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Westliche Konzeptionen Wie ein Tuch Deutschland herausfordert, oder: Wie der Westen die Neutralität erlernte

Kopftüchern ist das letzte Wort längst nicht gesprochen. Erst kürzlich wurde das Tuch durch Bloggerin und angehende Rechtsreferendarin Betül Ulusoy neu ausgerollt und von der deutschen Presse begierig als „Neuköllner Kopftuch-Posse“ ausgebreitet. In der Berichterstattung wurde darüber gestritten, ob Ulusoy der Referendariatsplatz am Bezirksamt Neukölln nun wegen ihres Kopftuchs verweigert werden sollte, der Leiter des Rechtsamts erst die Entscheidung des Bezirksamts-Kollegiums über Ulusoys Einstellung abwarten wollte oder Ulusoy nun willentlich eine ganz andere Stelle antritt. Ihren Standpunkt zur schlussendlichen Entscheidung des Berliner Bezirksamts, den Referendariatsplatz an die muslimische Juristin nur unter Ausnahme aller hoheitlichen Aufgaben zu vergeben, machte Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey jedenfalls klar.

Im ewigen Zerren an Deutschlands Kopftüchern ist das letzte Wort längst nicht gesprochen. Erst kürzlich wurde das Tuch durch Bloggerin und angehende Rechtsreferendarin Betül Ulusoy neu ausgerollt und von der deutschen Presse begierig als „Neuköllner Kopftuch-Posse“ ausgebreitet. In der Berichterstattung wurde darüber gestritten, ob Ulusoy der Referendariatsplatz am Bezirksamt Neukölln nun wegen ihres Kopftuchs verweigert werden sollte, der Leiter des Rechtsamts erst die Entscheidung des Bezirksamts-Kollegiums über Ulusoys Einstellung abwarten wollte oder Ulusoy nun willentlich eine ganz andere Stelle antritt. Ihren Standpunkt zur schlussendlichen Entscheidung des Berliner Bezirksamts, den Referendariatsplatz an die muslimische Juristin nur unter Ausnahme aller hoheitlichen Aufgaben zu vergeben, machte Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey jedenfalls klar: „Gerade in einem Bezirk wie Neukölln, der vielfältig ist, in dem vielfältigste Religionen zusammen kommen, ist die Neutralität der Vertreter des Staates ein hohes Gut, das aus meiner Sicht auch bewahrt werden muss.“
Ulusoys abfällige Bezeichnung als „Kopftuchfrau“ in den Medien, die Wertung ihres öffentlichen Vorgehens als bloße „Provokation“ und überhaupt die Ablehnung oder eingeschränkte Annahme einer fähigen Juristin wegen ihres Kopftuchs dürfen berechtigterweise die Wut und Enttäuschung der Muslime nach sich ziehen. Sollte es die muslimische Community allerdings bei dieser wutgespeisten Gegenhaltung belassen, hätten wir einmal mehr bewiesen, dass außer emotionaler Reaktionen bei uns nichts zu holen ist. Vielmehr muss die von Giffey aufgegriffene Formel der „Neutralität der Vertreter des Staates“ in unseren Köpfen kräftig widerhallen, bis uns die unterschwellige Botschaft wie der Blitz trifft: Der westliche Mensch ist neutral. Wir sind es nicht.
Zöge unser Mangel an Neutralität allein die Konsequenz nach sich, keine hoheitlichen Aufgaben ausführen zu können, wäre das Ausmaß der Katastrophe recht begrenzt. Denn weder können noch wollen die meisten Muslime in Deutschland in den Staatsdienst treten. Das wahre Ausmaß trifft den, der sich klar macht: Der neutrale Mensch ist vernünftig. Er lässt sich in seinen Entscheidungen von seinem Verstand leiten. Gegen ideologische oder religiöse Entgleisungen ist er immun. Der Muslim ist nicht neutral. Also ist er all das nicht.
Wie sollte der neutrale Mensch auch anders sein? Immerhin wurde er im Westen sozialisiert, dem Teil der Welt, über den die Aufklärung ihre intellektuellen und gesellschaftlichen Segnungen ausgoss. Wenn die Aufklärung etwas hervorgebracht hat, dann sind dies vor allem zwei herausragende Erscheinungen: das Abschaffen der ewig kriegstreibenden Wahrheit und die Erfindung der Neutralität. Diese Erscheinungen muss man dabei nicht als echte Errungenschaft verstehen, sondern als echte Scheinheiligkeiten. Denn genauso wenig, wie sich Wahrheit und Wahrheitsanspruch abschaffen lassen, ist die Erfindung der Neutralität etwas Anderes als eben „frei erfunden“. Trotz aller Verklärungsversuche und des Geredes vom menschlichen Naturzustand bleibt klar, dass das Menschengeschlecht nicht mit der Fähigkeit zur Neutralität gesegnet wurde. Jeder, allen voran die Aufklärungsphilosophen, ist in seinem Denken, Erkennen und Werten beeinflusst von seiner historischen und kulturellen Umwelt sowie seiner Erfahrung und Sozialisation. Niemand begegnet den Geschehnissen dieser Welt als Tabula rasa, vielmehr wird sie jeden Tag aufs Neue nach den eigenen Überzeugungen betrachtet und gewertet sowie ihre Protagonisten unweigerlich in Schubladen gesteckt. Der Forderung nach Neutralität kann eigentlich nur nachkommen, wer sich aus dem Weltgeschehen auszuklinken und in der Vogelperspektive über ihm zu schweben in der Lage ist. Der Ausgangspunkt dieser Diskussion, auch jener um Ulusoy, ist somit der zur Neutralität unfähige Mensch, der sich in Gesellschaften und Staaten organisiert, in denen sich seine unumgängliche konzeptionelle und damit auch ideologische Voreingenommenheit fortsetzt.
Die scheinbare Neutralität des westlichen Menschen behauptet Objektivität, also die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Sie appelliert, allein nach dem Nutzen-Prinzip zu handeln, so wie es schon in der Tierwelt praktiziert wird. Auf politischer Ebene ruft sie danach, ein Real-Politiker zu sein, der den wirtschaftlichen Nutzen seiner Nation über jedes Menschenrecht stellt. Neutralität muss heißen, einzugestehen, dass der Mensch im Kern nichts Anderes will als frei zu sein, sich auszuleben, seinen Neigungen zu frönen. Um es kurz zu fassen: Muslime tragen eine ideologisch verschmierte Brille, durch die sie die Welt betrachten. Neutrale Menschen nicht.
Wäre die neutrale Tarnung der westlichen Ideologie nicht so niederträchtig, könnte man über all diese Absurditäten vielleicht sogar schmunzeln. Sich in das Gewand der Neutralität zu kleiden bedeutet aber, unangreifbar zu sein, sich nicht rechtfertigen zu müssen und auf den Rest der Welt bestenfalls wohlwollend hinabzuschauen. Es heißt auch, seine eigenen Werte und kulturellen Verfehlungen universalisieren zu können und schließlich zur Rasse der latent arroganten Herrenmenschen zu gehören.
Dass Ulusoy wegen ihres Kopftuchs keine hoheitlichen Aufgaben ausführen darf, ist die zu erwartende, kleinkarierte Reaktion deutscher Behörden. Dass sie – solange sie besagtes Tuch auf dem Kopf trägt – eine Klasse unter dem aufgeklärten Menschen angesiedelt wird, ist der echte Skandal.