Dass westliche Kritik an den eigenen Ideen rein nüchtern-deskriptiv sei, ist ein Trugschluss. Gleichwohl übernehmen manche Muslime deren Ansätze. Unterschätzen sie etwa die Gefahr, die sich daraus für die eigene weltanschauliche Verortung ergibt?
Die zahlreichen kritischen Stimmen im Westen, die den israelischen Vernichtungskrieg gegen Gaza vehement ablehnen, stoßen besonders unter Muslimen auf fruchtbaren Boden. Genauso wie ihre Kritik gegenüber den interventionistischen Politiken westlicher Staaten in der Vergangenheit repräsentieren diese Akteure das scheinbar bitter benötigte Sprachrohr der islamsichen Welt. Doch eine unreflektierte Übernahme bzw. Überbewertung dieser kritischen Stimmen birgt für die Umma auch Gefahren. Sie kann dazu führen, dass auch die hinter der Kritik stehenden Ideen und Denkweisen mitübernommen werden.
Exemplarisch hiefür lassen sich die postkolonialen Theorien heranziehen, die von nicht wenigen Muslimen als wichtig oder befreiend empfunden werden. Grund dafür ist zum einen der Eindruck, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialimus durch die Arbeiten der postkolonialen Theorien bereits hinlänglich stattgefunden habe und alle wesentlichen Aspekte abgedeckt seien. Und die kritisierten Punkte bestätigten diesen Eindruck, zumal es auf einer bestimmten Ebene auch Schnittmengen gäbe zu der Sichtweise der Muslime über die Kolonialisierung der islamischen Welt. So besagen die postkolonialen Ansätze im Kern doch, dass der Kolonialismus nach der formalen politischen Unabhängigkeit keineswegs endete. Vielmehr würden die ehemaligen Kolonien weiterhin ökonomisch, kulturell und politisch abhängig gehalten – oft durch globale Ungleichheitssysteme, die in Form von Entwicklungspolitik, internationalen Wirtschaftsstrukturen oder globalen Machtverhältnissen koloniale Muster reproduzierten. Gleichzeitig rücken postkoloniale Theorien die Stimmen und Perspektiven derjenigen in den Vordergrund, die lange marginalisiert wurden, indem sie dominante Narrative hinterfragen. Neben der militärischen und wirtschaftlichen Herrschaft sei vor allem aber auch eine Herrschaft über Wissen und Wahrnehmung zu beobachten, die insbesondere Edward Said mit seinen Thesen über den Orient hervorhob. Darin zeigte Said, wie westliche Wissenschaft, Kunst und Politik über Jahrhunderte ein verzerrtes Bild über die islamsiche Welt konstruiert haben: exotisch, irrational, rückständig oder gefährlich. Stereotype, die Politik und Medien bis heute über den Islam verwenden und in denen sich Muslime wiederkennen.
Zum anderen ist eine gewisse Bewunderung zu dieser Denkströmung darauf zurückzuführen, dass viele islamische Bewegungen es bislang nicht schaffen, auf Basis der eigenen weltanschaulichen Fundamente eine islamische Kritik am Kolonialismus und ihren Folgeerscheinungen zu formulieren. Denn entgegen der Vorstellung mancher Muslime ist die postkoloniale Kritik keineswegs das Ergebnis einer rein deskriptiven Analyse. Vielmehr hinterfragt sie den Kolonialismus aus ihrem progressiv-postmodernen Weltbild heraus und zieht entsprechende Schlussfolgerungen, die unter islamischen Gesichtspunkten zurückzuweisen sind. Umso überraschender ist es, wenn selbst Gelehrte und Intellektuelle innerhalb der Umma meinen, auf die westliche bzw. postkoloniale Kritik angewiesen zu sein und infolgedessen ihre Denkfiguren übernehmen. Nicht nur bei diesem Thema ist eine derartige Haltung zu beobachten, sondern in nahezu allen politischen Fragen; sie werden nur selten aus der islamischen Perspektive beurteilt, um daraus Lösungsansätze bzw. konkrete Handlungen abzuleiten. Damit werden gewollt oder ungewollt diese Theorien und ihre Verfechter als politisches Sprachrohr der Umma verklärt, was am Beispiel von Gaza wiederholt zu sehen ist.
Doch welche konkrete Gefahr birgt eine zu starke Hervohebung derartiger Positionen für die Umma und inwiefern kann die Übernahme postkolonialer Theorien das islamische Denken und damit auch den politischen Blick auf die Probleme der Umma negativ beeinflussen? Dazu ist es erforderlich, ihre gedanklichen Grundlagen genauer zu beleuchten. Ideengeschichtlich ist der Postkolonialismus mit seinen unterschiedlichen Ansätzen aus dem postmodernen Denken hervorgegangen und bedient sich somit seinen theoretischen Werkzeugen, um koloniale Machtverhältnisse zu analysieren und aufzubrechen. Hierzu zählt vor allem der Dekonstruktivismus. Eine Denkrichtung, die von dem Philosophen Jacques Derrida entwickelt wurde und deren zentrale These darin besteht, dass es keine absolute Wahrheit gäbe, die der Mensch durch Sprache direkt erfassen könne. Für Derrida haben Texte und Begriffe keine feste, eindeutige oder abgeschlossene Bedeutung. Was der Mensch als klare Ordnung oder Wahrheit wahrnimmt, besteht laut Derrida in Wirklichkeit aus Unbeständigkeiten und Widersprüchen. Aus dieser Perspektive heraus kritisierte er feste Gegensätze, die nicht natürlich sondern kulturell konstruiert und folglich instabil und mehrdeutig seien. Daraus folge die Erkenntnis, dass auch Sprache von Hierarchien geprägt ist. Die postkolonialen Denker hoben diese These schließlich auf eine politische Ebene, um aufzuzeigen, wie koloniale Diskurse künstliche Unterschiede schafften. In anderen Worten dekonsturierten sie koloniale Begriffe und Identitäten, um ihre Machtwirkung sichtbar zu machen. Kategorien wir fortschrittlich vs. rückständig oder zivilisiert vs. unzivilisiert seien politisch konstruiert und tragen lediglich zur Aufrechterhaltung kolonialer Strukturen bei.
Inwiefern diese philosophischen Gedankengänge die islamische Denkweise verwässern und schließlich dazu führen, dass essentielle Konzepte unseres Din sich letztlich auflösen, soll an folgendem Beispiel veranschaulicht werden. Übertragen wir diese Ideen auf unser Grundverstädnis der Offenbarungstexte, so würden diese in letzter Konsequenz ihren obligatorischen Charakter und damit auch ihre Normativität verlieren, da es sich gemäß dem Dekonstruktivsmus um Texte handelt, deren Bedeutung nicht endgültig fixierbar sei und folglich keine unumstößliche Wahrheiten beanspruchen könnten. Jede Ansicht oder Deutung könnte auf diese Weise das Attribut islamisch mit sich führen, wenngleich die betreffenden Quelltexte eine solche Deutung gar nicht zulassen. Damit entzieht man aber dem Islam jenes Fundament, aus dem er sowohl seine weltanschaulichen Standpunkte bezieht als auch verbindliche Normen (aḥkām šarʿīya) herleitet. Daraus ein islamsiches Menschen- und Gesellschaftsbild auszuformulieren wäre nicht mehr möglich. Politische Konzepte wie das der Umma beispielsweise stünden unter Legitimationsdruck, widersprechen festgelegte Gruppenzugehörigkeiten doch der (postmodernen) Vorstellung fluider Identitäten. Bereits heute haben Muslime mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass der Aufruf zur Wiedererrichtung des Kalifats realitätsfremd sei. Das Kalifat habe historsich in dieser Form nie existiert, oder wenn doch, dann sei es in den islamsichen Quellen nicht detailliert verankert, so die willkürliche Argumentation der Kritiker. Denkt man die Kritik entlang postkolinialer Theorien weiter, sehen sich die Muslime am Ende auch mit einer ausdifferenzierten Gesellschaft konfrontiert, in der sich Idenitäten in einem ständigen Fluss befänden und ein gesellschaftlicher Minimalkonsens – damit auch das Kalifat – unmöglich erscheint. Das wären die politischen Folgen für die Umma, wenn sie eine Denkweise wie den Dekonstruktivismus in ihrem Gedankgut zuließe.
Die postkoloniale Kritik am Kolonialimus zu übernehmen, bedeutet also auch in die postmoderne Ideenwelt einzutauchen. Die Gefahr, sich von ihr beeinflussen zu lassen, unterschätzen Muslime immer wieder. Unabhängig davon auf welche Denker man sich bezieht, sie alle analysieren das koloniale Erbe unterm Strich aus einer säkularen Denkposition heraus. Ihre Kritik an der westlichen Außenpolitik bezieht sich somit lediglich auf die gewählten und in ihren Augen nicht zielführenden Mittel der militärischen Aggression oder wirtschaftlichen Ausbeutung. Ordnungspolitisch müssen die säkularen Systeme jedoch aufrechterhalten bleiben und können – allein schon mangels postmoderner Alternativen – nicht abgeschafft werden.