die Uminterpretation (At-Ta’wil) das erste Merkmal der Scholastiker. Wenn ihre Untersuchung sie dahin leitete, dass Allah über Richtung und Ort erhaben ist, interpretierten sie jene Ayat, die erkennen lassen, dass Er sich im Himmel befindet, um. Ebenso interpretierten sie das „Sich-Niederlassen“ (Allahs) auf dem Thron um. Wenn ihre Untersuchung sie dahin führte, dass das Ausschließen einer Richtungsbehaftung im Falle Allahs es notwendig macht, dass die Augen der Menschen ihn unmöglich sehen können, interpretierten sie jene Berichte um, die erwähnen, dass die Menschen Allah sehen werden. Somit war die Uminterpretation ein Wesensmerkmal der Scholastiker, das sie am deutlichsten von den früheren Muslimen unterschied.
Diese Untersuchungsmethode, die dem Verstand die Freiheit gibt, alles zu untersuchen – was er erfassen und was er nicht erfassen kann, die Natur und das, was sich hinter der Natur befindet, das sinnlich Wahrnehmbare und Nichtwahrnehmbare – macht den Verstand unweigerlich zur Grundlage für den Koran und nicht den Koran zur Grundlage für den Verstand. In so einem Fall ist das Aufkommen solcher Interpretationsformen nur natürlich. Ebenso natürlich ist es, dass diese Leute jede Richtung einschlagen, die sie als richtig ansehen, da der Verstand es ihrer Meinung nach so sieht. Dies führt unweigerlich zu großen Meinungsverschiedenheiten unter ihnen. Wenn die logische Betrachtung einige von ihnen zur Feststellung des freien Willens und der Uminterpretation des Zwanges führt, so kann sie andere zur Feststellung des Zwanges und der Uminterpretation des freien Willens führen. Dritte wiederum kann sie dazu bringen, zwischen den Meinungen beider mit einer neuen Meinung vermitteln zu wollen. Bei allen Scholastikern stachen zwei Merkmale hervor: Erstens: In ihren Beweisführungen stützten sie sich auf die Logik und die Weiterentwicklung ihrer Thesen, nicht aber auf die sinnlich wahrnehmbaren Dinge. Zweitens: Sie pflegten die Uminterpretation jener Koranverse, die ihren Schlussfolgerungen widersprachen.
[1] An-Nahl 16, Aya 125
[2] die Anhänger früherer Offenbarungsreligionen: Juden und Christen
[3] Al-Ankabut 29, Aya 46
[4] Al-Hajj 22, Aya 73
[5] At-Tariq 86, Aya 5-7
[6] Abasa 80, Aya 24-31
[7] Al-Ghaschiya 88, Aya 17-20
[8] Adh-Dhariyat 51, Aya 21
[9] An-Naml 27, Aya 62
[10] Al-Baqara 2, Aya 185
[11] Gafir 40, Aya 31
[12] Al-An’am 6, Aya 125
[13] Al-Fagr 89, Aya 22
[14] Ar-Rahman 55, Aya 27
[15] Al-Ma’ida 5, Aya 64
[16] Al-Schura 42, Aya 11
[17] Al-Mugadalah 58, Aya 7
[18] An-Naml 27, Aya 63
[19] As-Safat 37, Aya 159
[20] Al-Imran 3, Aya 7