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Westliche Konzeptionen Von der Teilwahrheit zur Wertediktatur

zen grenzübergreifend auf alle Religions- und Kulturgemeinschaften zu übertragen. In der Abwendung einer endgültigen Wahrheit will der Westen die Strahlkraft seiner Ideen ausfindig gemacht haben und so versucht er das eigene Gedankengut als ultimative Richtschnur für einen modernen und fortschrittlichen Staat zu plakatieren.

Obwohl die europäische Aufklärung jeglichem Absolutheitsanspruch den Kampf angesagt hat, werden ihre Apologeten nicht müde, die eigenen historischen Erfahrungen und die daraus gezogenen Konsequenzen grenzübergreifend auf alle Religions- und Kulturgemeinschaften zu übertragen. In der Abwendung einer endgültigen Wahrheit will der Westen die Strahlkraft seiner Ideen ausfindig gemacht haben und so versucht er das eigene Gedankengut als ultimative Richtschnur für einen modernen und fortschrittlichen Staat zu plakatieren. Der eigenen Einschätzung zur Folge sei die Koexistenz verschiedener Kulturen und Glaubensvorstellungen nur unter dem Primat von Laizismus, Demokratie und Freiheit möglich. Das Anrecht auf die gedanklichen Errungenschaften dieser Geisteswende habe dabei nicht nur das Abendland. Vielmehr müsse die gesamte Welt, ungeachtet ihrer kulturellen Unterschiede, das „Projekt Aufklärung“ über sich ergehen lassen.
So mahnt der renommierte Historiker, Heinrich August Winkler, die Menschenrechte als normatives Projekt des Westens zu begreifen und auf seine weltweite Geltung zu bestehen. Zwar erkennt er an, dass der Menschenrechtsgedanke ein Produkt der europäischen Geistesgeschichte ist und diesen Prozess auch nur „das lateinische, nicht das orthodoxe Europa“ erlebt hat. Dennoch müssten auch die übrigen Staaten auf der Welt ihre Politik an diesem Maßstab ausrichten. Der Westen soll hierbei in die Rolle eines obersten Richters schlüpfen, der über die Einhaltung der Menschenrechte wacht und jene mit seinem Zeigefinger tadelt, die ihnen zu wider handeln. Etwas schärfer formulierte es der politische Redakteur der „Weltgruppe“ Richard Herzinger, der sich angesichts aktueller Debatten über eine neue Marschroute der deutschen Außenpolitik dazu berufen fühlt, die Kulturrelativisten in den eigenen Reihen gedanklich so weit zurechtzuweisen, bis der universelle Geltungsanspruch der Menschenrechte nicht mehr infrage gestellt wird. Zudem fordert er den Westen auf, um die eigene Glaubwürdigkeit zu wahren, seine Werte „offensiv in die Welt“ zu tragen. In einem kürzlich erschienen Essay mit dem Titel „Überrumpelt, zögerlich, lethargisch“ wettert der Apologet ägyptischer Staatsstreiche gegen jene Kulturrelativisten und radikalen Anhänger des Posthistorismus, die durch ihre Ablehnung einer objektiven Wahrheit auf politischer Ebene und in letzter Konsequenz den Unterschied zwischen demokratischer und autoritärer Macht aufzuweichen drohen. Herzinger teilt zwar den Grundsatz, dass es in einer Demokratie keine „einzige, letztgültige Wahrheit“ geben darf. Vielmehr müsse sich ganz im Sinne der vielgepriesenen Streitkultur aus den verschiedenen und zum Teil gegensätzlichen gesellschaftlichen Positionen lediglich eine „Teilwahrheit“ durchsetzen, die allerdings stets hinterfragt und verworfen werden kann. Als glühender Verfechter einer „Freien Welt“ bevorzugt Herzinger demnach ein Demokratiemodell, in dem er sich geistig austoben kann, dessen reißfester Rahmen jedoch unangetastet bleibt und keinerlei Hinterfragung zulässt. So genießt die Demokratie als politisches Konzept das Privileg sich nicht von der mystischen Triebfeder der Aufklärung – nämlich der vielgepriesenen kritischen Methode – untersuchen lassen zu müssen und wird auf diese Weise zum Grundstein einer Wertediktatur, deren Geltungsanspruch selbst in den entlegensten Winkeln der Welt zu spüren ist.
Was zunächst als innerer Widerspruch zur eigenen Geistesgeschichte gewertet werden kann, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als die wiederentdeckte Liebe zu dogmatischen Weltbildern. Der heimtückische Versuch, im Sinne der Aufklärung religiöse, kulturelle oder weltanschauliche Alleingeltungsansprüche abzulehnen, diese gleichzeitig auf das eigene Wertemodell anzuwenden und sich nach außen hin in perfider Manier als „weltanschaulich-neutraler“ Staat zu präsentieren, ist mit „heuchlerisch“ sehr wohlwollend umschrieben. Dieses Attribut gewinnt aufgrund der seit Jahren kontrovers geführten Islam-Debatte umso mehr an Bedeutung. So präsentiert sich die hiesige Gesellschaft gerne als offen und tolerant, verweist dabei stolz auf seinen „weltanschaulich-neutralen“ Charakter, der niemandem eine verbindliche Wertvorstellung aufzuzwingen versucht und sich davor hütet, absolute moralische Standards zu setzen. Doch gilt dieser tolerante und weltoffene Diskurs scheinbar nur für den eigenen Kulturraum. Nachdem das vom Bundesverfassungsgericht kürzlich ergangene Kopftuchurteil bundesweit für reichlich Zündstoff sorgte, geriet nicht nur das Kopftuch selbst in die Schusslinie seiner Gegner, sondern gleich das gesamte islamische Frauenbild. Das Herzinger’sche Demokratiemodell gebärdet sich hierbei zu einem ideologischen Zensurregiment, das die Betroffenen vor die Wahl zwischen Umerziehung oder Ausschließung aus dem öffentlichen Leben stellt.
Neben dem innenpolitischen Schauplatz erweist sich ebenso die auswärtige Kulturpolitik der westlichen Staaten als geeignetes Terrain, den eigenen Ideen weltweite Geltung zu verschaffen. Die Bundesrepublik beispielsweise betreibt ein globales Netzwerk an geisteswissenschaftlichen Instituten, die hinter dem Schleier bizarrer Entwicklungsprojekte und dubiosen Deutschkursen verhüllt, das westliche Gedankengut in die gesamte Welt gratis zu exportieren versuchen. So unterhalten die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Goethe-Institut zusammen über 200 Niederlassungen im Ausland, von denen eine Vielzahl im Nahen und Mittleren Osten residieren. Aus ihren Publikationen ist unschwer zu erkennen, mit welcher Agenda im Schlepptau sie diese Länder aufsuchen. Trotz dieses global agierenden Netzes an kulturpolitischen Einrichtungen, fällt das Ergebnis insgesamt bescheiden aus. Gerade in der islamischen Welt beißen derartige missionarische Vorhaben regelmäßig auf Granit. Nachdem der europäische Kolonialismus diese Weltregion einer Zwangssäkularisierung unterzog, neue Nationalstaaten regelrecht aus dem Boden stampfte und diese anschließend mit autoritären Herrschaftsstrukturen versah, muss sich der Westen angesichts aktueller Ereignisse eingestehen, den Kampf um die „Herzen und Köpfe“ in dieser Region verloren zu haben. Die Bereitschaft der Muslime in Syrien gemeinsam unter der islamischen Flagge gegen Despoten wie Baschar al-Assad zu kämpfen, können bei aller rhetorischen Spitzfindigkeit nicht mehr weggeredet werden. Trotz zahlreicher politisch-ideeller Ansätze in den vergangenen Jahrzehnten, blieb der islamische Kulturkreis insgesamt resistent gegen jegliche ideologische Aushöhlungen.
Doch der missionarische Griff nach entlegenen Kontinenten wirkt in diesem Zusammenhang unreflektiert, schafften es die abendländischen Werte nicht einmal über die Spree hinaus. Und dies ist auch nicht verwunderlich, wird der soziopolitische Kontext jener Zeit herangezogen, der für die weitere Entwicklung ausschlaggebend war. Denn die Reformation und die darauffolgende Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche, die sich in der Spaltung des westlichen Christentums entlud, waren der eigentliche Funke der schließlich einen halben Kontinent in Brand setzten sollte. Sie waren der Nährboden auf dem später der Laizismus und die Idee der individuellen Selbstbestimmung gedeihen konnten. Von diesen tiefgreifenden Umwälzungen unberührt blieb jedoch das orthodoxe Europa. Denn der Konflikt mit der katholischen Kirche bezog sich neben diverser Korruptionsfälle und ihrem Anspruch, alleinige Deutungsinstanz über die Bibel zu sein, vor allem gegen die Machtstellung des Papstes. Diese zeichnete sich besonders durch das ihm zugesprochene Recht aus, das „von Gott verliehene weltliche Schwert“ dem Kaiser zu übergeben und ihn als solchen zu ernennen. Die orthodoxe Kirche hingegen genoss einen anderen Status und begnügte sich in Anlehnung an die „Symphonia-Lehre“ mit der Rolle eines Juniorpartners gegenüber den damaligen Herrschern. Bis in die heutige Zeit definieren Staaten wie Russland ihr Verhältnis zur Kirche auf dieser Grundlage und verleihen ihr dadurch eine wichtige identitätsstiftende Rolle innerhalb der Gesellschaft. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es geradezu absurd, den westlichen Werten einen universellen Charakter zu verleihen und sie als Maß aller Dinge zu erheben. Denn obwohl der Kapitalismus in den ehemals kommunistischen Staaten Einzug genommen hat und ihre Verfassungen auf Laizismus, einer republikanischen Staatsform und gewissen Freiheitsrechten fußen, schaffen es ihre Bürger bis heute nicht, auf dieser Basis eine stabile Identität zu begründen. Deutlich abzulesen ist diese Entwicklung an der aktuellen politischen Ausrichtung Russlands, die als Quelle der nationalen Identität auf die russische Geistesgeschichte zurückgreift, die gespickt mit mystisch-religiösen und nationalistischen Elementen, ihren Niederschlag in der „Russischen Idee“ findet.
Ungeachtet dieser historischen Faktenlage beharrt der Westen nach wie vor auf der eigenen Version seiner Kulturgeschichte und verklärt die Aufklärung zu einem natürlich gewachsenen Prozess, der sich als Urinstinkt im Menschen manifestiere und überall auf der Welt nur angestoßen werden müsse. Er ignoriert die Tatsache, dass die Entstehung seiner Werte ohne den Konflikt mit der katholischen Kirche niemals hätte stattfinden können. Insofern hat Winkler zunächst recht, wenn er die Herausbildung der Menschenrechtsidee auf das „lateinische Europa“ beschränkt und den orthodoxen Teil außen vor lässt. Dennoch vermag er den eingeschränkten Charakter der eurozentrischen Weltanschauung nicht zu erkennen. Der Westen täte gut daran, seine ideologischen Giftpfeile aus jenen Ländern zurückzuziehen, die sich außerhalb seiner kulturellen Hemisphäre befinden und seine Werte als das zu begreifen, was sie tatsächlich sind: Das Produkt seiner eigenen geschichtlichen Epoche, die ausschließlich von ihm nachempfunden werden kann.