Zu den Angriffen gegen den Islam gehört die Forderung, diesen zu reformieren. Hierbei geht es um eine Umgestaltung und Veränderung des Islam und seiner Gesetze. Ziel einer Reform ist es, ihn so zu verändern, dass er von einer alle Bereiche umfassenden Lebensordnung auf das rein Spirituelle herabgestuft wird.
Versteht man jedoch unter Reform nicht Veränderung und Umgestaltung, sondern Erneuerung, so liegt diese im Islam selbst begründet. So sagte der Prophet (s): „Allah schickt dieser Umma alle hundert Jahre an deren Beginn jemanden, der ihr ihre Religion erneuert.“ (Abu Dawud)
Was unter dem Hadith zu verstehen ist, ergibt sich aus der Bedeutung des Begriffs „erneuern“. Wenn man etwas erneuert, dann versetzt man es wieder in seinen neuen Zustand, nachdem die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat und eine Sache alt erscheinen lässt. Wenn man beispielsweise ein Kleidungsstück erneuert, so bessert man jene Stellen aus, die nicht mehr in Ordnung sind, etwa Knöpfe, die man wieder annäht. Das Alte wird also in seinen Ausgangszustand gebracht. Der Begriff „erneuern“ meint folglich nicht die Veränderung und Umgestaltung einer Sache, sondern die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands.
Wenn Muslime wie Tariq Ramadan von einer radikalen Reform sprechen und damit die Übernahme westlicher Werte meinen, so stellt dies eine Veränderung und keine Erneuerung des Islam dar. Der erwähnte Hadith zielt aber nicht auf eine Reform des Islam im Sinne von Veränderung ab, sondern meint ganz klar seine Wiederherstellung. Diese Bedeutung geht auch aus dem Koran hervor. So verwendet der Koran den Begriff der „Erneuerung“ in Bezug auf die Auferstehung des Menschen, der nach seinem Tod am Tag der Auferstehung von Allah (t) wiedererweckt und in seinen lebendigen Zustand zurückversetzt wird. Das heißt, die Schöpfung wird nach dem Tod erneuert. Im Koran heißt es hierzu: „Und sie sprechen: ‚Wie, wenn wir in der Erde verloren sind, sollen wir dann in neuer Schöpfung sein?'“ (32:10)
Der Vers bezieht sich auf die Ungläubigen, die nicht an die Erneuerung der Schöpfung glauben, nachdem der Mensch nach seinem Tod zu Staub geworden ist. In einem anderen Vers heißt es: „Wie, wenn wir zu Staub geworden sind, sollen wir dann in einer Neuschöpfung sein?“ (13:5)
Sie glauben nicht daran, dass ihr ursprünglicher lebendiger Zustand wiederhergestellt wird. Aus der Verwendung des Begriffs im Koran geht hervor, dass nicht die Veränderung, sondern die Wiederherstellung gemeint ist. Es geht im Hadith also um die Wiederherstellung des Islam in seiner ursprünglichen Form, wie ihn der Prophet (s) vorgelebt und gelehrt hat.
Die Notwendigkeit einer Erneuerung kann unterschiedliche Ursachen haben. Ein Grund kann eine Unklarheit im Verständnis sein, so dass die ursprüngliche Funktion nicht mehr erfüllt wird. Oder aber dem Ganzen wurde etwas entzogen, so dass es unvollständig ist. Eine Erneuerung ist aber auch dann notwendig, wenn dem Ganzen etwas hinzugefügt wurde, das zwangsläufig zu einer Veränderung führt. In allen drei Fällen kommt es zu einer Abweichung vom Ursprung und den Quellen und zu einer Veränderung, die in Bezug auf den Islam inakzeptabel ist, da es dann zu einer falschen Umsetzung kommt.
Um eine Erneuerung in Angriff zu nehmen, muss zunächst einmal verstanden werden, welcher Grund für die Abweichung vorliegt. Eine Erneuerung muss eine Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands und eine Rückführung zu den Quellen darstellen. Sie muss das Verständnis korrigieren, wenn ein fehlerhaftes Verständnis vorliegt, sie muss ergänzen, was fälschlicherweise weggelassen wurde, und entfernen, was unrechtmäßig hinzugefügt wurde. Die Erneuerung des Islam in der Gegenwart ist folglich nichts anderes als die Wiederherstellung des Islam als Lebensordnung nach dem Vorbild des Propheten (s).
Die Existenz des Hadith belegt, dass der Islam vor der Veränderung geschützt ist. Denn Allah (t) schickt der Umma alle hundert Jahre jemanden, der den Islam erneuert und den ursprünglichen Zustand wiederherstellt. Allah (t) entsendet jedoch keine Propheten, um den Islam zu erneuern, sondern es sind die Muslime selbst, die für die Erneuerung verantwortlich sind. Es geht nicht um eine neue Offenbarung, sondern um eine Erneuerung des bereits Offenbarten. Dies liegt in der Verantwortung der Muslime, die für die vollständige Anwendung des Islam sorgen müssen. Sie müssen sich um die Erneuerung des Islam bemühen.
Dass der Islam der Erneuerung bedarf, steht außer Frage, denn zur Zeit liegen die meisten seiner Gesetze brach, weil sie nicht vom einzelnen Individuum umgesetzt werden können, sondern nur von einem islamischen Staat. Hierunter fallen beispielsweise alle Gesetze, die das Regierungs-, das Straf- oder aber das Wirtschaftssystem betreffen. Dies stellt eine klare Abweichung vom Islam dar. Demzufolge muss sich die Erneuerung darauf konzentrieren, jene Bedingungen zu schaffen, die eine Anwendung aller islamischen Gesetze ermöglicht. Da das Fehlen des islamischen Staates heute die Hauptursache dafür ist, dass der Islam als Lebensordnung keine Anwendung findet, besteht die Erneuerung in der Wiederherstellung des islamischen Staates, wie er zur Zeit des Propheten (s) existiert hat.