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Konzeptionen Die Realität des Diesseits

Das kennzeichnende Merkmal der diesseitigen Welt ist ihre Vergänglichkeit. Der Mensch verbannt diesen Gedanken nur allzu gerne in sein Unterbewusstsein, weil er nicht an seine eigene Vergänglichkeit erinnert werden will. Nur ist nichts so sicher wie der Tod eines jeden Lebewesens, und doch versucht der Mensch sein eigenes Lebensende zu überwinden. Obwohl er die Vergänglichkeit der Materie unmittelbar wahrnehmen kann – ob an sich oder an seiner Umwelt –, investiert er viel Zeit und Geld, um sie zu umgehen.

Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt, O taumelbunte Welt, Wie machst du satt, Wie machst du satt und müd, Wie machst du trunken! Was heut noch glüht, Ist bald versunken. (Hermann Hesse)
Das kennzeichnende Merkmal der diesseitigen Welt ist ihre Vergänglichkeit. Der Mensch verbannt diesen Gedanken nur allzu gerne in sein Unterbewusstsein, weil er nicht an seine eigene Vergänglichkeit erinnert werden will. Nur ist nichts so sicher wie der Tod eines jeden Lebewesens, und doch versucht der Mensch sein eigenes Lebensende zu überwinden. Obwohl er die Vergänglichkeit der Materie unmittelbar wahrnehmen kann – ob an sich oder an seiner Umwelt –, investiert er viel Zeit und Geld, um sie zu umgehen. Denn die Werbung suggeriert ihm, dass er sein Altern hinauszögern könne. Doch wie gut er der Faltenbildung auch entgegenzuwirken und wie sehr er sein graues Haar zu verbergen versucht, kann er das Unvermeidliche nicht verhindern. Das Diesseits kann ihm das ewige Leben, nach dem er strebt, nicht bieten. Es wird vergehen und er mit ihm. Erst das Jenseits kann den Wunsch des Menschen nach Ewigkeit erfüllen. Das Diesseits ist lediglich der Schleier, hinter dem es sich verbirgt.
Über das Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits heißt es im Koran: „Dieses irdische Leben ist nichts weiter als ein Zeitvertreib und ein Spiel; die Wohnstatt des Jenseits aber – das ist das eigentliche Leben, wenn sie es nur wüssten.“ (29:64)
In gleicher Weise hat der Prophet (s) gesagt: „O Allah, es gibt kein wirkliches Leben außer dem Leben im Jenseits.“ (Buchari, Muslim)
Die eigentliche Existenz kommt folglich noch, denn im Gegensatz zum diesseitigen Leben, das mit dem Tod endet, ist das jenseitige Leben von Dauer, ohne das die Zeit ihre Spuren hinterlassen könnte. Und so ist der Unterschied zwischen Diesseits und Jenseits der Unterschied zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit. Wie seine Ewigkeit aussehen wird, legt der Mensch bereits im Diesseits fest, und nur in dieser Hinsicht darf das diesseitige Leben relevant sein. Durch seinen eigenen Willen bestimmt der Mensch, was er im Jenseits für ein Leben führen wird. Allerdings beschränkt sich diese Einflussnahme auf die Zeit im diesseitigen Leben. Lässt er diese Zeit ungenutzt verstreichen, ohne seine diesseitigen Handlungen mit dem Islam in Einklang zu bringen, hat er keinerlei Möglichkeit mehr, Einfluss auf das Jenseits zu nehmen. Sein Verhalten im Diesseits wird so zu einer Wahl zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit, und diese Wahl trifft der Mensch allein.
Diese Wahl fällt dem Menschen nicht leicht, denn das Jenseits kennt er nicht, und das Diesseits bietet so viele Reize, dass es ihn das Jenseits vergessen lässt. Für den Menschen wird es zu einer Frage der Geduld und Standhaftigkeit: Hält er sich im Diesseits zurück und wartet, bekommt er im Jenseits das Vielfache dessen, was das Diesseits zu bieten hatte. In seiner Schwäche gibt sich der Mensch jedoch zu schnell mit den Verlockungen des Diesseits zufrieden, weil er damit seine Bedürfnisse sofort befriedigen kann. Er unterscheidet sich hierbei kaum von einem Kind, dem man zwei Teller vorsetzt. In dem einen befindet sich ein Keks, während der andere Teller randvoll gefüllt ist mit Köstlichkeiten. Das Kind hat die Wahl, den einen Keks sofort zu essen oder aber zu warten und als Belohnung den vollen Köstlichkeitenteller zu bekommen. Es wird Kinder geben, die nicht warten können, während andere sich in Erwartung des vollen Tellers in Geduld üben. Letztere würde man als die intelligenteren Kinder bezeichnen.
Das Verhängnis des Menschen ist sein unstillbares Verlangen. Der Mittelpunkt seines Lebens besteht in der Vermehrung von Reichtum und Wohlstand sowie in der Befriedigung seiner Bedürfnisse.
So sagt Allah (t): „Es ergötzte euch das Streben nach mehr, bis ihr die Gräber besuchtet.“ (102:1-2)
Das Eigentum als solches ist aus islamsicher Sicht nichts Verwerfliches, denn Allah (t) hat dem Menschen die Dinge dienstbar gemacht. Der Islam predigt auch keine Armut, wie es manche christlichen Orden tun. Verwerflich werden Reichtum und Besitz erst dann, wenn sie von den wesentlichen Dingen abhalten und das Streben nach Wohlstand wichtiger wird als das Streben nach dem Wohlwollen des Schöpfers. In dem Fall hat man sein Jenseits gegen sein Diesseits eingetauscht. In der Theorie erkennt man zwar den Vorzug des Jenseits, doch das Diesseits hält so viele Verlockungen bereit, dass der Gedanke an das Jenseits allzu schnell verdrängt wird. Ein gutes Gehalt, ein großes Haus, schöner Schmuck, ein teures Auto – das Verlangen nach diesen Dingen kann stärker werden als das Verlangen nach dem Jenseits.
Der Prophet (s) fürchtete deshalb um die Muslime: „Worüber ich mich nach meinem Tod über euch sorge, ist, was das Diesseits euch an Schönheit und Pracht bietet.“ (Muslim)
In einem anderen Hadith heißt es: „Strebt nicht nach Grundbesitz, damit euer Verlangen nach dem Diesseits nicht geweckt wird.“ (Tirmithi)
Was der Mensch im Laufe seines Lebens anhäuft, ist am Ende nur Vergänglichkeit: „Mein Besitz, mein Besitz! Was kannst du denn besitzen, o Sohn Adams, außer einer Mahlzeit, die verschwindet, einem Kleidungsstück, das du abtragen könntest oder der Sadaqa, die du entrichtet hast?“ (Muslim)
Die kurzlebigen Reichtümer des Diesseits beinhalten ein ernst zu nehmendes Gefahrenpotenzial, weil sie den Menschen wie ein Magnet anziehen und damit vom Wesentlichen wegführen. Arm und Reich sind gleichermaßen dafür anfällig, denn der Arme versucht Wohlstand zu erlangen, der Reiche versucht seinen Wohlstand zu potenzieren. Allah (t) will mit dem Diesseits nichts anderes, als den Menschen prüfen, ob er der Anziehungskraft widerstehen kann.
So sagte der Prophet (s): „Jede Umma wird geprüft werden, und die Prüfung für meine Umma ist der Wohlstand.“ (Tirmithi)
Gerade deshalb ist es so wichtig, sich der Realität des Diesseits bewusst zu werden, d. h., um das Diesseits als Prüfung zu wissen. Die Sicht des Muslim auf das Diesseits muss sich unbedingt von jener des Nichtmuslim unterscheiden. Für den Nichtmuslim ist es alles, für den Muslim nichts. Letzterer muss den genauen Wert des Diesseits kennen, damit er es nicht dem Jenseits vorzieht, so, wie er weiß, dass ein Kieselstein keinerlei Wert hat und man einen Goldklumpen nicht gegen einen Kieselstein eintauscht.
In diesem Sinne heißt es in einem Hadith: „Das Diesseits ist im Vergleich zum Jenseits so, als ob einer von euch seinen Finger in den Ozean taucht und dann schaut, was er davon genommen hat.“ (Muslim)
Und in einem anderen Hadith heißt es über den Wert des Diesseits: „Es erzählte Dschabir (r), dass der Gesandte Allahs (s) eines Tages in Begleitung seiner Gefährten über den Markt ging, als er ein totes Ziegenböcklein mit kleinen Ohren bemerkte, das dort lag. Er nahm es beim Ohr und fragte: ‚Wer würde es für einen Dirham haben wollen?‘ Sie sagten: ‚Wir möchten das nicht für irgendetwas haben; es ist für uns völlig nutzlos.‘ Dann fragte er:“Würde einer von euch es umsonst haben wollen?‘ Sie antworteten: ‚Auch wenn es lebendig gewesen wäre, dann wäre es unvollständig mit abgeschnittenen Ohren, und welchen Nutzen hat es jetzt, wo es tot ist?‘ Der Prophet (s) sagte: ‚Bei Allah, die Welt ist sogar noch wertloser aus Allahs Sicht als dieses ist in euren Augen.'“ (Muslim)
Klarer kann die Wertlosigkeit des Diesseits nicht beschrieben werden. Es ist am Ende nichts weiter als Narrengold, das glänzt und lockt, jedoch ganz ohne Wert ist. Da der Nichtmuslim den wahren Wert bzw. Nichtwert des Diesseits nicht sieht und kennt, verlässt er es natürlich äußerst ungern. Er krallt sich mit aller Kraft daran und möchte so lange wie möglich im Diesseits verweilen. Er wird von der Vorstellung bestimmt, dass ihn nach dem Diesseits nichts mehr erwartet, so dass er das Leben maximal ausschöpfen und genießen will.
Anders verhält es sich mit dem Muslim: „Das Diesseits ist ein Gefängnis für den Gläubigen und ein Paradies für den Ungläubigen.“ (Muslim)
Der Muslim muss sich im Diesseits unwohl fühlen wie in einem Gefängnis. In ihm darf nicht der Wunsch nach einem längeren bzw. dauerhaften Aufenthalt entstehen. Deshalb wird er im folgenden Hadith auch als Durchreisender beschrieben: „Sei im Diesseits wie ein Fremder oder wie ein Durchreisender.“ (Buchari)
Einem Fremden oder Durchreisenden fällt es nicht schwer, den Ort, an dem er sich gerade aufhält, wieder zu verlassen. Anders stellt es sich dar, wenn der Mensch einen Ort als seine Heimat ansieht. Sein Herz hängt daran, und es fällt ihm schwer, sich von seiner Heimat zu trennen. Deshalb darf sich der Muslim im Diesseits nicht heimisch fühlen und sein Herz daran binden. Es soll ihm nicht schwer fallen, das Diesseits zu verlassen. Vielmehr muss er das Jenseits als seine eigentliche Heimstätte betrachten und sein Leben auf dieses Ziel hin ausrichten. Sein Wunsch muss sein, seine jenseitige Heimat sicher zu erreichen.Das Diesseits ist somit nur eine schöne Fassade, die den Blick auf das Jenseits verdeckt.
Erst die Offenbarung reißt diese Fassade nieder und legt den Blick frei auf die Realität, die dahinter verborgen liegt. Der Mensch existiert nicht um seines Vergnügens willen oder um das Diesseits in vollen Zügen zu genießen, sondern um geprüft zu werden. Die Realität des Diesseits offenbart sich in folgendem Koranvers: „Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur erschaffen, um Mir zu dienen.“ (51:56)
In der Anbetung Allahs (t) liegt somit der Schwerpunkt des Diesseits, wofür den Menschen nichts Geringeres als der Lohn im Jenseits erwartet. Wer das Diesseits trotz allem vorzieht, sollte sich bewusst sein, dass das Diesseits irgendwann endet, während das Jenseits ewig ist. Der Zustand im Jenseits, den sich jeder Mensch im Diesseits schafft, wird endlos fortdauern: „Der Tod wird (am Tage des Jüngste Gerichts) in der Gestalt eine weißen Schafbocks vorgeführt, und ein Rufer wird ausrufen: ‚O ihr Bewohner des Paradieses!‘ Da werden sie eine Ausschau halten. Der Rufer wird sagen: ‚Kennt ihr dieses?‘ Sie werden antworten: ‚Ja! Das ist der Tod.‘ Denn sie alle haben ihn ja gesehen. Der Rufer wird abermals ausrufen: O ihr Bewohner des Höllenfeuers!‘ Da werden sie eine Ausschau halten. Der Rufer wird sagen: ‚Kennt ihr dieses?‘ Sie werden antworten: ‚Ja! Das ist der Tod.‘ Denn sie alle haben ihn ja gesehen. Danach wird dieses geschlachtet, worauf der Rufer sagen wird: ‚O ihr Bewohner des Paradieses! Nun ist es nur Ewigkeit, und den Tod gibt es nicht mehr. Und o ihr Bewohner des Höllenfeuers! Nun ist es nur Ewigkeit, und den Tod gibt es nicht mehr.‘ Er (der Prophet) rezitierte dann: ‚Und warne sie vor dem Tag der Verbitterung, wenn alles entschieden sein wird, während sie (jetzt) noch in Sorglosigkeit leben und immer noch nicht glauben.‘ (19:39)“ (Buchari)