Wer sich auf postkoloniale Theorien verlässt, bleibt im Zangengriff der kolonialen Ordnung weiter gefangen. Eine islamische Kritik ist der Schlüssel, um die Umma daraus befreien zu können.
Der Kolonialismus in der islamischen Welt war weit mehr als ein bloßer Versuch europäischer Mächte, Reichtümer zu plündern und territoriale Kontrolle auszuüben. Er stellte einen gezielten Angriff auf den Islam als ordnungspolitische und normative Kraft dar, dessen Ziel es war, die Umma von ihren eigenen institutionellen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Grundlagen zu entkoppeln. Mit dem Niedergang des Kalifats erlitt die Umma einen tiefgreifenden Einschnitt in ihre kulturelle und politische Struktur – ein Eingriff, dessen Folgen bis heute in der Fragmentierung der Gesellschaft, der politischen Ohnmacht und der ideologischen Unterordnung unter westliche Systeme sichtbar sind.
Aus diesem Befund ergibt sich für die Umma die Notwendigkeit, eine eigenständige islamische Kritik am Kolonialismus zu entwickeln, die diesen nicht bloß als vergangenes Herrschaftsverhältnis, sondern als fortwirkendes politisch-ideologisches Ordnungssystem analysiert. Eine solche Kritik kann ihrem Anspruch jedoch nur dann gerecht werden, wenn sie sich konsequent vom westlichen Diskursrahmen löst, der koloniale Herrschaft vornehmlich unter nationalstaatlichen, säkularen oder liberalen Kategorien bewertet und damit bereits dessen Grundannahmen reproduziert. Gerade hierin liegt ein zentrales Problem vieler gegenwärtiger islamischer Bewegungen: Anstatt den Kolonialismus unter islamischen Gesichtspunkten heraus zu untersuchen und daraus eigenständige Schlussfolgerungen zu ziehen, greifen sie häufig auf postkoloniale Theorien zurück, die den Kolonialismus zwar kritisieren, ihn jedoch weiterhin durch eine postmoderne bzw. säkulare Linse deuten. Diese Ansätze werden nicht selten als abschließende Erklärungsmodelle übernommen, ohne ihre Prämissen einer grundlegenden Prüfung zu unterziehen. Entscheidend ist daher nicht die bloße Ablehnung des Kolonialismus, sondern die Frage, aus welchem politischen und weltanschaulichen Referenzrahmen heraus diese Ablehnung formuliert wird – und wie eine genuin islamische Kritik aussehen kann, die sich begrifflich wie politisch von jenen Kategorien löst, aus denen der Kolonialismus selbst hervorgegangen ist.
Zunächst ist festzuhalten, dass der Kolonialismus nicht als abgeschlossene Episode westlicher Außenpolitik missverstanden werden darf, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Ende gefunden habe. Ebenso verfehlt ist eine Kritik, die ihn zwar als ungerechtes Herrschaftssystem benennt, ihn jedoch von den westlichen Ideen sowie von ihrer gegenwärtigen politischen Umsetzung abkoppelt und damit historisiert. Tatsächlich wirkt der Kolonialismus bis in die Gegenwart fort und strukturiert die islamische Welt weiterhin als koloniale Ordnung. In dieser Funktion dient er nicht nur der Machtausübung, sondern gezielt als Methode zur Verbreitung und Absicherung der liberal-säkularen Ideologie und der daraus resultierenden westlichen Dominanz. Denn mit der Herausbildung der europäischen Nationalstaaten ging im Westen die Prämisse einher, dass die einmal gezogenen territorialen Grenzen nicht mehr verschoben werden dürften. Eine Expansion über diese nationalstaatlichen Grenzen hinaus galt fortan – insbesondere unter Verweis auf die Wahrung des Friedens – als illegitim. Gerade dieser Umstand bildete jedoch den Ausgangspunkt für eine neue Form der Expansion: den Kolonialismus als Methode zur globalen Verbreitung des liberal-säkularen Systems, nachdem eine regionale Ausdehnung in Europa nicht mehr möglich war. Während sich die westlichen Staaten somit zurückhielten und sich in diesem Sinne nicht mehr wie Imperien oder Reiche territorial ausbreiteten, dehnten sie ihren politischen, institutionellen und ideologischen Einfluss faktisch aber über Grenzen und Kontinente hinweg aus. Der Kolonialisierungsprozess – sowohl in offener als auch in verdeckter Form – folgte dabei einem weitgehend einheitlichen Muster: Auf die militärische oder administrative Besetzung eines Gebietes folgte die systematische Auflösung bestehender Herrschafts- und Ordnungsstrukturen. In einem zweiten Schritt wurde eine neue politische Elite etabliert, deren Loyalität dem Westen galt und die zugleich verpflichtet war, westliche Systeme in Gesetzgebung, Verwaltung und Bildung zu implementieren. Parallel dazu arbeiteten die Kolonialmächte gezielt daran, das öffentliche Meinungsbild entsprechend zu formen, um die Wiedererrichtung des Kalifats unter Muslimen dauerhaft zu delegitimieren. Die Kolonialmächte stellten das Kalifat als Relikt der Vergangenheit dar, das mit Rückschritt und Stagnation assoziiert und als vermeintlicher Nährboden für Despotie und Tyrannei diskreditiert wurde.
Diese Kolonialpolitik setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die heutige Zeit fort, trotz aller Beteuerungen seitens des Westens, dass all die kolonialisierten Länder in die Unabhängigkeit entlassen worden seien. Eine sogenannte Dekolonisierung hat in Wirklichkeit nie stattgefunden. Nach wie vor pflegen Staaten wie Frankreich, Großbritannien und vor allem die USA enge Beziehungen zu unterschiedlichen Bewegungen, Parteien und Herrschern in der islamischen Welt. Zu beachten ist an dieser Stelle, dass diese Beziehungen von Dominanz und Abhängigkeitsverhältnissen beherrscht werden. Im Grunde verkörpern die heutigen Regierungen der islamischen Welt die Rolle von Proxys, über die der Westen seine geopolitischen und ökonomischen Interessen zu realisieren versucht. Darüber hinaus spiegelt sich die koloniale Politik des Westens in einer Reihe von Instrumenten und Strukturen wider, durch die sie ihre Dominanz in den jeweiligen Einflusssphären aufrechterhalten. Angefangen von bilateralen Handelsabkommen und wirtschaftlichen Vertragswerken bis hin zu politischen Dialogformaten sowie strukturellen Verflechtungen auf sicherheitspolitischer Ebene. Zudem sichert sich der Westen seine Vormachtstellung durch eine direkte Militärpräsenz anhand zahlreicher Stützpunkte und Häfen in der islamischen Welt. Auch auf kultur- und bildungspolitischer Ebene ist in Form von Universitäten, NGOs, Think Tanks und parteinahen Stiftungen eine extreme Präsenz westlicher Institutionen zu erkennen, die das Ausmaß ihrer kulturellen Hegemonie klar vor Augen führt. All dies veranschaulicht, dass die Länder der islamischen Welt keine wirklich unabhängigen staatlichen Akteure sind, die eine eigenständige Politik betreiben könnten. Sie sind vielmehr eingebettet in der westlichen Nahost-Politik und damit Teil der kolonialen bzw. nationalstaatlichen Ordnung. Ihr Handeln auf innenpolitischer als auch außenpolitischer Ebene wird dadurch im Wesentlichen bestimmt. Dass islamische Bewegungen, die eine grundlegende Veränderung in Form der Wiedererrichtung des Kalifats anstreben, durch diese Regime bekämpft werden, belegt ihre tatsächliche Daseinsberechtigung: als Hüter der kolonialen Ordnung und ihrem säkularen Charakter. Genau hierin liegt eine wesentliche Differenz zum postkolonialen Diskurs, in dem eine tatsächliche Überwindung dieser Ordnung überhaupt nicht stattfindet. Ferner wird und kann im Rahmen postkolonialer Theorien auch keine ordnungspolitische Alternative formuliert werden, die aus einer nichtsäkularen Weltanschauung resultiert.
Eine islamische Kritik am Kolonialismus ist vor diesem Hintergrund keine akademische Selbstbeschäftigung, sondern eine notwendige Rückgewinnung geistig-politischer Souveränität. So muss die Umma alles Fremde auf geistiger und politischer Ebene überwinden und die eigene Gesellschaft ausschließlich auf Basis der islamischen ʿaqīda gestalten. Denn der Gesandte (sas) hat den Islamischen Staat auf diesem Fundament gegründet und die šahāda zur Grundlage für das Leben der Muslime und für die Beziehungen zwischen den Menschen erhoben. Es geht daher um eine Ordnung, die sich in ihrem Staatswesen mitsamt seinen Systemen auf ökonomischer, sozialer und politischer Ebene diametral von den gegenwärtigen Nationalstaaten im Nahen und Mittleren Osten unterscheidet.
Die postkolonialen Theorien dagegen reduzieren den Kolonialismus auf Machtverhältnisse, Identitätspolitik oder ökonomische Abhängigkeiten und übersehen dabei bewusst oder unbewusst die ideologische Dimension, die für Muslime zentral war und es bis heute ist. Wer sich ausschließlich auf postkoloniale Denker beruft, reproduziert paradoxerweise eine neue Form geistig-politischer Abhängigkeit. Statt den Kolonialismus anhand der weltanschaulichen Grundverständnisse im Islam und den daraus abgeleiteten politischen Konzepten zu kritisieren, wird er mit fremden Kategorien erklärt. Eine solche Kritik mag radikal klingen, bleibt aber letztlich oberflächlich, weil sie die – durch den Islam begründeten politisch-kulturellen Ordnungsvorstellungen – ignoriert, auf denen die Umma historisch stand.
Wenn Muslime den Kolonialismus in der islamischen Welt ernsthaft aufarbeiten wollen, müssen sie sich konsequent von den Deutungsmonopolen postkolonialer Theorien lösen. Nicht, um deren Erkenntnisse pauschal zu verwerfen, sondern um sie nicht länger als Ersatz für eine eigenständige islamische Analyse zu verwenden. Es ist unerlässlich, eine Kritik zu entwickeln, die unmittelbar aus den islamischen Quelltexten und der eigenen normativen Tradition erwächst und die politische, ideologische und institutionelle Tragweite kolonialer Herrschaft vollständig erfasst. Nur so lässt sich die Funktionsweise des Kolonialismus als Methode zur Verbreitung und Aufrechterhaltung des säkularen Nationalstaatensystems offenlegen.
Auf dieser Grundlage kann die Umma nicht nur die strukturellen Ursachen gegenwärtiger gesellschaftlicher und politischer Miseren im Nahen Osten erkennen, sondern aktiv Strategien entwickeln, um die koloniale Ordnung zu überwinden, ihre politische Handlungsfähigkeit wiederherzustellen und die eigenen soziopolitischen Rahmenbedingungen entsprechend ihrer islamischen Überzeugung neu zu gestalten.