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Westliche Konzeptionen Das Ende einer Geschichte

Die Verwerfungen der letzten Wochen und Monate haben den Mythos endgültig zu Grabe getragen, wonach das liberal-säkulare System das Ende der Geschichte sei. Ergibt sich daraus auch eine neue Chance für die Umma?

Befindet sich der Westen in einer Krise? Hat die liberale Weltordnung noch eine Zukunft angesichts der Bedrohung durch Autokraten von außen wie auch von innen? Die USA ziehen sich aus multilateralen Institutionen zurück und Europa sucht nach Orientierung. Was bleibt von der regelbasierten Ordnung, wenn immer mehr westliche Staaten, diese von ihnen selbst gesetzte Ordnung ignorieren und dabei sind, sie zu zerstören?


Diese und ähnliche Fragen bestimmen derzeit die öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Debatten im Westen. Besonders seit Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps, stehen die Ideen, Werte und Institutionen, die der Westen einst geschaffen und zur universalen Richtschnur für alle Staaten erklärte, unter massivem Legitimationsdruck. Auf politischer Ebene ist es vor allem der Bruch in den transatlantischen Beziehungen, der Europa und nicht zuletzt Deutschland vor großen Herausforderungen stellt. Kann sich Europa auf die USA als Büdnispartner noch verlassen, wenn Trump die NATO samt Beistandspflicht in Frage stellt? Wenn er Wladimir Putin in Alaska empfängt, um bilateral über die Friedensordnung in Europa zu verhandeln? Wenn Russland im Osten seinen Einflussbereich erweitert und dabei das Völkerrecht bricht, indem es die einst gezogenen nationalstaatlichen Grenzen verschiebt? Doch es ist nicht nur der russische Präsident, der sich über das vielgepriesene Völkerrecht hinwegsetzt. Auch US-Präsident Trump hat mit seinen Forderungen, Kanada und Grönland zu annektieren, der Welt deutlich gemacht, dass das westliche Prinzip vermeintlich unverreückbarer Staatsgrenzen für ihn keine Gültigkeit mehr hat. Gerade Europa muss angesichts derartiger Disruptionen innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft erkennen, dass die Welt, in der es sich so lange gemütlich gemacht hat, im Begriff ist, zu implodieren. Supranationale Institutionen, globale Verrechtlichung, sinkende Militärbudgets – die liberale Demokratie als politischer Endzustand wurde nirgendwo so bereitwillig aufgenommen und gründlicher missverstanden als in Europa.


Damit im Zusammenhang stehend zeichnet sich auch in wirtschaftlichen Fragen eine Zäsur ab, in der ökonomische Gewissheiten in Zweifel geraten, die der Westen jahrtzehntelang als unumstößlichen Beleg für seinen Wohlstand und technologischen Fortschritt betrachtete. Nun nimmt der Glaube an die wohlstandsmehrende Kraft freier Märkte und Handelsbeziehungen rapide ab. So hat Trump seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt binnen weniger Wochen sämtliche Annahmen und Regeln des Welthandels über Bord geworfen. Auf Grundlage seines Memorandums für eine America First Trade Policy kam es zu einer Reihe von Maßnahmen und Ankündigungen, die darauf abzielen, die Handelsbeziehungen einseitig zugunsten der USA umzukrempeln und Zugeständnisse zu erzwingen. Mit seiner aggressiven Handelspolitik stellt er das globale System der Welthandelsorganisation (WTO) infrage, aber auch die G7 und die trans­atlantischen Beziehungen, die bislang die Grundlage für Bündnisse und Allianzen in geoökonomischen ­Zeiten bildeten.

Ein Blick ins Innere der westlichen Gesellschaften offenbart zudem, wie sich die liberal-säkulare Idee, in der die Freiheit des Individuums im Zentrum steht, durch die eigenen Widersprüchen zu dekonstruieren beginnt. So ist eine aus dem konservativ-rechten Lager hervorgehende Kritik gegenüber dem Liberalismus entstanden, die trotz einer fehlenden Alternative dennoch in breiten Schichten der Gesellschaft anschlussfähig wird. Der obsessive Drang nach Selbstbestimmung hat zu einem überspitzen Indiviualismus im Westen geführt, der nahezu eine ganze Generation immun gegen kollektive Verpflichtungen und goße Erzählungen machte, die über das individuelle hinausgehen. Vorzeitiger Tiefpunkt dieser Entwicklungen in Deutschland ist die fehlende Bereitschaft weiter Teile der Gesellschaft, die liberale Demokratie notfalls mit dem eigenen Leben zu verteidigen. Auch die Meinungsfreiheit als das Aushängeschild westlicher Toleranz gegenüber Andersdenkenden gerät immer stärker unter Rechtfertigungsdruck. Viele stellen sich angesichts von Cancel Culture und Diskursverweigerung mittlerweile die Frage, inweiweit es noch möglich ist, die eigene politische Meinung öffentlich auszusprechen, ohne als Extremist gebrandmarkt zu werden.


Vor diesem Hintergrund sind im Westen immer mehr Stimmen zu vernehmen, welche die liberale Weltordnung keineswegs mehr als politischen Endzustand, sondern vielmehr als eine vorübergehende und vergleichsweise kurze Epoche in der Geschichte begreifen. Es bleibt zwar abzuwarten, ob sich hier tatsächlich der Anfang vom Ende des Westens anbahnt. Viel interessanter an dieser Stelle ist jedoch die Frage, was diese Entwicklungen für die islamische Welt bedeuten und welche Erkenntnisse sich daraus für die Umma ergeben? Denn die gegenwärtige Dynamik, die sich mit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump entwickelt hat, sollte der Umma eines vor Augen führen: die politischen Verhältnisse auf der Welt können sich jederzeit grundlegend ändern und eine neue Ausgangslage schaffen. Damit eröffnen sich Gestaltungssmöglichkeiten für politische bzw. staatliche Akteure, die zu einer globalen Machtverschiebung führen können. Diese zu nutzen, ist ein politischer Imperativ für die Umma! Gerade mit Blick auf den blutigen Gaza-Krieg und der phlegmatischen Haltung der Herrscher in der islamischen Welt braucht es keine große Überzeugungsarbeit mehr, um die Muslime davon zu überzeugen, welches Unheil das System der säkularen Nationalstaaten gerade den Völkern im Nahen Osten gebracht hat. Ebenso ist das Völkerrecht als opportunistisches Instrument in Händen der westlichen Staaten spätestens seit dem Genozid an den Muslimen in Gaza entlarvt und für jeden offensichtlich geworden. Das liberal-säkulare Gesellschaftsmodell hat seine Strahlkraft in der islamsichen Welt längst verloren und jeder Versuch, einen Neuanfang innerhalb dieser Rahmenbedingungen zu initiieren, führt letztlich zu neuen politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten, instabilen Verhältnissen und einem handlungsunfähigen Staatsapparat – wie aktuell in Syrien zu beobachten.


Die Krise, mit der die westliche Welt derzeit zu kämpfen hat und die Verschiebungen in der internationalen Politik sind eine Chance für die Umma, die sie ergreifen muss. Die politischen Akteure unter den Muslimen befinden sich in einer günstigen Ausgangslage, den Menschen im Nahen Osten die islamichen Lösungen für die politischen und wirtschaftlichen Probleme zu vermitteln und ihnen gleichzeitig deutlich zu machen, dass die koloniale Ordnung überwunden werden muss, um an ihrer Stelle das Kalifat zu errichten. Denn die Geschichte der liberalen Weltordnung neigt sich dem Ende zu und die Umma hat die Möglichkeit, der Menschheit durch den Islam ein wahrhaft gerechtes System zu präsentieren.